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355 – Den Knaben wurde um 1863 eingeredet, es sei eine Schande, vom Weibe geboren zu sein. Warum?

Klage eines Mädchens

Als einziges Mädchen zwischen vier Brüdern hatte ich trotz dem Vorzug, den ich  beim Vater genoss, einen schweren Stand. Edgar nahm durch das Recht der Erstgeburt und seine hervorragende geistige Begabung  eine Sonderstellung ein, die er als ein Naturrecht behauptete. Aber der derbe, urgesunde Alfred erkannte sein Übergewicht nicht an. Daher brandete  um den gebietenden Erstgeborenen ein beständiger Aufruhr, von dem alle Geschwister mitzuleiden hatten. 

Dämonischer Haß

Gegen das weibliche Geschlecht hatte Alfred einen dämonischen Haß, den er schon als kleines Kind an den Dienstmädchen und den weiblichen Gästen des Hauses zu betätigen suchte. In der Schule wurde er in dieser Gesinnung noch bestärkt, denn die Mädchen standen da in tiefer Missachtung. Trotz seiner unendlichen Gutherzigkeit hatte ich mich jahrelang vor ihm zu hüten. Es war ihm ein stetes Bedürfnis, mich irgendwie zu peinigen. Auf der Straße kannte er mich überhaupt nicht, denn er hielt es für unter seiner Knabenwürde, eine Schwester zu besitzen. Nicht einmal mit seiner Mutter, die er doch leidenschaftlich liebte, liess er sich gern öffentlich zeigen, es schien ihm ein Makel, vom Weibe geboren zu sein – gemeint, anstatt vom eigenen männlichen Geschlecht.

Schutzlos

In meinem zehnten Jahre geschah etwas Ungeheuerliches. Ich hatte mir einmal Herz gefaßt und war trotz meiner Furcht vor der bösen Straßenjugend am Vormittag, als eben die Schulen zu Ende gingen, allein das Mühlgäßchen hinaufgewandert. Aber an der steilsten Steigung kam mir ein Trupp Schuljungen entgegen, die bei meinem Anblick ein Indianergeheul ausstießen und mich mit Schneeklumpen überschütteten und nirgends ein Entrinnen. Und nun erkannte ich unter der Meute meinen Alfred, der tat, als hätte er mich nie gesehen und, statt mir zu Hilfe zu kommen, sich bückte, um mich gleichfalls mit Schneeballen bewerfen. Nicht nur, dass ich mich auf der Straße von lauter Feindseligkeit umgeben sah, deren Ursache dunkel blieb, und nun gesellte sich auch noch der eigene Bruder, der mich hätte schützen sollen, zu meinen Widersachern! Es war einfach eine Tragödie.

Besitz der Schwester

 Der Älteste hatte keine Spur von Geschlechtshochmut, er war vielmehr stolz auf den Besitz der Schwester. Aber er geriet in den schmerzlichsten Zorn, wenn ich anders wollte und suchte mir in allem sein Urteil und seinen Geschmack aufzuzwingen. Wenn ich mich wehrte, war er tief unglücklich und empfand es als einen Verrat an dem gemeinsamen Kinderland, das wir Hand in Hand in inniger Eintracht gegangen waren.

Mit lallender Kinderstimme

Es gab auch ganz dunkle Tage, wo sich alle gemeinsam gegen mich wandten und selbst unser kleiner Balde, der Nestling, sein Blondköpfchen zwischen den Stäben des Bettchens vorstreckte, um mit lallender Kinderstimme zu sagen „Ein Mädle, pfui!- Ich tät mich schämen, wenn ich ein Mädle wär.“

Mit Sanftmut entwaffnen

Ging das Mädchen aus einer geschwisterlichen Auseinandersetzung zerzaust hervor, so wurde sie noch von der Mutter gescholten. Sie pflegte dann nur zu sagen, dass sie als Mädchen durch Sanftmut die Gewalttätigkeit der Brüder entwaffnen müsse.

Quelle

Katharina Rutschky: Deutsche Kinder-Chronik. Wunsch und Schreckensbilder aus vier Jahrhunderten, 1984 (S.150-151).

Zur Autorin

Katharina Rutschky, geb. 1941, studierte Germanistik, Geschichte und Erziehungswissenschaften. Arbeitete ab 1971 als Lehrerin an einer Institution des 2. Bildungsweges in Berlin. Lebt seit 1980 als freie Autorin in Berlin.