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186 - Liliane Frey-Rohn – Das Böse in psychologischer Sicht

Elisabeth Camenzind

 

Was vernichtet und zerstört

Dem Aufsatz von Dr. Lilian Frey-Rohn wende ich mich unter dem Aspekt zu, wie ihre Auffassung auf ihren Analysanden (z.B. auf einen mir bekannten Jungianer) abgefärbt hat. Die Haare stehen mir zu Berg, wie sie das Problem des Bösen angeht. Mich nimmt nicht mehr wunder, warum dieser nicht klar werden konnte. Einerseits nimmt sie den "Inhalt der jüdisch-christlichen Moral: Du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen". Aber auch "Hass, Intoleranz und Egoismus" seien von Bösem. Karl Kerenyi habe sehr schön gesagt, was böse sei. "Als "böse" gilt uns ganz allgemein all das, was vernichtet und zerstört" (162).

Fremd gehen oder Mörder

Verheerend ist, dass Frey-Rohn schlussendlich vom Bösen so allgemein spricht, dass letztlich kein Unterschied mehr besteht, ob einer fremd geht oder zum Mörder wird. Als Beispiel nennt sie die Pflichtenkollision bzw. zwei biblische Geschichten: Jakob habe seinen Bruder Esau um das Erstgeburtsrecht betrogen und Gott habe ihm später trotzdem den Namen Israel verliehen. Ferner die Opferung Isaaks, die sie zur Frage führe, was in Vater Abraham vorging, als er sich entschloss, entgegen dem allgemeinen Moralkodex dem Befehl Gottes zu gehorchen und seinen Sohn zu töten. Ferner stellt sie die Frage, ob es nicht eigenartig sei, dass in solchen Fällen sogar der Betrug und auch der Mord als gottgewollt hingestellt würde. In ihrer Schlussfolgerung meint sie jedoch schwammig in Frageform, es gebe "also anscheinend ein Böses, das nicht böse" sei. Und ob es also möglich sei, dass unter Umständen das Gute die menschliche Entwicklung hemme, und "inwiefern umgekehrt das Böse für den Menschen auch ein Gutes sein" könne (163).

Nicht das Gute, das ich will

Bezüglich der Fähigkeit, den moralischen Vorstellungen gemäss zu leben und in die Tat umzusetzen verweist sie auf den biblischen Paulus, der schon bekannt habe: "Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will". Paulus finde also für sich, "der ich das Gute tun will, das Gesetz gültig, dass das Böse bei mir vorhanden ist". Damit habe Paulus einer tiefen Wahrheit Ausdruck verliehen, nämlich die Wahrheit, dass das Böse eine Wirklichkeit sei, mit der man rechnen müsse und die man trotz bestem Willen nicht vermeiden könne (164).

Das blosse Getriebensein

Klarer äussert sich Frey-Rohn zu Nietzsches "Verherrlichung des blinden Leben". Mit dieser Verherrlichung sei er "nur mehr der gefährlichen Antithese zur Moral" verfallen, "dem blossen Getriebensein, das unweigerlich Auflösung und Zerstörung der Kultur im Gefolge" habe (166). Soweit Nietzsche "an die Verabsolutierung der Kulturmoral dachte, die das Leben erstarren lässt, oder an die Tatsache, da jeglicher Anspruch einer Religion, die einzig wahre und gute zu sein, den lebendigen Bezug zum Transzendenten" verliere, könne man ihm wohl beistimmen. Soweit er aber aus dieser Kritik "einen Anspruch erhob, dem Leben, den Affekten und Leidenschaften, schrankenlos ihren Lauf zu lassen", müsse man sich von ihm distanzieren (166).

Echter und zuverlässiger

Frey-Rohn verweist auf Freud, der die Moral von ihrer Wirkung auf die Vitalität des Einzelnen her beurteile. Böse sei für ihn das, was den Trieb und den Eros schädige (167). Ein weniger Vernünftiges und ein weniger Perfektes habe nicht selten günstigere Wirkungen auf die Lebensführung als das Streben nach dem "Besten" oder dem Vollkommenen. Man sei vielleicht weniger bewunderungswürdig, aber dafür echter und zuverlässiger und besser an die Realität angepasst (169).

Je einseitiger die bewusste Einstellung

Es sei aber nicht der Kulturkanon an sich, den wir "für das Kranke, das Negative und Böse verantwortlichem machen" müssen, sondern "die moralische Einstellung des Individuums", wenn "der Einzelne dessen Gebote und Verbote absolut" nehme, sie "zum Selbstzweck" erhebe und dabei "andere Regungen" überhöre. Je einseitiger die bewusste Einstellung sei, desto einseitiger sei auch die unbewusste Gegententenz.

Sexuelle Wünsche

Frey-Rohn bringt dann Beispiele von zwei Männern, die dasselbe Problem haben, nämlich mit ihren sexuellen Wünschen, bei denen der eine "zu viel Moral" und der andere einen "Mangel an moralischer Bewusstheit" aufweise. Der Mann von Fall 1) habe sich dem mosaischen Dekalog verpflichtet gefühlt: "Vor allem beschäftigte ihn das Gebot über den Ehebruch". Vor allem habe er nachts an erotischen Phantasien gelitten, die ihn überfielen und sehr peinlich waren. Er träumte von einem Pferd, dessen hinterer Körperteil mit Exkrementen bedeckt war.

Annehmen seiner selbst

Nach ungefähr eineinhalb Monaten habe der Mann erzählt, dass er "etwas Wichtiges entdeckt habe.

Es sei ihm nämlich aufgegangen, dass Gott auch verzeihen könne." Dies sei ein Ereignis für ihn gewesen, habe doch "das Gottesbild bisher eher Züge des alttestamentlichen Gottes erkennen lassen". Er habe einsehen gelernt, dass der Mensch nicht nur lichte, sondern auch dunkle Eigenschaften besitze. Dieser veränderten Einstellung dem Inneren gegenüber, sei bald ein nächster Schritt erfolgt, "nämlich die Einsicht, dass die Liebe zum Nächsten beziehungsweise das Annehmen des Nächsten zuinnerst mit dem Annehmen seiner selbst" zusammenhänge (173). Heute (2004) bin ich frappiert über den "Fall" und ebenso über die Darstellung, die beide so sehr an Gustis Situation und Sprache erinnern, dass es mir vorkommt, es würde hier der Hintergrund von Gustis Reden und Verhalten dargestellt.

Bemerkenswert unklar über Gefühle

Den zweiten "Fall" beginnt sie mit dem Hinweis, es handle sich "um einen gebildeten, intellektuell begabten Mann, der aber trotz seinem Wissen und seiner Bildung eher naiv und unbekümmert dahinlebte". Während er im Beruf eine zielbewusste Linie verfolge, zeige er sich in seiner Beziehung zu Frauen als unzuverlässig, zwischen zu viel Nachgiebigkeit und Selbstbehauptung hin und her schwankend. Er sei stark an die Mutter fixiert und leide zeitweise unter Depressionen. Als er zu ihr kam sei er erneut, und zwar gegen seinen Willen in eine Liebesaffäre verwickelt. Er sei bemerkenswert unklar über seine Gefühle und auch sehr unbewusst über den eigenen moralischen Standpunkt.

Bewusstheit hemmt doch nur

Zum späteren Verlauf erwähnt Frey-Rohn ferner, der Mann habe, auf seine Widerstände gegenüber angesprochen unverzüglich geantwortet: "Ja, Bewusstheit hemmt doch nur", sie beeinträchtige die Unmittelbarkeit des Handelns. Das Elementare im Menschen sei doch "die Sehnsucht nach Befriedigung der Triebe und nach einer unreflektierten Lebenshaltung". Ferner habe er halb rhetorisch angefügt: "Warum kann man denn nicht einfach schlecht sein?" Schliesslich verweist sie auch noch auf sein geflissentliches "Vergessen" seiner zwiespältigen Gefühle, und ebenso sein geflissentliches "Vergessen" seiner Träume und "nicht zuletzt das ,Übersehen' seiner Unfähigkeit, sich erotisch zu binden" (175).

Des Pudels Kern

Auf die rhetorische Frage: "Warum kann man denn nicht einfach schlecht sein? reagierte Frey-Rohn mit moralischer Entrüstung: "Das war also des Pudels Kern! Der Mann wollte lieber weiterwursteln als sich der mühsamen Anstrengung einer moralischen Besinnung unterziehen". Sie vermerkt abschliessend, an beiden Fällen könnten die negativen Wirkungen einer zu einseitigen oder ungenügenden moralischen Einstellung erkennen. Im ersten Fall werde der puritanische und perfektionistische Einstellung durch das Schwächliche und Unreine kompensiert, im zweiten Fall werde dem Träumer gleichsam mit einen Vergrösserungsglas das Inferiore seines bewussten Verhaltens gezeigt. In beiden Fällen spielten ein "Anderer" in der Persönlichkeit eine entscheidende Rolle, den zu kennen unzweifelhaft ein Gewinn für die Persönlichkeit darstellen würde (175-176).

Der persönliche Schatten

Im nächsten Kapitel kommt Frey-Rohn auf die Unterscheidung: "Der persönliche Schatten oder das Individuell-Böse zu sprechen. C.G. Jung ziehe den Ausdruck "Schatten" demjenigen des "Bösen" vor, um das Individuell-Böse von dem Bösen der Moral zu unterscheiden, und zwar fasse Jung den persönlichen Schatten als einen unbewussten Persönlichkeitsteil auf, der die bewusste Persönlichkeit zu einem relativ Ganzeren ergänzt. Diese Hypothese erlaube, zwei Seiten der menschlichen Persönlichkeit zu unterscheiden, die sich wie "der Eine zum Anderen" verhalte, das heisse mehr oder weniger komplementär zueinander seien. Mit Hinweis auf William James und Nietzsche meint sie schliesslich, im praktischen Tun wirke immer und stets das Gegenteil des Gewollten mit. Der Schatten sei bei Nietzsche eine "erdverbundene Figur, die den "kleinsten und nächsten Dingen des Alltags" nachgehe und die die verstiegene Gestalt des einsamen Höhenwanderers komplementiere. Oder er erscheine im "Zarathustra" als der "hässlichste Mensch", der dem "weisesten Menschen" gegenübergestellt werde (177).

Dämonische Verführung durch den Trieb

In der Mythologie seien es vor allem das Mythologem vom ungleichen Brüderpaar, das die Beziehung zwischen dem "Einen" und dem "Anderen" erhelle. Die Schattenfigur trete uns gleichsam als ein "dunkler Bruder" entgegen, der die Lichtgestallt nicht nur überallhin begleite, sondern der auch störend eingreife und ihre Absichten durchkreuze. Als Beispiel nennt sie den biblischen Kain, der den "Gott gefälligeren, hellen Bruder Abel" betrüge und Jakob "betrüge" seinen Bruder Esau um sein Erstgeburtsrecht. Der dunkle Bruder sei "aber auch ein grosser Wert", wie aus dem Gilgameschepos hervorgehe. Nur Zusammen mit Enkidu, dem Jäger und Sohn der Steppe, könne der Held Gilgamesch die grosse Tat vollbringen, nämlich den Himmelsstier Chumbaba zu töten. Ohne die Verbundenheit mit Enkidu, den sie als "natürlichen Vertreter des Instinktes" deutet, wäre ihm das Werk nicht gelungen. Den Chumbaba deutet Frey-Rohn als "die dämonische Verführung durch den Trieb, der seinen Aufstieg zu hindern" drohe. (zu Jäger: Gusti träumte, er habe einen herrlichen Jagdhund gekauft).

Positiver Schatten – Hellere Persönlichkeit

Später kommt die Autorin auf einen "positiven Schatten" zu sprechen, indem sie auf Fälle verweist, in denen jeweils "die hellere Persönlichkeit, die zuverlässigere, die gütigere und wahrheitsliebendere" ins Unbewusste verdrängt sei. Man könne in solchen Fällen, falls das Wortspiel erlaubt sei, von einem positiven Schatten sprechen. Danach beschreibt sie den Schatten aber absolut positiv, zu verstehen als die "alten Bahnungen der Natur", "die dem Leben Farbe und Ton geben ". Dazu gehörten "das Infantile im Individuum, der Bereich, wo man noch Kind geblieben" sei, dazu gehörten die gefühlsbetonten Bindungen, die Fixierungen an die Familienmitglieder und auch das Verhaftetsein an frühere Anschauungen, die dem gereiften Menschen als veraltet erscheinen.

Mit der körperlichen Seite rückverbunden

Der Schatten halte, mit Hinweis auf den Gilgameschepos, die Verbindung mit den verlorenen Tiefen aufrecht. Der Schatten lasse auch das "Grössere, das Allgemeinmenschliche, ja das Schöpferische erspüren". Wo der Mensch mit seinem Schatten verbunden bleibe, strahle er "noch die Wärme und das Echt-Menschliche" aus. Durch den Schatten nämlich sei "der Einzelne mit seiner primitiven, natürlichen und auch körperlichen Seite rückverbunden".

Mystische Verbindung

Der Schatten sei gleichsam ein natürlicher Begleiter, der dem Menschen auf der Ferse folge und der als dunkle Präsenz stets mehr oder weniger fühlbar sei. Seinen Schatten bei sich zu haben sei daher eine grosse Kostbarkeit, und seinen Schatten zu verlieren sei, wie Chamisso eindrücklich beschrieben habe, äusserst gefährlich. - Es sei nicht von ungefähr, dass der Schatten bei den Primitiven eine so grosse Wertschätzung geniesse. Er gelte als eine Kostbarkeit, die man zu beschützen habe. Werde nämlich der Schatten verletzt, so bedeute dies auch eine Verletzung des eigenen Lebens. In den mannigfachsten Weisen komme die Auffassung einer mystischen Verbindung zwischen Mensch und Schatten zum Ausdruck: Wer über den Schatten eines anderen schreite, überwinde damit auch den Träger des Schattens. Umgekehrt könne es auch todbringend sein, den Schatten einer mächtigen Person zu berühren, weshalb der Primitive den Schatten von gefährlichen Personen meide. - Es sei der Schatten, der die Kontinuität unserer Seele mit den Ahnengeistern gewährleiste (178-181)

Bewusstmachung des Schattens

Der persönliche Schatten sei eine durchaus normale Gegebenheit des Lebens, die mit der Bewusstseinsentwicklung des Menschen zusammenhänge. - Die Bewusstmachung des Schattens sei ein psychologisches Problem, dem höchste moralische Bedeutung zukomme, denn es schliesse ein, dass sich der Einzelne nicht nur über das, was ihm passiert, sondern auch über das, was er projiziere, Rechenschaft gebe. - Ohne die bewusste Einbeziehung des Schattens in das tägliche Leben lasse sich weder eine positive Beziehung zu den Menschen noch zum Schöpferischen in der Seele noch eine individuelle Beziehung zum Göttlichen herstellen (184, mit Ausrufezeichen versehen).

Numinose Faktoren der Psyche

Im nächsten Kapitel kommt Frey-Rohn auf das "Phänomen des kollektiven Schattens oder des Archetypisch-Bösen" zu sprechen. Mit dem persönlichen Schatten sei die Psychologie des Bösen noch keineswegs erschöpft. Der Schatten sei nämlich nach Jung "jene verhüllte, verdrängte, meist minderwertige und schuldhafte Persönlichkeit, welche mit ihren letzten Ausläufern bis ins Reich der tierischen Ahnen" hinaufreiche und "den ganzen historischen Aspekt des Unbewussten" umfasse. Frey-Rohn fügt an, man könne immer wieder feststellen, dass der Einzelne in seiner Auseinandersetzung mit dem persönlichen Schatten unweigerlich an jenen Punkt komme, wo er mit autonomen Mächten konfrontiert werde, die seinem Willen schlechthin überlegen seien (185).

Mit autonomen Mächten konfrontiert

Eine solche Entwicklung sei eine höchst normale Erscheinung, die Hand in Hand gehe mit der Erweiterung einer nur-persönlichen Motivation zu einer objektiveren Einstellung. Desungeachtet werde "die Begegnung mit den numinosen Faktoren der Psyche zunächst gern als eine Überwältigung des eigenen Wesens" erfahren. Entsprechend seien auch "die damit verbundenen Affekte und Projektionen von einer Hartnäckigkeit, die sich weder durch Gefühl noch durch Einsicht korrigieren" liessen. Ein Beispiel entnimmt Frey-Rohn der Männerwelt mit der Frage: "Welcher Mann kennt nicht das faszinierende Bild einer schönen Frau, das ihn verfolgt und nicht ruhig werden" lasse, oder welche Frau sei nicht schon "dem Banne eines männlichen Geistes erlegen, der für sie Weisheit, Vernunft, ja Gottähnlichkeit" bedeutet habe. Abgesehen davon, dass Frey-Rohn den Geschlechtern die typisch Jungschen Vorstellungen über die Geschlechter unterstellt (Frau schön, erotisch, Mann geistvoll, gottähnlich), unterstellt sie hier dem "Schatten" reichlich harmlose Gegebenheiten, die sich keineswegs mit dem decken, was sie zuvor mit Hinweisen aus Jungs Aufassungen über das Böse und den Schatten beschrieben hat, dass der Schatten nämlich meistens die "minderwertige und schuldhafte Persönlichkeit" beinhalte. Durch "Umdeutung" gelingt es ihr, die "Überwältigung" durch ein Böses, das Jung in seiner Personen erfahren hat und mitteilen möchte, durch die Faszination des Erotischen zu ersetzen.

Auflösung und Zerrüttung

Immerhin kommt sie später zum Hinweis auf die Gefährlichkeit einer "Besitzergreifung des Individuums durch das Kollektiv-Böse", zu der es komme, wenn der persönliche Schatten mangelhaft gesichtet worden sei. Die Übermannung des Individuums durch den kollektiven Schatten sei stets ausserordentlich gefährlich, nicht zuletzt wegen seines Übergreifens auf das Kollektiv, wobei sie Personifikationen der "kollektiven Dämonie" in Cesare Borgia, Napoleon, Lenin, Mussolini und Hitler ortet. Und sie fügt an, solche "Zeitheroen" liessen sichtbar werden, "was in einer Epoche verworfen und unterdrückt" werde, "an erster Stelle jene Inhalte, die vom Kulturkanon mit dem Stempel des Schlechten und Unmoralischen versehen" werde. In diesen Zeitexponenten sei nicht nur der kollektive Schatten lebendig, sondern sie selber "stellen eine Verkörperung des kollektiven Schattens, des Widersachers und des Bösen dar". Wo immer "sich das Bild des Bösen in einem Menschen inkarniert" sei, gingen "dämonische Wirkungen von ihm aus, die an magischer Suggestivkraft denjenigen ebenbürtig" seien, die "von der Inkarnation des hellen Gottesbildes" ausgingen. Und sie schliesst mit dem Hinweis: "Kein Wunder, dass sie die bestehende Ordnung stets mit Auflösung und Zerrüttung bedrohen" (185-188). - Allerdings geht aus dieser Schilderung des "archetypisch Bösen" bzw. des "kollektiven Schattens" in keiner Weise hervor, was denn nun eigentlich vom "Kulturkanon" verdrängt wurde. Die gewählten Beispiele sind ja auch allzu verschieden. Napoleon ist ja keineswegs mit Hitler vergleichbar. Obgleich Napoleon auch ein Machtmensch war, so war er doch kein um der Zerstörung willen kriegslüsterner  Mensch.

Der Trieb, die ungebändigte Leidenschaft

Schliesslich kommt Frey-Rohn noch auf Goethes "Faust" zu sprechen, der uns "den Bösen in seinem allgemeinmenschlichen Aspekt zeige. Diese Dichtung sei besonders geeignet, den persönlichen und den kollektiven Schatten zu veranschaulichen. Bei der Interpretation gehe sie davon aus, dass die Gestalten das innere Drama in der Seele der Hauptfigur wiederspiegeln. Dagegen verkörpere Mephistophele eine "unpersönlich-archetypische Schattenfigur in der Seele Fausts". Dieses Kollektiv-Böse sei der Trieb, die ungebändigte Leidenschaft, das Streben nach Lust, Macht und Expansion. - In Tat und Wahrheit habe Faust den Versuchungen des Widersachers nicht widerstanden, weder denjenigen der Liebe noch des Goldes, noch der Macht (189-191).

Zur Figur des Widersachers

Die Anerkennung der Wirklichkeit des Bösen scheine das eigentliche Durchgangstor zu sein, um eine Beziehung zum zentralen Faktor der Seele herzustellen, und zwar ergebe sich die Funktion des Bösen als unmittelbare Folge der in sich gegensätzlichen Dynamik des Selbstverwirklichungs-Prozesses selber. Was vordem richtig war, erscheint nun als unrichtig. Der Anspruch des Selbst scheine von einem bestimmten Moment an die Vervollständigung der Persönlichkeit durch die Anerkennung der bisher feindlichen, unmoralischen und asozialen Tendenzen zu verlangen. Der persönliche Schatten werde in einem solchen Augenblick als der Angelpunkt erfahren, der über die weitere Entwicklung entscheide, sei es zum Guten oder zum Schlechten. Dass dem Bösen eine solche Funktion eines Wegweisers zur Ganzheit zukommen könne, komme daher, weil es "den ursprünglichen Zusammenhang mit den Archetypen und dem Umfassenderen der Kultur bewahrt" habe. Wo das Schöpferische zur inneren Notwendigkeit werde, sei immer auch das Böse konstelliert. Denn der schöpferische Prozess schaffe und vernichte zugleich (195-197). Den spezifisch-moralischen Aspekt des Bösen erfahre der Einzelne in den sogenannten Pflichtenkollisionen, in denen das Individuum vor die Entscheidung gestellt sei, ob es dem Moralgesetz oder dem Selbst gehorchen wolle. Sehr oft werde es von innen her "gezwungen", gegen seinen Willen, etwas Moralwidriges zu tun.

Neubewertung der sexuellen Wünsche

Hier kommt Frey-Rohn auf den Konflikt in Abraham und Luther zurück, in denen das objektiv-gültige Sittengesetz zugunsten einer inneren Notwendigkeit suspendiert zu sein scheine. Das heisst, dass sie den "Gott" Abrahams nun als ein Selbstsymbol auffasst, wobei sie den Gehorsam bzw. das Töten des Sohnes als ein Ausdruck des "Zu-sich-Stehen" interpretiert im Gegensatz der Unterwerfung unter das allgemeine Sittengesetz, das für sie offenbar im "Sohn" symbolisiert ist. Sie fügt an, dass das Zu-sich-Stehen und das Warten, bis das Bewusstsein zu einer Entscheidung zwischen den sich gegenüberstehenden Pflichten reif geworden sei, setze stets ein ungewöhnliches Mass an Mut, Gehorsam und Opferbereitschaft und nicht zuletzt auch an Bewusstheit voraus" (198-199)

Als Beispiele für den Annäherungsprozess von Bewusstsein und des Dunklen, des Schattens erwähnt sie den Traum einer Frau und das Symbol des Affen. Der indische Affe Hanuman oder der ägyptische Gott Thot seien oft mit einem Affenkopf abgebildet, was der Träumerin "den paradoxen Aspekt des Affen, nämlich seine Untermenschlichkeit als auch seine Heiligkeit und Weisheit" nahe gebracht habe. Es habe für sie eine Erleuchtung bedeutet, zu erkennen, dass hinter dem Primitiv-Sexuellen des Affen ein Gottesbild stehe, das die Weisheit des Lebens verkörpere. Für ihr persönliches Leben habe sie eine Neubewertung ihrer sexuellen Wünsche und ihrer aggressiven Impulse gewonnen (200)

Versöhnung mit dem chthonischen Aspekt der Tierseele

Frey-Rohn erwähnt, sie habe in ihrer Praxis mehrfach Gelegenheit gehabt, das Auftreten von gefährlichen Tieren in Träumen, wie des Bären, der schwarzen Schlange oder auch der Ratte und des Marders, "im Zusammenhang mit der Wandlung des Dunklen und Bösen zu beobachten". Für sie stellen solche "Traumphänomene" die "Versöhnung des Menschen mit dem chthonischen Aspekt der Tierseele" dar. Dass das Tier auch als ein Symbol des Bösen aufgefasst werden könne, sei vor allem in unserer von der jüdisch-christlichen Moral geprägten Kultur festzustellen, die das Gute mit dem Geist verbinde und das Böse mit der Triebnatur. Der Intellekt habe sich "in eine derartig destruktive Höhe verstiegen, dass als Kompensation nur noch die archaische Natur einzugreifen" vermöge (201).

Ob der Widersacher als Krankheit oder Unordnung im Aussen auftrete oder als innere Leere oder sich auch als unmoralische Forderung aus dem Inneren manifestiere: "Durch den Blickpunkt auf das Selbst und die Gottheit" könne sich "das Böse schliesslich als ein Heilmittel erweisen, das den Einzelnen mit dem Urgrund" aussöhne. Gelinge es dem Individuum, die Beziehung zum Symbol bewusst festzuhalten, so fühle es sich nicht nur dem Schöpferischen wieder offen, sondern es erfahre auch die Spannung der Pole zwischen Bewusstsein und Unbewusstem wieder in einer positiven Weise, und nicht zuletzt finde es damit auch die Kraft zur bewussten Entscheidung und zum Handeln wieder. Mit der Mitberücksichtigung des vereinigenden Symbols (Tierseele) werde kaum einem einseitigen Mitlebenlassen des Bösen Vorschub geleistet. Je mehr der Einzelne seine naturgegebene Unvollkommenheit und sein ebenso naturgegebenes Böses - christlich gesprochen: seine "Sünde" annehme und an ihr leide, desto moralischer könne auch sein Leiden sein. Ohne Leiden gebe es kein Heil. (208-209)

Teil des schöpferischen Urgrundes und Lebensquelle

Zusammenfassend hält Frey-Rohn fest: Die Polarität von Gut und Böse gehöre zum menschlichen Leben. Wo ein Gutes erfahren werde, da sei grundsätzlich immer auch ein Böses da. Die Selbstgestaltung des Menschen schliesse daher auch das Böse ein. "Ja noch mehr: Innerhalb des Prozesses der Selbstwerdung" könne "dem Bösen sogar eine hervorragende Rolle zukommen, und zwar dank seiner Eigenschaft, Teil des schöpferischen Urgrundes zu sein". Wenn man das Böse aus irgendwelchen rationalen Gründen vernichten wollte, würde man "unfehlbar die Lebensquelle selber zerstören". Und umgekehrt würde auch "das Ausleben des Bösen zu einer Vernichtung des Lebens führen". Die "Auseinandersetzung mit dem Bösen sei deshalb eine moralische Aufgabe, die zur höchsten Anstrengung des Ich" aufrufe. Dies bedeute "Bewusstheit, Opfer und auch die Haltung der Ehrfurcht dem Grösseren gegenüber. Im Lichte einer solchen Einstellung, die ständig auf die Mitte des Selbst bezogen sei, könne sogar das Paradox wirklich werden, dass das Böse ein Gutes schaffe (210).

Quelle

Liliane Frey-Rohn, in: Das Böse. Studien aus dem C.G. Jung-Institut Zürich, Rascher 1961

 

Eine Erklärung zur Entstehung des Auszuges aus dem Aufsatz der Jungianerin Frey-Rohn

Den Auszug habe ich erst in meinem vorgerückten Alter erstellt. Ich wollte mich nochmals vergewissern, warum ich ihn in jungen Jahren so positiv aufgenommen habe, während ich ihn heute als äusserst problematisch beurteile. Heute fällt mir die schwammige Logikführung auf, die allerdings ein allgemeines Merkmal des Schreibens ihres Mentors C.G. Jung ist. Das Anliegen von Frey-Rohn ist jedoch, das Recht auf die Befriedigung sexueller Wünsche zu verteidigen und dies im Sinne der Jung’schen Psychologie zu begründen. Das Sexuelle sei nicht etwas Böses, wie Moralapostel vorgeben, sondern eine natürliche Lebensquelle. Auch aggressive Impulse seien nicht einfach böse, sondern gehörten zum Urgrund des tierischen und menschlichen Daseins. Unsere triebbedingten Wünsche und Impulse dürften selbstverständlich nicht einfach ausgelebt werden. Als Menschen seien wir für unser Tun verantwortlich, sogar für die schlechten Auswirkungen, die aus Verdrängung resultieren. Ganz wichtig und zentral sei, dass wir über unseren „Schatten“, unser Böses bewusst würden und verantwortlich handeln. – Im Grunde stellt die Jungianerin ihre eigene Sicht, wie das Böse aufzufassen und zu behandeln sei, dem Jung’schen Konzept gegenüber, was aber leider nicht deutlich genug zum Ausdruck kommt.