traum-symbolika.com

403 - Susanne Kappeler - zur Mittäterschaftsthese von Christina Thürmer-Rohr

 

Kollektive Täterschaft

Das System, das wir haben, ist Resultat der kollektiven „Täterschaft“ der Männer. Diese Täterschaft betrifft  alles, was zur Ermöglichung und Erhaltung des Systems männlicher Vorherrschaft beiträgt, welches den  Frauen „übelwill, sie unterordnet, unterdrückt und ausbeutet, sowie alles andere, was dieses System ermöglicht und unternimmt, bis hin zur Zerstörung des Planeten “ (mit Hinweis auf Maya Nadig, die dies einmal schön formuliert habe (S. 202).                                                            

Als Zugehörige zur Sexualklasse Frau ist sie „Opfer“ des Systems, das ihr übelwill. Sie müsse deshalb nicht unbedingt Opfer jeder einzelnen Tat oder Handlung sein (S. 203).                                                                                                               

Den Begriff „Opfer“ bewusst einzunehmen, bedeute nach Veronika Bennhold-Thomsen, der sprachlichen Individualisierung und Entpolitisierung entgegen zu wirken: die Erkenntnis, dass Frauen als Sexualklasse unterdrückt sind, selbst wenn sich einzelne Frauen relativ frei fühlen, und dass keine Frau frei ist, solange nicht alle Frauen frei sind (S. 204).

Keine absolute Gehirnwäsche                                                                             

Die Sozialisation stelle keine absolute Gehirnwäsche dar. Der Feminismus selbst sei ein Beweis dafür, dass wir eine kritische Haltung entwickeln können: „Ich würde von Frauen erwarten und fordern, sich dieser Zwangsverfassung bewusst zu sein“, wobei das Bewusst-Sein die erste Bresche in den „Zwang“ schlage (S. 211).           

Dem wiederholten Einwand, das Konzept der Mittäterschaft schenke dem Widerstand der Frauen zu wenig Beachtung, hält Kappeler entgegen, der Einwand  entstamme einer Vermischung von Sozialcharakter und historischer Wirklichkeit der Frauen. Dieser Einwand sei zudem die Kehrseite der Behauptung, Frauen hätten am Sozialcharakter aktiv mitgebaut (S. 212).                                                          

Eine theoretische Differenzierung zwischen „Weiblichkeit“ und Frauen sei unentbehrlich für die feministische Kritik. – Die Kritik betreffe nicht „Eigenschaften“ und „Merkmale“, sondern die Zugschreibung solcher Eigenschaften zum Weiblichkeitscharakter als „Merkmale“ des Geschlechts (S. 213).

Gesellschaftliche Kontrolle                                                                                 

Der Sozialcharakter sei ein ideologisches Instrument der gesellschaftlichen Kontrolle über Frauen, das sie als Geschlechtsgruppe im Interesse der Männer normiert und dienstbar macht (S 213).

Quelle

Susanne Kappeler. Vom Opfer zur Freiheitskämpferin. Gedanken zur Mittäterschafts-These und zum Roundtable-Gespräch in:  Mittäterschaft und Entdeckungslust, Orlanda Frauenverlag, 1990, Seiten 200-216 (BN 701)