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136 – Agnes Heller – Die Gefühlswelt historisch gesehen

 

Das erste grosse Thema

Historisch gesehen war die Gefühlswelt das erste grosse Thema der philosophischen Reflexion. Erst später wurden Instinkte, Bedürfnisse, Persönlichkeit Gegenstand der Philosophie. Das Thema ist im 19.Jahrhundert bis heute aktuell. Der Standpunkt der Philosophin Agnes Heller ist die ursprüngliche Einheit von Gefühl, Denken und Moral. Dieser Standpunkt ist zugleich ihr ordnender und organisierender Wert. Sie will beweisen, dass der 'einheitliche Mensch' eine empirische Tatsache ist, und zwar in dem Sinne - weil es keine 'reinen Tatsachen' gibt." Eine "nicht weniger empirische Tatsache" bestehe darin, dass die gegenwärtige Gesellschaft die partikularen Gefühle produziert und fixiert, und zudem die Entfremdung der Gefühle sowie die Unbezwingbarkeit einiger Affekte reproduziert. Menschen sind zwar einheitliche Wesen, "doch die Persönlichkeit ist gespalten". Hellers Wertewahl ist die einheitliche, sich in den Anforderungen (Aufgaben) der Welt verwirklichende gefühlsreiche Persönlichkeit" (S.15).

Primär ein moralisches Problem

In der Antike war das Gefühl primär ein moralisches Problem, es wurde immer der Analyse der Tugenden untergeordnet. Die höchste Tugend war im guten Staatsbürger verkörpert, daher sollten auch die Gefühle dem guten Staatsbürger angemessen sein. Beim Hedonismus, der den Lebensgenuss als höchstes Gut auffasst, wurde die Entwicklung der Genussfähigkeit gefördert.

Der Maßstab des mittelalterlichen Christentums war der gute Christ. Da infolge des Dualismus "Geist-Seele" nur die seelisch/geistigen Gefühle das moralisch Gute verkörpern konnten, sollten die zum Leib gehörenden Gefühle so weit als möglich unterdrückt oder wenigstens im Zaum gehalten werden.

Zusammenhang von Gefühl und Moral

Der Zusammenhang von Gefühl und Moral blieb auch in der bürgerlichen Epoche zwar erhalten, wurde jedoch von ganz andersartigen theoretischen und wertenden Standpunkten durchkreuzt, indem die Existenz der Moral nicht mehr als etwas "Natürliches" vorausgesetzt wurde. Es wurde nötig, eine Moral auf neuen Wegen zu begründen. Ein erster Weg nahm die Gefühlswelt zum Ausgangspunkt, indem das Moralische aus Grundgefühlen abgeleitet wurde. Ungeachtet, ob die Ableitung primär aus dem 'Gefühlselement' Egoismus (Habsucht) oder dem Altruismus (moralische Gefühle, Sympathie) abgeleitet wurden, beruhe dieser erste Weg auf dem Reduktionismus .

Psychologisierung

Ein nächster Versuch war, das Problem durch Polarisierung von Gefühl und Verstand (Vernunft) zu lösen. Kant begründete die Dreiheit von Wille, Erkenntnis, Gefühl transzendentalphilosophisch, wobei der Zusammenhang von Gefühl und Moral nur in negativer Form erhalten blieb. Durch die Psychologisierung dieser Dreiheit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Gefühl von der Moral abgelöst, und die ideologische Zweckrationalität nahm eine fachwissenschaftlich-empirische Form an. Heller verweist auf Max Weber, der diesen Prozess beschrieben habe: Sigmund Freud habe ihn ausgedrückt. Ihre Repräsentativität und Größe bestehe in der Auseinandersetzung mit der positivistischen Ideologie, akzeptiere jedoch leider die psychologische Spaltung von Gefühl und Kognition als angebliche "Tatsache der Psyche", wenngleich Weber diese Spaltung als eine Problematik sah und Freud als eine Tragik. Von daher komme der tiefe anthropologische Pessimismus im Denken beider Männer.

Zum Trieb degradiert

Bei Freud sei das Gefühl zum Trieb degradiert. Der Verstand und die Moral wurden damit als separate, zu organischer Einheit unfähige 'Welten' gesetzt. In Freuds „Seelensack" sei das Ich Organ des zweckrationalen Denkens und Handelns. Dieses Ich werde von zwei Seiten bedrängt, einerseits von den Trieben (Es), anderseits von der wertrationalen Kultur (Moral, Überich). Freud forderte, dass die Bedürfnisse triebmässig-gefühlshafter Art im Prozess der Selbstverwirklichung befriedigt werden müssen. Heller wendet jedoch ein, wenn es einzig und allein die Aufgabe des Ichs sei, sich in der Welt zurechtzufinden und sich die Welt anzueignen, also unter Ausschluss der Gefühlswelt, sei im Rahmen der Aufgabenerfüllung eine wirkliche Selbstverwirklichung nicht möglich.

Zweckrationales Handeln

Für die positivistische Psychologie bzw. den Behaviorismus bestehe die Selbstverwirklichung lediglich im zweckrationalen Handeln. Das Gefühl erscheine entweder als ein bloß 'störender Faktor' im Prozess des zweckrationalen Handelns oder als eine bloße Begleiterscheinung (Epiphänomen). C.G. Jung dagegen bezeichnete das rationale Denken als Störfaktor für das Gefühl: "Nichts aber stört das Fühlen so sehr wie das Denken". Diese Sicht brachte Jung den Vorwurf des Irrationalismus ein (14). Die zentrale Frage des 20. Jahrhunderts war die Frage nach dem Verhältnis zwischen Fühlen und Denken, zwischen Gefühl und Rationalität. Sie wurde von den bedeutendsten Denkern akzeptiert, ungeachtet ihrer gegensätzlichen Antworten (Positivismus, Irrationalismus).

Naiver Utopismus

Neue Bestrebungen kamen von Seiten der Gestaltpsychologie und vom Neofreudianismus. Diese behoben innerhalb der Psychologie den bloß "empirischen Fachcharakter", begannen aber den theoretischen Gegensatz von zweckrationalem Denken und wertrationalem Gefühl als grundlegend anzuerkennen. Nach Heller huldigen diese Psychologien einem naiven Utopismus. Dies, weil sie die "die Gegenwart transzendierende Zukunft in der Herausbildung einer einheitlich fühlenden und denkenden authentischen Persönlichkeit" sehen. Deren Optimismus blende die Fragen aus, die vom anthropologischen Pessimismus gestellt wurden (Max Weber, Freud).

In etwas involviert.

Nach Agnes Heller ist es wenig sinnvoll, vom Gefühl in der Einzahl zu sprechen, denn wir sind immer mit unterschiedlichen Gefühlen konfrontiert. Dass ich mich 'getroffen fühle', Hunger habe, den Sonnenschein genieße oder jemanden verachte - diese Gefühle sind verschieden und spielen in meinem Leben eine sehr unterschiedliche Rolle. Anstatt vom 'Gefühl' im allgemeinen zu reden, geht Heller von einer Typologie der Gefühle aus. Für Heller bedeutet Fühlen, in etwas involviert zu sein. "Ich fühle" heisst, ich bin in etwas involviert.

Dieses "Etwas" kann alles sein

Dieses "Etwas" kann alles sein: ein anderer Mensch, eine Idee, ich selbst, ein Vorgang, ein Problem, eine Situation, ein anderes Gefühl. Dieses Etwas ist aber nicht immer ein konkretes Objekt, denn es gibt auch objektlose Wünsche und objektlose Furcht. Das Involviertsein kann positiv und negativ, aktiv und reaktiv, direkt und indirekt sein. - Zum Beispiel: Ich will eine mathematische Aufgabe lösen: in diesem Fall bin ich aktiv involviert. Die Involviertheit ist positiv und direkt: die Aufgabe reizt und interessiert mich. In einem anderen Fall ist das Involviertsein auch positiv, aber indirekt. Dies, wenn mich das Ganze langweilt, aber ich werde, falls ich die Aufgabe löse, Erfolg haben und den Wettbewerb gewinnen. In einem dritten Fall ist das Involvement negativ und direkt: wenn ich die Aufgabe nicht löse, wird man mit mir schimpfen, werde ich die Stelle verlieren. Im vierten Fall haben wir es mit Kombinationen zu tun: die Sache reizt und interessiert mich, aber ich habe das Gefühl "es wird doch nichts draus".

Beim Zeitungslesen

Beim Zeitungslesen bin ich reaktiv involviert. Eine Reaktion löst in mir nur das aus, was für mich Bedeutung hat. Wenn ich das Gelesene auf mich selbst, auf meine Ideen, Ziele, Lebensumstände beziehe, bin ich direkt involviert. Mein Gefühl kann sich auf den Informationserwerb beziehen. Ich blättere in der Zeitung nach den Todesanzeigen, schaue nach, wer gestorben ist, einige überfliege ich (ich bin nicht involviert), bei anderen zögere ich, lese nach: "Diese Person kannte ich doch, tut mir leid für sie" oder: "Sieh mal, auch die Schurken leben nicht ewig" oder "Der war doch in meinem Alter", ich bin involviert, da ich die Informationen auf mich beziehe. Mit anderen Worten: ich empfinde Mitleid, Schadenfreude, Furcht oder wenigstens Angst.

Der Kreis meines Involviertseins kann sehr ausgedehnt sein. Ich fühle mich nicht nur durch das Unglück oder den Tod einer Nachbarin getroffen, sondern auch vom Unglück weiter entfernter Menschen (Naturkatastrophen, Krieg).

Inhärenter Bestandteil

Das Involviertsein ist keine Begleiterscheinung, es ist ein inhärenter Bestandteil des Denkens und Handelns. Das Involviertsein kann momentan oder kontinuierlich sein, kann unsere ganze Person oder nicht unsere ganze Person betreffen, intensiv, extensiv, oberflächlich, bewahrend, erweiternd, auf Vergangenheit, Zukunft oder Gegenwart orientiert sein oder auch Kombinationen dieser Aspekte enthalten. Das Fühlen bzw. das Involviertsein kann im Vordergrund stehen, also Figur sein, oder im Hintergrund stehen. Beim Verliebtsein hat das Fühlen Figur-Rolle, auch in Situationen, wo die Beziehung, die Handlung oder das Denken blockiert ist.

Regulierende Funktion

Wir Menschen beginnen von Geburt an, uns die Welt von unserem eigenen Organismus aus anzueignen. Menschen verhalten sich zur Welt, was Tiere nicht tun. - Das Involviertsein ist nichts anderes als die regulierende Funktion des Ichs, des Subjekts, in der Beziehung zur Welt. Es bedeutet Führung bei der Bewahrung der Kohärenz und Kontinuität der subjektiven Welt (38). Das menschliche Fühlen ist eine Folge des Instinktabbaus. - Vor allem müssen wir lernen zu erkennen, was wir fühlen, weil wir uns sonst selbst nicht helfen können, da wir keine instinktgelenkten Wesen sind. Das Wahrnehmen des Gefühls ist nicht identisch mit der Deutung des Gefühls. Es gibt Menschen, die, wenn sie hungrig sind, Magenschmerzen oder Ohnmachtsgefühle haben, gleichzeitig aber wissen, dass sie hungrig sind. Das Wissen ändert an der Gefühlsqualität (Hunger) zwar nichts, jedoch bezüglich eines adäquaten Handelns. Wenn wir in einem solchen Fall nicht wüssten, dass wir hungrig sind, wäre die Homöostase in Gefahr.

Verhältnis zur Moral

Das Fühlen steht in keinem eindeutigen Verhältnis zur Moral. Bald wird der Verstand oder die Vernunft, als Träger und Hüter der Moral gewertet, bald die Gefühle im Gegensatz zum Verstand, dem Denken. Ein moralisch edles Gefühl kann sich als vernunftwidrig erweisen, falls es im Erkennen einer Situation, der Menschenkenntnis versagt, also der Klugheit. Ein moralisch edler Geist kann sich als emotional inkompetent erweisen (286).

Form der Arbeitsteilung

Der Gegensatz zwischen dem rationalen Denken und der emotionalen Innerlichkeit erscheint in der bürgerlichen Weltepoche auch in Form der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Die unaufhörliche Wiederholung, wonach der Mann das "Denken" verkörpert und die Frau das "Gefühl", ist ein Produkt der bürgerlichen Weltepoche. Die Entstehung verdankt diese Theorie der Entstehung der bürgerlichen Familie. Diese Familie ist der Tendenz nach durch die Innerlichkeit charakterisiert und deren Erschaffung in erster Linie Pflicht der Frau. Sie muss also die entsprechenden Gefühle: Anhänglichkeit, Liebe, Zärtlichkeit, Feinsinn, Taktgefühl in sich selbst und in ihrer Umgebung entfalten und pflegen (291).

Denken und Männlichkeit

Gegen diese gesellschaftspolitisch verordnete Art der Verbindung von Denken und Männlichkeit wurde immer wieder polemisiert. Im Namen der Vernunft wurde eine Polemik gegen die entfremdeten Gefühle betrieben und im Namen der Gefühle gegen den entfremdeten Verstand. Die "verdorbene" Vernunft und das sich vor der Welt versperrende, in die eigene Innerlichkeit zurückziehende Gefühl abstrahieren gleichermaßen von der Moral, denn beide folgen dem Prinzip des Egoismus. Der Gegensatz zwischen dem rationalen Denken und der "Innerlichkeit" des Gefühls erscheint in der bürgerlichen Weltepoche – wie bereits gesagt - auch in Form der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, zwischen Zweckrationalität und Wertrationalität (287-288).

Gefühlsbarbarei - Quasi-Drive

Die durch den Müßiggang entstehende Gefühlsstruktur ist die der raffinierten "Gefühlsbarbarei". De Sade preist den Sadismus als ursprüngliche Drive-Gefühle an. Quälen und Töten als höchsten Gefühlsgenuss, während das Bedürfnis nach Harmonie lächerlich gemacht wird. Die Gier nach immer mehr "Besitz" gehört ebenfalls zu den Quasi-Drives. Die Bedingung des normalen Gefühlshaushaltes ist die gesellschaftlich notwendige Arbeit als fähigkeitsentwickelnde Aufgabe. Die Aufgabe ist für das Individuum auch Zweckwert und damit 'gewählter Prozess'. Diese Arbeit ist aber nicht bloß Zweck, sie wird mit den persönlichkeitsentfaltenden Aufgaben koordiniert oder ihnen untergeordnet. Zu diesen gehören insbesondere die Entwicklung der unmittelbaren menschlichen Beziehungen (emotionale Dispositionen) sowie die Aufgaben, die sich auf die Gesamtheit der Gesellschaft, auf die 'Sache der Menschheit' beziehen (284).

Wechselwirkung von Arbeit und Gefühlswelt

Die Pflege der Gefühle ist ein unerlässlicher Aspekt des "normalen" Gefühlshaushaltes. Wenn wir Werte, Arbeitsaufgaben und Ziele wählen, müssen wir immer wieder prüfen, ob unsere Gefühle den gewählten Werten entsprechen und ob wir in unsere Arbeit und Ziele emotional hineingewachsen sind. Die Gefühle werden also vom Gesichtspunkt unserer Arbeitsaufgaben, der Werte gewählt. Der Blick richtet sich in erster Linie nach aussen, nach den Werten und Aufgaben. Dabei wird ein Teil unserer Gefühle in Handlung und Verhalten umgesetzt. Das heisst, die Reflexion betrifft die Handlung selbst, und die Gefühlswelt wird vom Gesichtspunkt anderer Menschen reflektiert. Diese Überprüfung erfolgt jedoch nicht ständig, sondern bei Knotenpunkten und in Konfliktsituationen. Die Wechselwirkung von Arbeit und Gefühlswelt "regelt" den Gefühlshaushalt.

Unmittelbarkeit und Spontaneität

Der "normale" Gefühlshaushalt hebt die Spontaneität der Gefühle nicht auf. Vielmehr wird durch die bewusste Wahl von Gefühlswerten und deren Umsetzung in Handlung eine "zweite Natur" in uns aufgebaut. Diese "zweite Natur" funktioniert tatsächlich auf "natürliche" Weise. Wir können uns ihren Impulsen und "Instinkten" anvertrauen. Dies ist die höhere Form von Unmittelbarkeit und Spontaneität. Sie enthält den Aspekt der Selbsterkenntnis und der Selbstformung. Diese sekundäre Unmittelbarkeit kann ohne entschiedene Hingabe an andere Menschen nicht entwickelt werden. Wenn die Innerlichkeit der Gefühlswelt der einzige Gegenstand unserer Reflexion ist, nehmen unsere Innenwelt, unsere Handlungen und unser Verhalten eine narzisstische Form an. Unsere Gefühlswelt wird immer narzisstisch, wenn wir sie der entfremdeten, weltorientierten Kognition und Handlung polemisch gegenüberstellen.

Gefühls- und Handlungsimpulse

Diese Erkenntnis ist zentral, denn im Namen von "Ganzheitlichkeit" wird neuerdings nicht selten die ständige Reflexion der eigenen Befindlichkeit in den Vordergrund gerückt. Das Wissen, dass sich durch das Involviertsein in die Rechte und Bedürfnisse anderer Menschen eine sekundäre und höhere Form der Spontaneität entwickeln kann, ist von praktischem Wert. Es wird dann nicht mehr möglich, das ständige Durchsetzen eigener Gefühls- und Handlungsimpulse als "Ganzheitlichkeit", "Echtheit" und "Spontaneität" zu bemänteln.

Gipfelpunkte der Gefühlswelt

Für Agnes Heller sind Liebe, Zuneigung, Freundschaft die Gipfelpunkte der Gefühlswelt (325).

Quelle

Agnes Heller: Theorie der Gefühle, VSA-Verlag Hamburg, ungekürzte Studienausgabe, 1981