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385 - Michael Baumgarten und der Geist des wahren Christentums – von Walter Nigg

 

Unheimliche Parallele zur Gegenwart 1939

In seinem Buch Kirchliche Reaktion, dargestellt an Michael Baumgartens Lebensschicksal schreibt der reformierte Kirchenhistoriker Walter Nigg, dessen Leben sei bis zum Rande mit Aktualität angefüllt gewesen und in dessen Tragik sehe er eine unheimliche Parallele zur Gegenwart (1939). Mittels der Beschreibung des Lebensschicksals von Michael Baumgarten war es für Walter Nigg möglich, Probleme zur Sprache zu bringen, die, weil die Nazi-Zensur bereits in vollem Gange war, anders nicht hätten an die Öffentlichkeit gebracht werden können.

Unerwartetes Erlebnis

Nach dem Doktorexamen und der Herausgabe eines zweibändigen Kommentars zum Pentateuch hatte der Dogmatiker Michael Baumgarten, der zu dieser Zeit „das Bild eines orthodox-pietistischen Eiferers“ bot, ein „unerwartetes Erlebnis. Wie Paulus vor Damaskus sei ihm etwas klar geworden, das ihn völlig aus der Bahn warf: Er befinde sich trotz allem Eifer auf einem verkehrten Weg. Mitten in der Nacht sei er aus tiefstem Schlaf erwacht und seinem Geiste sei das Wort aus der Bergpredigt entgegen getreten: „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: ‘Herr, Herr!’ in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel“. Baumgarten habe sich plötzlich selber als zu diesen vor dem letzten Gericht stehenden Herr-Herr-Sager gefühlt. Vor diesem mächtigen Posaunenschlag sei seine „ganze Dogmatik samt ihren feinen Distinktionen, welche die Lehre von der Rechtfertigung, gleich einem talmudischen Zaun einhegte“, mit einem Schlag zusammengebrochen.

Siebenjährige Einöde: Von dieser Stunde habe Baumgarten gesagt, sie habe ihn zu einer siebenjährigen Einöde und Wüste, zu Finsternis und Schrecken geführt. Er habe erfahren, „dass das Wort Gottes ein zweischneidiges Schwert ist, welches durch Geist und Seele, durch Mark und Bein eindringe und alles blosslege und offenbar mache. Gleich Dante habe Baumgarten eine Hölle durchwandert, in welcher ihm alles Sonnenlicht unterging. In langen, schlaflosen Nächten habe er sich auf seinem Lager gewälzt und heisse Tränenströme seien aus den Augen dieses „gewiss nicht sentimentalen Mannes“ gebrochen. Nach diesem geistigen Zusammenbruch sei für Baumgarten zwar die kirchliche Verkündigung tot gewesen, er habe aber dem alten Glauben trotzdem die Treue gehalten. Nie habe er daran gedacht, einen anderen Beruf zu ergreifen, obgleich ihm dies aufgrund seiner Vielseitigkeit nicht allzu schwer gefallen wäre. Dank der Beharrlichkeit, mit welcher Baumgarten die unaussprechliche Angst aushielt, seien mit der Zeit Furcht und Zittern von ihm gewichen und allmählich sei ihm das Evangelium in neuer und ungeahnter Herrlichkeit aufgegangen. Er sei immer zu unbekannteren, ursprünglicheren Tiefen des Göttlichen gestossen, und das Ewige sei ihm zum Wirklichsten aller Wirklichkeiten geworden. Durch die versengende Glut der Feuertaufe des heiligen Geistes, sei bei Baumgarten die grösste Veränderung eingetreten. Voll überströmender Dankbarkeit habe er gesagt, die Frucht seiner Kämpfe und Schmerzen, die ihm „durch Mark und Bein gingen und alle Kräfte meines Leibes und der Seele erschütterten und auflösten“, sei die „ewige Befreiung von aller Menschenautorität, die innere Erlösung von allem toten Wissen“ gewesen. Ferner habe er die Gewissheit erhalten, dass er „zum Lehrer der Gemeinde Christi würdig geachtet und berufen“ sei: „Ich weiss seitdem, wozu ich von Mutterleibe her berufen und gesetzet bin, nämlich an meinem Teil das Wort von der Freiheit in Christo in die Gegenwart hineinzurufen“. - Nigg vermerkt dazu, dass kirchliche Theologen (bspw. Delitzsch) ein unheimliches Grauen empfanden vor Baumgartens Äusserungen, da sie meinten, die christliche Demut verlange nichts anderes, als das Reden von der eigenen Armseligkeit.

Wesentliche Menschen

Zweifellos war Nigg von Baumgartens „Damaskuserlebnis“ tief getroffen. Alle seine späteren Studien über heilige und wesentliche Menschen kreisen um solche einschneidende Erlebnisse. Auch die seelische „Höllenfahrt“ kennt Nigg aus eigener Erfahrung, liess er sich doch auf die religiösen Zweifel seiner Zeit wirklich ein, durch die ein Mensch geschüttelt und in der Tiefe erschüttert wird. Bei Baumgarten fand Nigg eine Wesensverwandtschaft und eine Möglichkeit, das Wertvolle der christlichen Herkunft weiterhin zu lieben und vor den blindwütigen Zerstörern zu retten.

Arroganz kirchlicher Obrigkeit

Wie Baumgarten wusste Nigg, dass auch ein christlich untadeliges, unbescholtenes Leben zur Erfahrung führen kann, es sei ein letztlich unfruchtbares, geistig totes „uneigentliches“ Leben. Im Unterschied zu Baumgarten erlebte Nigg sein Leben vermutlich nicht als ein untadeliges Leben. Worin seine „Sündigkeit“ bestand, entnehme ich autobiographischen Hinweisen. Die eine „Sünde“ betraf den Nihilismus, den Nigg nicht nur bei anderen, sondern in seiner eigenen Seele entdeckte, die er jedoch zu bekämpfen gewillt war. Zudem fühlte sich Nigg aufgerufen, der Arroganz kirchlicher Obrigkeit und der Scheinchristlichkeit vieler hochgestellter Kirchenvertreter (Arier-Christentum) den Kampf anzusagen. Durch Baumgarten fühlte sich Nigg im Wagnis bestärkt, sich von aller Menschenautorität zu lösen.

Christus als Freiheit

Bei Niggs Schilderung von Dostojewskij kommen Auffassungen zum Durchbruch, die für den jungen Walter Nigg sicher ungeheuer befreiend waren, z.B. dass das russische Christusbild sich in die Formel „Christus als Freiheit“ zusammenfassen lasse. Dem russischen Christus seien ein Adel der Seele und eine Höhe des Geistes ohnegleichen eigen. Er zwinge die Menschen nicht zum Gehorsam, weder durch Brot noch durch Wunder. Vielmehr vermittle er den Menschen als grösstes Geschenk die Freiheit. Dostojewskij betrachte die Freiheit als eine geheimnisvolle Kraft, die an sich schon ein Wunder sei. Wie niemand sonst respektiere der russische Christus vor allem die Geistesfreiheit und betrachte die Vernichtung der Gewissensfreiheit als etwas seinem Wesen Entgegengesetztes. Der Geist des wahren Christentums sei die vollständige Glaubensfreiheit. - Nach Dostojewskij komme es einzig auf das Leben an, auf das Entdecken des Lebens, das ununterbrochene und ewige Entdecken, und durchaus nicht auf das Entdeckte selbst“ (Walter Nigg: Religiöse Denker, S.188-189 und S.210, BN 1146). Implizit bekennt sich Nigg also zur vollständigen Glaubensfreiheit. Seine Liebe zum Christentum erklärt sich aus seiner Überzeugung, dass das Christentum den Menschen die Freiheit des Geistes garantiert, in der er, wie Dostojewski eine geheimnisvolle Kraft sieht.

Eine Frau mit leidenschaftlich liebendem Herzen

Andere autobiographische Hinweise betreffen die Auffassung über die körperliche Liebe, die Sexualität. In Dostojewskijs Werken begegnet Nigg der Prostituierten Sonja. Nigg freut sich über Dostojewskis Auffassung, dass bei Sonja, obgleich sie sich der käuflichen Liebe hingibt, das „grosse christliche Erbarmen“ aufleuchte. Auf der gleichen Ebene liegt Niggs Deutung der biblischen Maria Magdalena. Auch sie hat sich der „Sünde“ der körperlichen Liebe hingegeben. Nigg interpretiert verständnisvoll und sympathisierend, Maria Magdalena sei eine Frau mit einem leidenschaftlich liebenden Herzen. Vor der Begegnung mit Jesus habe sie ungeordnet geliebt, danach geordnet. Heilig ist Maria Magdalena nach Niggs Auffassung nicht darum, weil sie das sexuelle Leben aufgab, sondern weil sie sich vom Wesentlichen in der Tiefe treffen liess, das ihr in der Gestalt von Christus begegnet sei. Mit dem Stellenwert der körperlichen Liebe hat sich Nigg an mehreren Stellen auseinandergesetzt. Bezüglich der Ehescheidung zitiert er Baumgarten, der „sich die Kraft und Festigkeit“ zugetraut habe, eine äusserlich bestehende, aber durch inneren Widerspruch zerrissene Ehe als eine in Wahrheit nicht bestehende anzusehen“. Diese Auffassung vertrat Baumgarten mutig gegen kirchliche Kreise, für die eine Ehescheidung absolut undenkbar, weil dies angeblich „unbiblisch“ war. - Für den jungen Walter Nigg, der in zweiter Ehe eine geschiedene Frau heiratete, musste Baumgartens Auffassung über die Scheidung überaus befreiend gewirkt haben.

Nihilismus der Nazi-Ideologie

In Baumgarten lernte Nigg einen Mann kennen, der vor hundert Jahren eine ähnlich triviale Zeit vorfand wie er vor dem zweiten Weltkrieg. Ein Mann, der den Mut hatte, sich dieser Trivialität entgegen zu stellen und Werte zu verteidigen, die er als zu verwirklichende christliche Werte verstand. Walter Nigg war 36 Jahre alt, als er, mittels der Schrift über Baumgarten, gegen die Unchristlichkeit und den Nihilismus der Nazi-Ideologie anschrieb.

Stellenwert der Individualität

Ein Einwand, der in der Kirchengeschichte immer wieder erhoben worden sei gegen „unliebige“ Theologen, sei die „leidige Subjektivität“. Nach Baumgartens Erkenntnis dagegen umfasse die Wahrheit das Objektive und das Subjektive. Baumgarten sei sich klar darüber gewesen, dass alle Objektivität, die nicht auf einer Subjektivität beruht, die selbstverständlich auch ihre Bindungen habe, ein nutzloses Ding sei. Eine Theologie sei nur echt, wenn deren Erkenntnis durch und durch und zwar in allen Teilen auf dem Grunde persönlicher Erlebnisse beruhen. Bei der Frage der Subjektivität gehe es um das Problem der menschlichen Persönlichkeit, die zwar nicht vergötzt werden dürfe, die aber eine unvergängliche metaphysische Wahrheit in sich schliesse. Zu Baumgartens Zeit habe sich die Verneinung jeglichen Individualismus in einer „förmlichen Jagd auf jede Persönlichkeit“ ausgewirkt. Von jeher seien jedoch gerade auf religiösem Boden sehr verschiedene Persönlichkeiten gewachsen. In dieser Mannigfaltigkeit komme etwas Gottgewolltes zum Ausdruck. Die Ausrottung des Individualismus bzw. der Persönlichkeit (durch die Neuorthodoxie) habe zu einer theologisch vollständig gleichgeschalteten Pastorenschaft geführt, der jede eigene Initiative, jede schöpferische Tätigkeit fehlte. Nach der Ansicht der Neuorthodoxie sollten die Theologen keine persönlichen Anschauungen besitzen. Die Idee der Individualität, die auf der persönlichen Selbständigkeit und geistigen Unabhängigkeit beruht, sei völlig verkannt worden (der Vater von C.G. Jung, der reformierter Pfarrer war, ist meines Erachtens an dieser Gleichschaltung zerbrochen. Seinem Sohn, Carl, hatte er vorgeworfen, dass er immer denken wolle, er müsse aber glauben, nicht denken). - Die Frage des Stellenwerts von Individualität, des Subjekts, besitzt nach wie vor Aktualität. Nach wie vor bestehen Strömungen, die auf eine Entpersönlichung hinauslaufen. Was Nigg für das Christliche feststellt, dass sich Individualität und Persönlichkeit nicht auf der theoretischen Ebene klären lasse, sondern nur in Verbindung mit dem konkreten Leben, gilt auch für psychologische Fachgebiete. Ganz folgerichtig ging Nigg dazu über, Lebensbeschreibungen von „Grossen Heiligen“ und „wesentlichen Menschen“ zu verfassen. So wurde Walter Nigg zum leidenschaftlichen Hagiographen.

Schriftstellerische Notwehr

Ein weiteres grosses Thema betrifft den Widerstand gegen die Obrigkeit. Baumgarten habe einen „heiligen Widerstand“ gegen eine Staatsgewalt befürwortet, die ihrem Auftrag nicht mehr nachkomme, und darum „nicht mehr göttlich“ sei. Baumgartens freiheitliche Stellungnahme zu diesem Thema sei von der Obrigkeit als so gefährlich empfunden worden, dass er von seinem Amt abgesetzt und später auch noch ins Gefängnis gebracht wurde, ohne ihm das rechtliche Gehör zu gewähren. Darauf habe Baumgarten mit einem „heroischen Kampf ums Recht“ geantwortet. Mit einer polemischen Literatur habe er seine Gegner förmlich bombardiert, was Nigg als „schriftstellerische Notwehr“ versteht. Die Polemik im christlichen Schrifttum entspringe eindeutig einer inneren Notwendigkeit, weil der Geist der radikalen Polemik ein wesentliches Attribut des wahren Christentums sei. Bekanntlich mussten engagierte Christen auch im Jahre 1939 wieder gegen die klerikale Vorstellung antreten, Polemik sei unchristlich.  

Geist der Freiheit und Wahrhaftigkeit

Doch sei es Baumgarten nie um das Polemisieren an sich gegangen, sondern um den Geist der Freiheit und Wahrhaftigkeit. Auch bei Walter Niggs Schreibtätigkeit ging es um den Geist der Freiheit und Wahrhaftigkeit. Er übte Kritik an der „Cliquenwirtschaft“ und an der geringen Zivilcourage, die auf den Universitäten verbreitet sei und bewies damit selber viel Zivilcourage. Im Jahre 1939, als Hitler kam, rief Nigg den kirchlich noch freien Kreisen warnend zu, es sei falsch, eine Änderung zum Besseren von einer günstigeren Lage der äusseren Verhältnisse zu erwarten. Man müsse vielmehr gerade in den ungünstigen Zeitverhältnissen seine Pflicht tun, damit die „Christlichkeit“ zur Geltung kommen könne. Ein jeder müsse versuchen, die kirchliche Gegenwart umzugestalten und nicht einfach auf die fehlenden grossen Männer abwälzen. Die Wahrheit müsse lebendige Vertreter finden, die bereit seien, für sie als höchstes Gut alles einzusetzen, es genüge nicht, untätig auf göttliche Hilfe zu warten. An diesem konkreten Beispiel wird verständlich, warum Nigg der Meinung war, man könne eine Besserung der Zustände nicht von Institutionen erwarten, sondern von der inneren Umkehr einzelner Menschen. Nigg erwartete von der inneren Umkehr die Entwicklung einer aktiven Zivilcourage.

Ein Charakter

Michael Baumgarten sei nicht durch die Gunst der Verhältnisse empor getragen worden. Er sei auch kein Genie gewesen und kein produktiver Geist: „Er war mehr als das: Ein Charakter.“ Baumgarten sei „ein echter Sohn des friesischen Nordens“: In dem "kleinen Haseldorf am Elbestrom“ sei er am 25. März 1812 aus rechtschaffenem, angesehenen Bauerngeschlecht geboren worden. „Obwohl sein Heimatdörflein ganz nahe bei der Hafenstadt Hamburg lag, war es doch vom abgeleckten, rasch verbrauchenden Wesen der Großstadt völlig unberührt“.

Quelle

Walter Nigg: Kirchliche Reaktion, dargestellt an Michael Baumgartens Lebensschicksal, Paul Haupt Verlag Bern-Leibzig, 1939, BN 1143.