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161 - Dostojewski – ein religiöser Denker - von Walter Nigg

 

Beuge dich, müßiger Mensch

Über Dostojewski schreibt Walter Nigg, er sei von der unumgänglichen Notwendigkeit der täglichen Arbeit überzeugt gewesen und glaubte, wie die grossen Meister der Kunst, dass der Mensch sich nie nur auf seine Genialität verlassen dürfe, sondern immer auf seine unermüdliche Arbeit. Den Intellektuellen, die der aristokratischen Schicht entstammten rief er zu: „Beuge dich, müßiger Mensch, und arbeite erst einmal auf deinem Acker.“ Nigg vermerkt: „Das Volk arbeitet, es arbeitet Unsägliches, und hierin besteht seine unvergängliche Verbindlichkeit (157).“

Leidensfähigkeit

Neben der Arbeitsamkeit wies Dostojeweskij auf die Leidensfähigkeit des Volkes hin. Er spricht vom „Lechzen nach Leid“. Nigg meint zwar, dies sei zu unterscheiden von Masochismus, er führt das Kriterium der Unterscheidung aber leider nicht aus (157).

Religiosität

Vor allem machte die Religiosität des Volkes auf Dostojewskij grossen Eindruck. In seinem Roman „Die Dämonen“ schreibe er: „Das ewige Ziel der ganzen Bewegung eines Volkes, jedes Volkes, und jedes besonderen Zieles in jedem Abschnitt seiner Geschichte“ sei „immer und einzig sein Suchen nach Gott als an den einzig wahren“. Gott sei „die synthetische Persönlichkeit eines ganzen Volkes, von seinem Anfang bis zu seinem Ende“ (158). Diese Vorstellung bildet vermutlich eine der Grundlagen, die zu zahlreichen politischen Missverständnissen führte. Auch Nigg kritisiert Dostojewskijs Auffassung vom Volk, er nennt sie „simplifiziert“ (160). Ich (Elisabeth Camenzind) teile diese Meinung. Nigg anerkennt jedoch zu Recht Dostojewskijs Sicht, dass vieles, was am Volk als primitiv erscheint, in Wirklichkeit ‘primär’ sei, nämlich „Urverbundenheit mit der Schöpfung“. Das ist eine schöne und zutreffende Formulierung.

Der Mutter Erde beichten

Dostojewskij beantwortete die Frage: „Was ist die Mutter Gottes?“ in mit dem Hinweis auf die „grosse Mutter“ der menschlichen Frühzeit. Die „Mutter Gottes“, das sei die „grosse Mutter, das ist die grosse Hoffnung, die ewige Zuversicht des Menschengeschlechts“. Die grosse Mutter, das sei „unsere fruchtbare Erde“ und „wahrlich ich sage dir, eine grosse Freude liegt in ihr für den Menschen. Die Sekte der Strigolini habe gelehrt „man solle der Mutter Erde beichten, indem man mit gesenktem Haupte seine Sünden auf die Erde sage“ (162). „Die Erde zu küssen, sie mit Tränen zu tränken und sie um Verzeihung bitten“, das sei Dostojewskis Auffassung, die an mehreren Stellen wiederkehre. Seine Menschen empfänden gegenüber der Erde wieder jene herrliche Geborgenheit, die das Kind am Busen der Mutter fühle; sie seien von jener schweigenden, schicksalshaften Liebe zur dunklen Erdtiefe erfüllt, aus der alles Leben hervorgeht. Dem russischen Dichter sei das gleiche Erlebnis beschieden wie Franz von Assisi, der in seinem Sonnengesang die Hymne an die Allmutter Erde anstimmte (164).Es sei die gleiche Auffassung, der man bei Jeremias Gotthelf begegne, denn auch er habe „das alte, wahre Heidentum“ als ein „Liebesgedicht an einen Gott“ betrachtet.

Lebendige Kräfte

Das Küssen der Erde sei das Symbol für die liebende Vermählung des Menschen mit der Erde und für seine Rückkehr zum Mutterschoss. Es sei eine Verbindung voll Zärtlichkeit, die mit derjenigen zwischen zwei Liebenden verglichen werden müsse. Nur aus solchem Eros-Verhältnis zur Erde, das etwas wesentlich anderes sei, als Naturschwärmerei, gingen wirkliche Kräfte aus. Nach Dostojewski dürften wir nie aufhören, den Erdboden zu lieben, der nichts Passives sei, sondern in seiner Aktivität lebendige Kräfte ausströme. Je näher der Mensch der frommen Erde steh, umso näher befinde er sich bei Gott, wie dies Rilke unter dem Eindruck der russischen Erde ausgeführt habe: „Der Gott, der uns in den Himmeln entfloh, aus der Erde wird er uns wiederkommen“ (165).

In der Scholle etwas Sakramentales

Dostojewski sei mit grosser Leidenschaft für die Rückkehr zum Volke gewesen, weil sich in ihm die das „bisherige Prinzip“ erhalten habe, dass das Volk alles aus der Erde bekommen: „In der Erde, in der Scholle steckt etwas Sakramentales.“ Die Erde sei geweiht, und man fühle dieses Heilige, wenn man mit ihr wieder in Kontakt komme. Der Erdboden sei nicht nur heilig, er habe auch eine heiligende Wirkung. Für Dostojewski sei die russische Erde in gleicher Weise Heilsboden wie für die alten Israeliten in Palästina. Diese „Erdenmystik“ vertrage keinerlei ablehnende Einstellung zum Boden und bewerte nur die liebende Einigung als göttlich (164/65). Wahrheit des Heidentums (166/67), eine irdische und überirdische Welt (167/68).

Wahrheit des magischen Heidentums

Nach Nigg besteht die Wahrheit des magischen Heidentums in seiner Erdverbundenheit, die von bleibender Bedeutung sei. Echte „Bodenmystik“ sieht er auch in den Werken Hamsuns. Das Grosse an Dostojewski sei, dass er die wertvollen heidnischen Elemente ungescheut aufgenommen habe, gewissermassen zu ihnen zurückgekehrt sei, ohne deswegen mit dem Christentum zu brechen. Vielmehr habe er in vorbildlicher Weise versucht, das ewig Heidnische mit dem christlichen Logos zu durchleuchten. Wegen dieser Durchdringung habe seine Erdenmystik eine so lichte Form angenommen. Damit sei die alte Weisheit wieder lebendig geworden: „Unser Gott ist im Himmel und auf der Erde“. Damit sei Dostojewski zu einem der bedeutsamsten Wegbereiter für die grosse christlich-heidnische Synthese geworden, welche die moderne Religiosität in neuer Art zu vollziehen versuche, wie sie die Kirche der ersten Jahrhunderte auf ihre Weise vollzogen habe (167). Nigg fügt an, das Irdische allein genüge nicht; die entscheidende Hilfe müsse „vom Überirdischen“ kommen, ohne in diesem Zusammenhang zu erläutern, was unter diesem Überirdischen zu verstehen ist.

Metaphysischer Bezug

Sicher irrt sich Nigg mit seiner Annahme, das „Heidentum“ habe das Leben rein irdisch, das heisst, ohne metaphysischen Bezug (Logos) aufgefasst. Das Bedürfnis, sich auf eine grössere und umfassendere Instanz, auf eine Gottheit zu beziehen, war in der Menschheitsgeschichte schon sehr früh vorhanden. Brigitte Regler-Bellinger erwähnt in ihrer Gebetssammlung „Die Himmelsherrin bin ich, Gebete und Hymnen an Göttinnen (1993), deren Entstehungszeit bis ins zweite Jahrtausend vor Christus und früher hineinreichen. Zum Beispiel in einem Gebet aus einem Beschwörungs- und Klagegebet an die Göttin Ishtar (92-94). In diesem Gebet fallen Worte wie Gericht, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit. Es ist von Entrechteten und Misshandelten die Rede, die bitten, dass die Göttin sich ihrer erbarme. Von der Göttin wird erbeten, dass sie Kranke aufstehen, Tote wieder lebendig macht und die Ordnung wiederherstellt. Ferner enthält das Gebet um Erlösung von Wirrnissen und Verstörungen des Leibes sowie des schmerzerfüllten Herzens, das voll Tränen und Seufzen sei. Schliesslich wird die Bitte um Erlösung von Verschuldung, Sünde, Missetat, Frevel und Verfehlung. Ich zitiere das Gebet nur auszugsweise: Ich flehe dich an, Herrin der Herrinnen, Göttin der Göttinnen. Das Gericht der unter der Herrschaft stehenden richtest du in Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit; du blickst auf den Entrechteten und den Misshandelten und verhilfst ihm zu dem Seinen täglich. Wo du hinblickst wird der Tote lebendig, steht der Kranke auf, kommt, der nicht in Ordnung ist, zurecht, wenn er dein Antlitz sieht. Sieh mich doch an, meine Herrin, nimm an mein Flehen; getreulich blicke auf mich, hör mein Gebet an! Sprich ein „genug“ für meinen elenden Leib, der voll Wirrnisse und Verstörungen ist; ein „genug“ für mein schmerzerfülltes Herz, das voll Tränen und Seufzen ist! Ich flehe dich an, löse doch meine Verschuldung! Löse meine Sünde, meine Missetat, meinen Frevel und meine Verfehlung!

Christliche Gebete eine Erbschaft des Heidentums

Dieses und ähnliche Gebete, die in ihrer Bitte um Erlösung und Verzeihung der Sünden so verblüffend an „christliche“ Gebete erinnern, sind also in Wirklichkeit eine Erbschaft des sogenannten Heidentums. Das Heidentum ist nichts anderes als der verbliebene Rest der einst mächtigen und verbreiteten Mutterreligion. So richtig Niggs Ratschlag ist, diese „wertvollen heidnischen Elemente“ nicht zu vernachlässigen, so fragwürdig wäre der Versuch, diese ins Christentum zu integrieren. Ich halte es für verfehlt, das „heidnische Element“ ins Christliche umbiegen zu wollen. Vielmehr muss der Mutterreligion wieder ihre historische Priorität eingeräumt gestellt werden, wobei das Christentum und andere Religionen als Variationen der Urreligon aufzufassen wären.

Gott nicht identisch mit Christus

Dostojewskijs Denken ist nach Nigg unablässig um die Frage gekreist, ob Gott existiere und ob es Unsterblichkeit gebe. Nach Nigg hat es in der Geschichte nie nur ein Christentum gegeben. Dostojewskij habe eine grosse Abneigung gegen die katholische Kirche gehabt. Er habe sie (die Orthodoxie) bekämpft (169). Dostojewskijs Christentum sei ein johanneisches, apokalyptisches (176). Er sehe Gott nicht identisch mit Christus (183). Christus sei für ihn „das ewige Ideal der Menschlichkeit“ (184/85).

Das Leben mehr lieben

Nigg meint dazu, was Christus in Wirklichkeit gewesen sei, könne heute kein Mensch mehr sagen: „Was er auch war, das kann heute kein Mensch mehr sagen“ (187/88). Das ewige Erbarmen (190). Christus sei eine Erscheinung, die nicht Vergangenheit, sondern der Zukunft angehört. Das Böse sei die andere Seite des Göttlichen (194/95). Ein neues Erkenntnisorgan (202): „Ich fühle einen neuen Gedanken“ (203). Schuld und Erlösung (207). Das Leben mehr lieben als den Sinn des Lebens ... (210).

Uta Ranke-Heinemann radikaler

Die katholische Theologin Uta Ranke-Heinemann hat sich in anderer und radikalerer Weise mit dem Christentum auseinandergesetzt als Walter Nigg. Sie gehört, zusammen mit Mary Daly, zu den radikalsten Kritikerinnen des Christentums. Die erstere wurde deswegen ihres Lehramtes enthoben. Ranke-Heinemann stellt das Christentum der ursprünglichen Mutterreligion gegenüber. Ferner stellt sie das Leben spendende Menstruationsblut dem „unfruchtbaren Männer-Kreuzblut“ gegenüber. Das Christentum sei eine nekrophile Religion; sie feiere den Karfreitag, die Kreuzigung Jesu, statt seine Auferstehung. Die Mutterreligion sei keineswegs konkretistisch zu verstehen, sondern müsse in ihrem tiefen Symbolgehalt verstanden werden. Sie holt somit die Metaphysik der Urreligion ins theologische Bewusstsein zurück. Bei näherem Hinschauen ist Nigg mit Ranke-Heinemann insofern einig, indem auch er nicht an den Karfreitag anknüpft, sondern ans Johannesevangelium, das er liebt, weil es lebenbejahend (dionysisch) und lichtvoll sei und weil er in Jesus nicht einen Gott, sondern einen apokalyptischen Propheten sieht, der das Kommen des Gottesreiches in dieser Welt erwartete, und der sich in seiner Erwartung getäuscht sah (siehe Niggs Buch: Das ewige Reich, 1954).

Synagoge und Kirche

Bezüglich Martin Buber und des Judentums hat Nigg eine verständnisvolle und grosszügige Formel gefunden: Das „Nebeneinander von Synagoge und Kirche“ gehöre zu den „Geheimnissen Gottes“, die wir demütig annehmen sollten“. Leider vermag er diese weite Haltung der Mutterreligion gegenüber nicht einzunehmen, denn er bezeichnete die Göttinnenverehrung als „primitiv“ (in Botschafter des Glaubens, S.172). Niggs Kritik betrifft allerdings nicht Ranke-Heinemanns Buch, denn dieses kam erst vier Jahre nach seinem Tod heraus (1992).

Quelle

Walter Nigg: Religiöse Denker, Gutenberg 1948