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63 - Adolf Muschg verteidigt Inzest – Der Zusenn oder das Heimat - 1991

Verwirrspiel

Die Erzählung: Der Zusenn oder das Heimat, wurde mir (Elisabeth Camenzind) im September 1991 zugestellt mit dem Hinweis, der Autor habe darin den Inzest in einer subtilen Art und Weise behandelt, so dass ich darauf sehr neugierig war. Da die Geschichte in einem Bändchen mit Liebesgeschichten eingebettet ist, stellte ich mir vor, Muschg setze sich mit der Frage auseinander, ob eine Inzestgeschichte wirklich eine Liebesgeschichte sein könne. Vorwegnehmend sei gesagt, dass ich darin keine Liebesgeschichte zu erkennen vermag, vielmehr ein konstruiertes Verwirrspiel. Die Töchter erscheinen mal im Kindesalter, vorwiegend jedoch als bereits alternde Frauen mit sexuellen Wünschen an den Vater. Mit dem Problem von Pädosexualität, die zur Zeit der Entstehung des Textes diskutiert wurde, hat Muschgs Erzählung wenig bis gar nichts zu tun.

Sachverhalt 1

Zuerst wird die LeserIn mit einem rührend sorglichen Vater in Kontakt gebracht. Er habe im Leben viel Unglück gehabt. Seine Frau sei ihm gestorben, mit der er in wunderbarer Einigkeit und Liebe gelebt habe. In der Folge sei er von den Dorfbewohnern verfolgt und mit seinen zwei Töchtern in eine einsame Alp vertrieben worden. Dort sei es kalt und einsam gewesen. Sie hätten dann Wärme und Trost gesucht. Mit dieser Vorbereitung macht der Autor es verständlich, dass es zum Inzest zwischen Vätern und Töchtern kommen kann. Diese Situation wirkt allerdings konstruiert. Sind doch 99% der Inzestväter weder verwitwet, noch wohnen sie mit ihren Kindern auf einer einsamen Alp. In Wirklichkeit kommt Inzest in allen Schichten und unter allen Bedingungen vor: in der Stadt, auf dem Land, bei normal verheirateten Männern.

Sachverhalt 2

Indem der Autor dem Vater unterstellt, er habe in der Tochter seine verstorbene und heiss geliebte Frau gesehen, macht er den Inzest mit einem zweiten Argument verständlich und verzeihbar.

Sachverhalt 3

Im Laufe der Geschichte sind die "Mädchen" plötzlich erwachsene und sexuell reife Frauen, die begreiflicherweise sexuelle Bedürfnisse haben. Damit wird die Geschichte auf eine neue Ebene verschoben. Es kommt zu einer dritten Entschuldigung, der Vater verkehrt nicht mit einem unmündigen Mädchen, sondern "ganz normal" mit einer geschlechts­reifen Frau. Die ältere, bereits alternde und grau werdende Tochter stellt er als eine Frau vor, die ihr Leben unerblüht und ungelebt verbringen würde, wenn er nicht mit ihr verkehren würde.

Sachverhalt 4

Dem Vater unterstellt Muschg noch ein weiteres, entschuldigendes Motiv: Er habe seine jüngere Tochter Barbara von ihrem krampfartigen Bauchweh erlöst. Sie sei hinterher ganz entspannt und glücklich gewesen. Sie habe wie ein Schelm gelacht und dem Vater gute Sachen gekocht, sozu­sagen aus Dankbarkeit für den Inzest. Die Familie sei aufgeblüht und allen sei es gut gegangen. Der Autor stilisiert den Inzest also zum grossen Glücklichmacher auf.

Sachverhalt 5

Es kommt zu einer weiteren Entschuldigungen für den Inzest: Die Töchter hätten den Verkehr selber gewollt. Sie hätten den Vater sogar herausgefordert. Dies ist genau die Entschuldigung, die Inzestväter in der Regel anführen: Dass die Mädchen die Väter verführt hätten und nicht umgekehrt. Aber da die "Mädchen" geschlechtsreife Frauen sind, fällt diese Behauptung nicht weiter auf, denn jederman(n) begreift schliesslich, dass erwachsene Frauen sexuelle Bedürfnisse haben.

Sachverhalt 6

Am Schluss wechselt die Geschichte nochmals die Ebenen: Die vormals als erwachsen vorgestellten Töchter werden wieder zu unmündigen Mädchen zurückgestuft. Dieser Wechsel wird durch einen kleinen Nebensatz bewerkstelligt: Der Vater schreibt, die Töchter hätten einen Vormund erhalten und seien in einer Anstalt versorgt worden. Durch diesen Wechsel der Ebene (ist es ein erlaubtes Stilmittel oder ein Trick?), erreicht der Autor, dass die Leserschaft, noch ganz über den Sachverhalt verwirrt wird. Sind die Töchter nun unmündige Kinder oder erwachsene Frauen? - Kinder erhalten einen Vormund, werden "versorgt". Als erwachsene Frauen würden die Töchter zur Verantwortung gezogen. Was ist der Sinn dieses Verwirrspiels? Ich habe den Verdacht, der Autor buhle in unlauterer Weise um Akzeptanz und Verständnis für den Inzest. Verwirrspiele sprechen in erster Linie das Unbewusste an. Es bedarf dann einer besonderen Anstren­gung, um herauszufinden, was denn so verwirrend erlebt wird. Ein Verwirrspiel wird auch mit dem doppelten Mitleid getrieben. Mal wird ein Mitleid mit den Töchtern hervorgerufen (die eine Tochter altert bereits, die andere hat Bauchkrämpfe), mal Mitleid mit dem Vater, der als lieb und arm und altruistisch darstellt wird. Und was kommt dabei heraus: Die Geschichte weckt verständnisvolle Gefühle für den Inzest und den Vater-Täter. Im Weiteren wird der Eindruck erweckt, dass Inzest für die Töchter wohltuend sei, gleichgültig wie alt sie seien. Einen anderen Sinn kann ich im Wechsel der altersmässigen Ebenen und im Verwirrspiel mit dem Mitleid nicht erkennen.

Sachverhalt 7

Dass dem Tätervater schliesslich doch noch Schuldgefühle unterstellt werden, scheint dem bisher Gesagten zu widersprechen. Der Vater schreibt ans Hohe Gericht, dass er die Schuld auf sich nehme, weil Männer es sowieso "immer besser wissen müssen". Das klingt nun auch wieder so rührend und richtig. Tatsächlich kann ein Vater die Schuld am Inzest nicht seinen Kindern zuschieben. Er allein trägt die Verantwortung für das Geschehen. Aber was ist, wenn der Inzest mit erwachsenen Töchtern stattfindet? Was bedeutet es in diesem Fall, dass der Vater sagt, dass Männer es sowieso immer besser wissen müssten? Nachdem er den Inzest mit seinen erwachsenen Töchtern ausgeübt hat, bedeutet sein Hinweis, dass Männer es sowieso immer besser wissen müssen, dass er Frauen ganz allgemein als nicht verantwortungsfähige Wesen hinstellt. Die Schuldübernahme gerät somit zur Verunglimpfung aller Frauen. Das Schuldbekenntnis ist nicht echt. Vielmehr verwendet der Autor es, um eine Männersolidarität mit den Richtern und ihren männlichen Herrschaftsgelüsten über die Frauen herzustellen.

Sachverhalt 8

Die Töchter werden am Schluss noch in einem weiteren Sinn entmündigt. - Während die Töchter eine eigene Stimme hatten, als es um die angebliche Zustimmung zum Inzest ging, wird ihnen die Stimme am Schluss ganz entzogen. Wir erfahren nicht, was die Töchter beim Gericht ausgesagt und zur Anstaltseinweisung gesagt haben. Wir erfahren auch nicht, warum sie den Vater nicht mehr sehen wollen. Der Autor lässt ganz allein den Täter definieren, was passiert ist. Muschg, der als sensibler Autor gilt, interessiert sich ganz offensichtlich nur für den Täter und seine Schuldentlastung, nicht aber für das Schicksal der Opfer (=Töchter). Warum das so ist, können wir nur vermuten. Die Erfahrung lehrt, dass Männer sehr oft andere Männer entlasten, wenn sie sich selbst inzestuös schuldig gemacht haben, sei es als Väter, als Pädagogen oder einfach als Erwachsene.

Täterbriefe ans "Hohe Gericht“

 

Täterbrief 1

Die Geschichte beginnt mit einem langen Brief des Täters ans "Hohe Gericht", den er aus dem Gefängnis schreibt, in dem er sitzt wegen Inzest an seinen zwei Töchtern. In dem Brief erklärt er, wie es zum Inzest gekommen sei und wie er selber die sexuellen Vorkommnisse sieht.

Täterbrief 2

Der Täter schreibt ans Hohe Gericht: "Trotzdem ist dann, als es passiert war, keine Verwilderung eingetreten, ja eine Verbesserung des Haushalts, lebten wir doch endlich im Frieden zusammen. - Obwohl es bekanntlich zu unzücht. Handl. kam. Diese waren nur der Ruhe wegen miteinander" (S.25).

Kommentar zu Täterbrief 2

Der Vater gibt zu, dass es zu unzüchtigen Handlungen mit der Tochter kam. Offenbar hatte er eine "Verwilderung" bzw. schlimme Folgen erwartet und war dann überrascht, dass die Befürchtung nicht eintraf. Vielmehr eine "Verbesserung des Haushalts", woraus er eine Entschuldigung für die Handlungen ableitet. Allerdings wird nicht deutlich, was sich in seinen Augen durch den Inzest verbessert hat: Die häusliche Atmosphäre oder die Haushaltführung oder was sonst.

Täterbrief 3

"Man muss aber nicht vergessen, dass ein Mädchen noch etwas anderes im Kopf hat, als den Haushalt, auch ein älteres" (S.26).

Kommentar zu Täterbrief 3

Der Vater bringt alle eine Entschuldigung vor: die Tochter selber habe Sexualität mit ihm gewünscht. Dass eine reife Frau sexuelle Bedürfnisse hat, ist zwar richtig, aber die Schlussfolgerung geht auf seine Mühle. (Jedenfalls war Lina nicht mehr krank, als Sie uns auseinander nahmen (S.26).

Der Vater erklärt also, die sexuellen Handlungen hätten der Tochter nicht geschadet, vielmehr die vormals kränkliche Tochter gesund gemacht. In der Realität sehen die Folgen von Inzest anders aus als in dieser konstruierten und fiktiven Geschichte, wie wir heute aus zahlreichen therapeutischen und literarischen Zeugnissen wissen.

Täterbrief 4

„Da hielt sie aber meine Hand fest und sagte: Komm doch du Idiot, komm doch du Schlappschwanz!' sagte es ganz deutlich, und schlug ich drauf ein, weil ich plötzlich nichts mehr von mir wusste, und muss es dabei zum zweiten Mal geschehen sein, denn plötzlich war da wieder Friede" (S.31).

Kommentar zu Täterbrief 4

Der Vater entschuldigt sich also, die Tochter habe den Verkehr begehrt und dann seien ihm die Sinne geschwunden und es passierte ohne sein Wissen und Willen. Was bedeuten übrigens die Worte "und schlug ich drauf ein", nachdem der Vater von Lina angeblich ganz deutlich zum Geschlechtsverkehr aufgefordert worden ist. - Man wird nicht klug, was wirklich passiert ist und in welcher Reihenfolge die Dinge abgelaufen sind. Hat der Vater Lina geschlagen? Sagte Lina vor oder nach den Schlägen, er solle endlich zu ihr kommen? War nach dem Verkehr "Friede", weil sie auf sein gewalttätiges Begehren einging? Oder unterstellt der Vater der Tochter die Aufforderung zum Verkehr, um sich selbst zu entlasten?

Täterbrief 5

"Bedenken Sie, dass Lina ins Siebenunddreissigste ging, .... ferner die Kälte und dass ich mich vom Schrecken her in einem abnormalen Zustand befand. Deshalb spielte sich alles so schnell ab, dass ich mich nicht mehr erinnern kann. - Denn da in der kalten Kammer sass meine (verstorbene) Frau im Hemd, im blossen Hemd, verehrtes Untersuchungsgericht" (S.27-27).

Kommentar zu Täterbrief 5

Der Vater erklärt das Vorkommnis nun damit, dass die Tochter Lina im blossen Hemd ausgesehen habe wie seine Frau, darum habe er den Verstand verloren.

Täterbrief 6

Über die jüngere Tochter Barbara schreibt der Vater, sie habe Krämpfe gehabt, "welche ihr von Auge sichtbar über den ganzen Leib liefen und dauerte mich so, dass ich mir nicht mehr zu helfen wusste, sondern das Folgende geschehen liess.

Kommentar zu Täterbrief 6

Der Vater bringt also eine Entschuldigung vor, die beinahe glauben macht, als ob die Tochter den Vater vergewaltigt hätte. Er habe die Sache geschehen lassen: also die Umkehrung.

Täterbrief 7

"Dann stand sie freundlich auf und lächelte wie ein Schelm, hatte aber die Tochter zu gern, als dass ich ihr etwas nachtragen sollte, bat sie nur aufrichtig, dass es nie wieder vorkommen sollte." Weiter erklärt er, die Tochter sei dann "voller Vernunft" in die Küche gegangen, "rüstete ein Nachtmahl, welches sie lange Zeit nicht mehr getan, ja sott und briet, dass mir angst und bange wurde und wir uns an diesem Abend recht ernährten, in grosser Vergessenheit auch Branntwein zu uns nahmen, bis es zu weiteren Handlungen kam und ich sogar der treibende Teil war, was ich meinen Töchtern heute anzurechnen bitte." In einem Nebensatz bemerkt er, dass die Töchter hinterher "versorgt worden seien. - Und an die Männer des "Hohen Gerichts" sich wendend fügt er vertraulich hinzu: "Sie hätten auch nichts anderes tun können, wenn Ihre Tochter so schwer darum gebettelt hätte ... aber körperlich reif war" (S.33-35).

Kommentar zu Täterbrief 7

Der Vater entschuldigt sich zunächst, er habe den Sexualakt aus Mitleid mit der Tochter ausgeübt. Sie habe Krämpfe gelitten aus Gründen ihres unerfüllten sexuellen Begehrens und habe ihm den Inzest schliesslich mit Freundlichkeit gedankt. Er selbst habe die Tochter gebeten, ihn nicht nochmals zu begehren. Immerhin gibt er nun zu, dass er nach dem Brannt­weingenuss der treibende Teil war. Im Weiteren appelliert der Vater an die Männersolidarität, denn er nimmt ohne weiteres an, dass das "Hohe Gericht" ausschliesslich aus Männern besteht.

Täterbrief 8

"Es wäre darum das erste Mal gewesen, dass ich eine Tochter der andern vorgezogen hätte, drum musste ich sie (die jüngere) drannehmen, und nicht weil ich geplagt war." Er erklärt dann weiter, dass er eben "noch im Saft sei und dass die 21-jährige Barbara sich beklagt habe, dass er die Lina vorziehe, und darum habe er mit ihr dann auch verkehrt. Eigentlich hätte er es nicht nötig gehabt, da er ja mit der Lina schon Verkehr gehabt habe. (S.34-36).

Kommentar zu Täterbrief 8

Der Vater stellt sich einerseits als rührend guter Vater dar, der aus Gerechtigkeit mit beiden Töchtern verkehrt und nicht nur mit der einen. Der Ausdruck, dass er die Tochter "drannehmen" muss, ist allerdings verräterisch und kontrastiert mit dem angeblich so besorgten Vater. Das aktive "Drannehmen" kontrastiert auch mit der erstgenannten Begründung, dass er die sexuellen Handlungen passiv "geschehen liess". Er weist also der Tochter eine Schuld zu. Der Hinweis, dass er noch "im Saft" sei, mutet wie eine weitere Entschuldigung an. Als Mann, der "im Saft" ist, könnte er sich doch um die Liebe einer ebenfalls "im Saft" stehenden Frau ausserhalb bemühen.

Täterbrief 9

"Früher hatten wir uns wohl auch ein Gewissen gemacht, aber das hörte auf, weil meine Töchter nicht mehr am Bauchweh litten." - "...weil ich Barbara nicht verkürzen durfte und den Verkehr niemals als solchen betrieb, sondern damit die Mädchen etwas Freundliches hatten im Leben (S.36-40).

Kommentar zu Täterbrief 9

Der Vater schläft angeblich mit den Töchtern, weil es das einzig Freundliche ist, was sie in ihrem Leben haben können, und dass nur der Vater den freundlichen sexuellen Verkehr geben kann. Angeblich ist weit und breit kein anderer Mann in Sicht, der was Rechtes zwischen den Beinen hat, denn der "Zusenn" wird als einer beschrieben, der nur über einen "Stummel" verfügt, mit dem er der Tochter Barbara "nicht wohltun" kann. Die altruistische Begründung steht auch im Widerspruch zur Erklärung, er habe, nachdem er schon mit der Lina Verkehr gehabt habe, es nicht nötig gehabt, auch noch mit der Barbara zu verkehren.

Täterbrief 10

Wäre meine Tochter Lina aber jünger gewesen und die Angst nicht, ich hätte mich niemals an derselben vergriffen, sondern weil ich ihre grauen Haare sah und mich das Erbarmen packte wie eine Wut, dass diese Tochter nicht richtig genommen werden sollte, sondern ihr Bauchweh stumm mit sich schleppen ein Leben lang" (S.39).

Kommentar zu Täterbrief 10

Der Vater gibt zunächst zu, dass er sich aktiv an der Tochter "vergriffen" hat, entschuldigt und rechtfertigt sich aber sogleich mit einem Argument. Er stellt nun das Erbarmen mit der ergrauenden Tochter in den Vordergrund, während er vorher sich mit dem Hinweis entschuldigte, dass die Tochter seiner verstorbenen Frau glich im blossen Hemd, und dass er darum die Sinne verlor. Aber der Ausdruck, dass die Tochter "richtig genommen" werden sollte ist verräterisch. Hier wird deutlich, dass der Vater die Tochter "nimmt", nicht umgekehrt. Und dies entgegen seiner vorherigen Darstellung, er habe dem Begehren der Tochter nachgegeben.

Täterbrief 11

"Und verspreche Ihnen, dass die Unzucht keine reine Freude war, weil eine solche auf der Torggelalp gar nicht vorkommt, sondern nur etwas Trost (S.36). -

Kommentar zu Täterbrief 11

Der Vater entschuldigt sich also mit einer weiteren Variante: er habe vom Verkehr gar nicht so viel Lust gehabt, nur ein wenig Trost.

Täterbrief 12

Wir erfahren vom Vater noch, dass die Töchter einen Vormund erhalten haben und in eine Anstalt "versorgt" wurden. Er dürfe die Töchter nicht mehr sehen Und die Töchter selbst wollten ihn ebenfalls nicht mehr sehen. Schliesslich schreibt er ans Hohe Gericht auch noch, dass er die "ganze Schuld" auf sich nehme, "weil Männer es immer besser wissen müssen".

Kommentar zu Täterbrief 12

Offensichtlich trifft die Einschätzung des Vaters, der Inzest sei von den Töchtern als liebevolle Behandlung aufgefasst und gewünscht worden, nicht zu. Hätten sie den Vater wirklich als den rührend-guten Mann erlebt, als der er sich darstellt, würden die Töchter zu ihm stehen und ihn weiterhin sehen wollen. Die Wahrnehmung von Vater und Töchtern kollidieren, ihre Wünsche waren nicht identisch.

 

Zum Schluss - Was ist von dieser "Liebes-Geschichte" zu halten?

Die Geschichte wirkt sowohl in ihrem Ausgangspunkt als auch in ihrem Ablauf und Aussagen konstruiert und tendenziös. Ganz offensichtlich versucht der Autor, den Inzest zwischen Vätern und Töchtern zu verharmlosen. Und ebenso offensichtlich versucht er, die Väter als Täter zu entschuldigen und zu entlasten. Im Weiteren stellt er den Inzest auch noch so dar, als sei er für die Töchter wohltuend und heilend und also wünschenswert. Von einer "subtilen" Behandlung des Inzests im Sinne der Opfer kann also nicht die Rede sein. Wie komme ich zu diesem Fazit? - Muschg erzählt aus der Täter-Perspektive und verteidigt alle Positionen des männlichen Täters.

 

Die Vorgaben

1) Der Täter ist angeblich ein guter, liebevoller, aber einsamer Mann.

2) Der Täter meint es angeblich nur gut mit den Opfern, wenn er sexuell mit ihnen verkehrt.

3) Der Inzest schadet den Opfern angeblich nicht.

4) Der Inzest tut den Opfern angeblich gut, und sie erleben die inzestuösen Handlungen angeblich als Liebe und Wärme und nicht etwa als schlimme Übergriffe.

5) Die Opfer haben angeblich selbst die Initiative zum Verkehr ergriffen; der Täter gibt sich als Opfer der Verführung aus.

6) Der Täter sieht die weiblichen Opfer als "körperlich reife" Frauen, die als solche den Verkehr brauchen. Seiner Meinung nach ist es besser, wenn der Vater ihnen diese Wohltat" erweist, statt irgendeiner, der ihnen wehtun würde oder von der Sache nicht viel versteht.

7) Der Täter ist angeblich das unschuldige Opfer der Justiz, die ihm Eigennutz unterstellt, obgleich er nie an so etwas gedacht hat.

 

Weitere Vorgaben des Autors

1) Die Vorgabe, Inzest, und die Folgen von Inzest könnten aus der Täterperspektive „subtil“ beschrieben werden, ist eine Illusion. Die Täterperspektive führt immer zur Verzerrung im Sinne männlicher Wünsche. Dass die Perspektive des Täters immer zu falschen Schlussfolgerungen führt bezüglich der Opfer, liegt auf der Hand. Dieser Einseitigkeit ist auch Adolf Muschg erlegen, indem er den Täter entschuldigt und entlastet, anstatt Einsichten zu vermitteln.

2) Die Vorgabe, Der Zusenn oder das Heimat sei eine Liebesgeschichte und Inzest­geschichten könnten auch Liebesgeschichten sein, erweist sich als irreführend. Dem Autor ist es keineswegs gelungen, den Inzest "subtil" zu behandeln. Sein subtiler Blick gilt nur dem Täter, den er versteht und entlastet. Damit entsteht aus psychoanalytischer Sicht der Verdacht, Adolf Muschg selber könnte ein pädophiler Mann sein, der sich sexuell an Kindern vergreift und dass er also zu den „Pädo-Kriminellen“ gehört, wie die Pädosexualität seit einigen Jahren bezeichnet wird.