traum-symbolika.com

307 - Irene Kummer - Das Babuschkaprinzip

Formative Erziehung

Basis ihres Buches bzw. ihrer Psychotherapie sei die Individualpsychologie von Alfred Adler sowie die Idee von der formativen Erziehung bei Stanley Keleman. Adler gehe von einer "unbewusst wirkenden ganzheitlichen Organisation unseres individuellen Seins" aus. Keleman habe diesen ganzheitlichen Ansatz zu einem "organismischen Modell" entwickelt.

Generationen übergreifend

Kummer bringt mit dem sogenannten Babuschkaprinzip den generationenübergreifenden Aspekt in die Therapie hinein: "Tragen wir nicht alle auch diese Generationen in uns selber mit, als einverleibte Schichten unserer Existenz?"(11). - Mit dieser Auffassung trifft sie mit dem "Familiären Unbewussten (Szondi) sowie mit der systemischen Familientherapie überein. Zudem lässt sich diese Sicht bestens mit Agnes Hellers Modell vereinbaren.

Ordnendes und gestaltendes Prinzip

Kummer versteht das Babuschkaprinzip zugleich als "ordnendes und gestaltendes Prinzip" für die Entwicklung des Kindes. Die Entwicklung versteht sie als ein "formbildender Prozess des Kindes, das es zu seiner erwachsenen Gestalt führt" (12). - Mit dieser Sicht trifft sich Irène Kummer mit Agnes Hellers Vorstellung überein, dass sich Entwicklung als einen Prozess des Fühlen-Lernens verstehen lässt, der Wahrnehmen, Benennen, Differenzieren, Werten, Wählen, sowie das Erkennen der Gefühle bei anderen Menschen umfasst etc.).

Beziehungsqualitäten einverleiben

Die erzieherische Aufgabe sieht Kummer als eine "formative", die es dem Kind ermöglicht, Unterstützung und Begleitung in seinem je eigenen Prozessen der Selbstgestaltung zu bekommen. So könne es sich die elterlichen "Beziehungsqualitäten einverleiben, um mit sich und anderen im Dialog zu sein (12).

Sich eine Form geben

Der Begriff "formativ" gefällt mir im Zusammenhang mit Erziehung nicht, da er zu sehr an aktives und autoritäres formen und lenken erinnert, obgleich das von Kummer gemeinte durchaus mit Agnes Hellers Modell kompatibel ist. Kummer sagt nämlich explizit, Formbilden heisse nicht, Kinder zu formen, sondern Eltern sollen dazu beitragen, dass Kinder aufgrund von einverleibten Erfahrungen sich selber eine Form geben können. Nach Heller geschieht die Formung durch den Prozess des Fühlen-Lernens, bei dem sowohl bewusste (durch die Eltern vermittelte), als auch unbewusste (im Kinde ablaufende) Prozesse eine Rolle spielen.

Vielschichtigkeit der Babuschka-Gestalten

Nach Kummer bedeutet dies, dass sich die Eltern mit ihrer eigenen vielschichtigen Babuschka-gestalten auseinandersetzen sollen (12). - Diese Vorstellung trifft sich sowohl mit Hellers Forderung nach "Selbstgestaltung" jeder menschlichen Person, also auch von Eltern, sowie mit der Forderung der "Charta für die Ausbildung in Psychotherapie nach "Selbsterfahrung" von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Die Psychotherapie kann ja auch als eine Art therapeutische Elternschaft verstanden werden. Daher sind PsychotherapeutInnen gefordert, sich vorgängig mit  ihrer eigenen vielschichtigen und vielgestaltigen Person auseinanderzusetzen.

Väter haben eigene Möglichkeiten

Zur väterlichen Fürsorglichkeit vermerkt Kummer, Väter hätten ihre eigenen Möglichkeiten, Fürsorglichkeit auszubilden. Sie müssten nicht mit der Mutter konkurrieren. Es sei problematisch, von männlicher Mütterlichkeit zu sprechen, weil damit Väter um ihren eigenen Beitrag gebracht würden (104-105). Sowenig wie Fürsorglichkeit als "Mütterlichkeit" bezeichnet werden sollte, so wenig sollte die "liebevolle Beziehung" als "weibliche Welt" beschrieben werden.

Leibhaftiger Dialog

"Wir sind es gewohnt, Kinder vor allem als 'Beziehungsempfänger' zu verstehen" (165).

Beziehung ist jedoch „leibhaftiger Dialog in Geben und Empfangen" (165). - Unterstützung meint zweierlei: Direkte Hilfe und vorbildhaftes Modell (167).

Quelle

Irene Kummer: Das Babuschkaprinzip. Individualität und Verbundenheit von Eltern und Kindern, 1993