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745 – Todesinstinkt und Destruktion bei Sabina Spielrein

Elisabeth Camenzind

 

Im Jahre 1911 schrieb die neugebackene Medizinerin Sabina Spielrein einen Aufsatz über den »Todesinstinkt«, den sie unter den befremdlichen Titel: »Die Destruktion als Ursache des Werdens« stellte. - Meiner Auffassung nach versucht Sa­bina Spielrein in diesem Aufsatz, ihre erotische Erfahrung mit C. G. Jung zu verstehen und in eine allgemeingültige Form zu bringen. Im Weiteren versucht sie, ihre Sichtweise in die dama­lige wissenschaftliche, d.h. patriarchalische Sprache zu über­tragen, die für einen Inhalt aus Frauensicht ungeeignet war. Entsprechend wurde sie mißverstanden, und zwar in einem mehrfachen Sinne. Ihre Auffassung von der Destruktion wurde sowohl begeistert begrüßt als auch abgelehnt, schließ­lich von Jung und Freud in deren Lehrgebäude integriert, aber leider nicht im Sinne von Spielrein. Denn das eigentliche Pro­blem, das sie darzustellen versuchte, vermochten beide nicht zu erkennen.

Zu dieser Auffassung bin ich gekommen, nachdem ich Spiel­reins »Sämtliche Schriften«, ihr Tagebuch, ihre Briefe, den Briefwechsel Jung-Freud, die Kommentare von Carotenuto und Cremerius, Jungs aufschlußreichen Aufsatz von 1912 (al­lerdings in der überarbeiteten Form), sowie seine Autobiogra­phie und vieles mehr gelesen habe. - Auch Jung versucht in seiner Arbeit (1912 und 1916) seine Erfahrung mit Spielrein zu verarbeiten, was in seiner Themenwahl und in den Fallbeispie­len erkennbar ist (Raschers Jahrbuch II1: »Neue Bahnen der Psychologie«, 1912 bzw. »Die Psychologie der unbewußten Pro­zesse« 1916 und 1918). Carotenuto lobt Spielreins Arbeit über den Todesinstinkt und stellt zugleich fest: »Die Destruktion als Ursache des Werdens, 1912 ebenfalls im Jahrbuch veröffent­licht, war die zweite bemerkenswerte Arbeit von Spielrein, keiner ihrer weiteren Beiträge bis 1931 reicht, was gedank­liche Konzentration und Originalität angeht, an diese Arbeit heran. Beinahe Wort für Wort nahm sie in dieser Schrift die Gedanken vorweg, die Freud 1920 in Jenseits des Lustprinzips ausdrücken sollte. Freud gibt dies ehrlich zu, auch wenn er behauptet, nicht ganz verstanden zu haben, was Spielrein meinte«. - Freud hat also Spielreins Idee aufgenommen und als wesentlichen Eckstein in seine Theorie vom Todestrieb eingebaut.

Spielreins Idee vom Todestrieb ist übrigens nicht die einzige ihrer schöpferischen Ideen, die in die Tiefenpsychologie Ein­gang gefunden hat, allerdings ohne Erwähnung ihrer Her­kunft. C. G. Jung war an Spielreins Ideen überaus interessiert. Im Nov. 1911 bittet er Sabina Spielrein mehrmals, ihm das Manuskript von ihrem Vortrag wieder zuzustellen, weil wich­tige Gedanken darin seien, auf die er in seiner Arbeit Bezug .nehmen wolle. »Bitte schicken Sie mir Ihre Arbeit sofort wieder zu ... Ich muß sie unbedingt gründlich durchstudieren, denn es sind so viele wichtige Gedanken darin ... Ich habe (in) meiner Arbeit ... vielfach auf Ihre Ideen Bezug genommen. Ich möchte das bei Ihrer neuern Arbeit auch machen. Damit ein Gleichklang entsteht«. Am 24. 11. 11: »Ihre Nachrichten sind mir sehr wertvoll« - und am 11. 12. 11: »Ihre Arbeit soll ins Jahr­buch kommen, wenn Prof. Freud es auch wünscht. Zum Erfolg gratuliere ich bestens ... Freud hat sich auch mir gegenüber sehr gut über Sie ausgesprochen«. - »Ich bin überrascht durch die Fülle trefflicher Gedanken, die mir Verschiedenes vorweg­nehmen ... Ihr Gedanke ist kühn, weit ausgreifend und philo­sophisch«.

Spielrein ist also Lieferantin von einer Fülle weitausgrei­fender, kühner und philosophischer Gedanken und Ideen, und es scheint mir sogar, daß das theoretische Gerüst der Jung­sehen Psychologie eigentlich mit Spielrein entstanden und entwickelt worden sei. Zum Beispiel: Spielreins Idee vom Wer­deinstinkt taucht bei Jung später als Individuation wieder auf, der Todesinstinkt in Zusammenhang von seelischer Wandlung als partieller Tod. Spielreins phylogenetische Betrachtungsweise der Träume wird bei Jung zur Lehre von den Archety­pen, die Erfahrung von der Parallelität zwischen seelischen und äußeren Geschehnissen wird zur »Synchronizität«. Jungs Liebe zu Spielrein wird zur »Animaprojektion« (bzw. zur Über­tragung in der Psychotherapie), die Entdeckung der eigenen egoistischen Motivationen und Handlungen Jungs (»Schurke­rei«) wird zum »Schatten«, Spielreins Erkenntnis, daß der Mensch eigentlich ein psychisches »Dividuum« statt eines Indi­viduums sei*1, wird bei Jung zur Lehre von den psychischen Komplexen, Spielreins Anspruch auf Urheberschaft (Priorität) wird zum negativen »Animus« erklärt, und schon ist fast die ganze Theorie beisammen. Nach Jung kommt es darauf an, was man aus den Ideen macht, also auf die Theoriebildung, nicht auf die Urheberschaft. Er hat aus den Ideen Spielreins etwas gemacht, ja, er hat sogar mehr daraus gemacht als sie. Spiel­rein schreibt an Freud: »Er (Jung) ist unter meinen Augen geistig so groß gewachsen«.*2) - Die feministische Wissenschaft weiß heute, warum selbst geniale Frauen ihr schöpferisches Potential nicht im selben Ausmaß ausschöpfen können wie Männer. Aber das ist ein anderes Thema.

Im Zentrum von Spielreins Aufsatz steht ihre Auffassung, daß die Hingabe an eine leidenschaftliche Liebe, wenn sie nicht beiderseits auf Dauer und Treue angelegt sei, zerstörerische Auswirkungen auf die Persönlichkeit der Frau habe. Diese Auffassung entstammt ihrer Erkenntnis, daß sie in der Beziehung zu C. G. Jung auf der ganzen Linie den Kürzeren ziehen würde. Obgleich Spielrein ihre authentische Erfahrung mit dem mißverständlichen Begriff »Treue« bezeichnet, so hat sie doch einen Sachverhalt in den Blick genommen, der in der feministischen Bewegung seit einigen Jahren ein wesentlicher Diskussionspunkt ist. Der damals 33jährige C. G. Jung hatte ihr die »freie Liebe« und das Sichopfern in einer uneigennützigen Liebe vorgeschlagen. Daß Jung von ihren Ideen begeistert war und ihre Manuskripte unbedingt studieren und in »Einklang« mit seinen eigenen Arbeiten stellen wollte, freute sie zunächst. Sie fühlte sich in ihrer Persönlichkeit und in ihrem Denken ernst genommen, verstanden und akzeptiert. Später befürchtete sie aber, daß er ihre Ideen »stehlen« würde. Sie schreibt: »Noch viel wichtiger ist mir die zweite Arbeit >Über den Todesinstinkt<, und da muß ich gestehen, daß ich große Angst habe, daß mein Freund diesen Gedanken, den er in seiner Arbeit im Juli erst andeuten wollte mit Erwähnung, daß hier die Priorität mir gehört, daß er mir den Gedanken... pumpt, weil er die Andeutung bereits jetzt, im Januar machen will. Ist das wieder ein unbegründetes Mißtrauen von mir?« Und weiter: »Wie könnte ich den Menschen verehren, der lügt, der mir meine Gedanken stiehlt, der mir nicht Freund, sondern kleinlich schlauer Rivale ist?«*3 - Spielrein erhebt hier sehr selbstbewußt den Anspruch, daß ihre Ideen an ihren Namen geknüpft werden, was damals nicht üblich war – bei Frauen.

Sexualität, Angst, Ekel, Widerstand

Spielrein beginnt ihren Aufsatz mit dem Hinweis, daß sie bei der Beschäftigung mit sexuellen Problemen besonders an der Frage interessiert sei, warum der mächtigste Trieb, der Fort­pflanzungstrieb, mit Angst, Ekel und Widerstand verbunden sei. Die damaligen Erklärungen für die Abwehr seien unbe­friedigend: Sexualverbot, Erziehung, Nähe der Sexualorgane zum Anus, Bestehen einer Neurose. - Und ebenso unbefriedi­gend war für sie die Erklärung für die häufig auftretenden Todesvorstellungen im Zusammenhang mit sexuellen Wün­schen: Stekel faßte den Tod als Symbol für den moralischen Fall auf. Lediglich bei Jung sah Spielrein eine gewisse Ent­sprechung der von ihr gewonnen Resultate, weil er sich nicht nur einer sozialen Gefahr bewußt sei, sondern von einer unbe­kannten Gefahr spreche. Spielrein zitiert die Stelle von Jung ziemlich ausgiebig:

»Die leidenschaftliche Sehnsucht, d.h. die Libido hat zwei Seiten: sie ist die Kraft, die alles verschönt und unter Um­ständen alles zerstört. Man gibt sich öfter den Anschein, als ob man nicht recht verstehen könne, worin denn die zerstörende Eigenschaft der schaffenden Kraft bestehen könne. Eine Frau, die sich, zumal unter heutigen Kulturumständen, der Lei­denschaft überläßt, erfährt das Zerstörende nur zu bald. Man muß sich um ein Weniges aus bürgerlich gesitteten Umständen herausdenken, um zu verstehen, welch ein Gefühl grenzenlo­ser Unsicherheit den Menschen befällt, der sich bedingungslos dem Schicksal übergibt. Selbst fruchtbar sein - heißt sich sel­ber zerstören, denn mit dem Entstehen der folgenden Genera­tion hat die vorausgehende ihren Höhepunkt überschritten: So werden unsere Nachkommen unsere gefährlichsten Feinde, mit denen wir nicht fertig werden, denn sie werden überleben und die Macht aus den entkräfteten Händen nehmen. Die Angst vor dem erotischen Schicksal ist ganz begreiflich, denn es ist etwas Unabsehbares daran; überhaupt birgt das Schick­sal unbekannte Gefahren, und das beständige Zögern des Neu­rotischen, das Leben zu wagen, erklärt sich aus dem Wunsche, abseits stehen zu dürfen, um nicht im gefährlichen Kampfe des Lebens mitringen zu müssen. Wer auf das Wagnis, zu erleben, verzichtet, muß den Wunsch dazu in sich ersticken, eine Art Selbstmord begehen. Daraus erklären sich die Todesphanta­sien, die den Verzicht auf den erotischen Wunsch gerne beglei­ten«.*4

Jungs Ausführungen wirken aus heutiger Sicht befremdlich und undeutlich. Zu viele Aspekte sind miteinander vermischt, zu viele Fragen bleiben offen. Unklar bleibt, welche Aussage welches der Geschlechter betrifft. Jedenfalls hat sich zu dieser Zeit nicht nur Spielrein, sondern auch Jung intensiv mit den Auswirkungen des sexuellen Erlebens befaßt, besonders mit den begleitenden Destruktions-, Zerstörungs- und Todesvor­stellungen. Allerdings beobachtet Spielrein Destruktives beim Ausleben von Sexualität, während Jung Todesphantasien beim Verzicht auf Sexualität erfährt. Jung sieht im Unterschied zu Spielrein die »Todesvorstellungen« nicht im Einklang, sondern im Gegensatz zum sexuellen, libidinösen, Geschehen.

Spielrein bezieht sich in ihrer Argumentation - was unge­wöhnlich ist zu ihrer Zeit - auf Erfahrungen des weiblichen Geschlechts: »Aus meinen Erfahrungen an (mit) Mädchen kann ich sagen, daß es normaliter das Gefühl der Angst ist, welches in den Vordergrund der Verdrängungsgefühle tritt, wenn zum ersten Male die Wunschrealisierungsmöglichkeit in Frage kommt, und zwar ist es eine besondere Form der Angst: man fühlt den Feind in sich selbst, es ist die eigene Liebesglut, die einen mit der eisernen Notwendigkeit zu dem zwingt, was man nicht will ... « - Es ist also das eigene ungestüme Begehren, das die Frau in Angst und Schrecken versetzt. Und weiter: »Was geschieht mit dem Individuum bei der Sexualbetätigung, das solche Stimmung rechtfertigt?« - Spielrein fragt also nach der Person und nach dem Ich-Erleben der Frau. Sie steht dem Mann als Subjekt gegenüber mit ihrem eigenen Begehren durch die Frage, was mit der Persönlichkeit der Frau bei der Sexualbetätigung geschieht. Spielrein sieht eine Angst, als In­dividuum vernichtet zu werden. Als weiteren Grund für den Widerstand nennt sie: »Man fühlt das Ende, das Vergängliche nach dem Höhepunkt.*5«

Jung hatte ihr geschrieben, was er unter Liebe versteht: »Werden Sie begreifen, daß ich einer der schwächsten und unbeständigsten Menschen bin? Und werden Sie niemals sich dafür an mir rächen, weder in Worten, noch mit Gedanken und Gefühlen? Ich suche den Menschen, der zu lieben versteht, ohne damit den andern zu strafen, einzusperren und auszusau­gen ... Mein Unglück ist, daß ich des Glückes der Liebe, der stürmischen, ewig wechselnden Liebe, für mein Leben nicht entrathen kann. Dieser Dämon steht in einem unheilvollen Widerspruch zu meinem Mitleid und meiner Empfindsamkeit. Wenn die Liebe zu einer Frau in mir erwacht, dann ist mein erstes Gefühl, ein Gefühl des Bedauerns, des Mitleides mit dem armen Weibe, das von ewiger Treue und anderen Unmöglich­keiten träumt und für ein schmerzliches Erwachen aus all die­sen träumen bestimmt ist... Geben Sie mir in diesem Augen­blicke etwas zurück von der Liebe und Geduld und Uneigen­nützigkeit, die ich Ihnen zur Zeit Ihrer Krankheit geben konnte. Jetzt bin ich krank.«*6

Jung macht Spielrein also darauf aufmerksam, daß sie »uneigennützig« lieben soll, weil er als unbeständiger Mensch stets wechselnde Liebesbeziehungen brauche. Er teilt ihr mit, daß sie Episode sein werde und also nicht von »ewiger Treue und anderen Unmöglichkeiten« träumen soll. Daß Jung ihre Beziehung schon zu Beginn als »Episode« bezeichnet, bedeutet für sie, daß er nicht wirklich liebt. Ein anderes Mal hatte Jung ihr erklärt, daß er sie nicht heiraten würde, wenn er noch frei wäre. Sie sei »für die freie Liebe geschaffen« und nicht für Ehe und Mutterschaft. Auch sagte er, daß er in Liebesangelegen­heiten »unehrlich« sei und daß er sie für ihren »großartigen und stolzen Charakter« liebe. Und weiter, daß ein »großer Phi­lister« in ihm stecke, der das enge und spezifisch Schweizeri­sche brauche - was Sabina Spielrein ihm allerdings nicht glaubte.

In ihrem Aufsatz geht Spielrein davon aus, daß »der mehr aktiv veranlagte Mann auch mehr sadistische Wünsche« habe und daß er die Geliebte zerstören wolle.*7 - Sie begründet diese Auffassung mit biologischen Vorgängen in den Sexualzellen. Bei der Befruchtung werde jede Zelle als Einheit vernichtet, und aus diesem Vernichtungsprodukt entstehe das Leben. Bei den Einzellern bedeute diese Neuschöpfung zugleich die Ver­nichtung des eigenen Lebens. Der eigene Untergang stelle sich also in den Dienst der neuen Schöpfung. Mit diesem Bild ver­sucht Spielrein sowohl den zerstörerischen als auch den schöpferischen Aspekt des Fortpflanzungstriebes zu begrün­den. Bei den Menschen werde nur noch ein kleiner Teil ver­nichtet, sagt sie, insofern das Sperma (sie nennt es Same) des Mannes im weiblichen Ei verschwinde und dieses wiederum in seinem Zustande durch das männliche Sperma verändert werde. Beide Geschlechter wären demzufolge in der biologi­schen Situation von der »Zerstörung« der Produkte aus dem Geschlechtsakt und von der dazugehörigen Angst betroffen.

Aus heutiger Sicht ist Spielreins Erklärung für die zerstörerischen Aspekte in der Sexualität zu weit hergeholt. Aber das ist für unser Anliegen nicht relevant, da es uns um den Erfah­rungshintergrund von Spielreins Theorie der Destruktion geht, um zum Kern ihrer Erkenntnis zu gelangen. Erinnern wir uns auch daran, daß Spielrein Jungs Aufsatz zitiert, in dem er sagt, daß es ein Zeichen von Neurose sei, das Wagnis der Sexualität nicht einzugehen, und daß die Weigerung letztlich sogar bedeute, dem Kampf des Lebens auszuweichen. Vermut­lich war Jungs Aussage auch auf Spielreins Verweigerung ge­münzt, und entsprechend war sie genötigt, ihren Standpunkt durch eine allgemeine Begründung verständlich zu machen, auch wenn dann letztlich die Gleichung doch nicht aufging.

Jungs Verdacht, ihr Zögern entstamme dem »Zögern des Neurotischen, das Leben zu wagen«, oder einem Mangel an weiblicher Großmut, versucht Spielrein auch noch auf der my­thologischen Ebene zu begegnen. Sie stellt die These auf, daß beim menschlichen Individuum sowohl ein »Werdetrieb« als auch ein »Zerstörungstrieb« vorhanden sei. Sie erwähnt be­stimmte Formen von Liebe, bei der aus der Zerstörung, dem Tod, das Leben hervorgehe; diese Formen sieht sie auf der mythologischen Ebene dargestellt. Beim, wie sie es nennt, »nordischen Siegfried« und dem »orientalischen Christus« stellt sie fest, daß diese nach dem von Freund erwähnten »Ret­tertypus« lieben, indem sie sich ihrer Liebe opfern und sterben. Sie sieht Christus als Sonnengott, der sich für die Menschheit opfert. »Christus stirbt am Lebensbaume; er wird an ihn geheftet und hängt daran gleichsam wie dessen Frucht. Wie die Frucht stirbt Jesus ab und gelangt als Same in die Mutter Erde.«*8

Spielrein spricht hier also das Opfermotiv an, und auch das Opfer, das Jung von ihr erwartet. Er selbst ist der »Philister«, der in der Sicherheit der Ehe verbleiben will. Das kann und will sie ihm vermutlich nicht so ins Gesicht sagen, daher er­klärt sie den Unterschied zwischen ihrer und seiner Auffas­sung von Opfer. Sie erklärt, daß es eine Art der Liebe gebe, die sich altruistisch aufopfere oder unter bestimmten Vorausset­zungen sogar sterbe. In ihren Beispielen sind es bezeichnen­derweise Männer, die sich aus Liebe aufopfern. Damit weist sie Jung darauf hin, daß auch der Mann aufgerufen ist, sich der Liebe als einer dem persönlichen Egoismus übergeordneten Idee hinzugeben und sich zu opfern. Die Liebe als »Episode« zu behandeln lehnt sie ebenso ab wie das einseitige Opfer der Frau. Diesen Sachverhalt macht Spielrein durch den Hinweis auf den »Fliegenden Holländer« deutlich. Die Liebe zwischen dem Holländer und Senta sieht sie durch»Treue« gekennzeich­net. Aus Treue ist Senta einverstanden, »in der Liebe zum Holländer vollständig destruiert zu werden, das heißt mit ihm den Tod zu erlangen«. Spielrein weist darauf hin, daß auch Senta nach dem Rettertypus liebt. Sie will durch den gemein­samen Tod zu einem neuen, gemeinsamen Leben geboren wer­den: »Wie neugeboren steigen Senta und der Holländer um­schlungen aus dem Wasser hervor«.*9 - Auch von Christus sagt sie, daß er sich aufopfernd selbst zerstört, um die Auferste­hung, das Werden, zu ermöglichen.

Aus Spielreins Aufsatz geht hervor, daß sie sich mit dem Gedanken von Jungs Vorstellung der »Aufopferung« in der Liebe sehr intensiv befaßte, und daß sie grundsätzlich auch zum Opfer bereit war. Dies zeigt Mus auch ihr Tagebuch: »Ich will ihm etwas opfern, ich will für ihn leiden«. Aber dann scheinen sich Zweifel an der Richtigkeit dieses Opfers einge­stellt zu haben, vor allem gegenüber der Einseitigkeit der Aufopferung, die sich aus Jungs Vorstellung von seiner »ewig wechselnden stürmischen Liebe« und der Polygamie ergab. Anhand der Mythologie macht Spielrein klar, daß sie zwar nach dem »Rettertypus« zu lieben willens und fähig ist, nicht aber bereit, sich dem Egoismus eines einzelnen Mannes zu opfern. Ebensowenig war sie willens, sich einem als männlich verstandenen Sadismus zu unterwerfen, der die Geliebte immer nur zerstören will.

Die Leidenschaft muß nach Spielrein nicht zwangsläufig zur Zerstörung der Geliebten führen, wenn man die Bedingungen der Liebe verändert. Der Mann müsse beginnen, die Frau als Subjekt und Persönlichkeit zu lieben, anstatt sie lediglich als Agens für seine ewig wechselnden Liebschaften zu betrachten. Und er müsse darauf verzichten, der Frau die Früchte ihres Geistes, ihre Ideen zu stehlen, um sie für sich selbst zu gebrau­chen. Spielrein schreibt, es könne eine »Neudifferenzierung« stattfinden, wenn in der Beziehung Liebe von Seiten des Mannes hinzutrete. Wenn das der Fall ist, muß die Frau nicht den Selbstverlust befürchten, auch wenn sie sich in die Liebe hin­eingibt und aufopfert: »Bei der Liebe ist die Auflösung des Ich im Geliebten zugleich die stärkste Selbstbejahung, ein neues Ichleben in der Person des Geliebten. Fehlt die Liebe, dann ist die Vorstellung einer Veränderung, des psychischen oder kör­perlichen Individuums unter dem Einflusse fremder Macht wie beim Sexualakt eine Vernichtungs- oder Todesvorstellung.«*10 - Offensichtlich spricht Spielrein aus Erfahrung, Jung und Freud hingegen hatten diese Erfahrung zunächst nicht ernst genom­men, sondern als »enorm komplexbedingt« abgewertet. Später haben beide Tiefenpsychologen dann Spielreins Idee vom»To­desinstinkt« aufgenommen, aber - wie ich noch zeigen werde -leider nicht in dem von ihr gedeuteten Sinne.

Die Möglichkeit, daß die Auflösung des Ich im Geliebten zugleich die stärkste Selbstbejahung sein kann, betrifft eigent­lich beide Geschlechter. Auch die Liebe des Mannes zur Frau muß nicht zum Selbstverlust führen, sondern könnte unter be­stimmten Voraussetzungen ein Akt der Selbstbejahung sein. Männer fürchten durch die Hingabe an die Frau sich selbst aufzulösen. Die Möglichkeit, daß der Mann seinerseits in der Hingabe an die Frau die stärkste Selbstbejahung, nicht Selbst­auflösung, erleben kann, besteht nach Spielrein dann, wenn Liebe und Treue vorhanden sind.

Da weder Spielrein noch Jung die weibliche bzw. männliche Position klar benennen, sind wir immer genötigt, aus dem Kon­text heraus zu lesen, welche Aussage welches Geschlecht be­trifft. Wenn die Liebe fehlt, sagt Spielrein, »dann ist die Vor­stellung beim Sexualakt eine Vernichtungs- oder Todesvor­stellung«. Dagegen sagt Jung: Todesphantasien entwickeln sich bei dem, der »auf das Wagnis, zu erleben, verzichtet«. Erst aus Spielreins Aussage, daß beim mehr aktiven Mann auch mehr sadistische Wünsche vorhanden seien und daß er sogar die Geliebte zerstören wolle, geht hervor, daß sie die Destruk­tion beim Manne - konkret bei ihrem Geliebten - angesiedelt sieht. Erst diese klare Nennung der Geschlechter ergibt das Verständnis für die in den Sätzen verborgene Aussage: Wenn die Liebe beim Manne fehlt, dann ist die Frau gefährdet. Sie muß die Vernichtung ihrer Persönlichkeit, den Selbstverlust befürchten. Das ist die Aussage und die Angst von Spielrein, daß ihr konkreter Geliebter, Jung also, sie unweigerlich zer­stören wird, wenn er sie nicht als Persönlichkeit und Subjekt liebt, d.h. wenn er zur Gegenseitigkeit nicht bereit ist. Der Mann muß selbst der Mensch werden und sein, »der zu lieben versteht, ohne damit den anderen zu strafen, einzusperren und auszusaugen«. Er muß zum nämlichen Engagement und zur nämlichen Aufopferung und zum Verlust von Privilegien bereit sein, die er von der Frau erwartet. Spielrein spricht also als betroffene Frau, als potentielles Opfer männlicher Vernich­tungs- und Todesvorstellungen.

Etwas Zerstörerisches für die Frau sieht Spielrein auch durch die leibliche Fruchtbarkeit gegeben: »Die Entwicklung und Entstehung des Kindes geschieht auf Kosten der Mutter, am meisten ist die Mutter bei der Geburt gefährdet. Die Mutter wird geschädigt«.*11 - In Wirklichkeit wird die Mutter aber nicht durch Schwangerschaft und Geburt mehr gefährdet als das Kind. Die Erwähnung dieser Ansicht muß vielmehr in der kon­kreten Situation verstanden werden. Spielrein fürchtet, durch die »freie Liebe« gefährdet zu werden. Beide hatten mit der Idee gespielt, daß sie einen kleinen »Siegfried« in die Welt setzen wollten als Ausdruck ihrer Leidenschaft. Als Spielrein die Phantasie aufnahm und Jung »ein Knäblein schenken« wollte, wich er erschreckt zurück. Spielrein erschrak erst, als sie sich eine außereheliche Mutterschaft konkret vorstellte, die ja ganz auf ihre Kosten gehen würde. Sie nimmt ihre Tendenz zur Aufopferung zurück: »Ich habe schon zu viel gelitten, daß ich ein bißchen mehr an mich denke, daß ich Angst habe vor den bevorstehenden Schmerzen der Trennung, vor der darauf folgenden Einsamkeit vielleicht für mein ganzes Leben ... Auch meine wissenschaftlichen Bestrebungen würden schwer darunter leiden: ich werde nirgends mit dem Kleinen ange­nommen«.*12

Auch Jung äußerte sich zum Thema Fruchtbarkeit im eingangs erwähnten Aufsatz. Er sagt, selbst fruchtbar zu sein heiße, sich selbst zu zerstören. Dies ist zweifelsohne im Hin­blick auf die Frau zu verstehen, auch wenn er das nicht explizit sagt. C. G. Jung, der zu dieser Zeit Vater von drei Kindern war, hatte ja keineswegs das Gefühl, daß er sich deswegen selbst zerstören würde. Sehr wohl aber wurde die Frau, die auch außerhalb der Ehe auf Kinder nicht verzichten wollte, in der damaligen Gesellschaft in ihrer sozialen Existenz zerstört, Auf der anderen Seite aber warnt C. G. Jung davor, auf das Wagnis Sexualität zu verzichten. In dieser Formulierung zielt er ver­mutlich auf beide Geschlechter ab, und zwar meint er die Se­xualität außerhalb der Ehe, denn innerhalb der Ehe ist die Sexualität ja gestattet. Zwei Warnungen gehen an die leiden­schaftliche Frau, also an Spielrein: Sie soll sieh nicht drücken vor dem sexuellen Wagnis, aber sie soll auf ein Kind verzich­ten, weil ein uneheliches Kind sie in ihrer sozialen Existenz zerstören würde. Beide Warnungen dienen letztlich ihm selbst, will er doch die stürmische Liebe, aber nicht Vater eines außer­ehelichen Kindes werden. Aber Spielrein will nicht nur Ge­liebte und aufopfernde Muse auf Zeit sein, sondern auch Mut­ter werden. Im ganzen lassen die Schlüsse, die Spielrein aus der Sexualität zieht, tief in ihre traumatische Erfahrung mit Jung blicken, denn sie sieht in seiner Sexualität »ohne Liebe« eine Destruktionskomponente enthalten, die auf Kosten der Frau geht.

Was Spielrein als Destruktion wahrnimmt, kommt in ihrem Tagebuch sehr viel direkter und lebendiger zum Ausdruck als in ihrem Aufsatz. Im Tagebuch sind die wechselnden Stellung­nahmen, Selbstwertgefühle, Hoffnungen und Befürchtungen aufgezeichnet, und Sabina Spielrein wird in ihrer ganzen in­tensiven, starken und verletzlichen Persönlichkeit spürbar.

»Nun kommt er ganz freudestrahlend und erzählt in tiefster Rührung von Gross, von der großen Erkenntnis, die ihm nun aufgegangen ist, er will nun nicht mehr sein Gefühl zu mir unterdrücken ... er will mir nun alles von sich erzählen ... Dieser unsterbliche Satz: >Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.< Diese dämonische Kraft, die doch ihrem Wesen nach Zerstörung ist und zugleich auch die schöpfende Kraft ist, indem aus der Vernichtung ein neues entsteht. Das ist eben der Sexualtrieb, der seinem Wesen nach ein Zerstörungstrieb, Vernichtungstrieb für das einzelne Indi­viduum ist, und daher auch meiner Ansicht nach einen so großen Widerstand bei jedem Menschen zu überwinden hat.«*13

»Mit wilder Gluth hat sich die Liebe zu meinem Freunde meiner bemächtigt. Bald wehrte ich mich ungestüm, bald ließ ich mir jedes Fingerchen von ihm abküssen und hing vor Liebe vergehend an seinen Lippen ... Wie sollte ich mich der wilden Macht erwehren? Müde sitze ich nun danach überstandenen Stürmen und wiederhole mir fest: Das nicht! ... daß mein Freund bereits verheiratet ist. Jung sagte, "daß er mich liebt, weil wir einen merkwürdigen Parallelismus der Gedanken haben«

»Als er mir sein Tagebuch zu lesen gab sagte er mit ganz leiser heiserer Stimme: >Das hat nur meine Frau gelesen und ... Sie<. Er meinte es könne ihn Niemand so verstehen, wie ich. Weil er nun einmal eine Frau hat, so kommt es mir öfters als Unrecht vor ... >Diese intelligenten Augen, seufzte er manchmal, oder es kamen ihm Tränen, wenn ich über die psychologische Musik von Wagner erzählte, denn genau so hatte er sich das gedacht, so empfunden, so geschrieben (noch unge­druckt). Und ich war bereit für ihn zu sterben, ihm meine Ehre zu schenken. Es war die erste jugendliche Liebe ... weil sie (seine Frau) bei ihrer Liebe doch an ihre Bequemlichkeit dachte und keinen >hergelaufenen Ideologen< wollte; seine Frau wird gesetzlich geschützt, von allen geachtet und ich, die ihm alles weggeben wollte ohne die geringste Rücksicht auf mich, ich heiße in der Sprache der Gesellschaft als unmoralisch, Geliebte, vielleicht >Maitresse<. Mit seiner Frau kann er überall offen erscheinen, und ich habe mich in dunklen Winkeln zu verbergen ... Er wollte freilich mich in sein Haus einführen, mich zur Freundin seiner Frau machen, wie begreiflich konnte sich seine Frau auf die Geschichte (Polygamie) nicht einlassen. ( ... ) Ich beschloß ihn tüchtig durchzuschimpfen, daß er sich seine Freundin zur Gefühlssklavin machen will und dann nicht weiter das Thema berühren.« - »Statt mir ruhige Liebe zu zeigen, verfiel er wieder in eine Don Juan Rolle, die mir so widerwärtig ist an ihm.«

»Ich erklärte ihm, soweit ich konnte, daß ich ihn ja gern habe, nur kann ich nichts dafür, daß meine stolze Natur seiner zu tief greifenden Macht über mich Widerstand leistet« - »Ich kann unmöglich als dummes Gänschen vor ihm stehen. Nein, hoch, stolz und von allen geachtet! Seiner werth muß ich sein und der Gedanke, den ich schuf, will auch an meinen Namen geknüpft sein«.*14

Ich habe die Auszüge von Spielreins Tagebuch nicht chrono­logisch aufgeführt, sondern eher nach den Inhalten gegliedert, und will nun noch einen Brief anfügen, den sie an Sigmund Freud schrieb, nachdem Jung ihren Eltern gegenüber behaup­tet hatte, sie stelle ihm nach, und sie sollten ihn von ihren Ansprüchen befreien. Spielrein ist am Boden zerstört, läßt diese Umkehrung der Situation aber nicht auf sich sitzen, son­dern wendet sich an Sigmund Freud, um sich zu verteidigen: »Er darf aber nicht leugnen, daß eine tiefe seelische Verwandt­schaft jahrelang bestanden, er darf nicht leugnen, daß er be­ständig ausrufte >Diese Intelligenz<, oder andere Dinge, von denen ich nicht gern rede.. . er darf nicht leugnen, daß er mich und die Liebe zu mir als ein Heiligtum betrachtete, er darf nicht leugnen, daß er mir viele Male versicherte, es könne ihn niemand so verstehen wie ich ... Er soll ganz ehrlich gestehen, daß seine Geliebte (bis zu den letzten 3 Wochen, so sie so plötzlich den Glauben an irgendwas Höheres in der Welt ver­loren) immer in ihrer Liebe groß und stolz war. Seufzte doch Dr. Jung: >Ich liebe Sie für die Größe Ihrer Leidenschaft.< Mein Freund sagte mir wir müßten immer auf der Hut sein, um sich nicht wieder ineinander zu verlieben: wir seien immer für­einander gefährlich. Er gestand mir, daß bis jetzt noch kein weibliches Individuum bei ihm meine Stelle vertreten konnte. Es sei als hätte er einen Halsschmuck in welchem alle übrigen Verehrerinnen, Perlen, ich das Medaillon wäre«. - Zu dem, was in den von Spielrein erwähnten drei Wochen passiert ist, in denen sie den »Glauben an irgendetwas Höheres in der Welt verloren« hatte, lasse ich Carotenuto sprechen: »Ein anonymer Brief, von dem Sabina annimmt, daß er von Jungs Frau ge­schrieben wurde, informiert ihre Eltern über die Situation. Sie verlangen eine Erklärung von Jung, und dieser antwortet postwendend mit einem Brief, der einen regelrechten Theater­coup, einen völlig unerwarteten Maskenwechsel darstellt. Jung schreibt Sabinas Mutter, er sei nicht der Befriediger der Sexualität ihrer Tochter und er wolle von ihr und von ihren Ansprüchen befreit werden«.*15

»Ich suche den Menschen, der zu lieben versteht«

Der erst 33jährige Jung befand sich in einer Lebenskrise, als er Sabina Spielrein schrieb: »Ich suche den Menschen, der zu lieben versteht« und sie auf forderte, sich der Leidenschaft hin­zugeben: »Ich fürchte für meine Arbeit, für mein Lebensziel, für all die hohen Bestimmungen, die eine werdende neue Welt­anschauung mir zeigt ... Meine Stimmung ist zerrissen bis auf den Grund ... Ich suche diesen zukünftigen Menschen, der es verwirklicht, daß Liebe unabhängig von sozialen Vor- und Nachteilen sein kann, damit die Liebe immer Selbstzweck und nicht immer nur Mittel zum Zweck" sei. - Weiter fordert Jung Spielrein zur uneigennützigen Liebe auf. Sie soll ihm etwas zurückgeben von der »Liebe und Geduld und Uneigennützig­keit, die ich Ihnen zur Zeit Ihrer Krankheit geben konnte« (Brief vom 4. 12. 08).*16

Eigentlich sucht Jung hier nicht den uneigennützigen Men­schen, sondern die uneigennützige Frau. Da Jung vom »Men­schen« spricht, macht es zudem den Anschein, als ob er selbst bereit wäre, diesen neuen Menschen zu verwirklichen, der zugunsten der Liebe soziale Nachteile in Kauf nimmt. Aber in Wirklichkeit macht Jung selbst eine kleinliche Rechnung, die seinem eigenen Anspruch an den »neuen Menschen« nicht entspricht. Spielrein soll ihn aus einer Situation von Angst und Schwäche herausretten, weil er ihr als Arzt geholfen hatte. Jung wünscht zudem »Abmachungen« mit Spielrein, sonst»leidet darunter meine Arbeit, und die erscheint mir wichtiger, als die momentanen Probleme und Leiden der Gegenwart.« - Und er bemerkt beiläufig, daß er schon als kleiner Junge »von einer Magd knapp vom sicheren Tode gerettet« worden sei.

Der Wunsch nach Abmachungen sowie das Abwägen der Leiden der Gegenwart gegen seine Arbeit klingt zunächst ganz harmlos. Aus dem Kontext geht jedoch hervor, daß es nicht seine eigenen Leiden sind, die er im Verhältnis zur Wichtigkeit seiner Arbeit als nebensächlich und unwichtig erachtet, son­dern die der Frau. Seine eigenen Leiden möchte Jung ja mit­tels der »stürmischen Liebe« beenden. Daß das für die Frau Leiden bedeutet, scheint für Jung klar zu sein, denn er bezeich­net sein Bedürfnis nach der »ewig wechselnden« Liebe als seinen Dämon, der im Widerspruch zu seinem Mitleid und seiner Empfindsamkeit stehe, und er sagt, daß er Bedauern fühle mit dem »armen Weibe, das von ewiger Ueue und andern Unmöglichkeiten träumt und für ein schmerzliches Erwachen aus all diesen Träumen bestimmt« sei.

Jungs Brief zeigt seine Blindheit in der typisch patriarcha­len Situation: Als Mann besteht er auf seinem Vorteil, von der Frau fordert er das altruistische Opfer. Dabei vermischt Jung auch noch seine berufliche Arbeit mit der persönlichen Ebene. Er legt Spielrein die Rechnung für seine berufliche Uneigen­nützigkeit vor, wobei er vorgibt, daß es ihm um die Entstehung einer neuen Weltanschauung gehe. Nicht »der neue Mensch« aber wird von Jung gesucht, sondern die uneigennützig lie­bende Frau. Seine Idee von der Polygamie versteht er als ausschließlich für den Mann gültig. Er will die Sicherheit in Ehe und Gesellschaft für sich wahren, diese aber erweitern durch stets wechselnde und stürmische Liebesverhältnisse. Daß er diese Situation auf Kosten der Sicherheit und des sozia­len Ansehens der Frau herstellen will, scheint für ihn ganz natürlich, wenn auch bedauerlich für »das arme Weib«. Aber Spielrein hatte sich ihre Zukunft als Medizinerin und Liebende anders vorgestellt. In ihrer Kindheit sah sie sich in ihrer Phan­tasie als große Göttin, die Menschen aus Lehm schafft, sowie als große Zauberhexe, die magische Kräfte über die Welt be­sitzt. Später fühlte sie sich aufgrund eines von ihrem Vater gedeuteten Traumes zu etwas Großem in der Welt bestimmt. Sie sprach vom »Werdeinstinkt«, der sie zur Selbstwerdung und Selbstentfaltung aufforderte. Daß sie Jungs Ansinnen einer Winkel- und Schattenexistenz einer »Maitresse« mit ihrer eigenen Zukunftsvision nicht vereinbaren konnte, ist nicht verwunderlich.

Aus Jungs Schriften geht hervor, daß er nach Spielreins Zu­rückweisung (1912-1918) in einen Zustand größter Aufge­wühltheit verfiel. Jung berichtet in der Biographie von er­schreckenden Träumen, von mumifizierten Toten, die lebendig werden, von Kälteeinbrüchen mitten im Sommer und von sei­ner tiefen Desorientierung. In seinen Schriften versucht er sich darüber klar zu werden, was mit ihm los war. Zunächst kommt er zu Vorwürfen: Eine Frau, die dem Wagnis der Se­xualität ausweiche, sei eine Neurotikerin, die letztendlich dem gefährlichen Kampf des Lebens ausweiche. Implizit sagt Jung also, daß Spielrein das Verhältnis zu ihm als eine Form von »gefährlichem Kampf des Lebens« hätte auffassen und akzep­tieren sollen. Daß er für sich selbst jedoch den gesicherten Hort der Ehe beibehalten will, auch das hätte Spielrein - sei­ner Meinung nach - akzeptieren sollen. Vermutlich spielt Jung auch auf Spielreins Wille zum heldinnenhaften Selbstopfer an. Er dachte wohl, daß sie hier eben eine gute Gelegenheit zum Beweis ihres ersehnten Heldentums gehabt hätte. Aber so wollte Spielrein nicht gedeutet werden, wie sie in ihrem Aufsatz zum Todesinstinkt darzustellen versuchte. Obgleich sie ihre Art des Liebens dem des »Rettertypus« entsprechend sah, so dachte sie keineswegs an die Rettung eines einzelnen, dem Egoismus verfallenen Mannes, sondern an den aufopferungs­vollen Dienst an einer übergeordneten Idee, an einem Werk -vielleicht als »Sublimation» der sexuellen Libido, oder aber als Ausdruck ihrer Fähigkeit zum opfervollen »Heldentum«. Im Brief fordert Jung von Spielrein sehr direkt die Aufopferung, nachdem sie sich vom Weimarer Kongreß ferngehalten hatte: »Sie hätten aber trotzdem kommen sollen, denn das Leben verlangt der Opfer und der Selbstverleugnung, der Unterord­nung des Trotzes und des Stolzes unter die Gesetze der hinge­benden Liebe. Nur wenn Sie das Glück des Anderen suchen, wird Ihnen das eigene Glück zuteil ... und es wird Ihnen schei­nen, als ob Sie sich selber dabei verlören ... Einzig durch dieses Selbstopfer aber werden Sie sich gewinnen in neuer und verschönerter Gestalt und dadurch auch andern Menschen zum Segen und zum Glück werden. Sie hätten also unter kei­nen Umständen auf den Congressbesuch verzichten dürfen, damit haben Sie einen schweren Fehler begangen.«*17

Nach ihrer Heirat absolvierte Sabina Spielrein noch ein zweites Studium: Musik und Komposition. Nach ihrem Umzug in die Sowjetunion gründete sie ein therapeutisches Kinder­heim. Zudem übersetzte sie Jungs damals bestehende Schrif­ten in die russische Sprache, wie aus den Korrespondenzen mit Jung (1913-1919) ersichtlich ist. Vermutlich verstand Spielrein diese Übersetzungsarbeit als Ausdruck des früheren »Wir« ihrer Beziehung, wobei Jung es als selbstverständlich hin­nimmt, daß Spielrein für ihn arbeitet. Seine Briefe fallen ziem­lich knapp aus. Er geht auf Punkte kaum ein, die Spielrein überaus wichtig sind. Sie schreibt zum Beispiel bezüglich des Siegfried-Symbols: »Die Lösung dieser Frage wäre für mich von außergewöhnlicher Wichtigkeit« (Brief 19.1. 1918). Es liegt kein Brief von Jung vor, in dem er diese Frage beantwor­ten würde.

Energetische Voraussetzungen für die Libido

Ich habe eingangs erklärt, daß Spielrein in ihrem Aufsatz über die »Destruktion als Ursache des Werdens« das erotische Er­lebnis mit Jung zu verarbeiten und in eine allgemeine Sprache zu übersetzen versuchte. Darin versucht sie gleichzeitig die Bedingungen und die Art ihres Liebens zu erklären. Mit ande­ren Worten: sie spricht von den Bedingungen der weiblichen Libido und Energetik, die von Jung vernachlässigt werden. Jung weiß zwar aus eigener Erfahrung, daß solche Bedingun­gen existieren, denn er versucht sein Bedürfnis nach der »ewig wechselnden« und stürmischen Liebe so zu verstehen: »Die psychische Energie ist ... ein wählerisches Ding, das seine eigenen Bedingungen erfüllt haben will. Es kann noch so viele Energie vorhanden sein, dennoch können wir sie nicht nutzbar machen, solange es uns nicht gelingt, ein Gefälle herzustellen«. - Das »Gefälle« fand Jung durch die stets wechselnde, stürmi­sche Liebe zu Frauen hergestellt. Jung hatte Spielrein gestan­den, daß seine Liebe zu ihr der Faszination über ihre Intelli­genz entsprungen sei, und dies, obgleich damals die Meinung umging, daß dumme Frauen erotisch anziehender seien. Was ihn an Sabina Spielrein, die offenbar keine Schönheit war, faszinierte, ging von dem damals noch seltenen Dreiklang aus: analytische Intelligenz, psychische Fülle und bejahte kraft­volle Sinnlichkeit.

Trotzdem war Jung blind für das, was Spielrein ihm zu er­klären versuchte, wie seinen späteren Büchern entnommen werden kann. Er blieb der Rollenzuweisung der Geschlechter verhaftet. Dies kommt z. B. in seiner Beschreibung der Zahlen­symbolik (1946) zum Ausdruck:

»Die Dreiheit erscheint als männliche aktive Erschließung und (alchemistisch als das Aufquellen der Brunnen). Die Zweiheit verhält sich dazu weiblich, oder als zu formender Stoff (alch. >informatio<, Formgebung und >impraegnatio<, Schwängerung). Psychologisch entspricht die Dreiheit dem Bedürfnis, Verlangen, Trieb, der Aggression und dem Wil­lensentschluß, die Zwei aber der Reaktion ... Durch das Mit­reißen, das Nachfolgen und das Durchführen entsteht die Tat und nur darin erscheint der Mensch als lebendiges Ganzes und als Einheit (>Im Anfang war die Tat<) ... Wir bewegen uns hier in einem bekannten Gebiete, welches das letzte und größte alchemistische Werk, der Faust, uns mit den herrlich­sten Bildern vor Augen führt. Goethe schildert recht eigent­lich das Erleben des Alchemisten, der entdeckt, was er in die Retorte hineinprojiziert hat, nämlich sein eigenes Dunkel, seine Unerlöstheit, seine Leidenscaft, sein Streben nach dem Ziel, das zu werden, was er eigentlich ist, und wozu ihn seine Mutter geboren hat, nämlich nach der peregrinatio eines langen, in tausend Irrtümern verstrickten Lebens zum filius regiums, zum Sohne der höchsten Mutter zu werden.«*18

Was Jung hier beschreibt, siedelt er auf der einen Seite als Prozeß auf der innerpsychischen Ebene an, auf der anderen Seite projiziert er das, was er als »weiblich« bezeichnet, auch gleichzeitig auf die konkrete Frau. So wird der Mann zum eigentlichen Subjekt, zu der Person, um die sich alles dreht. Er ist der Formgebende, die Frau der »zu formende Stoff«. Der Mann wird als »der Mensch« bezeichnet, Er, der Mann, hat »Bedürfnis, Verlangen, Trieb, Aggression«, sie aber soll auf diese »reagieren«. In die Frau hinein legt er sein eigenes Dun­kel, seine Unerlöstheit. Sie soll ihm helfen, »zum Sohne der höchsten Mutter« zu werden. Zur Illustration der Gleichset­zung von Weiblichkeit und Frau soll hier eine weitere Stelle angeführt werden:

»Aus den letzten Worten des Helden erfahren wir, daß seine ersehnte Geliebte, die einzig ihn versteht Ja-ni-wa-ma heißt. Wir finden in diesem Namen jenen aus Longfellows Hia­watha bekannten Lallworte aus der ersten Kindheit des Helden: Wawa, wama, mama. Die einzige die uns wirklich ver­steht, ist die Mutter. Denn verstehen (althochdeutsch firstan) leitet sich wahrscheinlich ab aus einer urgermanischen Vor­silbe fri, die mit ... um, herum identisch ist... Daraus ergäbe sich eine Grundbedeutung von verstehen als sich um etwas herumstellen... Und es ist kein Zweifel darüber, daß nichts in der Welt uns je so gänzlich umfaßt wie die Mutter,«

Mit dem Hinweis auf den Helden, dessen ersehnte Geliebte eine Mutter-Welt um ihn herumstellt, entlarvt Jung unbeabsichtigt die Infantilität und Lächerlichkeit des patriarchalen Heldenmythos. - Im gleichen Buch fiel mir auch noch Jungs Fixierung auf den Phallus auf, der für ihn das absolute und einzige Symbol der schaffenden Gotteskraft ist, obgleich er an einigen Stellen eine Göttin erwähnt, die ihn eines Besseren belehren könnte. Auf über hundert Seiten werden Beispiele aus den vergangenen 5000 Jahren angeführt, die den Phallus als Leben und Samen schaffenden Gott verehren. Die leben­schaffende Kraft der weiblichen Gottheit, von der Spielrein noch wußte, wird von Jung gewissermaßen ausgelöscht. Der Phallus produziert den Weltsamen, die Frau wird zum leeren Gefäß gemacht, das seinen Samen schützt und umfaßt und ausbrütet - entgegen besserem Wissen. Bei Spielrein dagegen hat das Pendant zu den Spermien, das weibliche Ei, noch Präsenz. In ihm ist die Hälfte der Samenzellen enthalten. Und die Frau ist ein eigenständiges Subjekt.

Obgleich Jung zur Zeit seiner Beziehung zu Sabina Spielrein erst wenige Schriften verfaßt hatte, so nahm sie sehr wohl wahr, was Jung eigentlich von ihr erwartete. Ich habe es bereits beschrieben: Sie soll ihn »umstellen« und verstehen, ihre libidinöse Leidenschaft soll sie mit ihm ausleben unter Verzicht auf all das, was er als »männlich« versteht: »Bedürfnis, Verlangen, Trieb, Aggression«. Der Blick für die Bedürfnisse eines weiblichen Subjekts geht ihm verloren. Jedoch besteht Spielrein schließlich auf ihrem »Ich-Leben«, beispielsweise auf ihrer Urheberschaft, worauf Jung allerdings ärgerlich reagiert. Er schreibt ihr, daß sie sich wieder ganz unnötig aufrege. Auch bei Sigmund Freud sah sie sich genötigt, sich ihrer »Priorität« zu vergewissern, als dieser Jung im »Imago« anpreist, anstatt sie zu erwähnen. Freud antwortet ihr: »Ich werde die Anpreisung Jungs an anderer Stelle zu Ihren () Gunsten einzuschränken haben. Im Ganzen ist diese Prioritätsfrage nicht sehr bedeutsam.« - Daß Freud die Prioritätsfrage für unbedeutend hält, wenn sie nicht ihn selbst, sondern eine weibliche Person betrifft, ist bezeichnend für die Situation der Frau im Patriarchat, in dem sie als eigene Persönlichkeit und Subjekt nicht vorgesehen ist.

Indem Männer die Frau als Subjekt nicht wahrnehmen, ihre Bedürfnisse, ihr Verlangen, ihre Triebe und ihre Aggression unbeachtet lassen, verweigern sie der Frau den Individua­tionsweg. Ihre Leidenschaft, ihr Streben nach dem Ziel, das zu werden, was sie eigentlich ist und wozu ihre Mutter sie gebo­ren hat, nämlich nach der peregrinatio eines langen, in tausend Irrtümern verstrickten Lebens zur filia reglas der höchsten Mutter zu werden - so würde Jungs männlicher Lebensentwurf in die weibliche Form übersetzt lauten, und man erkennt so, was der Frau verweigert wird. Als Subjekt nicht vorgesehen zu sein, bedeutet nämlich, im Ich-Leben vernichtet und ausge­löscht zu sein, lange vor dem eigentlichen Tod. Es scheint mir, daß Jung, trotz der Leidenschaft und Bewunderung für Sabine Spielrein, letztlich nicht imstande war, ihr die Schöpferkraft des Subjekts zuzugestehen. Am 18. 3. 1912 schrieb Jung an Spielrein: »Ich habe, Ihre Arbeit jetzt durchblätternd, gefun­den, daß unheimliche Parallelen zu meiner eigenen neuen Arbeit darin vorkommen, was ich früher gar nicht ahnte, denn ich habe Ihren Titel bisher falsch gelesen, immer: >Distinktion< statt >Destruktion< und habe mich darüber gewundert. Nun finde ich erhebliche Parallelen, welche zeigen, zu welchen Re­sultaten man kommt, wenn man consequent und unabhängig weiter denkt.« Jung erweckt hier den Anschein, als ob er die gleichen Gedanken gehabt hätte und nun bei ihr Parallelen sieht, während er doch in einem Brief deutlich sagte, er wolle ihre Arbeit studieren, damit ein Gleichklang entstehe. Es han­delt sich also um ein Plagiat von seiner Seite, da nämlich ganz ausgeschlossen ist, daß Jung Spielreins »Destruktion« als »Di­stinktion« gelesen haben könnte. Oft genug ist vom »Todesin­stinkt« die Rede als Pendant zum »Werdeinstinkt«, und auch in einem Brief von Freud an Jung ist vom »Destruktionstrieb« die Rede, wobei Freud schrieb, daß dieser ihm nicht sympathisch sei, da er ihn für persönlich bedingt halte. Was Spielrein be­fürchtet hatte, nämlich daß Jung ihre Ideen stehlen würde, ist somit eingetroffen. Die Enteignung dehnt sich auf das ganze weibliche Geschlecht aus - das habe ich oben bereits darge­legt -, wobei dieser Sachverhalt verschleiert wird, indem Ani­mus und Anima als Figuren, die bei beiden Geschlechtern ent­faltet werden müssen, erscheinen.

Ein Ort für die Persönlichkeit und ein »Gefälle« für die Libido

Sabina Spielrein hatte eine »heldenhafte« Einstellung zum Leben, sie fühlte sich stark und für eine gesellschaftliche Arbeit geschaffen. Sie meinte, daß sie notfalls auch Opfer und Leiden »wie Christus« auf sich nehmen würde, um zu lie­ben und zu einer Persönlichkeit heranzureifen. Ein Foto von 1925 zeigt die 40jährige Spielrein, deren Gesichtszüge eine gewisse starre Härte und Resignation bekommen haben. An­gesichts ihrer früheren Lebendigkeit hatte ich ein anderes Bild erwartet, und es schmerzt mich, sie in diesen Zustand versetzt zu sehen. Spielreins Resignation kommt vermutlich daher, daß sie, wie so viele Frauen, den echten existentiellen und geisti­gen Austausch beim Manne suchte, das Echo ihrer tieferen Existenz aber ausblieb. Ungewöhnlich ist, daß Spielrein sich schon damals primär als berufstätige Frau verstand. Nie sprach sie in Briefen über ihre Arbeit als Hausfrau. Wenn sie ihre Tochter »Renatchen« in einem Aufsatz erwähnt, dann ist sie als liebende Mutter zwar präsent, aber sie stellt deutlich ihr Forschungsinteresse heraus, also ihre Beobachtungen und Überlegungen. Da ihr zeitweise keine therapeutischen Fälle zur Verfügung standen, nahm sie die eigenen Träume und die Äußerungen ihrer Tochter, um die menschliche Psyche zu er­forschen und Gesetzmäßigkeiten daraus abzuleiten. Jung ging ja ähnlich vor, wobei er aber die Eigenerfahrung sehr viel mehr hinter fremden Namen versteckte als sie.

Im Jahre 1918 erlaubt sich Spielrein einen Rückblick auf die Tatsache, daß sie sich vor Jahren auf einen Heldenmythos eingelassen hatte, von dem primär Jung fasziniert war: Sieg­fried. Nun hatte Spielrein 1918 einen Traum, in welchem Sieg­fried ihre kleine Tochter ermorden will. Aufgrund dieses Trau­mes gelangt sie zu der interessanten Frage, ob das Siegfried­symbol in sich selbst unstimmig sei, so daß eine solche Umkehrung möglich würde, oder ob das Unbewußte sich auch täuschen könne. Spielrein schreibt: »Ich habe mich ganz heftig gegen die Auffassung des Siegfrieds als eines realen Kindes gesträubt und aufgrund meiner mystischen Veranlagung würde ich bloß denken, daß mir im Leben ein großes und heroisches Los beschieden sei, daß ich mich für eine große Schöpfung aufopfern muß. Ich konnte meine Träume, wo der Großvater oder Vater mich segnete und meinte >Ein großes Los ist dir beschieden, mein Kind, nicht anders auffassen.« Sie legt Jung die Frage vor, ob sie möglicherweise damals seiner Sug­gestivwirkung auf ihr Unbewußtes erlegen sei: »So war mein unterbewußtes Denken und Fühlen von Ihnen so weit beein­flußt, daß ich die Lösung des Siegfriedproblems in Form eines realen Kindes suchte«. - Weiter: »Nach Freud wäre die Sieg­friedphantasie bloß eine Wunscherfüllung. Gegen dieses Bloß habe ich mich stets gewehrt. Ich sagte mir, ich sei für etwas Großes bestimmt, ich müsse eine Heldentat verrichten. Wenn nun die Analyse ergibt, daß meine Liebe zu X keine bloß plato­nische ist, wie ich überzeugt war und sein wollte - warum sollte ich mich da sträuben und nicht meine Heldentat gerade darin erblicken, daß ich mich für diese heilige Liebe aufop­fere ... ?«*19 - Aber Jung reagiert ärgerlich, empfindet ihre Fra­gen als »Herunterreißung« und verlangt von ihr, sie solle das Wesen, das sie Siegfried nenne, in »innerer Anbetung anneh­men«. Da Jung in seiner Antwort völlig an der Intention Spiel­reins vorbei geht, scheint sie in der Folge resigniert zu haben, denn ein weiterer Brief an Jung liegt nicht vor. - Die Tochter symbolisiert wohl das »göttliche Kind« aus Spielreins eigener Psyche, das bei der Frau, matrizentrisch gesehen, ganz folge­richtig diesmal ein weibliches Kind ist. Der Traum sagt ihr, daß der patriarchale Heldenmythos nicht geeignet ist, ihre seeli­schen Inhalte und Bedürfnisse zu repräsentieren, sondern daß er sich auf die geistige und seelische Persönlichkeit der Frau mörderisch auswirkt. Später ersetzte Jung selbst unter dem Eindruck eines Traumes seinen Siegfriedmythos, und zwar durch Goethes Mythos vom »Faust«. Bezeichnenderweise sucht Faust ebenfalls seine Lebendigkeit durch Sexualität mit einer jungen Frau zurückzugewinnen: Gretchen war noch fast ein Kind, als Faust sie psychisch und physisch zur Quelle sei­ner Persönlichkeit machte und sie schwängerte. Gretchen ver­fiel dem Wahnsinn, wobei es Jung nicht weiter beschäftigte, warum Gretchen wahnsinnig wurde.

C. G. Jung hatte nicht verstanden, daß Spielrein auf Tod und Leben um ihre tiefere Ich-Existenz, Persönlichkeit und Selbst­werdung bangte, die von Vernichtung bedroht war. Er hatte ihr vorgeworfen, daß es neurotisch sei, die sexuellen Wünsche mit ihm nicht zu leben. Später aber scheint er eine andere Sicht gewonnen zu haben, wenigstens in bezug auf den Mann. Von ihm sagt er, daß die Neurose »alle entscheidenden Dummhei­ten seines Lebens verhinderte und ihn zu einem Dasein zwang, das seine wertvollen Keime entwickelte, die alle erstickt wären, wenn nicht die Neurose mit eisernem Griffe den Men­schen an den Platz gestellt hätte, wo er hingehörte. Es gibt eben Menschen, die den Sinn ihres Lebens, ihre eigentliche Bedeutung im Unbewußten haben und im Bewußtsein all das, was ihnen Verführung und Abweg ist«.*20 - Diese Aussage ist bedeutsam, und sie trifft sicher auch auf Jung selbst zu - das geht aus Spielreins Tagebuch hervor. Er benahm sich ihr ge­genüber wie ein »Don Juan«, was ihr überaus widerwärtig war. Als aber Sabina den Rückzug und den Weg zu sich antrat, wurde Jung auf sich selbst zurückgeworfen. Er wurde gezwun­gen, sich mit dem zu befassen, was durch die Begegnung mit Spielrein in der Tiefe seiner Psyche geschehen war. Hätte Jung die Frau ebenfalls als Person und Subjekt mit einer eige­nen Persönlichkeit verstanden, hätte er ihre Angst als der ei­genen verwandt und vergleichbar verstehen und anders auf ihre existentielle Suche reagieren können.

Was mit Spielrein passiert ist, erkennen wir am besten im Vergleich mit Jung. Er scharte eine ganze Anzahl intelligenter Frauen um sich, die uneigennützig für ihn und seine Sache arbeiteten. Auch Freud und andere Männer hatten Schüler um sich, um ihre Theorien zu entwickeln und zu besprechen. Jungs Denken und Sinnen war auf die sogenannte Männeröffentlich­keit ausgerichtet. Er wollte in der Männerwelt verstanden werden und Erfolg haben, denn Männer suchen Anerkennung und Prestige bei ihresgleichen. Spielrein dagegen stand als Frau allein da. An den Universitäten waren Frauen kaum ge­duldet, nicht eigentlich erwünscht. Daß Frauen wissenschaft­lich arbeiteten, war noch ungewohnter. Es bestand die Vorstel­lung, daß Frauen den Männern als inspirierende Muse oder als intelligente und selbständige Schreibkraft zu dienen hätten. Dazu kam, daß Spielrein auch auf keine Frauenöffentlichkeit zählen konnte, die mit Interesse ihre Forschung verfolgte. Es fehlte ihr also die Reaktion und Ansprache von ihresgleichen, und es fehlten ihr die Gesprächspartnerinnen. Würde Spielrein heute leben, könnte sie mit Frauen und Fachkolleginnen in den sehnlichst gewünschten Austausch treten.

Todesinstinkt - Todestrieb

Ich habe eingangs behauptet, Freud und Jung hätten Spiel­reins Idee vom Todesinstinkt in ihre Tiefenpsychologie in ent­stellter Form integriert. Tatsächlich unterscheidet sich Spiel­reins »Todesinstinkt« inhaltlich und ursächlich ganz erheblich von Freuds »Todestrieb«, den er in zwei Hälften aufteilt, den Geschlechtern zuordnet und zu genetisch bedingten Bedürfnissen erklärt. Den Masochismus ordnet er der Frau zu, als Be­standteil von angeblich normaler weiblicher Sexualität. In die­ser Freudschen Auffassung lassen sich zwei Entstellungen der Theorie Spielreins nachweisen: Der Todestrieb wird zum einen nicht mehr aus dem Faktum erklärt, daß bei der Fort­pflanzung die Geschlechtszellen (in Ei und Sperma) zugunsten eines neuen Lebewesens zerstört werden, sondern aus den Genen. Zweitens wird der Masochismus wesensmäßig dem weiblichen Geschlecht zugeordnet.

Aber im Unterschied zu Freud ist bei Sabina Spielreins »To­desinstinkt« von Masochismus nicht die Rede, und von einem Bedürfnis nach Selbstzerstörung erst recht nicht. Im Gegenteil: Ihr Auf satz ist eine Auseinandersetzung mit der unzumutbaren Forderung, daß Liebe und Sexualität für Frauen eine einseitige Aufopferung für den anderen bedeuten soll.

Es scheint mir aber, daß Spielrein mit dem Titel ihres Aufsatzes, der die Destruktion als Ursache des Werdens bezeich­net, die Leserschaft - wenn auch unbeabsichtigt - auf eine falsche Fährte führt. Gipfelt doch ihr Gedankengebilde in einer anderen Aussage: Die Destruktion des Todesinstinktes kann und muß in der Sexualität durch bestimmte Bedingungen überwunden werden, weil die Frau sich dem Zerstörerischen im Mann nicht masochistisch aussetzen will.

Daß Spielreins Argumentation heutiger Sicht nicht stand­hält, tut der Bedeutung ihres Aufsatzes keinen Abbruch. Es ist hier nicht der Ort, näher darauf einzugehen, und ich sage nur so viel, daß ich selbst weder den Todestrieb, noch die Destruk­tion für die »Ursache des Werdens« halte, auch wenn dies heute noch oft behauptet wird. Gewiß führt jedes Leben zum Sterben und in den Tod. Gewiß besteht das Leben aus fortwäh­renden Umwandlungen, aber es ist beileibe nicht der Tod, aus dem das Leben kommt, sondern umgekehrt. Es sind die Leben­den und Lebendigen, die das neue Leben gebären, nicht das Zerstörte oder die Toten. Das Leben in der Natur stirbt im Herbst nicht ab, es schläft nur, bis es im Frühling zu neuem Leben erwacht. Wenn aber unsere Luft, unsere Pflanzen, Wäl­der und Meere und die ganze »Mutter Natur« eines Tages durch Vergiftung wirklich getötet würden, wird es kein Leben mehr geben.

Es ging mir darum, den tieferen Intentionen nachzuspüren, die Spielrein veranlaßten, sieh mit dem Thema der Destruktion in der Liebe zu befassen. Durch das Studium der Hintergründe von Aufzeichnungen, Briefen und anderen Dokumenten er­kannte ich, daß sie in ihrem Aufsatz zum Todesinstinkt die traumatisierende Beziehung zu Jung zu verstehen suchte, da sie sich durch ihn in ihrer Selbstfindung gefährdet fühlte.

Anmerkungen

1 Spielrein, Schriften, a.&0., S. 106

2 Carotenuto,Tagebuch, aa.O., S. 100

3 Carotenuto, Tagebuch,a. a. 0.,S.76

4 Spielrein, Schriften, a. a. 0., S. 98/99

5 Spielrein, Schriften, a. a. 0., S. 99/100 6 Jung, Briefe, a. a. 0., S. 196

6 Jung, Briefe, a.a.O., S. 196

7 Spielrein, Schriften, a. a. 0., S. 120

8 Spielrein, Schriften, a. a. 0., S. 133

9 Spielrein, Schriften, a. a. 0., S. 133

10 Spielrein, Schriften,a.a. 0.,S.127

11 Spielrein, Schriften, aa. 0., S. 137

12 Carotenuto, Tagebuch, a. & 0., S. 50/51

13 Carotenuto/Cremerius, Tagebuch, a. a. 0., S. 107/108

14 Carotenuto/Cremerius, Tagebuch, a. a. 0., 8. 52-80

15 Carotenuto/Cremerius, Tagebuch, a. a. 0., S. 303

16 Jung, Briefe, a. a. 0., Dez. 1908

17 Jung,Briefe,a.a.0.,Sept.1911

18 Jung, Symbole, a. a. 0., S. 761/762. Dieser Aufsatz wurde von Jung in den fünfziger Jahren nochmals gründlich überarbeitet.

19 Carotenuto, Tagebuch, a. a. 0., S. 20

20 Carotenuto, Tagebuch,a.a.0.,S.20

Literatur

Carotenuto, Aldo (Hg.) - Sabina Spielrein: Tagebuch einer heimlichen Sym­metrie - Sabina Spielrein zwischen Jung und Freud. Freiburg, 1986.

Jung, C. G. - Briefe. Olten, 1986.

ders. - Symbole der Wandlung (1912). Olten, 1985.

Spielrein, Sabina - Sämtliche Schriften. Freiburg, 1987.