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220 - Christa Rohde-Dachser - Eine Bestandesaufnahme der Psychoanalyse

 

Eine Bestandesaufnahme

Was die Psychoanalytikerin Christa Rohde-Dachser in ihrem Buch Expedition in den dunklen Kontinent (1992) feststellt, gilt heute immer noch. «Eine umfassende Bestandesaufnahme bezüglich des Geschlechterverhältnisses hat die Psychoanalyse erst noch zu leisten.» (Rohde-Dachser ist Psychoanalytikerin und Hochschullehrerin für Psychoanalyse  an der Universität Frankfurt). Auch die psa-Theoretikerinnen der letzten Jahrzehnte seien nur an den Rand der psychoanalytischen Diskurses gerückt, und sie nennt unter anderen folgende Theoretikerinnen: Nancy Chodorow, Luce Irigaray, Carol Gilligan, Margarethe Mitscherlich.

Prozess der Theoriebildung

Eine Denkfigur «Geschlechtsspezifität» existiere bei Freud nicht. Er expliziere das Geschlechterverhältnis nur an wenigen Stellen. Daher müssten die in den psa.-Diskurs eingelassenen Konstruktionen des Geschlechterverhältnisses einer umfassenden Bestandesaufnahme unterzogen werden. Der Diskurs müsse sich auf die zentralen, scheinbar geschlechtsneutralen Positionen dieses Diskurses erstrecken, ebenso auf den Prozess der Theoriebildung selbst. (16) Das gesamte theoretische Werk Freuds müsse auf dem Hintergrund seiner Weiblichkeitstheorie neu gelesen und neu interpretiert werden. Der Diskurs als Ganzes sei davon betroffen und müsse in einem aufwendigen Anpassungsprozess reorganisiert werden. Dann wäre es nicht mehr so leicht, Freuds Weiblichkeitstheorie ohne grösseres Aufsehen in die Versenkung zu bringen.

Sich widersprechende Ansätze

Freuds Weiblichkeitsentwurf baue auf zwei sich widersprechenden Ansätzen auf. Auf der einen Seite gehe die Psa erklärterweise von der bisexuellen Veranlagung beider Geschlechter aus, gleichzeitig flössen patriarchale Vorstellungen von der Geschlechterpolarität überall ein. Nach unbestrittener psa-Lehrmeinung gelte Individuation als zentrale Entwicklungsaufgabe für beide Geschlechter. Der weibliche Ödipuskomplex werde dabei zu einer Theorie der Individuation umfunktioniert, ohne dass die notwendige Auseinandersetzung mit seinen ursprünglich ganz anders lautenden Prämissen stattgefunden habe. Ins neue Individuationsmodell werde meist unverändert Freuds Terminologie übernommen; es sei weiter vom Kastrationskomplex des Mädchens, Objektwechsel, Penisneid, phallischer Phase die Rede. Es handle sich also um ein Individuationsmodell weiblicher Entwicklung, konzeptualisiert in der Sprache des Patriarchats (6).

Interkultureller Vergleich

Auf der einen Seite sei Freud der Auffassung, dass Anatomie Schicksal sei. Auf der anderen Seite vertrete er die These von der grundsätzlich bisexuellen Veranlagung der Menschen. (23) Jedoch hätten sorgfältige Untersuchungen im interkulturellen Vergleich bis jetzt keinen Anhaltspunkt für eine biologische Bedingtheit jener angeblich typisch männlichen und weiblichen Eigenschaften und Verhaltensweisen ergeben, die nach landläufigem Verständnis die Geschlechtscharaktere ausmachen. Eine Ausnahme bilde die bei Knaben und Männern erhöhte Disposition zu aggressivem Verhalten (24).

Arbeitsteilung

Die Ursache der verschiedenen Entwicklungen sieht Rohde-Dachser in der Arbeitsteilung. Obwohl die Frau heute nicht mehr nur der generativen Arbeit (Kinder) zugeordnet sei, wirkten die damit verbundenen Mythologien weiter (Rollenerwartung, Geschlechter- mythologie, Herrschaftsverhältnisse, kollektives und persönliches Unbewusstes). Die weibliche Psyche sei von den Spuren jahrtausendealter Unterdrückungsstrukturen gezeichnet, die als internalisierte Strukturen auch dort weiterwirken, wo diese Strukturen gefallen sind (28). Die immer wieder aufscheinende Vorstellung einer heraufdämmernden Androgynie der Geschlechter (Badinter) sei auf diesem Hintergrund eine falsche Zeitdiagnose.

Ahistorische Vorstellungen

In Freuds Konzept der Bisexualität oder in C.G. Jungs Lehre von Animus und Anima sei die Vorstellung von einer spiegelsymmetrischen Relation der Geschlechter enthalten. Auf der Grundlage solcher Vorstellungen sei dann oft auch von männlichen und weiblichen Anteilen die Rede, die der einzelne Mensch (Mann oder Frau) besitze. Allen diesen Konzepten sei gemeinsam, dass sie von der Vorstellung einer ahistorischen, sozusagen vorgefundenen Männlichkeit und Weiblichkeit ausgehen, die sich in der einzelnen Frau oder im einzelnen Mann dann in verschiedener Zusammensetzung und Mischung repräsentieren könnten. Die bisexuelle Basis Freuds bedeute, als ob das Individuum nicht Mann oder Weib wäre, sondern jedesmal beides, nur von dem einen mehr als vom anderen. Die Zuhörer würden dann aufgefordert, sich mit der Idee vertraut zu machen, dass das Verhältnis, nach dem sich Männliches und Weibliches im Einzelwesen vermengt, ganz erheblichen Schwankungen unterliegt. Dies könne so weit gehen, dass manche Männer «weiblicher» sind als manche Frauen.

Klischee bezüglich der Rolle

Das Klischee bezüglich der Rolle des Mannes sei um den Bereich «Kompetenz» organisiert. Dazu gehören Attribute wie unabhängig, objektiv, aktiv, konkurrenzfreudig, logisch, geschäftstüchtig, welterfahren, abenteuerlustig, entscheidungsfähig, selbstbewusst, führungsorientiert, ehrgeizig. Die Wahrnehmung bezüglich der Frauen sei dagegen vom Fehlen dieser Eigenschaften charakterisiert, indem sie als abhängig, subjektiv, passiv, nicht-konkurrierend, unlogisch etc. wahrgenommen werden. Das positive weibliche Klischee bestehe aus Attributen wie sanft, einfühlsam, taktvoll, religiös, ordentlich, ruhig, kunst- und literaturinteressiert, fähig zum Ausdruck zärtlicher Gefühle. Sie lassen sich in einen Bereich von «Wärme und Ausdrucksfähigkeit» zusammenfassen. Männer werden so wahrgenommen, dass ihnen diese Eigenschaften im Vergleich zu Frauen mangeln (S.40).

Bühnenstück des Patriarchats

Der Theoriediskurs der Psychoanalyse gehöre im Sinne der Metapher von Gerda Lerner noch immer zum Bühnenstück des Patriarchats. Männer haben das Stück geschrieben, die Aufführung inszeniert und den Sinn der Handlung interpretiert. Sie hätten sich selbst die interessantesten und die Heldenrollen zugewiesen und den Frauen die Nebenrollen. In diesem Gleichnis werde unmittelbar deutlich, dass eine naive «Kulturanalyse» des Theaterstücks lediglich ein patriarchales Drehbuch und einen männlichen Text beschreibe. Eine Analyse müsste von der Frage ausgehen, was es wohl ist, das das Zusammenspiel der Darsteller bewirkt, was die Aufführung in Gang hält und dazu führt, dass das Stück nun schon soll lange auf dem Spielplan steht. Alles deute darauf hin, dass die bestehende Gesellschaftsform auf einem Fundament von unbewussten Phantasien ruhe, die tief in der Psyche von Frauen und Männern verwurzelt seien und darauf hinwirkten, die bestehenden Verhältnisse immer wieder herzustellen. Es gehe also nicht nur um die Frage, wie die Räder des Patriarchats beschaffen sind und was sie antreibt, sondern wie sie ineinandergreifen.

Narzisstische Restitutionsleistungen

Nach Freuds Vorstellung seien Knaben und Mädchen von Geburt an «männlich» (d.h. aktiv), aber nur Knaben blieben so. Für Mädchen beginne mit der Entdeckung des Geschlechtsunterschiedes der schwere Weg in die «Weiblichkeit» (d.h. in die Passivität). Die Entdeckung der Penislosigkeit bedeute für das Mädchen eine grosse Enttäuschung. Es fühle sich von da an wertlos, unvollständig, «kastriert». Seinen Mangel laste es der Mutter an. Es wende sich enttäuscht von ihr ab und dem Vater zu. Von nun an begehre es den Penis des Vaters, jedoch nicht als Lustobjekt, sondern um sich narzisstisch zu komplettieren. Später verwandle sich dieser Peniswunsch in den Wunsch nach einem Kind vom Vater (Mann), am liebsten einen Knaben (als Penisträger). Nur deshalb geniesse die Frau die Mutterschaft. Der Penisneid der Frau bleibe in der Regel ein Leben lang bestehen. Neid sei deshalb einer ihrer herausragenden Charakterzüge. Ihr Interesse beschränke sich auf das enge soziale Beziehungsgeflecht, in dem sie lebe und auf die Erfüllung der damit verbundenen Alltagsaufgaben. Da ihre Sublimierungsfähigkeit gering sei, erstrebe sie auch nichts anderes. Ihr beschränkter Lebensradius entspreche ihren Bedürfnissen. Wegen ihrer organischen und charakterlichen Defizienz bleibe sie ein Leben lang vom Mann und seinen narzisstischen Restitutionsleistungen abhängig. Sie habe auch die schwächere sexuelle Konstitution. Die Libido (das Begehren) sei männlich. Der Begriff «weibliche Libido» mache keinen Sinn. Die Klitoris sei ein verkümmerter Penis. Mit der Entwicklung zur Weiblichkeit müsse die klitorale Sexualität aufgegeben und auf die Vagina, den «Lustort des Mannes» verschoben werden. Der Mann handle, die Frau reagiere. Weiblichkeit sei identisch mit (erworbener) Passivität, die «masochistisch» genossen werde. (56-57)

Das richtige Sexualorgan

In die Sprache des Sekundärprozesses übersetzt seien in Freuds Weiblicheitsentwurf folgende Phantasien des Knaben enthalten: Für die Mutter (bzw. Ehefrau) sei er der Einzige. Sie werde immer bei ihm bleiben, denn sie sei abhängig von ihm. Er brauche sie mit niemandem zu teilen. Sie brauche ihn, nicht umgekehrt. Sein Penis garantiere ihm ihren Besitz. Sie selbst habe nichts, worum er sie beneiden könnte. Im Gegenteil, sie beneide ihn. Er sei es, der sie liebt und begehrt, nicht umgekehrt. Sie selbst sei ohne Begehren. Deshalb werde sie auch nie nach einem anderen verlangen. Ohne ihn gebe es keinen Genuss. Sie lebe nur durch ihn (und nicht umgekehrt). Alles was sie dabei erleide, sei nicht seine Schuld. Sie wolle es so. Weil dies so sei, brauche er nie zu befürchten, dass er jemals zum passiven Objekt ihrer Liebe oder ihres Begehrens werde (schon als Säugling war ich es nicht); dass er ihre Liebe mit einem/einer anderen teilen muss (schon als Mädchen war sie ihrem Vater exklusiv zugetan); dass er von ihrem Begehren überwältigt werde oder vor ihr versage (ihre Libido ist schwächer als die meine); dass sie ohne ihn sexuell geniesse (dafür hat sie nicht das richtige Sexualorgan); dass er auf sie neidisch sein könnte (sie hat nichts, was Neid erweckt); dass sie mit ihrer Situation unzufrieden sein könnte (ihre Familie ist ihre Welt); dass sie ihre Interessen aktiv auf etwas anderes richtet als seine Person (an kulturellen Leistungen ist sie nicht interessiert); dass er an ihr schuldig werden könnte (bspw. durch Schwängerung). «Diese Überzeugung gibt mir Sicherheit: Ich bin froh und stolz, ein Mann zu sein.»

Frau der menschlichen Frühzeit

Rohde-Dachser vermutet hinter Freuds Weiblichkeitsentwurf (kollektiv) abgewehrte und tabuisierte Inhalte, die Vorstellung von einer vom Mann unabhängigen Frau, die in ihrer Fülle als "Weib" autonom, begehrend und begehrenswert sei. Die von Rohde-Dachser als «andere Frau» bezeichnete Frau meint letztlich die Frau der menschlichen Frühzeit, die sich als Abbild und Repräsentantin der machtvollen und umfassenden grossen Göttin verstand.

Illusion immerwährender Verfügbarkeit

Die Psa habe Angst vor der autonomen Frau: Die Vorstellung von einer autonomen Frau bedeute, dass die gegenwärtige Situation des Mannes ins Kippen komme, in der er sich als «grandiosen Mittelpunkt des Glanzes im Auge der Mutter/Frau» versteht. Die autonome Frau sei unvereinbar mit dem gegenwärtigen psa Selbstbild des Mannes. Die Angst des Mannes sei, dass die Erschütterung seines gegenwärtigen Gleichgewichtes ihn dazu verleiten könnte, wieder zum «Sohn» zu werden, sich also in eine abhängige Position zur Frau zu bringen, eine Position, die von ihr erst noch abgelehnt werden könne. Diese doppelte narzisstische Kränkung könne eo ipso von narzisstischer Wut und Enttäuschungsaggression begleitet sein, nachdem seine männliche Identität bisher auf der Basis von Überlegenheit und Dominanz gegenüber der als «kastriert» definierten Frau entworfen gewesen sei. Der Mann fühle nicht nur den Wunsch, in den Schoss der Frau einzudringen, sondern in ihm zu versinken, ähnlich dem kleinen Kind, das an den Körper der Mutter geschmiegt dort einst die ersten Momente von Glückseligkeit erlebte. Von diesem Wunsch fühle sich der Mann doppelt bedroht, indem er ihn hinter die Schwelle seiner gegenwärtigen Identität bringe und indem ihm die Frau diesen Wunsch versagen könnte. Damit werde sie auch zum Inbegriff der Versagung, da sie den begehrenswerten Körper besitzt, der sich seinem Wunsch darbiete, vergleichbar dem Körper der Mutter, der alles versprach, bevor der männliche Blick ihn zum kastrierten Körper erklärte. Die Frau verfüge autonom über diesen Körper, wobei sie durch ihre blosse Existenz der männlichen Illusion von ihrer immerwährenden Verfügbarkeit widerspreche. Die Vorstellung von der begehrenden Frau verweise den Mann auf die Möglichkeit eigenen sexuellen Versagens, nämlich dem Begehren der Frau nicht zu genügen.

Offene und latente Rollenzuweisungen

Ungeachtet der Vorgabe Freuds, er wolle beschreiben, wie das Weib wird und nicht, was das Weib sei, enthalte seine Weiblichkeitstheorie eine ganze Reihe offener und latenter Rollenzuweisungen. Dies betreffe die «Entwicklung des kleinen Mädchens zum normalen Weib», bei der erwartet werden könne, dass «die Konstitution sich nicht ohne Sträuben in die Funktion fügen wird». Damit deutet er an, dass nicht damit zu rechnen ist, dass die Frau sich freiwillig in die Beschränkungen der Weiblichkeitsnorm fügt. Dennoch wird sie nach Freuds Meinung erst durch ihre Verzichtleistung zur «richtigen» Frau.

Du sollst nicht merken

Nach dem Muster der narzisstischen Kollusion sieht Rohde-Dachser darin eine latente Botschaft des Mannes an die Frau: «Du bist defekt, ich aber bin vollkommen. Wenn du bereit bist, deine 'Kastration' zu akzeptieren und stattdessen mein Genitale zu idealisieren, dann wirst du an meiner Vollkommenheit teilhaben. Folge mir, sei mir untertan, sei ein Teil von mir; dies ist der Weg, um deinen Defekt zu heilen.» Die gleiche Botschaft heisse im Negativ: «Du sollst nicht merken, dass du auch ohne mich vollwertig bist und existieren könntest.»

Sei mein Spiegel

Ferner sei darin die Botschaft an die Frau enthalten: «Sei mein Spiegel! Du bist nichts ohne mich! Aber mit mir bist du Alles. Bleibe kastriert! Tue nichts, das mich zwingt, dich in einen Dämon zu verwandeln! Erspare mir den Blick auf das Gorgonenhaupt. Verhindere, dass ich mich selbst erkenne! Lass mich niemals wissen, dass du dies alles für mich tust!» – Diese Botschaften würden von der Adressatin unbewusst aufgenommen und  die ihr zugedachte Rolle ebenso unbewusst übernommen. Dies sei tatsächlich bei Frauen zu beobachten, auch bei manchen Psychoanalytikerinnen, zum Beispiel bei Helene Deutsch, deren Position stellvertretend für die Frau im Patriarchat sei.

Schlussfolgerung

Diese Sachlage zeigt unmissverständlich, wie notwendig Rohde-Dachsers Kritik an der Psychoanalyse ist und wie wichtig ihre Forderung, die Psychoanalyse einer umfassenden Bestandesaufnahme des Geschlechterverhältnisses zu unterziehen. Und wie nötig es sein kann, diese Revision allenfalls auch mit politischen Mitteln durchzusetzen.