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346 - Leibphilosophie und Pornographie - Annegret Stopczyk - Philosophin

  

Zunächst mag es den meisten fremd erscheinen, Philosophie und Pornographie zusammengebracht zu sehen. Aber dieser unübliche Zusammenhang gibt eine Möglichkeit, das Thema "Pornographie" einmal anders einzuführen und zu diskutieren, als normalerweise geschieht. Meine Absicht ist, mit diesem Zugang uns Frauen eine angstfreiere Art und Weise aufzuzeigen, mit Pornographie umzugehen.

Wir werden nach meinem Vortrag ganz sicherlich von all der "Gewalt gegen Frauen" hören, die heute damit verbunden ist, und uns mit jeder Themavariation neu dem Schrecken patriarchaler Besitzansprüche an unseren Leib ausgesetzt begreifen. Aber das Symposion stiftet auch unter dem Motto: "Wir wollen keine Opfer mehr sein", und daher möchte ich eine Position der Stärke für uns herausarbeiten, mit der wir, dem Schrecken analytischer und selbstsicherer entgegentreten könnten. So möchte ich eine andere Geschichte der Pornographie erzählen, die weit ausholt und über Jahrtausende zurückreicht aber dennoch Heutiges zu erklären imstande ist. Was wir heute als Pornographie erleben, ist ein Resultat jahrtausende währende Männergeschichte; eines der vielen Lebens- und frauenvernichtenden Produkte der Zeit des Aufbaues maskuliner Zivilisation, der schon über 3500 Jahre fortschreitet.

Aber nach meinem Kenntnisstand wäre es völlig verkürzend, Pornographie als etwas zu verstehen, was erst Männer erfunden haben.

Pornographie

Darum möchte ich jetzt auf eine andere Geschichte oder Tradition dieses Begriffes kommen, die sich mir im Laufe meiner feministischen Studien zur Patriarchatskritik ergeben hat. Hierbei werde ich manchmal etwas spekulieren oder gar poetisch werden, aber bessere Methoden, diese weit zurückliegende Vergangenheit der Menschheit zu begreifen haben auch die Männer nicht.

Pornographie gab es auch in "vorpatriarchaler Zeit" und benennt wahrscheinlich wirklich nicht nur das "älteste Gewerbe der Welt, sondern auch die erste Machtverherrlichung der Welt.

Pornographie könnte in Urzeiten eine Art Verherrlichung der weiblichen Geschlechtsmerkmale gewesen sein, eine Darstellung von leiblicher Frauenmacht - oder auch: die Darstellung vom Anfang der Welt.

Diese Geschichte ist vollständig in dem alten griechischen Wort "Pornographie" enthalten. Es besteht aus zwei Wörtern, nämlich: "Pornä" und "Graphie". Normalerweise wird Pornä mit dem Wort Hure übersetzt und Graphie mit den Wörtern: Darstellung, Schrift und Zeichen. Die gebräuchliche Übersetzung lautet also: Darstellung der Hure, Zeichen der Hure, Schrift über die Hure.

Aber es gibt noch andere Bedeutungsebenen dieser alten Wörter. Pornographie heißt auf griechisch auch: Zeichen oder Darstellung der Abgötterei, Götzendienst treiben, den falschen - oder keinen? - Gott anbeten, Unzucht treiben und das hieß damals: ohne Zucht und Disziplin des Leibes sich verhalten. Die Anbetung von Götzen - oder einer Götze? ­ könnte damit mitgemeint sein und natürlich der Abfall vom richtigen Glauben.

Pornographie war möglicherweise eine andere Kosmologie oder Religion; diese Richtung möchte ich weiter verfolgen. Wer war die Hure, die Pornä? Eine Frau - eine nackte Frau. Pornographie hatte wahrscheinlich bis in die griechische Aufklärungszeit hinein (etwa 500 v.u.Z.) nur die nackte Frau zum Thema und überhaupt keine männlichen Details zum Inhalt.

Entschwänzte Ästhetik

Wenn Halina Bendkowski von einer "entschwänzten Ästhetik" sprach, so läßt sich diese Ästhetik sicherlich auf die archaische Pornographie anwenden, eine "entschwänzte Pornographie", d.h. eine Pornographie, die noch keinen Schwanz zu ästhetisieren versuchte.

Und weiter möchte ich von der Hure sprechen, der vorpatriarchalen Pornä. Von der Frau, die ihren Leib gefeiert hat, die sich anbeten ließ in ihrem Tempel und die zugleich hohe Priesterin war. Jeder Museumsführer heute, der eine Führung durch die Welt antiker Funde macht, kommt irgendwann zu dem aufgeilenden Witz, daß ganz früher die Priesterinnen im Tempel eigentlich Nutten waren, und nicht beten sei angesagt gewesen, sondern Prostitution. Weiteres wissen sie meistens nicht zu erzählen. Das könnte auch nur die archaische Pornographie, die "Erzählung über die Pornä.

Tatsächlich war der vorpatriarchale Tempel ein Ort der Hure, ein Ort des Leibes, ein Ort der Gesundheit und ein Ort der Lebensenergie und Vitalität.

Es wurden die sichtbaren Lebenskräfte angebetet, und nicht - wie später- die unsichtbaren Geister - und Göttermächte. "Abgötterei" wurde in dem Sinne betrieben, als der Leib verherrlicht wurde und kein unsichtbares Wesen.

In den Kämpfen der Patriarchen um die Institutionalisierung ihrer Götter wurde das Prinzip der Unsichtbarkeit der Götter zu einem Dogma, das als Gegenmittel gegen die Verherrlichung des sichtbaren Leibes eingesetzt wurde.

Als Inbegriff aller Sichtbarkeit von leiblicher Macht wurde vordem die Frau gefeiert. Der Frauenleib wer der "heilige Leib".

Die Priesterin heilte die Menschen nicht mit Gebeten - mit Worten -, sondern mit körperlichen Berührungen, mit ihrem eigenen Leib. Wer ihre Genitalien berühren durfte, wurde durchströmt von ihrer Lebensenergie, von ihrer Vitalität, von ihrer leiblichen Gesundheit. Die Hure war selber der heilende Leib der geheiligte angebetete Leib der Priesterin, die Heilerin. (Dagegen ist zum Beispiel im Christentum der geheiligte Leib eine Leiche am Kreuze, oder ein Stück Mehlplätzchen) Das Zeichen der Priesterin war das Dreieck, die erste geometrische Figur, das Zeichen der Vulva, das Zeichen der Pornä. Pornographie = Dreieck

Dieses leibliche Wissen ist dank der maskulinen Vernunft - oder Geisteszivilisation verloren gegangen und erscheint heute aber noch als "alternativer" Versatz in alternativen Theorieansätzen" mit dem sich so etliche neue Männer matristische Traditionselemente einverleiben. Zum Beispiel der Musiktheoretiker Joachim-Ernst Berendt, der nach musikalischen, d.h. harmonikalen Kriterien den weiblichen und männlichen Leib vergleicht. Das gleichseitige Dreieck spielt hierbei als "Urproposition der Weiblichkeit" eine große Rolle: „Das Dreieck, das zwischen den Brüsten und dem Punkt, an dem die Schenkel einander begegnen, entsteht, ... ist Musik“. (1)

Dieses Dreieck sei äußerst selten beim männlichen Körper zu finden und daher gäbe es sozusagen "objektive Gründe'', diesen weiblichen Leib als Beglückung zu erfahren. Es sind die bestimmten geometrischen Proportionen unseres fraulichen Leibes, die uns besonders geeignet dazu machen, durch Körperkontakt eine heilende Wirkung auf andere auszulösen. Unser Leib selber ist die "Weltharmonie", in deren Verschmelzung sich alles hineinsehnt.

Diese Zusammenhänge müssen in weitaus lebendigerer Weise in vorpatriarchalen Lebensformen eine Rolle gespielt haben. Das gleichseitige Dreieck ist in archaischen Zeiten ein Bildzeichen der Frau gewesen und bildete die Grundlage für die Keilschriftzeichen der Hammurabischen Zeit vor viertausend Jahren. (2)

Die Dinnerparty - Kunstwerk von Judy Chicago

An dieses pornographische Zeichen des Dreiecks erinnert auch das Kunstwerk von Judy Chicago "Die Dinnerparty". Chicago fand dieses Symbol für die Geschichte der Frauen angemessener, als zum Beispiel den Kreis, mit dem wir Frauen sonst immer identifiziert worden, anstatt mit dem Dreieck, dem ersten geometrischen Zeichen, Grundlage für die Schrift, Grundlage für die Geometrie mit der auf ihr aufbauenden Mathematik und Logik. Die "Trias allen Seins", die noch im Christentum als "Dreieinigkeit Gottes" daherwelkt in der Sprache, entstammt diesen vorpatriarchalen Leibeskulten und bezeichnet letztlich nichts anderes als unsere Vulva, unser weibliches Genital. So ist in aller Mathematik auch Pornographie enthalten.

Die traditionell griechische Form - und das heißt für uns: die Form des „humanistischen Abendlandes“ - vom Anfang der Welt zu reden. bezieht sich zumeist auf die Worte des Dichterphilosophen Hesiod etwa 700 v.u.Z.: „Zuallererst wahrlich entstand das Chaos. aber dann die breitbrüstige Gaia..“ (3)

Bis heute wird das Wort „Chaos“ dem „Weiblichen“ zugeordnet, als Gegensatz zu "Ordnung“ oder „Kosmos“, dem „Männlichen“. Aber das Wort „Chaos“ wurde damals in einem anderen Bedeutungszusammenhang verwendet als heute. Es bedeutete nicht "Unordnung", sondern nur eine andere Form. Ein „Aufsperren des Mundes, vom Klaffen einer Wunde, von Gähnen einer Höhle im Berge" und bedeutete "Spalt, Höhlung“. (4) Und erst aus diesem Chaos wird Gaia geboren, die weibliche, breitbrüstige Erdgöttin. Dass aller Anfang - auch des weiblichen und männlichen - aus diesem Ursprung käme, aus einer „klaffenden Wunde“, und nicht, wie später behauptet wurde, aus einem Geiste oder dem Kopf des Zeus, weist auf die ursprüngliche Leibverbundenheit unserer ältesten Welterklärungen hin. Dabei ist die „Weltwunde“ unserem weiblichen Genital nachgebildet, der Vulva, die also in diesem Zusammenhang weder nur Weibliches noch nur Männliches meint, sondern sozusagen den „universalen Anfang"

Diese Anfangsbegründung der Welt schätzt das Gebären als etwas ungeschlechtliches ein. So wie die Mutter Mädchen und Jungen gebären kann und dadurch einen neutralen Nimbus erhält, so auch ist vorstellbar, daß in ganz anderen Zeiten "Muttersein" gar nicht als „weiblich“ aufgefaßt wurde, sondern als "über den Geschlechtern stehend“, und daher: Anfang von allem, auch den Geschlechtsunterschieden. Die Vulva ist das Symbol dieses „Chaos“, das der Philosoph Parmenides auch als „Schäumende Leere“ beschreibt. Das Weibliche wurde wohl deshalb als Symbol bevorzugt, weil es mehr Verknüpfungselemente zu diesem "Anfang" aufweisen kann. Das heißt: das weibliche Symbol des Dreiecks eignet sich eher zur Darstellung "übergeordneter" Dimensionen. Das Universum wurde als Frauenleib vorgestellt. Die Hure war die Stellvertreterin dieses Universums, so wie der Papst Stellvertreter Gottes auf Erden sein soll. Darum war es kein Widerspruch, daß sie zugleich hohe Priesterin war und der heilige Leib, durch dessen Berührung alles gesundet, weil es zu den Anfängen zurückkehrt.

Im Anfang war die Vulva und nicht das Wort. Es bedeutete: „Du bist vom Frauenleib geboren, Dein Leib ist von meinem Leibe, nicht aus dem Nichts, nicht aus dem Geist bist du gekommen. Denn nichts kann aus dem Kopfe des Zeus entspringen als Unsinn. Alles, was ist, kommt aus mir. ­ „Ich bin, die ich bin. Und ohne mich wird nichts sein", stand auf dem Tempel der Göttin Isis.

Ich möchte noch ein wenig mehr in der archaischen Zeit bleiben und bitte all jene um Geduld, die meinen, ich müsse nun auf die Gegenwart kommen. Ich komme noch darauf zurück; aber da ist vielleicht diese ungewöhnliche Sichtweise, die ich hier einzubringen versuche, daß in Fragen der Erforschung von Frauendimensionen 3000 Jahre nicht viel sind, und daß wir uns in anderen Zeitmaßen begreifen lernen müssen, als uns im Patriarchat andressiert wird, um immer auf dem Sprung zu sein für diese Herren, allzeitbereit, auch mit unserer Kritik. die so nur schwer eine Distanz bekommt zu dieser ganzen maskulinen Zivilisation.

Baubofiguren

Also noch weiter zurück, zu den Baubofiguren, den eindrucksvollsten pornographischen Funden aus archaischen Zeiten. Die Künstlerin Florence Debrey aus Paris hat einige Baubodarstellungen auf einem Bild assoziiert, das wir hier an die Wand gehängt haben. Es könnte auch eine „breitbrüstige Gaia“ dabei sein.

Diese Darstellung weiblicher Nacktheit ist vielleicht vielen Frauen unbekannt, aber es gibt eine umfangreiche Bauboforschung unter Männern, die das Geheimnis dieser Figuren, die sie einstimmig "obszön" finden, lüften wollen.

Einer der bekanntesten Bauboforscher ist Georges Devereux, der das Buch "Baubo, die mythische Vulva“ geschrieben hat. Mit der Beschränkung freudianischer Interpretations-Methoden, die aber für ihn den Vorteil haben, den männlichen Status nie zu verunsichern, versucht er, die Faszination dieser Figuren zu erklären.

Die Baubofiguren treten nach Forschermeinung immer im Zusammenhang mit "Göttinnen" auf und wurden in Demetertempeln gefunden, wurden aber auch mit anderen Göttinnen, wie Hekate und die Gorgonen in Verbindung gebracht. Devereux meint, diese Figuren hätten die Funktion gehabt, geschlechtliche Geilheit zu erregen, eine Funktion, die auch heute Pornographie erfüllen soll. Das Perverse aber sei, daß diese "exhibitionistischen" Figurinen die Frauen geil machen sollten. Dieser weibliche Exhibitionismus sei völlig ungewöhnlich, da die Frauen doch eigentlich dazu neigen würden, ihre eigenen Organe herabzusetzen, was psychoanalytisch gesehen auf ihre Reife hinweise. So spekulierte A. H. Maslow, daß es sich hier um eine lesbische Frauenkultur handeln müsse (5), die ihre Kastrationsangst ausagiere und sich nicht mit dem Unabänderlichen abfinden könne.

Devereux berichtet von einem Bauboexperiment in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts, durchgeführt von Murray und Yates an Versuchspersonen beiderlei Geschlechts sowie an Kindern und Greisen. Es wurden ihnen diese "häßlichen" Baubofiguren gezeigt und fast alle gaben eine erotische Erregung zu, auch Kinder, sogar homosexuelle Männer und am erregtesten waren völlig puritanische Freuen.

Diese Figurinen, die völlig unserem Schönheitsideal widersprächen und sogar bei reiferen analysierten Menschen „Ekelgefühle" erzeugen würden, haben nun aber trotzdem soetwas wie eine universelle Kraft. Sie erzeugen eine Erotisierung trotz ihrer Häßlichkeit und Vulgarität. Viele Interpretationen werden nun von diesen reifen anständigen Herren geliefert, um zu erklären, daß die beschränkten Menschen natürlich von ästhetisch beschränkten Figurinen fasziniert sein können, aber hinter das Geheimnis kommen sie nicht.

Devereux gesteht: „Die Interpretationen von Murray und Yates ... erklären zwar die Ergebnisse ihrer Experimente, nicht aber, warum sich derartige Figurinen in Kirchen befanden. Ich muß gestehen, daß dieses Problem mich überfordert.“ (6) Er ist unfähig, sich vorzustellen, daß es einmal Kulturen gegeben haben könnte, in denen nicht das Männliche verherrlicht wurde, und schon gar nicht irgendeine ominöse unsichtbare Größe. Kriterien einer leibverherrlichenden Kosmologie, in der Fülle nicht als obszön aufgefaßt wird (siehe die Buddafigur), und in der diese Fülle mit Weiblichkeit dargestellt wurde, gleichsam als Ansammlung kosmischer Fülle, müssen erst einmal vorstellbar werden.

Diese Baubofigurinen in Kirchen geben Zeugnis von einer Vergangenheit der Verherrlichung des weiblichen Leibes und zwar eines Leibes, der nicht domestiziert ist - zum schwächlichen Strichfrauchen, handlich gemacht zur schnellen Verfügung sich stark wähnender Männer. Pornographie ließe sich vielleicht auch lediglich als "Darstellung genitaler Nacktheit" verstehen, die im Prinzip heilende und befreiende Wirkung haben kann, und die Lebensgeister in uns Menschen zu wecken vermag. Patriarchalisierte Pornographie wäre dann jene Darstellung von genitaler Nacktheit, der es um die Zerstörung dieser Lebensenergie geht, die immer die Nähe das Todes zu suggerieren bemüht ist. Was die patriarchalischen Griechen als "Götzenanbetung" verdammten, war eben die Anbetung des Leibes, stilisiert in der Form des weiblichen Leibes als Ursprung alles Lebendigen Nichts durfte im Patriarchat an diesen Ursprung menschlichen Anfanges erinnern. Das Symbol der Vulva, das Urzeichen für alles Geborene und des leibhaftigen menschlichen Daseins wurde wie ein Kainsmal gehandelt, und die doppelten Dreiecke als Stern übereinandergelegt mußten sich die Juden im Hitlerreich an den Leib heften. Die Hure - oder die Priesterin - heilte also mit ihrem Leib, was aus ihrem Leib zu kommen imstande ist: alle Menschen. (In Resten sind diese Leib-zu-Leib-Heilmethoden in der "alternativen Medizin" tradiert, z.B. auch "Handauflegen".)

Patriarchale Männerinteressen

Während der Errichtung von "Vaterherrschaft" - also die Institutionalisierung patriarchaler Männerinteressen - wurde der Penis als Formgeber alles Lebendigen der Vulva entgegengesetzt, und die Form sollte den Stoff, aus dem die Dinge sind, dominieren. "Die Form" bestand aus lauter unsichtbaren "Dingen", wie Ordnungen, Gesetze, Ideen und Abstraktionen von Gemeinschaftssinn, wie Staat und Vaterland, die durch die Idee von Freiheit - d.h. Freiheit von allen leiblichen Banden begründet wurden. Das Ehegesetz wurde in Griechenland 1000 v.u.Z eingeführt und ebenso die Lautschrift, die völlig alle Bildzeichen verdammte und so die letzten Zeichen leiblicher Kraft wegwischte. Die Priesterinnen wurden aus den Tempeln vertrieben, die Baubofigurinen gestürzt und allüberall sollte der unsichtbare Geist herrschen. Die Darstellung der Hure wurde verboten, Prostitution wurde als leiblicher Dienst am Manne eingeführt.

Mit der Zerstörung der Leibestempel wurden alle Frauen, allen voran die Mütter, in die hintersten Löcher der Häuser getrieben, kein Mensch sollte sich an sie erinnern.

Bis heute gilt die Loslösung von der Mutter als richtiger psychischer Reifeprozeß, bis heute wird noch den meisten Kindern verheimlicht, woher sie kommen; bis heute wird uns der Mund verboten, wenn wir beginnen, stolz über die Möglichkeiten unseres Leibes zu sinnieren.

Angeführt wurde diese ganze Kampagne zur Geistwerdung und Leibüberwindung von jenen Männern, die den Geist entdeckten und die sich von nun an „Philosophen" nannten. Ihre Lehre herrscht bis heute; Geistwerdung: die Methode zur Überwindung von allem, was an die Frau erinnert. Vernunftmäßiges denken: die Methode zur Beherrschung der Natur, die Methode, die den sicheren Fortschritt bringt in der Endlösung der Lebensfrage bis hin zum Aufstieg des Atompilzes, der Auflösung alles Sichtbaren in unsichtbare Gefilde. Ein 3000 jähriger Traum gegen die Möglichkeiten weiblicher Leiblichkeit erfüllt sich heute in der Technik der Atomkernspaltung.

Geburtlichkeit und fraugeboren: Und darum hat Pornographie etwas mit Philosophie zu tun: Sie ist die Kehrseite dieses Geistwerdungsprozesses, der auch "Zivilisation“ genannt wird. Und die Gewalt in der Pornographie drückt die Sehnsucht nach "reiner Vernunft“ in sehr direkter Weise aus.

Leibphilosophie wäre im Gegensatz zur Geist - oder Vernunftphilosophie ein Nachdenken, das bewußt die Leibwerdung der Menschen zum Ziel hat, ein Nachdenken, das sich von der Geistwerdung als Telos der Menschheit abwendet. Leibphilosophie müßte damit beginnen, alle Menschen zu erinnern, woher sie kommen, wo ihr Ursprung ist: in der Mutter, im Zeichen der Vulva. Der Mensch ist nicht frei geboren, der Mensch ist fraugeboren.

Der Begriff "Leibphilosophie“ wurde nicht von mir geprägt, sondern von dem Leibphilosophen Hermann Schmitz, der ausführliche Studien zur vorhomerischen Leibsprache, auch am Beispiel von Sappho, veröffentlichte. (7) Als Leibphilosophen gelten auch: Merleau-Ponty, Sartre und Beauvoir, weil sie den Menschen als leiblich bedingt in ihrem philosophieren anerkannten; aber; wie bekannt ist, sind Sartre und Beauvoir genauso leibfeindlich wie Platon – und fast alle Philosophen und beteten die Vernunft - oder Geistwerdung genauso an wie die, die sie kritisierten. Bei Simone de Beauvoir ging diese Anbetung soweit, daß sie Frauenfreiheit nur als Freiheit von Schwangerschaft denken konnte, womit sie einen sehr beschränkten Selbstbestimmungbegriff auf uns anwandte. Viele Feministinnen werden es mir vielleicht nun nicht mehr verzeihen, daß ich diese Göttin nicht anbete, aber mir geht es um die vielgeschmähte "Immanenz" aus - der heraus wir uns nach Beauvoir in die Transzendenz entwickeln sollen, d.h. auf deutsch: wir sollen uns aus der Verhaftetheit ins stoffliche Leben hinausschwingen in die freien Höhen der unsterblichen Vernunft, die allem Stoff die Form gäbe. Die formende Vernunft - oder Transzendenz für Beauvoir etwas Männliches, das wir Frauen auch zu erstreben vorhaben sollten. Ihr Maßstab ist die Vernunftverwirklichung. Wir sollen uns von unserer animalischen Natur befreien. die für sie mit Mutterschaft gleichgesetzt ist. In der Befreiung der Frau ginge es darum, daß die Frau auch ihrerseits die Werke anstrebt und erkennt, die in konkreter Form nur der Mann erreicht; er also eröffnet die Zukunft, zu der auch sie emporsteigen will; tatsächlich haben die Frauen den männlichen Werten niemals weibliche entgegengesetzt" (8), was für Beauvoir der Beweis dafür ist, daß es auch nichts Wertvolles gibt, was wir aufgrund spezifischer Frauenerfahrungen zu sagen hätten.

Ganz anders dagegen visiert die Philosophin Hannah Arendt eine andere Philosophie an, die nicht wie die griechisch/abendländische "sterben-lernen" (Sokrates) heißen soll, sondern "geboren werden“, wobei sie den Ausdruck "Geburtlichkeit" (9) der Menschheit - einbringt. Diese philosophierende Art eher darauf angelegt, Anfänge zu setzen, anstatt Endpunkte und Ziele zu definieren, wobei das menschliche Wesen an seine Geburtlichkeit erinnert werden müsse, nicht immer und immer wieder an seine Sterblichkeit.

In diese Richtung sehe ich Denkmöglichkeiten, die gerade wir Frauen besser beginnen könnten, weil wir sozusagen nicht verbildet sind durch die begriffsbildende Tradition der Männer, die sich ihr Begriffssystem auf ihren Leib zugeschnitten haben. Die Befremdungen, die wir erleben, wenn wir mit ihren Gedankengebäuden konfrontiert sind, könnten wir theoretisieren, d.h. sprachlich bearbeiten.

Insofern habe ich als Leibphilosophin nicht sogleich ein Gefühl der Ablehnung, wenn das Thema "Pornographie" zur Debatte steht. Gerade an diesem Thema scheint sich mir etwas zu verknoten, was wir nicht übersehen dürfen.

Elektrisiert von einem kosmischen Prinzip

In der heutigen Pornographie hat sich trotz der ungeheuren männlichen eitlen Zerstörungswut der Anblick der Vulva erhalten; ein verstümmelter Rest verherrlichender Anbetung, die nun völlig verzerrt von der Ohnmacht der Männer malträtiert wird, da sie ohne diesen Leib nicht froh sein können. Sie haben zwar politische Macht über uns errungen und stellen uns in ihrer Pornographie so hilflos als Sklavinnen des Mannes dar, aber sie haben keine Freiheit uns gegenüber, da wir jener Leib sind, der Musik für sie ist, was für sie eine ungeheure narzisstische Kränkung bedeutet. Darum also rennen sie uns hinterher und belästigen uns mit ihren Vereinigungsbedürfnissen, die wir zumeist fälschlich als Liebe für uns als Person interpretieren. Es gibt sozusagen positive objektive Gründe, warum wir so begehrt werden und sie sich so an uns herumkringeln, daß kaum außererotische Begegnungen zwischen Mann und Frau möglich erscheinen. Dabei sehen die Männer natürlich nicht sich selber als „Fehlkonstruktion des Universums" an, sondern uns; so wie kleine Kinder, die wütend auf den Tisch werden, wenn sie ungeschickt sind und sich daran stossen. Ich denke, für uns Frauen wäre es wichtig, diesen Zusammenhang im Hinterkopf zu behalten, wenn wir die Amokläufe der Männer betrachten. Wir sollten auch keine Schuldgefühle haben, wenn wir selber beim Anblick pornographischer Bilder erotisiert werden, was eben trotz der erniedrigenden Darstellung von Frauen neben strotzenden Penissen geschieht und nicht wegen dieser Gewaltdarstellung. Wo sonst in unserer Kultur dürfen wir diese tabuisierte Leiblichkeit anschauen, ästhetisieren? Der vitalisierende Kitzel beim Anblick pornographischer Bilder hat so zunächst gar nichts mit einem angeblich weiblichen Masochismus zu tun, sondern wir werden sozusagen elektrisiert von einem kosmischen Prinzip.

Was ich fordern würde ist eine "entschwänzte Pornographie", und es wäre sicherlich nicht nur witzig, der Chefin des deutschen Pornographiemarktes - Beate Use, die sich einmal als "Wohltäterin der Menschheit" titulierte - anzuraten, die Männer dadurch zu entbrutalisieren und in ihrem Amoklauf zu verlangsamen, daß sie sie mit bauboisierter Genitalität konfrontiert, mit einer Weiblichkeit, vor der sie zwar Furcht haben, aber die sie vielleicht dennoch mit Respekt lieben lernen könnten, weil Baubo eben auch in Männern jenes Gefühl von Lebensbejahung erwecken kann, die notwendig ist, um das Patriarchat zu überwinden. Die Bauboisierung der Pornographie könnte wesentliche Auswirkungen auf das Bewußtsein jener vielen Männer haben, die pornographische Erregungen suchen. Ich halte also die Forderung nach Abschaffung der Pornographie für kurzsichtig. Wir Frauen sollten eher selbstbewußter das Pornogeschäft übernehmen und die Männerphantasien lenken. Die Alternative brauchte hierbei nicht seichter Kuschelsex zu sein und Popo-Neutralität, sondern offensive weibliche Genitalität, ohne einen Penis daneben.

Der Physiker und Wissenschaftskritiker Brian Easlea macht den Vorschlag, die sexuelle Gewalt seitens der Männer dadurch abzubauen, daß "sexualtherapeutische" Praxen eingerichtet werden könnten; erotische "Samariterinnen" im bezahlten Sozialdienst des Staates. Diese könnten zur Entbrutalisierung der männlichen Mentalität beitragen, indem sie den aggressiven Männern ihre Sexualstaus und Gebärneidphantasien therapieren, und zwar mit ihrem eigenen Leib. Diese verkrüppelten Männer würden dann durch eine neue positive Leiblichkeitserfahrung von ihren Überspannungen gelöst werden können. Und wenn Easelas über das "Institut in Birmingham" schreibt, das sich diesem Heilungsprojekt gewidmet hat, dann erinnert diese moderne Form von "Sexualtherapie" an die archaische Tempelheilkunst der Leib-zu-Leib-Berührungen. Was heute zur "Hure" heruntergekommen zu sein scheint, könnte als "Sexualtherapeutin" zu neuen Ehren kommen. Aber Easlea fragt zu recht: „Es fragt sich jedoch, ob der Mann von seinen Männlichkeitszweifeln und der Überkompensation durch Leistung, die zusammen mit einer aggressiven Sexualität von diesen Zweifeln ausgelöst wird, befreit werden kann.“ (11)

Schaffen wir also nicht die Pornographie ab! Sehen wir doch diese als verkrüppelten Rest an, in der über die berechtigten Sehnsüchte unseres Lebendigseins gestammelt wird.

Es wäre allen Frauenhassern geradezu recht, wenn wir Frauen nun auch noch mit dem bisschen Macht, die wir haben, dafür sorgen, daß alle unsere Zeichen aus der Welt verschwänden. Dann werden die Menschen eines Tages es ganz richtig finden, die "saubere Lösung" zu akzeptieren, die Reagenzglaskinder mit der ganzen Apparatur der Gentechnologie. Dann würden die Babys nicht mehr "vom Klapperstorch" gebracht, sondern vom Onkel Doktor mit seiner Gebärmaschine.

Es wäre den Frauenhassern geradezu recht, wenn mit der Frauenbewegung all die schönen Brüste verschwänden, die uns manchmal noch anleuchten, wenn all die schwelgende Rundheit und gewölbte Dreieckigkeit verschwände, die uns frei machen kann von todbringenden Sehnsüchten. Die Bildhauerin Renate Prasse, die solche bauboisierten Frauendenkmäler erschafft, berichtet, wie viele Männer sofort aggressiv reagieren auf die Rundheit ihrer Figuren, auf die Bäuche und schweren Brüste. Diese Weiblichkeit ist eine kulturelle Herausforderung die sich zugunsten der Befreiung von uns Frauen auswirken könnte. Ich fände es traurig, nirgends mehr das größte Geheimnis der Welt abgebildet zu wissen, die Vulva: „Schön wie eine Rose, zart wie eine Muschel, tief wie ein Brunnen, gebend wie die Erde, nehmend wie eine Göttin, offen wie das Universum, geschlossen wie das Ei des Uranfanges.“ - Im Anfang war die Vulva, und nicht das Wort.

Zum Abschluß möchte ich noch auf einige Fragen eingehen, die mir nach dem Vortrag gestellt wurden.

Die Alternative kann doch nun nicht sein, auf Vernunft zu verzichten. Damit hätten wir doch gar nichts gewonnen.

Ja, stimmt, aber nur bedingt. Normalerweise wird "Vernunft" einfach mit Denken 'gleichgesetzt, und wenn "Vernunft kritisiert wird, meinen Viele sogleich, das Denken solle aufgegeben werden. Aber das beabsichtige ich überhaupt nicht, im Gegenteil, wir müssen noch mehr denken als bisher. Mir geht es darum, das vernunftmäßige Denken vom Sockel zu holen, also nur eine ganz bestimmte Art zu denken. Wir sollten nicht so viel Angst haben, uns von den großen Begriffen der maskulinen Zivilisation zu distanzieren.

- Es kann doch keine Alternative sein, jetzt wieder die Vulva anzubeten, schließlich stehen wir nicht als Göttinnen in den Tempeln.Wir leben im Patriarchat!

Ja, das stimmt. Und mir geht es auch nicht darum, mysteriöse vergangene Frauenherrlichkeiten wiederholen zu wollen. Ich habe nur eine andere Sichtweise aufzeigen wollen die uns Frauen aus der Karnickelsituation angesichts patriarchaler Pornographie befreit, in die wir bewußtseinmäßig schnell geraten, wenn wir die Brutalitäten sehen, was schließlich auch Zweck dieser Bilder ist. Ich wollte mit diesem ganzen Drumherum klar machen, daß hier die Männer mit ihrem Masochismus und Ohnmachtsproblem agieren, nicht wir. Wenn die mythische Geschichte uns zu mehr Distanz verhelfen kann, dieser frauenhassenden Kultur gegenüber, dann erzähle ich diese Geschichten. Das ist alles. Und auf Tempel kann ich gut und gerne verzichten.

- Nach all dem müßtest du konsequenterweise die lesbische Liebe vertreten und die Männer als überflüssig abtun.

Diese Frage wurde mir mehrere Male nach dem Vortrag von einzelnen Frauen auf dem Korridor gestellt. Ich war überrascht. Ich hatte doch ein universales Erregungsverhalten der Vulva gegenüber zu behaupten versucht. Die Frau sozusagen als begehrtes Objekt von allen Menschen, ob Mann, Frau, Kind, Greis oder sonstwer. Die Frau ist gar nicht darauf festgelegt, nur Frauen oder nur Männer leiblich zu lieben. Es gibt sozusagen eine "Verwandtschaft" der Frau zu allen Menschen, da alle ja auch aus ihr kommen. Ich möchte wie die Renaissancephilosophin Lucretia Marinella antworten, die im Jahre 1600 Folgendes vertrat: natürlich sind die Männer gleichsam genötigt, die Frauen zu lieben, weil sie eben das edlere Geschlecht ist, und der Mann seinen eigenen Adel am ehesten beweist, wenn er die Frauen schätzt. Umgekehrt ist das schwieriger. „Roh aber sind alle Männer im Vergleich zu den Frauen und also nicht wert, von ihnen wiedergeliebt zu werden, außer aufgrund ihrer höflichen und gütigen Natur.“ 13)

Ich bin gutmütig, und wenn ich mich selber als Person bejaht fühle, kann ich mich gleichsam verschenken, ohne mir etwas zu vergeben.Ich bin frei von jeder Beschränkung, das bedeutet für mich "im Anfang war die Vulva". Ich kann daheraus gerade keine Abgrenzung definieren.

- Soll es jetzt darum gehen, eine neue Mütterlichkeit zu beschwören? Das haben wir doch schon einmal gehabt unter Hitler!

Männermacht abschaffen

Ich finde es sehr bedeutsam, daß ich sofort als Reaktionärin verdächtigt werde, wenn ich das Wort "Mutter" in den Mund nehme und auf das Gebären hinweise. Die Nazigeschichte scheint mir dabei eine vorgeschobene Legitimierung dieser Kritik zu sein. Es geht hier um eine Negation, die seit 3000 Jahren derart fundamental für das Partriarchat ist, daß ich den Verdacht nicht los werde, daß wir Frauen uns diese mutterhassenden Dimension im Patriarchat noch gar nicht klar geworden sind. Ich werde standhaft weiterhin dieses Wort im Munde herumführen, weil ich glaube, daß es jetzt wesentlich um die Aufhebung von Mutterhaß geht in der Überwindung mentalitätsmäßiger Strukturen im Patriarchat. Solange dieses Wort in Verbindung mit Herrschaftskritik auftaucht ist es nicht mit staatstotalitären Ansprüchen zu identifizieren.

Ich habe selber ein Kind geboren und ich weigere mich, mir diesen Aspekt meines Lebens ins private Abseits verdrängen zu lassen, schon gar nicht, wenn ich mich als Feministin verstehe und Männermacht abschaffen will. Es gehört zu meiner Fülle dazu und schließlich sind wir alle von einer Mutter geboren, und die Mutter ist nun mal eine Frau, und sollte es auch meiner Meinung nach bleiben. Ich denke, dieses Thema müßte gründlich und neu mit Mut diskutiert werden.Ich halte meine frühere Auffassung, daß es egal ist, wer die Kinder gebiert, nicht mehr aufrecht. Im Patriarchat bedeutet dieses großzügige Angebot nur unsere Vernichtung.

Allerdings nehme ich mit Dorothy Dinnerstein (14) an, dass die alleinige pflegerische und soziale Verantwortung der Mütter für die Kindheit aller Menschen den gesellschaftlichen Mutterhaß bei Töchtern wie auch bei Söhnen immer wieder neu reproduziert und damit das Patriarchat als eine Art "Freiheit" erscheinen läßt, als sei die Beteiligung am öffentlichen Leben schon die Befreiung. Es ist in Wirklichkeit nur die Befreiung von der Mutter, dem ersten Menschen eines jeden Menschen, und in den meisten Fällen die alleinige Person für die Bedürfnisforderungen der Kinder. Insofern schwärme ich nicht für eine alte Mütterlichkeit, aber ich bin für eine bewusstere Art, Mutter zu sein und Muttersein nicht als eine Möglichkeit unter vielen, auch befreit Frau zu sein, zu verleugnen. Mutterschaft, politisch verstanden, kann eine sehr patriarchatskritische Bedrohung sein und allerhand bewirken.

- Was soll dieser Rückgriff in diese Mythische Vergangenheit? Was kann uns das heute bringen?

Ich glaube, dass mentalitätsmässige Prozesse viel langsamer verlaufen, als die meisten annehmen. Das Patriarchat ist schließlich keine Neuerscheinung in unserem Jahrhundert, und was die Verleugnung des weiblichen Teils der Menschheit betrifft, stehen wir vor langzeitigen Phänomenen. Dabei weiß ich noch nicht einmal, ob es wichtig ist, zu glauben, es hätte ein "Matriarchat" gegeben oder nicht, aber ich glaube, daß es Leiden und Fragen in der Menschheitsgeschichte geben kann, die Jahrtausende dauern, wobei mit der Zeit der Anfang dieser ganzen Leiderei vergessen wird und die Fragestellungen und Antwortversuche seltsam abstrakt werden, aber immer noch mit einem großen Pathos vorgetragen werden. Für die Tagespolitische Effizienz ist meines Erachtens in Frauenfragen eine breitangelegte analytische Dimension notwendig. Sonst vergeuden wir unsere Kräfte. Ich möchte hierfür Jean Markale zitieren, die die psychische Dimension über Jahrtausende verfolgt hat. Während der Mann in der Urzeit tatsächlich die Frau um das Mysterium ihrer fundamentalen Ambiguität, ihrer Macht, neues Leben zu schöpfen, beneidete, büßte er in den folgenden Epochen durch seine bis ins letzte maskuline Erziehung diese metaphysische Sehnsucht nach der göttlichen Frau allmählich ein. Jedoch unbewußt wirkt diese Sehnsucht in jedem Individuum weiter (egal ob Mann oder Frau: ASt) Künstler und Dichter bringen in ihren Werken, andere in ihren auf den ersten Blick unerklärlichen oder ganz einfach abnormen Verhaltensweisen ... diese unbewußte Sehnsucht in übertragener Form weiterhin zum Ausdruck. (15)

Vergessen wir doch nicht, daß kein berühmterer als Freud den 2500 Jahre zurückliegenden Mythos des Ödipus benutzte, um die heutige Dimension eines "Kastrationskomplexes" zu erklären. Derselbe Mythos ließe sich auch als Sehnsucht nach diesem weibgöttlichen Anfang interpretieren, und könnte noch heute allerhand bewirken bei den vielen Leuten, die noch gläubig eine Psychoanalyse machen, und leider sind es zumeist Frauen. In der psychischen und intellektuellen Dimension haben die Geschichten, die über Menschen erzählt werden, eine ungeheure Wirkung, egal, ob sie erfunden sind oder wirklich geschehen sind. Das Sein bestimmt zwar auch das Bewußtsein, aber das Bewußtsein hat es doch immerhin fertig gebracht, die ganze Natur soweit zu verändern, daß wir kaum noch darin existieren können.

Das Bewußtsein bestimmt nämlich auch das Sein, und darum ist das Ganze so verteufelt schwierig, und komplizierter, als Marx annahm, als er die Philosophie abschaffen wollte durch die Wissenschaft der Ökonomie. Wir identifizieren uns mit Geschichten über uns, und ich bin inzwischen davon überzeugt, daß es ohne solche für uns arme Menschen gar nicht geht. Wir sind nun mal keine Pflanzen und Tiere. Und wir Frauen müssen andere, neue Geschichten erzählen, durch die die Menschen sozusagen verführt werden, eine freiere Gesellschaft für alle zu ersehnen. Darum ist Mythologie dabei eine Form unter Vielen uns zu erklären.

Quellen

1) Joachim-Ernst Berendt, Nada Brahma: Die Welt ist Klang, Hamburg 1985. S. 108

2) Vergleiche: Petra Eisele, Babylon, München 1980, S.75

3) Hesiod, Theogonie, Zeile 116 und 117, griechisch/deutsch, Sankt Augustin 1985

4) vergl. Karl Albert, Einführung in die Theogonie von Hesiod, in: Hesiod, Theogonie, Sankt Augustin, 1985, S.19, 22f und 30

5) Vergl.: Georges Devereux, Baubo - Die Mythische Vulva, Ffm/ 1981, S.83

6) wie 5)

7) Hermann Schmitz, System der Philosophie, Der Leib, Bd. ii, Teili Bonn 1982

8) Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Sitte und Sexus der Frau, Hmbg 1968, S.72

9) Vergl.: Hannah Arendt, Vita Activa, Oder vom tätigen Leben, München 1981, S.15 und zu diesem Ansatz: Annegret Stopczyk, Zum Begriff "Mensch", in: Was Philosophinnen denkent'', Bd ll, Hrsg. M. Andrea-Grisebach, B. Weisshaupt, Zürich 1986, S. 68

10) Vergl Brian Easlea, Väter der Vernichtung, Männlichkeit, Naturwissenschaftler und der nukleare Rüstungswettlauf , Hambg 1986

11) Brian Easlea, wie Anmerkung 10, S. 196

12) Vergl.: Irgendwie blieb immer ein Teil unbefriedigt, Gespräche ... Gespräche zwischen Renate Prasse und Helmut Hartwig, in: Weibliche Produktivität, Ästhetik und Kommunikation, Heft 47, April 1982, S. 88-94

13) Lucretia Marinella, Über Adel und Vorzüglichkeiten der Frauen und Fehler und Mängel der Männer, in: Archiv für Philosophie- und Theologiegeschichtliche Frauenforschung, Bd. 2, Eva - Gottes Meisterwerk, München 1985, Hrsg.Elisabeth Gössmann, S. 29

14) Vergl.: Dorothy Dinnerstein, Das Arrangement der Geschlechter, Stuttgart 1979

15) Jean Markale, Die Keltische Frau, Mythos, Geschichte, soziale Stellung, München 1986, S.190