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374 - Bundesrätin Calmy-Rey über ihre Arbeit und Feminismus – 2007

 

Aus Rede der Bundesrätin Micheline Calmy-Rey: Um wirklich Einfluss nehmen zu können, brauchen Frauen mehr Macht (20). Doch in der Ausübung von Macht stossen Frauen immer wieder auf unterschwellige Ablehnung und Widerstände (21). Sie bleiben Fremde in der Gemeinschaft der Frauen und Fremde in der Gemeinschaft der Männer (21). Es ist der Mythos der sanften und passiven Frau, der im Hintergrund rechtfertigt, dass Entscheidungsträgerinnen dämonisiert werden (20). Der Mythos geschlechtsspezifischer Unterschiede sei noch immer sehr lebendig: Passivität steht Aktivität gegenüber, dem Schatten das Licht, der Nebenrolle die Hauptrolle, der Intuition die Rationalität, der Unterordnung die Herrschaft (21). Spielt die Frau eine sichtbare Rolle in der Gesellschaft werde sie deshalb als Eindringling wahrgenommen (22).

Die Strategie der Abwertung von Frauen in verantwortungsvollen Positionen erfolge nicht ohne Hintergedanken. Sie ziele darauf ab, die gesamte weibliche Bevölkerung einzuschüchtern und sie daran zu erinnern, dass ihr wahrer Platz anderswo, nämlich zu Hause, sei (22).

Und wenn eine Frau trotzdem in einer typischen Männerdomäne tätig sei, versuche man noch immer, ihre Arbeit mit der Tätigkeit der Hausfrau in Verbindung zu bringen. Es hiess, was habe sie (Calmy-Rey) im Grunde genommen anderes getan, als den Haushalt eines Kantons zu führen, als sie ein kränkelndes Finanzdepartement übernahm und die Sanierung der Kantonalbank leitete (23).

Dieser Strategie müssten wir ein anderes Bild von Führungsverantwortung gegenüber stellen. Wir müssen auf positive Identifikationen hinwirken, wir müssen Frauen ermutigen, aus dem Schatten und aus dem zweiten Glied hervorzutreten (23).

Frauen haben ein grosses innovatives Potential. Sie sind weder in die Wirtschaftslobby eingebunden, sie sind unabhängiger, sie arbeiten mit anderen Strategien als Männer. Frauen bringen andere Erfahrungen und Werte mit sich. Sie sind mehr am Gemeinwohl und weniger an Karriere und Lorbeeren interessiert. In diesem Sinne wirken sie verändernd. Frauen haben ein anderes Verhältnis zur Macht. Dies stellt auch den Nimbus der Macht in Frage. Zudem wirken Frauen allein durch ihren wesentlich anderen Blick potenziell destabilisierend (23).

Ich möchte die bereichsübergreifende, nicht hierarchische Arbeitsorganisation einführen und die Dienstleistungsbedürfnisse möglichst benutzernah definieren. Ein solches Vorgehen ist nicht immer einfach, da es dem traditionellen hierarchischen Aufbau widerspricht. Dialog, Mitsprache und Mitwirkung als Prozess sind auch eine Chance für Frauen, die hier ein Ausdrucks- und Handlungsfeld finden können, das ihnen mehr entspricht (24-25).

Ein vernetztes und gemeinsames Agieren erweitert die Einflussmöglichkeiten von Frauen. Zum Beispiel sei es ihr in Sachen Friedensförderung durch wiederholte schriftliche Aufrufe an den UN-Generalsekretär gelungen, geschlechtsspezifische Anliegen in die zu schaffende Kommission einzubringen (26).

 

Quelle

Frauen wollt ihr noch 962 Jahre warten?- Micheline Calmy-Rey über echte Chancengleichheit, Xanthippe 2006