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154 – Das Buch der Ketzer von Walter Nigg

Haltung als religiös lebendige Menschen

Nach dem Kirchenhistoriker und Hagiographen Walter Nigg waren die Ketzer ganz anders als sie von der Kirchengeschichte dargestellt werden. Es waren in der Regel ernste Naturen, welche „die Heiligkeit“ des Christentums wieder herstellen wollten. Eine der grossen Fragen war im zweiten  Jahrhundert, ob Jesus wirklich wesensgleich sei mit Gott. Es ging auch um Fragen zur Gnadenlehre, zur Erbsünde, zur Prädestinationslehre u.a. - Nach Nigg gleichen die Ketzer in der Haltung als religiös lebendige Menschen, den Heiligen. Für ihn sind die Ketzer - mit ihrer anderen Auffassung vom Christentum - Pioniere in der christlichen Geistesgeschichte. Seiner Meinung nach müssen die Probleme erneut diskutiert werden und es sollte neu über sie abgestimmt werden (Walter Nigg: Das Buch der Ketzer, BN 1148. Seite 11-17).

Machtpolitik contra religiöse Frage

Unter dem Vorsitz von Kaiser Konstantin war die Wesensgleichheit von Jesus mit Gott im Konzil zu Nizza im Jahr 325 diskutiert und unter dem Druck des Kaisers Konstantin als universales Credo festgelegt worden, und kein einziger Bischof habe gegen diese Ungeheuerlichkeit ein einziges Wort gewagt. Diese Einheitslehre lag im Interesse von Konstantins Machtpolitik, während sie für die Christen eine religiöse Frage war (S.119). Was dem Einheitscredo nicht entsprach, wurde nun als „Ketzerei“ gebrandmarkt und verfolgt. Damit habe die „Geissel der kollektivistischen Denkungsart“ begonnen. Der totalitäre Staat ist nach Nigg ein erschreckend „gelehriger Schüler“ der Kirche.

Simon Magus

Simon Magus sei einer der ersten (christlichen) Gnostiker, der die Bezeichnung einer urchristlichen Faust-Figur verdiene. Das Faustische versteht Nigg als der ringende, strebende Mensch, der mit den höheren Welten in Verbindung treten will. Jener religiös grübelnde Geist, der wissen möchte, was die Welt im Innersten zusammenhält. Simon Magus habe eine andere Christentumsauffassung vertreten als die Apostel. Mit seinem philosophischen Interesse habe er eine erstmalige Verbindung zwischen Christentum und hellenistischer Weisheit hergestellt (27-28). Der „überaus beachtenswerte Helena-Mythos“ sei aus dieser Verbindung mit dem Hellenismus zu verstehen. Helena, als Ideal der irdischen Schönheit, sei von Simon Magus jedoch auf eine eigenartige Weise mit dem Erlösungsmotiv verknüpft worden. Simon habe Helena ‚die Mutter aller‘ genannt, die viele Inkarnationen durchgemacht habe. So war sie auch in dem Leib der Helena, deretwegen der Trojanische Krieg unternommen wurde. Bei ihrer Wanderung von Körper zu Körper habe sie in jedem immer neue Schmach erlitten und sei zuletzt in einem öffentlichen Hause gelandet, sie sei das verlorene Schaf. Für Simon bedeute Helena aber mehr als das verlorene Schaf, sie bedeute ihm die von Himmel herab geführte Weisheit, die aus der oberen Welt des Seins in diese Scheinwelt entführt worden war, wo sie dann gefangen gehalten wurde, bis sie endlich die Rückkehr antreten konnte. Helena sei eines der Urbilder der sich nach Erlösung sehnenden Menschen.

Gnosis älter als das Christentum

Im Sinne der Sophia-Lehre bedeute Helena für Simon eine Inkarnation der Weisheit Gottes (23). - Die Gnosis sei „tatsächlich älter als das Christentum“ (30). Den Gnostikern sei es um ein Wissen der inneren Wahrheit gegangen, das mit der Seele der Menschen in Beziehung steht. Die Gnostiker vertraten eine Weltauffassung, in der sich ein schmerzhaft erregtes, tief verwundetes Gefühl ausspricht. Das Schweigen der unendlichen Räume und das stumme Universum habe die Gnostiker erschaudern gemacht. Sie beklagten in herzzerreissenden Worten das Fremdsein, Alleinsein und Irren in dieser finsteren Welt. - Geheimnisvolle Weihen und Sakramente bildeten den Kern der gnostischen Mystik. Den Höhepunkt bildete das Sakrament des Brautgemaches, das sich in feierlich dazu hergerichteten Räumen vollzog. Im Mysterium des Brautgemaches sei den Gnostikern die überirdische, schlechterdings nicht in Worte zu fassende Vereinigung mit der Gottheit zuteil geworden (38).

Ein prächtiges Weltgedicht

Der Manichäismus, der im dritten Jahrhundert in Persien aufgetreten war, ist nach Nigg ein „glühend prächtiges Weltgedicht“, in dem die Gnosis wiedergekommen sei (168). Im vierten Jahrhundert habe diese Lehre der offiziellen Kirche die Herrschaft streitig gemacht. Sie wurde aber, nachdem das Christentum zur Staatsreligion erhoben worden war, durch staatliche Gewalt unterdrückt. Augustin war, als er an der Lehre von Mani zu zweifeln begann auf "Faustus" vertröstet worden: „Faustus wird kommen, Faustus wird deine Fragen beantworten, Faustus wird dir alles erklären“. - Der Freitod ist nach Auffassung der Katharer nur das Ablegen eines zu engen Kleides (179).

Aussendungsrede Jesu

Petrus Waldes fühlte sich berufen, die apostolische Lebensweise der ersten Jünger Jesu wieder aufzunehmen. Wie die Apostel wollte er mit blossen Füssen über die Erde schreiten, arm und predigend. Die berühmte Aussendungsrede Jesu an seine Jünger habe er mit fieberndem Interesse gelesen und dies als verbindlichen Auftrag erkannt, die nach Nigg heute noch für jede echte imitatio Christi volle Gültigkeit besitzt. Die neue Verwirklichung des apostolischen Lebens zeige, dass Waldes das Christentum als Existenzmitteilung verstanden habe (185-186).

Wirklichkeit der Götter

Kaiser Julian war durch den plötzlichen Tod von Kaiser Konstantin rechtmässiger Nachfolger auf dem Kaiserthron geworden. Konstantin habe seinerzeit Julians „heidnische“ Eltern und Verwandte in einem blutigen Palastgemetzel umbringen lassen. Den Knaben Julian hatte er einem Kloster zur Erziehung übergeben und somit erhielt er eine christliche Erziehung. - Erwachsen geworden kehrte er zum Glauben seiner Familie zurück. Nigg schreibt, Julian habe den „Ruf der Götter“ erfahren. In ihm habe eine unerschütterliche Gewissheit von der Wirklichkeit der Götter gelebt. Er sei „von einem Strahl der Erleuchtung getroffen“ worden. Die „Weltseele, wie sie in den magischen Sonnenstrahlen lebt und webt“ habe ihn sichtlich berührt. Er sei zu den Göttern in einem realen und nicht bloss nominalen Verhältnis gestanden. Daher habe Julian bei seinem Religionswechsel nicht das Gefühl gehabt, von einer Wahrheit abzufallen, sondern das Bewusstsein, zur echten Wahrheit vorzudringen. Julian war der Meinung, Gott als einen "eifersüchtigen Gott" aufzufassen sei „Gotteslästerung“.

Die Hungrigen speisen

Kaiser Julian forderte von den Christen, die das Griechentum kurzerhand als Heidentum verachtet hatten, die Rückgabe der geraubten „heidnischen“ Tempel und der Statuen und liess die Tempel wieder öffnen. Sich selber empfand er als Reichs-Oberpriester. Seine Priesterschar habe er unablässig gemahnt, die werktätige Nächstenliebe nachzuahmen. Alle Menschen seien Brüder, die sich lieben und einander helfen müssen, und dass man die Hungrigen speisen und die Nackten kleiden solle, selbst dann, wenn es Feinde, Verurteilte und Gefangene seien (89-93).

Um Lorbeeren zu erringen

In seinen Lebensgewohnheiten habe Julian jeglichen Luxus verpönt. Er habe sich schon nach Mitternacht vom Lager erhoben, um bei Lampenlicht seine Beschäftigung zu beginnen. Julian, der, um Lorbeeren zu erringen, einen Krieg anzettelte, starb 32jährig auf dem Schlachtfeld. Nigg schreibt mitfühlend über die „Lebenstragödie“ Julians, der glaubte, das Rad der Geschichte zurückdrehen zu können. Es habe ihm an politischem Weitblick gefehlt im Unterschied zu Konstantin, der allerdings in menschlicher Beziehung hinter Julian zurückblieb. Konstantin habe erkannt, dass mit dem Christentum eine neue Epoche angebrochen war. Nigg verweist auf Geffcken, für den Julian kein Genie war, „dafür fehlte ihm das Dämonische“.

Raffiniertere Methode

Zur Art, wie Julian dem Christentum den Krieg erklärte, um in Rom das „Heidentum“ wieder aufzurichten, meint Nigg, Julian habe eine „unscheinbare, dafür um so raffiniertere Methode“ angewandt. Er sei zunächst vorsichtig zu Werk gegangen, er habe nicht die Art der Christenverfolgung früherer heidnischer Kaiser wiederholt. Seine erste Massnahme war, die Christen von der Bildung abzuschneiden, damit sie einer geistigen Verkümmerung anheim fielen. Christen durften nicht mehr Aemter als Rhetoren und Grammatiker bekleiden. Ihre Söhne schloss er von jeglichem Unterricht in der Dichtkunst und Philosophie aus. Ferner entliess er die christlichen Soldaten aus seinem Heer. Er entzog der Kirche alle Privilegien, mit welchen Konstantin sie überschüttet hatte. Er verpflichtete die Kirche zur Rückgabe der geraubten Tempel und Statuen. Seine hinterlistige Politik der unablässigen Nadelstiche habe sich schlimmer ausgewirkt als die direkte Verfolgung.

Moses gegen die Mutterreligion

Die Art, wie Julian gegen die ihm nicht genehme Religion vorging, erinnert allerdings an die Art, wie der biblische Moses und andere führende Figuren gegen die Mutterreligion und später gegen das Frauenvolk überhaupt vorgegangen waren: Die Tempel der Göttinnen wurden zerstört. Und bis vor kurzem wurden Frauen von den Bildungsstätten ausgeschlossen, sie durften nicht lehren, keine Dichtkunst ausüben und überhaupt keine Kunst machen. Es wurde behauptet, Frauen seien unfähig zu Studium, für Amtstätigkeit und schöpferisches Tun. Falls Frauen dies täten, würden sie unweigerlich ihre Weiblichkeit beschädigen. Es wurde eine ebenso "hinterlistige Politik' der unablässigen Nadelstiche gegen die Frauen betrieben, wie schon der Kaiser Julian betrieb, nur gegen eine andere Menschengruppe, nämlich gegen die Frauen, die weibliches Selbstbewusstsein und weibliche Widerstandskraft lähmte und bis heute immer wieder lähmt.

Einen anderen Tröster

Montanus behauptete „kühn“, das geheimnisvolle Wort des johanneischen Christus: „Ich will den Vater bitten, und er soll euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch bleibe ewiglich“, habe in seiner Persönlichkeit Erfüllung gefunden. Nach Nigg trat Montanus mit diesem Anspruch für eine "fortlaufende Offenbarung" ein. Die Geistausgiessung wurde von Montanus nicht mehr als einmaliges Geschehen in der Vergangenheit aufgefasst. - Montanus trat mit seiner „Prophetie“ bald nach dem Jahr 155 auf. Ab 177 wurde der Montanimus aus der Kirche verbannt. Montanus trat für rigorose christliche Forderungen ein (keine zweite Ehe nach erfolgtem Tod des Ehegatten, eine neue Fastenordnung, Martyrium erstrebenswert, der Verfolgung darf nicht ausgewichen werden, das wäre unerlaubte Feigheit bzw. Verleugnung). Nach Nigg waren die Montanisten „die Fortsetzung des urchristlichen Enthusiasmus“. Mit dem Ausschluss der Montanisten habe die Kirche ihre eigene Vergangenheit verurteilt (97-99). - Nigg erwähnt die altkirchliche Auffassung, nach der mit der Taufe alle Sünden vergeben waren, während bei den Sünden, die nach der Taufe begangen wurden, zwischen verzeihlichen Sünden und Todsünden unterschieden wurde. Zu den Todsünden zählte Unzucht, Abfall und Mord.

Sexuelle Bestimmungen

Kallistos (Bischof von Rom ab 217) lockerte die sexuellen Bestimmungen. Den Frauen vornehmen Standes erlaubte Kallistos das Konkubinat bzw. einen Beischläfer nach ihrer Wahl, sei es ein Sklave oder ein Freier und diesen für ihren Mann anzusehen ohne rechtmässige Ehe. Für diese neue Auffassung berief er sich auf das Bibelwort: „Lasset das Unkraut wachsen mit dem Weizen“ (100). Nach Nigg stammte Kallistos aus dem Sklavenstand. Er habe reichen Frauen das Konkubinat gestattet, um sie zu seinen Anhängerinnen zu machen. - Nur „wenn die Heiligkeit religiös und nicht bloss ethisch verstanden" werde, sei sie nicht mehr imstande, die Einheit der Kirche zu sprengen (111).

Tiefschürfender Hagiograph

Durch die Beschäftigung mit dem „Buch der Ketzer“ habe ich verstanden, warum sich der protestantische  Kirchenhistoriker Walter Nigg zum tiefschürfenden Hagiographen entwickelt hat. Er wandte sich bewusst von der üblichen Kirchenhistorik ab, die sich um die Kämpfe und Intrigen der „Grossen“ drehte. Ihm ging es um die Erforschung der Geschichte jener Menschen, für die das Christliche „Existenzmitteilung„ bedeutet und nicht „Lehre“ oder Lehrgebäude. “Bereits die innerlich aufregende Beachtung der Hinterseite des Lebens“ sei im Grunde etwas Ketzerisches.

Am Anfang eine Vielheit

Die Auffassung, dass am Beginn das Christentum eine Einheit war, woraus dann eine Vielheit wurde, ist historisch nicht aufrechtzuerhalten. Vielmehr reden bereits die Briefe von Paulus von verschiedenen Strömungen innerhalb der christlichen Gemeinden (13). Schliesslich sei „unter Furcht und Zittern“ zu fragen, ob nicht Jesus der „ärgste aller Ketzer“ war. Die Schärfe seiner Auseinandersetzungen mit den Repräsentanten der jüdischen Kirche finde ihren Höhepunkt in der flammenden Kampfrede Jesu: „Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschliesst vor den Menschen. Ihr kommt nicht hinein, und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen.“ Der Rückgriff von den Menschensatzungen auf die Satzungen Gottes entspreche jener Einstellung, der man bei den Ketzern immer wieder begegne, „und sie hat Jesus als erster mit zeitloser Vorbildlichkeit eingenommen“ (452-453).

Quelle

Walter Nigg: Das Buch der Ketzer, Artemis 1949 und 1981, BN 1148