traum-symbolika.com

 

 

 

357 - Beginen in Einsiedeln – Mechthild von Magdeburg - Maria als Göttin

 

Elisabeth Camenzind

 

In Einsiedeln, wo ich 1994 mit einer Kollegin ein Wochenende verbrachte (Hotel Garni St. Meinrad), habe ich Interessantes in den Schriften gefunden, die ich von der Inhaberin des Hotels (Frau Blöchliger-Kälin) erhalten habe.

In Einsiedeln gab es Beginen. Das Klösterchen Au geht auf Beginen zurück. Dies geht aus der Broschüre "Benediktinerinnenkloster zu Allen Heiligen in der Au bei Einsiedeln" hervor.  Die Schwestern lebten "nach Art der Beginen im Dorf Einsiedeln“. Waldschwestern seien zu Ende des 13. Jahrhunderts in einzelnen Häusern bezeugt, die abseits des Fleckens am Fusse des Chatzenstricks und der Samstagern lagen. „Sichere Kunde von diesen Frauen bekommen wir aber erst durch eine Urkunde vom 22. Juni 1359, worin der Bischof von Konstanz Heinrich von Brandis, ehemals Abt von Einsiedeln, den Schwestern klösterliche Weisungen gibt. Die Schwesternhäuser werden 1403 namentlich genannt: an der Alpegg, in der Hagenrüti, in der Vordern und Hintern Au."

Weiter ist der Broschüre zu entnehmen, das die Beginen ein mystisches Leben führten und zwar aufgrund der Mystikerin und Heiligen Mechthild von Magdeburg (die eine kühne geistliche Sicht vertrat, die im Schriftchen allerdings nicht erwähnt wird). Die Broschüre berichtet: "Vom 13. bis 15. Jahrhundert herrschte in den vier Schwesternhäusern im Walde ein frommes, tief innerliches", ja echt mystisches Leben. Die Frauen lebten nach den evanglischen Räten: Armut, Gehorsam, Ehelosigkeit. Aus dem Bericht über die Mutter in der Vorderen Au, Anna Annin (um 1250) aus Bürglen, geht hervor, dass die Schwestern im Walde Kräuter sammelten. Die Mutter Anna habe auch die "Gabe der Vorausschau" besessen. Sie war also eine "Seherin", eine weise Frau.

            Die Einsiedler Waldschwestern unterhielten eine enge Beziehung zu den "Gottesfreunden" am Oberrhein und zu Basel. Eine "Margaret zum goldenen Ring" in Basel vermachte den Waldschwestern Ende des 14. Jahrhunderts zwei handgeschriebene Pergamentbände mystischen Inhalts", wobei die eine Schrift an die Schwestern im Haus an der Alpegg, die andere an die Schwestern der Vorderen Au ging. "Das Buch für die Au trägt den Titel 'Das fliessende Licht der Gottheit', verfasst von der heiligen Mechthild von Magdeburg (gest. 1282 oder 1294).“ Das Buch für die Alpegg enthalte mystische Prosa in deutscher Sprache, u.a. Predigtteile von Johannes Tauler (gest.1361) und Meister Ekkehart (gest.1327). Heute befinden sich die Handschriften in der Stiftsbibliothek zu Einsiedeln. P.Gall Moral habe im Jahre 1869 "Das fliessende Licht“ im Druck herausgegeben. Seither seien auch Neuauflagen erschienen.

            Von Mechthild von Magdeburg wird gesagt, dass ihr "Verlangen nach Einheit und Vergöttlichung des ganzen Menschen in aller Kraft" war (Peter Dinzelbacher: Frauenmystik im Mittelalter, S.140). Was dies bedeutet, wird uns deutlich, wenn wir uns erinnern, dass zu dieser Zeit in der Kirche die Frage diskutiert wurde, ob Frauen überhaupt eine Seele hätten, oder den Pflanzen und Tieren ähnlicher seien. Von Mechthild wurde gesagt: "Sie redet in ihrer Fürsorge und Rücksicht einer Kultur des göttlichen und menschlichen Eros das Wort (S.139). Sie selbst sagte: "Minne (Liebe) ohne Erkenntnis dünkt die weise Seele Finsternis, Erkenntnis ohne Genuss dünkt sie eine Höllenpein" S. 143). Als sie ihren Lebensabend im Kloster Helfta verbringen soll, fragt sie ihren Gott: "Was soll ich in diesem Kloster tun?" und erhält die innere Antwort: "Du sollst sie erleuchten und lehren." Von der "Gottesminne" sagt sie: "Ich danke dir, Gottesminne, Herrin und Kaiserin, du hast mir alles gegeben, dass ich nicht lasse von meiner einsamen Himmelsstrasse" (ebd. S.140). Interessant ist, dass Mechthild von Gott in weiblicher Form spricht (Herrin, Kaiserin). Dies kommt auch im Titel ihres Buches zum Ausdruck: "Das fliessende Licht der Gottheit" - also Gottheit, nicht Gott.

Als ich vor einigen Jahren die Kirchen in der Umgebung von Einsiedeln besuchte, fiel mir auf, dass die Madonnen in den Ortschaften Unteriberg, Oberiberg und Euthal nicht wie üblich eine dienende Magd zeigen, sondern eine mit Herrschaftszeichen ausgestattete Göttin (Mondsichel, Stab, Krone, Sterne). Es ist die Göttin, die ihrem Status entsprechend auch ein göttliches Kind gebiert. In Oberiberg steht die als Göttin dargestellte Maria auf dem Hochaltar. Von Frau Holdener (im Lädeli) erfuhr ich, dass sie anlässlich der kürzlichen Kirchen-Renovation (wieder) zu diesem- Ehrenplatz gekommen sei. (entsprechend von Christa Mulacks: Maria, die heimliche Göttin der Christenheit). Leider habe ich nicht nachgefragt, auf wessen Initiative dieser erfreuliche Vorgang möglich wurde.

Ferner ist mir aufgefallen, dass "das alte Schwesternhaus in der Au" ein Geschenk von einer Barbel Gräzer ist (Barbara Gräzer) und ihrem Sohn Gilg Gräzer: "Den Frauen schenkte ein Nachbar, namens Gräzer, aus Freundschaft ab seinem Eigen ein Stück Land, damit sie desto mehr Bauplatz hätten. 1439 liessen - Gräzer war bereits verstorben - Mutter Barbel aus der Au und Gilg Gräzer, der Sohn, von Stiftsammann Hans Lütold die Schenkung schriftlich beurkunden" (S.5).

Der Familienname Gräzer taucht auch in Zusammenhang mit dem berühmten Arzt Paracelsus auf, was nicht verwunderlich ist, war doch seine Mutter eine geborene Grätzer von Einsiedeln. Wie wir wissen, verfügte Paracelsus über ein grosses Wissen über natürliche Heilverfahren, wobei Paracelsus ausdrücklich erklärt hat, dass er sein Wissen von Frauen habe. Eine Familie Gräzer wohnte unmittelbar neben einem Beginenhaus und bekam auf diese Weise die Möglichkeit, am Heilwissen der Beginen teilzunehmen. Der Vater von Paracelsus war ein Arzt aus dem deutschen Schwabenland. Es muss einen Grund geben, dass sich ein Arzt aus Deutschland in ein schweizerisches "Kaff" verirrt, sich mit einer Frau aus dem Ort ehelich verbindet und sich im Heimatdorf der Frau niederlässt, während es im Patriarchat umgekehrt ist, wo die Frau dem Mann folgt. Ein naheliegender Grund wäre, dass er vom grossen Heilwissen der Beginen gehört hat und von diesem Wissen profitieren wollte.

Auffallend ist, dass die Beginen in einem anderen für Einsiedeln wichtigen Buch nicht erwähnt werden. In Josef Eberle: "Das alte Einsiedeln in Wort und Bild" (Einsiedeln 1984) kommen die Beginen nur als "Waldschwestern" vor. Das Wort „Begine“ wird sorgfältig vermieden und die Existenz von Beginen in Einsiedeln wird ganz verschwiegen. Erst im Vergleich mit anderen Schriften wird deutlich, dass die von Eberle erwähnten "Waldschwestern" identisch sind mit den Beginen. Er erwähnt nämlich  die von den Waldschwestern bewohnten Häuser namentlich: "Erste Nachrichten von den sogenannten Waldschwestern in Einsiedeln reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück." Die Schwestern lebten in verschiedenen Häusern: Alpegg, Au, Hagenrüti, Einsiedeln. Josef Eberle erwähnt immerhin, dass die Waldschwestern "noch nach alten, eigenen Satzungen" gelebt hätten. Als die Häuser im Jahre 1617 aufgehoben und die Schwestern im Kloster Au, ausserhalb Einsiedeln „vereinigt" wurden, hätten sie die Benediktinerregel angenommen, deren Hauptgrundsatz lautet: Ora et labora (Bete und arbeite). Wie wir aus anderen Quellen allerdings wissen, nahmen die Beginen die Benedikt-Regeln nicht freiwillig auf sich, sondern wurden von den Kirchenmännern dazu gezwungen. Weiter ist in dem Schriftchen zu lesen: "In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden die Waldschwesternhäuser aufgehoben und im jetzigen Frauenkloster Au vereinigt (S.72-73).

Der oben erwähnten Klosterbroschüre entnehme ich noch, dass "Huldrych Zwingli ", der spätere Reformator Ulrich Zwingli, von 1516-1523 in Einsiedeln "Leutpriester" (also Pfarrer)  war und für die "geistliche Leitung" der Waldschwestern zuständig. Sein Nachfolger Leo Jud habe die Waldschwestern aufgefordert "in die Welt zurückzukehren", und er habe den Schwestern seine Übersetzung von Luthers Traktat gewidmet: "Was der Glaube sei und ein wahres christliches Leben."

Vermutlich wussten weder die Klosterschwestern noch Ulrich Zwingli, dass diese  Frauengemeinschaft der Beginenbewegung entstammt und nicht einer katholischen Klostergemeinschaft. Die Beginen hatten durchaus in der „Welt“ gelebt, nämlich als heilkundige helfende Frauen und dies ganz im ursprünglichen christlichen Sinne.