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308 – Frauen in den Kulturwissenschaften: Mathilde Vaerting – Alice Rühle-Gerstel – Hannah Arendt

  

1. Mathilde Vaerting

 

Strukturelle Mechanismen

Die Brisanz der Untersuchungen von Mathilde Vaerting liege in dem bis heute (1994) ungewöhnlichen Verfahren, von strukturellen Mechanismen der Geschlechterhierarchie auszugehen und diese für die Untersuchung der Herrschaft zwischen anderen gesell­schaftlichen Gruppen produktiv zu machen. Ihre These war (1928/29), dass die Zuschreibungen geschlechtsspezifischer Eigenschaften Momente der gesellschaftlichen Machtverteilung seien, und dass somit der 'Charakter der Frau' Chiffre für die Herrschaftsverteilung zwischen den Geschlechtern sei. Mit diesem Perspektivenwechsel habe Vaerting die seit der Jahrhundertwende verbreiteten geschlechter-psycholo­gischen und sexualwissenschaftlichen Erklärungsmodelle für die Verschiedenheit der Geschlechter umgestürzt. Dass die Konstruktion des Unterschiedes ein wesentlicher Faktor für den Mechanismus der Macht sei, dies hätten damals schon zwei Philosophinnen, also nur Frauen, erkannt: Alice Rühle- Gerstel und Hanna Meuter.

Nichtwahrnehmung weiblicher Produktivität

Vaerting habe die jeweiligen Zuschreibungen der intellektuellen Kompetenz von Männern und Frauen als ein "reines Machtprodukt" betrachtet. Die unterschiedliche gesellschaftliche Bewertung weiblicher Produktion verdanke sich nicht einem spezifischen Typus von Weiblichkeit - wie er etwa im Topos der Mütterlichkeit aufgefasst wird - sondern sei eine Frage von Herrschaftsstrukturen. Ein Effekt dieser Strukturen sei die Nichtwahrnehmung weiblicher Produktivität. Die Frau, die hervorragende Leistungen vollbringe, werde entweder als Ausnahme von ihrem Geschlecht, noch lieber als männlich bezeichnet.

Entliehener Raum

Schon 1932 schrieb Mathilde  Vaerting: "Die ganze Welt, wie sie heute ist, ist Männerwelt. Der Raum, in dem sich die Lebensgestaltung und Zielsetzungen der Frauen vollzieht ist entliehener Raum; der Raum der Werte und der Wirklichkeit gehört den Männern." Ihre Aufmerksamkeit richtete sich darauf, wie Frauen mit ihrer Objektrolle umgehen. Sie definierte die weibliche Situation, die "Weiblichkeit" als Aktivität, als beständiges Hin und Her zwischen männlichen und weiblichen Daseinsmöglichkeiten. Die Möglichkeiten der Frauen seien nicht Eindeutigkeit, Selbstgewissheit und Identifikation (mit Beruf und Staat), sondern Umwegigkeit, Klugheit, Parodie und Ironie. Beherrschenden komme keine eigentliche Kultur zu. Rühle-Gerstel komme zu einer Sichtweise weiblicher Subjektivität, die provozierend auf kritisches Denkvermögen und Entscheidungsfähigkeit poche. Keine Interpretation sei zu akzeptieren, die Besitzstand der Macht werden könnte. Und die Macht greife bereits in den inneren Formierungsprozess der Weiblichkeit ein. Daher sei Weiblichkeit erst zu erstreiten, durch die Fähigkeit zur Distanz dem eigenen Ich gegenüber und durch geschichtliche Verantwortung der Frau.

Zwei relevante Werke nicht rezipiert

Nach 1945 sei Mathilde Vaerting weder in den Erziehungswissenschaften rezipiert worden, noch sei sie in der Geschichte der Soziologie, in deren thematischen Kontext sie Ende der 20er Jahre zwei relevante Werke veröffentlicht habe, zu finden.

 

2. Alice Rühle-Gerstel

 

Denkvorschläge

Ihre theoretische Leidenschaft habe dem Marxismus gegolten. Aber ihre Schriften ähnelten in keiner Weise jenen gigantischen Lehrgebäuden, in denen alles Zufällige und Partielle in das eiserne Band der "geschichtlichen Notwendigkeiten" hineingeschmiedet werde. Rühle-Gerstel schreibe "Denkvorschläge". Die Vorläufigkeit ihrer Argumentationsweise sei aber keineswegs einem begrenzten theoretischen Vermögen zuzuschreiben. Sie sei Ausdruck der Einstellung, dass "die Sicherheit zeitloser Grundsätze niemals an die Stelle von Erfahrung treten" dürfe. Sie wollte sich auf die Komplexität der Realität einlassen und vor allem die Realität in Sprache übersetzen. Ihr ging es um jene Realität, die im wissenschaftlichen Diskurs keinen Raum fand; nämlich die der Frauen und der Arbeiterkinder. Ihr Interesse habe einem Wissen gegolten, das offen für gesellschaftliche Widersprüche sei und das emanzipative Vorstellungen und Entwürfe zu formulieren verstehe, die ein Leben "ohne die Bürde des bürgerlichen Ich vorstellbar machen". Dieses Interesse habe sie zum Marxismus und zur Individualpsychologie von Alfred Adler geführt. Bei Adler habe sie das Schauspiel eines Bewusstseins vorgefunden das der unausweichlichen Erfahrung der eigenen Minderwertigkeit zu entkommen suche. Es flüchte sich in eine imaginäre Welt, dessen Funktion einzig darin bestehe, die Einheit des Ich auf zwangshafte Weise wiederherzustellen. Hinter diesem kommunikationslosen oder autoritären Ich, das in der Unterwerfung anderer Befriedigung findet, stecke nach Adler mangelndes Selbstbewusstsein. In jedem Individuum bestehe aber so viel Entscheidungsspielraum dass sich seine Phantasien und Fähigkeiten in eine andere Richtung lenken liessen.

Ingeborg Nordmann bemerkt dazu: Das sind zwei Denknotwendigkeiten, die auch heute noch nicht zu den selbstverständlichen Orientierungen feministischen Denkens gehöre.

Die Argumentationsweise Alice Rühle-Gerstels erinnere an das, was Benjamin und Brecht die kritische Funktion eines "plumpen" Gedankens genannt haben. Er entmythologisiere das Denken, indem er es aus der geheimniskrämerischen Zone des Tiefsinns herausholt und ihm eine wahrnehmbare und präzise Gestalt gebe. Ihre Darstellung vermittle den Impuls, Einstellungen und Verhaltensweisen in den Kontext des Konkreten zu stellen, sie situativ zu interpretieren und jenen makroskopischen Blick zu vermeiden, der das Eigentliche immer im Ganzen, im Untergründigen und Ewigen suche.

 

3. Hannah Arendt

 

Einfallstor von Realität

Erfahrung verkörpere die Schaltstelle zwischen Realität und Theorie. Arendts Erfahrungsbegriff sei komplizierter als oft angenommen werde. Er sei durch Lektüren von Husserl und Heidegger legiert. Erfahrung markiere das Einfallstor von Realität, aber es führe kein direkter Weg von ihr zu einem Urteil, das Realität zu übersetzen vermöchte.

Von der Fiktion trennen

Hannah Ahrendt fordere dazu heraus, sich von der Fiktion zu trennen, einer in sich logisch und folgerichtig geschlossenen Theorie komme der grösste Wahrheitsgehalt zu. Es könne überhaupt keine Theorie geben, die als Universalschlüssel zur Wahrheit funktioniert.

Denkfigur Paria

Eine Denkfigur durchziehe Arendts ganzes Werk, die des "Paria". Die Vorstellung vom Paria habe sie erstmals in der Biographie über Rahel Varnhagen entwickelt. Mit dieser Denkfigur habe sie versucht, der komplexen Situation, von objektiver gesellschaftlicher Randstellung, bewusster Einforderung der Emanzipation und Verweigerung der Assimilation einen Namen zu geben. Der Paria markiere einen Einschnitt in Hannah Arendts Entwicklung. Sie sagte, dass man sich in einer im grossen Ganzen judenfeindlichen Gesellschaft nur assimilieren könne, indem man sich an den Antisemitismus assimiliere. Zufolge ihrer Erfahrung mit der deutschen Intelligenz, die sich in der Regel an den Nationalsozialismus anpasste, habe sie ihre Pariavorstellung präzisiert: "Zählen werden nur die, die bereit sind, sich weder mit einer Ideologie noch mit einer Macht zu identifizieren“.

Substantielle Identität

Die uneingeschränkte Anerkennung der jüdischen Identität habe für Arendt den Stellenwert einer politischen Demonstration. Dagegen lassen ihre Anmerkungen über ihre Existenz als Frau den politischen Raum leer. Zwar könne weder die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk noch zum weiblichen Geschlecht eine substantielle Identität begründen.

Distanz sich selbst gegenüber

Die Selbstverständlichkeit, mit der Arendt behaupte, sie habe immer getan, was sie wolle, lasse die Distanz sich selbst gegenüber verschwinden und damit auch den Raum, in dem über Differenz nachgedacht werden könne. Die Geschlechterdifferenz gehöre zu jenem "dunklen Hintergrund" der Pluralität, den es zu bewahren und zu schützen gelte. Doch seien Geschlechterdifferenz und Differenz im politischen Raum nicht identisch.

Gedanke der Pluralität

Augustins These sei, dass der Mensch ein anfangendes Wesen sei. - In Zeiten, wo die politische Gleichheit nicht mehr auf dem der polis entnommenen Gedanken der Pluralität beruht, sondern auf dem Konstrukt des Menschen, werde die tatsächliche Verschiedenheit in den privaten Raum gedrängt.

Quelle

Barbara Hahn: Frauen in den Kulturwissenschaften, 1994. Von Lou Andreas-Salomè bis Hannah Arendt, Beck 1994