traum-symbolika.com

180 - Erika Wisselinck - Tarot und Bibel - Oktober 2000

Elisabeth Camenzind

Nach Vicki Noble (Motherpeace) ist das Tarot eine verkannte Weisheitslehre. Nachdem ich mich wochenlang mit Walter Niggs Schriften beschäftigt habe - zuletzt mit "Botschafter des Glaubens" ist es mir ein Bedürfnis, mich ins Tarot zu vertiefen. Auch Walter Nigg denkt vorwiegend vom männlichen Geschlecht her. Am Schluss seines genannten Buches rät er "unablässig in die johanneische Sonne zu schauen, damit wir als die echten Söhne des ewigen Christus erfunden werden!" An einer Stelle nennt Nigg die Verehrung der Göttin "primitiv", In Vicki Nobels "Motherpeace" bekomme ich tiefsinnige - und keineswegs primitive Antworten.

Ich lege fünf Karten: Vier für die Himmelsrichtungen, eine in die Mitte. IX / Die Alte - Cups/Ass - Cups/Schamanin - Disc/5 - Wands/3

Das Auftauchen der "Alten" im Tarot weist nach Vicki Noble fast immer auf eine Zeit des Alleinseins hin. Meist komme diese Zeit als Segen, wenn sie uns zunächst auch einsam vorkommen mag. Das hänge aber mehr mit unserer Kultur zusammen, die uns sagt, dass es schlecht sei, allein zu sein. Sich von der Welt abzuwenden, um herauszufinden, ob ich wesentlich lebe, sei zweifellos schmerzhaft, aber die bewusste Akzeptanz der Einsamkeit bringe den natürlichen Prozess der Heilung in Gang. Nach Mary Daly sei die Alte "die Separate", die alles vom Selbst wegschneidet, was entfremdend und einengend ist. Wir lernen unsere eigene Lage und Bewegung zu spüren; wir lernen ein empfindliches Gleichgewicht zu halten, meint Mary Daly. Heutige Frauen übersetzen die durch die Symbole vermittelten vorpatriarchalen Vorstellungen für die heutige Zeit.

Initiiert zu sein heisst nach Vicki Noble, für eine Weile gegen den Strom zu schwimmen. Indem wir uns nach innen wenden, bereiten wir den Weg nach aussen vor. Ein Teil des Prozesses der Zukunftsweberei besteht darin, herauszufinden, was die Zukunft birgt. Aus der Dunkelheit des Wachens und der Erwartung geschieht die Geburt. - Das sind sehr subtile und schöne Vorstellungen und keineswegs "primitive".

Disc/5 spricht von Sorgen bzw. von einer Verspannung, die durch Sorgen entsteht. Die Gedanken seien wahrscheinlich mit irgendwelchen Überlebensproblemen beschäftigt - Geld, Wohnung, Arbeit. Trägheit drohe einzusetzen. Es wäre gut, wenn die Energie in Bewegung gehalten würde. Statt sich zu sorgen, das zu nichts führt, wäre es besser die Energien für positive Ziele zu mobilisieren. Sie rät "sich in gelassener magischer Absicht" auf die Zukunft zu richten. - Auch dieses Bild paßt zu meiner Situation. Tatsächlich fühle ich mich enorm müde - aber nicht aufgrund von materiellen Überlebensproblemen, sondern aufgrund von zu vielen Arbeiten, die nicht bewältigbar scheinen.

Drei Stäbe (166) bedeuten Kommunikation und die Freude des Selbstausdrucks. Auf dem Bild ist eine Mutter mit ihren Kindern zu sehen. Sie zeigt, wie sie mit ihren Händen Abdrücke an die Wand machen können. Noble vermerkt, menschliche Kultur habe sich um die Mütter und ihre Nachkommenschaft entwickelt über Sprache und vermittelte Erfahrung. Auf dem Bild achtet die Mutter auf die fröhlichen Laute ihrer Kinder, während sie mit ihren winzigen Händen Abdrücke machen. Durch die Manifestationen ihrer Visionen lernen sie etwas über das Leben. - Erlebe mich seit Monaten introvertiert. Weil im Frühjahr die FRP starten soll und noch keineswegs sicher ist, ob sie zustande kommt. Muss mich gefühlsmässig für zweierlei vorbereiten: Auf ein mögliches Scheitern und auf das Wagnis des Zustandekommens.

Nach diesen Überlegungen stellt sich in mir eine Verbindung her zu meiner christlichen Prägung und zu uraltem Frauenwissen, das mir im Frauen -Tarot begegnet. In unserer Jugend wurde uns die Gottheit als Mann -Gott vermittelt. Vergessen war, dass das Göttliche nicht greifbar ist, sondern geheimnisvoll in Kräften und Auswirkungen gespürt wird. Vergessen war die alttestamentliche Weisung, sich von Gott kein Bild zu machen. Auch das Judentum hat die Weisung des AT übertreten, indem es dem jüdischen Volk den Manngott Jahwe vorsetzt - ein unbarmherziger Kriegsgott.

Uns Frauen lenkte man mit dem Hinweis ab, Gott sei weder Mann noch Frau, stehe über dem Geschlechtlichen. Wir sollten verstehen, dass man vom Göttlichen in menschlichen Bildern sprechen müsse, daher die Kirche von Gott als Vater und Sohn spreche. Aufgrund von Interventionen feministischer Theologinnen darf in der Kirche zwar auch in weiblichen Bildern gesprochen werden: Gott sei auch Mutter, habe weibliche Eigenschaften. Dieses Zugeständnis macht die Sache nicht besser, weil dies letztlich auf eine Vereinnahmung des Weiblichen hinausläuft. Erst wenn das Weiblich/Mütterliche in Gestalt einer weiblichen Gottheit auftreten darf, als Dreiheit von Göttin Mutter, Tochter und Geistin (Sophia) ist das Weibliche wieder gleichgewichtig im Metaphysischen verankert. Das Weibliche muss - wie in der menschlichen Frühzeit - wieder als eigenständig Göttliches in der Religion auftreten und nicht als einem "Herr Gott" untergeordnete "Mutter Gottes" im katholischen Raum. Sobald die Gottheit in menschlichen Bildern zur Darstellung kommt, müssen weibliche und männliche Bilder gleichrangig in den Blick kommen.

Von der Herrscherin im Tarot heisst es, sie präsentiere die Grosse Mutter. Sie verspreche Überfluß, Geburt, Wachstum, Harmonie, Gemeinschaft und Beziehungen. Sie sei die früheste Versorgerin, die Gesellschafterin, die Mutter - Liebende - Lehrerin. Sie verkörpere in den Archetypen der babylonischen und griechischen Liebesgöttin: Isthar und Aphrodite. Sie sei Demeter, die griechische Göttin des Getreides, die in den eleusischen Mysterien verehrt wurde und sich später in der römischen Göttin Ceres widerspiegelt. Chronologisch verdeutlicht die Herrscherin die Entwicklung der Landwirtschaft und die ersten Zivilisationen, die während des Neolithikums entstanden. - In allen frühen Kulturen waren die Fruchtbarkeit der Mutter und die Fruchtbarkeit der Erde aneinander gekoppelt. In der Stadt Catal Hüyük, in der heutigen Türkei, entstanden die ersten Tempelgebäude um 7000 vor Christus. Die Frauen waren Hauptthema religiöser Kunst: Frauen beim Mahlen des Korns, beim Backen des Brots im Tempel - in diesen Darstellungen vereint sich das Mysteriums der Nahrungsumwandlung mit dem Mysterium der sexualinitiatorischen Transformation durch das Feuer. Beide wurden feierlich als Geschenk der Mutter zelebriert.

Die Herrscherin versinnbildliche die Verbindung von Geist und Materie, die Göttin im Körper. In diesen frühen Kulturen waren Rituale in den Zyklus des Pflanzens und Erntens, von Geburt und Tod eingebunden. Die Grosse Mutter wurde wegen ihres Geschenks der Fruchtbarkeit verehrt.

Die Herrscherin regiere mit Liebe. Sie stehe für ein erdhaftes Gemeinschaftsleben - eine Zeit, in der Menschen noch nicht Kriege führten, sondern ihre Freizeit mit Liebe und Kunst verbrachten, ein Gegensatz, der nicht zum abgedroschenen Slogan wie in den sechziger Jahren werden sollte.

Der Wagen repräsentiere die Siegerin, die triumphierende Amazone. Der Wagen stehe für unabhängige Gedanken und Handlungen der Jungfrau, derjenigen, die aus der Beziehung heraustreten kann und zur Arbeit geht. Die Wagenlenkerin sei die griechische Göttin der Weisheit, Athene, die ursprünglich, vor ihrer monströsen Wiedergeburt aus Vater Zeus, vom See Triton in Libyen. Sie war die libysche Dreifachgöttin Neith, die nach einigen Gelehrten die älteste Göttin der Welt ist; sie war die Göttin der oberen Himmel.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an Erika Wisselinck. Für sie ist Jesus von Nazareth, ein Prophet, der es nicht verstand, seine (gute) Sache zu vertreten. Sie lässt seine Mutter Maria auftreten, die es anders angepackt hätte. Wisselinck erkennt in Maria eine schriftkundige und weitsichtige Frau, die erfreut ist, dass ihr Sohn die ihr wesentlichen Dinge lehrt. Sie kritisiert jedoch seine zum Teil abgehobenen und abstrakten Vorstellungen übers Leben. z.B. die Vorstellung, die Menschen sollten sich nicht ängstlich um Nahrung und Kleidung sorgen.

Wisselinck erzählt in "Anna im goldenen Tor" eine Gegenlegende über Anna, der Mutter Marias. Der Maria legt Wisselinck großartig reflektierende Gedanken in den Mund. Maria beklagt sich zum Beispiel, Jesus habe sich nach zehn Jahren Abwesenheit von daheim so sehr verändert, dass sie ihn kaum mehr erkenne: "Er war so fremd geworden und wurde mir immer fremder. Alles, was er sagte, klang anders als früher. Einerseits sprach er wie ein grosser, weiser Rabbi und hielt sich genau an die Schrift, wie ich ihn gelehrt hatte. Dann wieder führte er rätselhafte Reden. Sprach von innerem Licht, von Geist, mir schien manchmal, als meine er nicht den Geist des Höchsten, von dem die Thora spricht, sondern von irgendeinen Geist an sich.() Manchmal hatte ich das Gefühl, er sei gar nicht mehr im Glauben unserer Väter, auch wenn er dieselben Worte benutzte, dann war er wieder rabbinisch wie nur einer... Mir fehlte das Abwägen, das Klären, beide Seiten gegeneinanderzuhalten... Alles, was er sagte, war immer zu... zu... ich weiss nicht. Er kann ganz wunderbar Geschichten erzählen, schüttelt sie aus dem Handgelenk, begeistert haben ihm die Leute zugehört. Aber hätte man sie gefragt, ob sie das leben wollten und konnten, was er forderte, nämlich friedfertig sein, vollkommen sein, gute Werke tun, was hätte man da wohl gehört? () Gut, das alles fordert die Lehre der Väter auch, aber er war darin so absolut, alles oder nichts, ganz oder gar nicht. Er ging immer aufs Ganze, und ich meine, er hat dabei übersehen, dass das armselige, mühsame Leben der Menschen aus sehr vielen einzelnen Schwierigkeiten besteht: Haben wir genug zu essen? Reicht das Feuerholz? Ist ein Kind krank? Wie gebrechlich ist die Grossmutter? Wie steht die Ernte? Wo finde ich Arbeit? Kann man solchen Menschen sagen, sie sollen sich nicht um ihr irdisches Wohl kümmern? Er hatte ja gut reden, mußte nicht tagaus, tagein für andere Menschen sorgen, war nicht verantwortlich für Schwache, die ohne ihn nicht existieren konnten. Er konnte leicht sagen: Wie die Vögel unter dem Himmel. () Ja, er hat wohl so gelebt, und wenn die anderen hungerten, benutzte er schon mal seine Magierkunst. Aber das ist doch nicht der Alltag der Menschen. () - Er zog mit der Gruppe durchs Land, fand immer Begeisterte, die sie alle aufnahmen und ihnen zu essen gaben, hatte auch reiche Anhängerinnen, die mit ihm zogen und mit ihrem Geld die Gruppe unterstützten, Susanna, Johanna und andere. Wie sollte er die wirklichen täglichen Nöte der Menschen kennen? Ich meine, er hat sie zu gering geachtet. Zwar hat er immer für die Armen und Schwachen gesprochen, aber eigentlich hat er ihnen doch nur verheißen, sie seien dem Ewigen, gelobt sei er, mehr wert als die Reichen und Starken, und sie seien die eigentlich Auserwählten des Gottesreiches. Und dieses Reich stehe kurz bevor, und er hat es geschildert, als sei es mit Händen zu greifen. Das hat sie natürlich begeistert in ihrer Not. Doch, hat es die Not gelindert? Hat er ihnen etwas für ihren Alltag gegeben oder nur Träume und Visionen von einer besseren Welt, wie sie vielleicht einmal sein könnte? Sicher hat er ihnen geholfen, ihr schweres Leben besser zu ertragen, aber hat er die, die dieses Elend verursachen, dazu gebracht, etwas zu verändern? Wie hat mir dies zu schaffen gemacht! Oft konnte ich - wenn er tags zu vielen Leuten gesprochen und sie begeistert hatte - nachts nicht schlafen."

Auch die problematische Mutter -Tochterbeziehung und der Versuch einer Klärung wurde von Wisselinck großartig dargestellt. Sie stellt eine - über die späte Begegnung und Sichtweise ihrer Tochter betroffene und bewegte Frau dar. Sie war betroffen, weil "ihre Tochter Maria, ihre einst so hochmütige Mirjam, die das Kleine, Menschliche nicht gekümmert hatte, sich jetzt so in das Leben und Denken der einfachen Leute hineinversetzen konnte." - "Mirjam schien die Anwesenheit ihrer Mutter vergessen zu haben, auch schien sie weit fort von Zeit und Raum zu sein. Ihre Stimme war wieder kräftig, aber nicht mehr dozierend. Langsam sprach sie vor sich hin, Gedanken, die sie wohl lange in ihrem Herzen bewegt hatte. 'Immer wieder fragte ich mich, was mich da eigentlich beunruhigte. Mit der Zeit wurde es mir klarer. Für mich sah es so aus, als glaubte er, im Besitz der Wahrheit zu sein. Nie hat er zwei Meinungen gegeneinander abgewogen und ist dann Schritt für Schritt zu einem Schluss gekommen, wie es die Art von klugen Rabbinern ist. Nein, er schien alles von vornherein zu wissen, sich nie irren zu können. Für ihn führten nicht viele Wege zum Ziel, sondern nur einer. Und nur über ihn sollten die Menschen an diesen, den er seinen Vater nannte, kommen. War das noch nach dem Glauben der Väter? Die Propheten haben nicht so geredet. Ist das nicht Hochmut, fragte ich mich oft, überhebt er sich nicht? Hat sich grösser genannt als der Tempel und Herr über den Sabbat... Und dazu stets die schreckliche Frage: Bin ich vielleicht schuld, dass er so vermessen ist? Hab ich ihn falsch gelehrt? ... Aber etwas hat mich an seinen Verkündigungen immer wieder gefreut, fuhr Mirjam fort, dass er nämlich so oft die Liebesgebote der Schrift aufgenommen hat. Also dachte ich, ist doch auch etwas von mir in seiner Lehre, hat er sich innerlich nicht völlig von mir abgewandt. Denn diese Gedanken waren in der Thora-Schule das Wichtigste für mich" (Erika Wisselinck: Anna im goldenen Tor. Gegenlegende über die Mutter Maria, 1990, S.176-178).

Katholische und reformierte Theologinnen heben die Frauenfreundlichkeit von Jesus hervor. Dies veranlasst mich zur Überlegung, wie seine Kindheit verlaufen sei und wie seine Mutter und sein Pflegevater Josef beschaffen waren. Wisselinck sieht in Jesus ein uneheliches Kind. Mit Josef hat er einen liebevollen Pflegevater bekommen, der vom Alter her sein Großvater hätte sein können. Josef ist ein einfacher Handwerker, Maria stammt aus gutem Hause. Vermutlich fühlte sich Josef durch Marias Herkunft in seinem Stand gehoben. Jesus erlebt seinen Pflegevater als ein Mann, der die Frau, seine Mutter, selbstlos liebt und verehrt. Er lernt durch ihn den Stand der Handwerker zu achten. Zu den Schriftgelehrten hat Jesus kein guter Zugang. Er verhält sich angriffig kritisch. Über die Mentalität der Schriftgelehrten weiss Jesus von seiner Mutter Maria Bescheid. Mit dieser Berufsgattung ist Maria als Mädchen im Tempel in Jerusalem in Berührung gekommen. Maria hat dort Tempeldienste geleistet, was biblisch verbürgt ist. Wisselinck vermutet, Maria sei vom Schriftgelehrten (Melchiseck) geschwängert worden, und dieser habe die Ehe mit dem braven, alternden Josef arrangiert, um der gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen. Maria erklärt dem Josef, ein "Engel" sei ihr erschienen und habe gesagt, sie werde ein Kind gebären und Josef glaubte es.

Nach Wisselinck hat Maria ihren Sohn als künftigen Rabbiner gesehen und hat ihn entsprechend gefördert. Sie lehrte schon den kleinen Knaben in demselben singenden Lehrton, den sie selber in der Tempelschule in sich aufgenommen hat. Aus der Sicht von Wisselinck hat die lernbegierige - und ehrgeizige - Maria, die weil weiblich, nicht zum Rabbinat zugelassen ist, ihren Wunsch auf Jesus übertragen. Dass Jesus gewissermassen ein "Delegierter " der Mutter war, ist aus psychologischer Sicht sehr stimmig.

Wisselinck spricht die metaphysische Tochterschaft an, die sehr viel älter ist als die Sohnschaft. Jesus hätte also die Möglichkeit gehabt, die Tochterschaft gleichgewichtig neben die Sohnschaft zu rücken. Das hat er nicht getan. Die damalige Situation war, dass die Juden im Knechtsverhältnis zu Jahwe standen. Die Männer hatten diesem untertänig gehorsam zu sein. Nun bringt Jesus den Männern "die frohe Botschaft" von einem Gott, der sie als Söhne anerkennt und liebt. Dass er die Töchter Gottes übersieht, zeigt seine geschichtliche Befangenheit, gleichwohl er sich zu Frauen freundlich verhält. Jesus konnte wissen, dass die Religion der Göttin samt ihren Anhängerinnen und Anhänger auf Jahwes Geheiß radikal ausgerottet worden war. Das Alte Testament berichtet ausführlich darüber. Margarethe Susmann sieht nicht so klar wie Wisselinck. Susmann ist zwar über die Gräuel, die man den Juden unterstellte und was die Deutschen dem jüdischen Volk angetan hatten, entsetzt und bestürzt. Dennoch ist sie blind für die Gräuel, die Moses auf Befehl von Jahwe dem midianischen Volk angetan hat. Diese Erinnerung scheint bei den Juden, die sonst so viel Wert aufs Erinnern legen, wie ausgelöscht. Es scheint nicht aufzufallen, dass Moses den ersten historischen Genozid veranlaßt hat, und dass seither jeder Despot in der Bibel nachlesen kann, wie man eine Religion und ein Volk auslöscht, und wieman Kritik an kriminellen Herrschenden und Göttern zum Schweigen bringt.

Ebenso unkritisch verhält sich die Einheitsübersetzung der Bibel, für welche mehrere katholische Bischöfe zeichnen (1980. Zur Mitarbeit waren evangelische Christen zugezogen worden, nicht aber jüdische Historiker. Die einleitende Erklärung ist erschreckend dürftig, um nicht zu sagen heuchlerisch: "Das Buch Genesis verarbeitet älteste Überlieferungen Israels und seiner Nachbarvölker über die Urgeschichte der Menschheit und die Vorgeschichte Israels. Wie Gott die Menschen zum Heil beruft, wie Menschen das Heilsangebot ausschlagen und sich damit selbst immer tiefer ins Unheil stürzen." – Aber es war doch der Gott Jawhe selber, der von Moses das Brandschatzen und Morden an den Midianitern unter Strafandrohung forderte.

Kein Wort verlieren die Bischöfe über die Problematik, dass der biblische Gott Jahwe ein rächender Gott ist. Kein Wort darüber, dass er den Genozid an Anhängerinnen und Anhängern der Mutterreligion fordert, um seine eigene Religion einzuführen. "Der Herr" sprach zu Moses, er solle Rache an den Midianitern nehmen. Als sie die Männer erschlagen hatten, brachten sie auch noch die Könige um. "Die Frauen von Midian und dessen kleine Kinder nahmen die Israeliten als Gefangene mit. Das ganze Vieh und der reiche Besitz der Midianiter wurde ihre Beute." Moses geriet in Zorn: "Warum habt ihr alle Frauen am Leben gelassen?" Gerade die Frauen seien schuld, dass die Israeliten von Jahwe abgefallen seien, um dem Pegor zu dienen (314). "Die überaus reiche Beute, die das Heer gemacht hatte wurde penibel genau aufgeführt: 675'000 Schafe und Ziegen, 72'000 Rinder' 61'000 Esel." Nach den Tieren werden die erbeuteten Menschen genannt: 32'000 Menschen. Die Hälfte der Beute wurde dem Priester Eleasar übergeben, wie "der Herr" es ihm befohlen hatte (S.315).

Zur "Entsündigung" sollten die Krieger sich selbst und die Gefangenen einer (rein äußerlichen) Reinigung unterziehen. Auch alle Kleidungsstücke und Lederwaren sollten "entsündigt" werden. Ferner sollte alles erbeutete Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei zur Entsündigung durchs Feuer gezogen werden (314).

An einer Stelle wird von den Herausgebern der Einheitsbibel beschönigend gesagt, die Erzählungen der Urgeschichte seien weder als naturwissenschaftliche Aussagen noch als Geschichtsdarstellung zu verstehen, sondern als Glaubensaussagen über das Wesen der Welt und des Menschen. Danach wird zugegeben, dass die politischen, sozialen, rechtlichen, kulturellen und religiösen Zustände weithin mit den Verhältnissen übereinstimmen, die heutige Forschung erschlossen habe. Das heisst, die Bibel ist bezüglich der schlimmen Taten ein historisches Buch. Schliesslich finden die Herausgeber auch noch zu der unerträglichen oder zynischen Deutung: "Der die Verfasser inspirierende Gott" habe "deutlich machen (wollen), dass er auch Sünder zu Trägern und Vermittlern von Segen und Heil erwählt" habe (Seite 15-16). Wie unerträglich zynisch diese Deutung letztlich ist, wird deutlich, wenn jemand jene Leute als "Vermittler von Segen und Heil" bezeichnen würde, die im Dritten Reich 6 Millionen Juden ermordet haben.

Es ist reiner Zynismus zu sagen, Gott habe deutlich machen wollen, dass auch Sünder zu Träger und Vermittler von Segen und Heil erwählt werden können, angesichts der grausamen Art der Einführung der Jahwe-Religion durch Moses. Man muss sich schon fragen, ob die katholischen Bischöfe so naiv sind, dass sie nicht merken, dass sie mit ihrer Aussage letztlich den Genozid legitimieren, als dürfte man(n) anderen Völkern die eigene Religion aufzwingen. Noch im Jahre 1980 suchen wir also umsonst nach Kritik, dass Moses seine Verbrechen göttlichen Weisungen zugeschoben hat und die Männer zum Mittun an diesem Verbrechen gezwungen hat. Was frühere Krieger noch nie taten, befahl er seinen Soldaten: Sie sollten nicht nur alle Männer, sondern auch Frauen und Kinder töten. Zudem lehrte er die Männer, wie sie sich auf billigste Art und Weise sich von der Sünde des Mordens und Raubens freimachen können.

Im Gegensatz zu den Schöpfungsvorstellungen, nach denen die Elemente des Kosmos "durch göttliche Zeugungen entstanden sind" - sagt die Einheitsübersetzung - lehre die priesterliche Tradition Israels, dass alle Dinge, Pflanzen, Tiere und der Mensch durch Gottes Wort entstanden seien (Seite 17). "Der Mensch" scheine (in 2,4b-24) noch vor den Pflanzen und Tieren erschaffen zu sein und werde so "als Haupt der Schöpfung herausgehoben." Kein Gedanke wird an den Widersinn verschwendet, wovon sich „der Mensch“ hätte ernähren sollen, wenn es keine Pflanzen gab. "Der Mensch" sei "nicht das Produkt der Natur, sondern der in die Welt gesetzte Partner Gottes. Mit „Mensch“ ist der Mann gemeint, der "als Ebenbild Gottes Anteil an der Herrschaft Gottes über die Welt" habe (Seite 19). Zu Adam habe Gott gesagt, er solle verflucht sein, weil er auf seine Frau gehört habe, und im Schweiße seines Angesichtes solle er sein Brot essen, "bis du zurückkehrst zum Ackerboden, von ihm bist du ja genommen" (22). - Das scheint der springende Punkt der Patriarchen zu sein: Die Männer sollten nicht mehr auf ihre Frauen hören, sondern allein auf die Priesterschaft. Macht und Einfluss soll nur noch dem männlichen Etablissement zukommen. An dieser Stelle hat der katastrophale Zustand von Macht und Ohnmacht zwischen den Geschlechtern begonnen: Nämlich die Hierarchie zwischen den Geschlechtern sowie die geschlechtliche Arbeitsteilung, die zu überwinden nach wie vor unsere grösste Aufgabe ist.ierarchie zwizwis