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764 - Macho-Mamas. Warum Mütter im Job mehr wollen sollen

Nach vierzig Jahren Emanzipation sind die Frauen scheinbar am Ziel: Sie haben die gleichen Rechte wie die Männer, sie sind genauso gut wie  - wenn nicht besser – ausgebildet, sie sind in immer mehr gesellschaftlichen Bereichen selbstverständlich aktiv, sie haben in vielen Staaten Schlüsselstellungen erobert und erste Risse in die gläserne Decke der Wirtschaft geschlagen.

Dürfen wir uns also zurücklehnen und auf die Eigendynamik wirtschaftlicher Effizienz vertrauen? Darauf, dass eine sich international durchsetzende Frauenquote die Damen schon nach oben befördern wird‘ Weil wir endlich darin übereingekommen sind, dass Frauen nicht nur das Büro herausputzen, sondern auch den Umsatz?

Leider nein. Den modernen Frauen stehen nicht mehr die Männer im Weg, sondern der gefühlte oder eingelöste Kinderwunsch. Während kinderlose Frauen heute genauso Karriere machen können wie kinderlose Männer und Väter, gelingt das den Müttern praktisch nicht.

Es ist deshalb an der Zeit, den Fokus vom Geschlecht weg und auf den Nachwuchs zu richten. Denn im Genderdiskurs bleibt die Mutter unsichtbar.

Das Buch rückt deshalb die Mütter ins Zentrum der Debatte. Und mit ihnen die Väter. Es zeigt, warum Frauen sich vom Ideal der omnipotenten Mutter befreien müssen. Warum beide Geschlechter gewinnen, wenn Väter nicht bloss für gleiche Rechte in der Familie kämpfen, sondern auch die gleichen Pflichten übernehmen.

Das eigentliche Problem unserer Gesellschaft sind die hohen und einseitig verteilten Kosten des Nachwuchses. Ohne Umverteilung dieser Kosten wird sich weder die Gebärfreude doch der Karrierehunger der nachrückenden Generation von Frauen ankurbeln lassen.

Das Buch handelt eigentlich von der Familie und davon, was Frauen in sie hineingeben. Und wie wenig die Arbeitswelt diese Tatsache bislang beachtet hat.

Wir müssen die Emanzipation auch für Mütter erreichen. Dazu müssen wir nach den Patriarchen auch die zum Denkmal erstarrte Übermutter vom Sockel holen. Etwas Machismo können wir dabei gut gebrauchen. Der Macho steht für all das, was Mütter zu selten für sich in Anspruch nehmen: Raum, Aufmerksamkeit, Beharrlichkeit und auch Sturheit.

MachoMamas wollen die Selbstbestimmung, die Ambitionen, die Freiheiten, die sie in ihrem Vormutterleben errungen haben, nicht der Mutterschaft opfern. Sie wollen beides.

Kinder sind längst der Gegenentwurf zu den Werten unserer Zeit. Flexibilität, Mobilität, Effizienz, Individualismus, Leistung und Jugendlichkeit kollidieren mit den Idealen der Mutterschaft: Diese macht abhängig, fordert Hingabe und Verzicht. Seit dreissig Jahren, also seit Frauen überhaupt Optionen haben, breitet sich ein stummer Widerstand aus – immer mehr Frauen entscheiden sich gegen die Option Nachwuchs, deren Kosten sie einseitig zu tragen haben.

Japan hat mit 1.2 Kindern pro Frau die tiefste Geburtenrate aller wirtschaftlich hoch entwickelten Länder. Emanzipierte Japanerinnen sind nicht mehr bereit, den hohen Preis für die Mutterschaft zu zahlen, im Ernstfall wählen sie den Job und damit finanzielle Unabhängigkeit und Eigenständigkeit

Als die britische Bestsellerautorin Natasha Walter vor zwölf Jahren ihre optimistische Bestandsaufnahme The New Feminism veröffentliche, applaudierte sie den jungen Frauen, die sich selbstbewusst gegen jegliche Form von Bevormundung stemmten, die hohe Hacken ebenso heiss fanden wie hohe Literatur, die nicht nur zeigten, was sie konnten, sondern auch, was  sie hatten. Aber sie habe zugegeben, dass sie falsch lag. Wir leben in einer Zeit, in der sich die Puppen aus den Spielwarenregalen selbständig gemacht und das Leben von Mädchen und Frauen erobert haben

Wer Kritik an nackter Haut übt, gerät heute sofort unter Prüderieverdacht – die Höchststrafe im Kreis aufgeklärter Zeitgenossen. Das Wort Sexismus ist derart uncool in einer Zeit, in der Pole Dance als sportliche Selbstverwirklichung gehandelt wird und „geile Schlampe“ als Kompliment.

Sind wir Frauen heute vielleicht gar nicht gleichberechtigt, sondern privilegiert? Weil wir uns andere Werte leisten können? Weil wir es uns leisten können, auf Karriere zu verzichten, solange wir Männer an unserer Seite haben, die brav klettern?

Privilegiert oder benachteiligt sind heute beide Geschlechter. Nur: Es führt kein Weg daran vorbei, dass die Wirtschaft künftig auch die Frauen braucht. Und dass die Gesellschaft Kinder braucht. Das kann nur funktionieren, wenn nicht nur die Mütter, sondern alle Beteiligten den Kindern endlich einen Platz einräumen und sie sich etwas kosten lassen. Und wenn die Gesellschaft und mit ihr auch die Frauen endlich bereit sind, die Bilderbuchmutter mit all den längst überholten Rollenklischees zu entsorgen.

Oder ganz konkret: Erst wenn die Personalabteilung einer Schwangeren nicht nur einen Blumenstrauss schickt, sondern dazu eine Einladung zur Planung der weiteren Karriere, erst dann werden Mütter ermuntert, die Ambitionen nicht mit der Nabelschnur des Kindes zu kappen.

Es ist für arbeitende Mütter oft nicht einfach, das Baby zurückzulassen. Aber bei wem sollte es besser aufgehoben sein als beim verantwortungsvollen Vater?

Im Idealfall wäre die Rolle des Vaters ein Vorbild für männliche Emanzipation.

Den Männern fällt es schwer, ein Selbstbild zu entwerfen, in dem Sich-Kümmern ihrer Männlichkeit nicht widerspricht.

Männer müssen ihr Testosteron nicht verleugnen, sondern auch für die Familienverantwortung fruchtbar machen. Die darin schlummernde Energie können wir dort gut gebrauchen.

Die neuen Väter scheinen die Zeit mit ihren Kindern zwar sehr zu schätzen, sie aber als gewöhnungsbedürftiger und anstrengender zu empfinden, als sie es sich vorgestellt haben.

Die Väter müssen endlich mit anpacken und in der Rolle des aktiven Vaters das Selbstvertrauen entdecken, mit dem sie den MachoMamas Paroli und Partnerschaft bieten können.

Der neue Vater ist das fehlende Stück der Emanzipation.

Seit erfolgreiche Frauen kein Weltwunder mehr sind, sondern eine Normalität, hat sich die Faszination für die Power der Frauen in eine kollektive Angst verflüchtigt.

Noch sind die Brötchen-Mütter eine Ausnahmeerscheinung, aber sie sind auf dem Vormarsch.

Nur dreissig Prozent der Akademiker heiraten Frauen mit demselben Ausbildungs-Niveau.

Der Beta-Mann kann sich aus der Perspektive der Frau allerdings leicht als Omega-Mann entpuppen – als Verlierer, den sie dann auch noch durchfüttern muss. Als Beispiel eine Geschichte:

Die Krise der traditionellen Familie ist nicht allein der weiblichen Emanzipation anzulasten, sondern kommt daher, weil die alten Gendermythen sich hartnäckig halten und vor allem strukturell längst nicht überwunden sind.

Stephanie Coontz hat festgestellt, dass Paare mit einem neuen Rollenmodell, in dem sich beide die Aufgaben teilen, ein geringeres Scheidungsrisiko haben als Paare mit klassischer Rollenteilung. Wollen wir also die Familie retten, brauchen wir nicht weniger Emanzipation, sondern mehr.

Die Bedeutung der Karriere für Frauen und Mütter ist deshalb so wichtig, weil wir uns an einem Punkt befinden, an dem Frauen von der Ausbildung her die Männer in Anzahl und Qualität überrunden und an dem immer mehr Mütter für einen beträchtlichen Anteil des familiären Einkommens sorgen wollen oder müssen.  Es bedeutet, dass die Ernährerin und Karrieremutter zwei der wichtigsten weiblichen Rollen unserer nächsten Zukunft sein werden.

Karrieremutter darf kein Schimpfwort mehr sein, sondern im Gegenteil die Bezeichnung für eine produktive Notwendigkeit. Eine Form des Daseins, die unsere Töchter einmal anzielen werden.

Eine Führungsfunktion ist vorteilhaft für die Vereinbarkeit. Sie kann die Arbeitszeiten selbst bestimmen, ist also flexibler bezüglich privater Termine und muss niemandem Rechenschaft darüber ablegen. Sie kann delegieren und damit ihr Arbeitsvolumen besser kontrollieren. Und sie verdient im Vergleich so viel, dass sie wesentliche zeitfressende Arbeiten im Haushalt einer Putzhilfe und der chemischen Reinigung überantworten und so eine zweite Schicht nach Feierabend möglichst kurz halten kann.

Es ist an der Zeit, dass Führungspositionen auch für Mütter keineswegs nur Stress und schlaflose Nächte bedeuten

Macht die Emanzipation die Frauen frei, aber unglücklich? Wir wissen es nicht. Wir sind nicht die Frauen, sondern bloss zwei. Aber wir haben eine starke Vermutung. Der Glücksterror ist Blödsinn. Genauso unsinnig wie der weibliche Wettbewerb um das bessere Lebensmodell. Optionen zu haben gehört zu den Errungenschaften des Feminismus. Es war nie die Rede davon, dass sie mit einem Glücksversprechen einhergehen. Sondern es ging darum dass Frauen zu verschieden sind, um in einer einzigen Rolle glücklich zu werden.

Eine Frauenquote allein wird den Müttern nicht weiterhelfen. Weil sie wohl Frauen nach oben befördert, aber nicht die Hindernisse aus dem Weg räumt, die der weiblichen Mehrheit, den Müttern, im Weg stehen

Mütter sind zwar keine Wunderwesen, an denen die Bilanzen genesen, aber sie bringen einen anderen Erfahrungsschatz in die Firma ein als kinderlose Frauen. Gezielte Mütterförderung dürfte künftig für die Wettbewerbsfähigkeit einer Firma immer wichtiger werden. Die Mehrheit der Frauen wird nämlich irgendwann Mutter. Und von flexiblen Karrieremodellen profitieren auch die Väter.

Zur Autorin

Nicole Althaus studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Zürich und Berlin. Nach dem Lizentiat 1994 leitete sie das Theater- und Tanzprogramm der Boa Luzern und absolvierte 1998 ein Internship am Museum of Modern Art in New York bevor sie als Kulturredaktorin bei der Frauenzeitschrift annabelle ihre journalistische Laufbahn startete. Diese führte sie 2004 als Reporterin zum Nachrichtenmagazin Facts und 2007 zurück in die annabelle als stellvertretende Ressorleiterin. Anfang 2009 machte sie sich als Texterin und Konzepterin selbständig. Sie lancierte für Newsnetz/tagesanzeiger.ch den Mamablog und wurde für ihre Arbeit als Chefredaktorin des Audi Magazins mit dem Swiss Text Award 2009 ausgezeichnet. Im Herbst 2010 übernahm sie die Chefredaktion des Schweizer Familienmagazins wir eltern. Nicole Althaus wurde zur Journalistin des Jahres 2010 gewählt.

Quelle

Nicole Althaus, Michèle Binswanger: MachoMamas. Warum Mütter im Job mehr wollen sollten, 2012