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152 - Walter Nigg - Das ewige Reich – Geschichte einer Hoffnung

Urwahrheit

Die Erwartung eines kommenden Reiches hat nach Walter Nigg das Leben der Christen durch alle Jahrhunderte durchzittert. Das „Reich Gottes“ stelle eine „Urwahrheit“ dar, deren Wahrheit sich schon durch das rätselhafte Erscheinen dieser Hoffnung zu allen Zeiten als unabweisbar sichtbar mache (Walter Nigg: Das ewige Reich – Geschichte einer Hoffnung, 1954, Seite 7). Die Geschichte der Reichserwartung sei die Lehrmeisterin der unvergänglichen Hoffnung. An ihr beweise sich, dass ein Leben ohne Erwartung nicht lebenswert sei. Nigg weist auf den östlichen Christen Pawel Florenskij: „Und irgend etwas wird sein; es ist noch nicht erschienen, was sein wird - “ (8-10).

Gerechtigkeit und Treue

Nach Jesajas wird im Reich Gottes „der Wolf zu Gast sein bei dem Lamme und der Panther bei dem Böcklein. () Kuh und Bärin werden sich befreunden, und ihre Jungen werden zusammen lagern; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. () Nichts Böses und nichts Verderbliches wird man tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn voll ist das Land von Erkenntnis des Herrn wie von Wassern, die das Land bedecken. Jesajas habe sich nicht genug tun können mit der Schilderung jenes messianischen Reiches, wo „sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Spieße zu Rebmessern“, wo kein Volk wider ein anderes das Schwert erheben, und sie „den Krieg nicht mehr lernen“ werden (11). Dies werde geschehen, nachdem „ein Reis“ erschienen sei, der Gerechtigkeit und Treue wieder herstellt.

Messianische Weissagung

Jesaja sei nicht der alleinige Schöpfer dieser messianischen Weissagung, sondern sie verliere sich im Dunkel der frühesten Geschichte. Nach der Eroberung Palästinas sei die Verheißung des gelobten Landes in Alt-Israel nicht als erfüllt betrachtet worden. Sie habe als Sehnsucht weiter gelebt und habe nach dem nationalen Unglück der Reichsteilung erneut Auftrieb erhalten. Dies namentlich in der Gestalt des Königs David, der später in einem zunehmend glänzenderen Licht gesehen worden sei (11-12).

Gerichtsgedanke

Als der Prophet Amos den Gerichtsgedanken in die israelitische Vorstellungswelt einführte, sei der „Tag Jahwes“ zu einem erschreckenden Ereignis geworden. Die furchtbare Drohung vom demnächst stattfindenden Untergang Israels habe den Auftakt zum unvergänglichen Prophetismus geführt. Nebst dem düsteren Pathos bei Jesaja, Amos und dem schaudernden Hosea sei mit der messianischen Botschaft zugleich das lichtvolle Hoffnungselement hinzugekommen. Noch beim schwermütigen Jeremia sei die messianische Hoffnung und das künftige Reich in leuchtenden Farben geschildert worden. Nachdem die Juden den Bund gebrochen und „der Herr“ die Juden verworfen hatte, habe er ihnen einen neuen Bund versprochen: „Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und es ihnen ins Herz schreiben (). Da wird keiner mehr den andern, keiner seinen Bruder belehren und sprechen ‘erkennt den Herrn’, sondern sie werden mich alle erkennen, klein und gross, spricht der Herr; denn ich werde ihre Schuld verzeihen und ihrer Sünden nimmermehr gedenken“ (12).

Bild vom messianischen Reich

Dieses Bild vom messianischen Reich habe die Menschheit nie mehr vergessen. Die zeitlose Hoffnung der Prophetie sei immer wieder ermutigend vor ihren Augen aufgetaucht. Ich selbst bin der Meinung, der „neue Bund“ habe das Versprechen enthalten, dass die Autonomie jedes einzelnen Menschen respektiert werden sollte. Allen (Männern?) sollte die Erkenntnisfähigkeit zugesprochen werden, seien sie „klein und gross“ und darum sollte keiner mehr „seinen Bruder belehren“ wollen. Aus meiner Sicht heisst das, die Menschen sollten nicht mehr von der Priesterkaste belehrt oder gegängelt werden, weil sie sich aufs eigene Denken und Fühlen besinnen würden. Diese Zusicherung tauchte immer wieder ermutigend vor den Augen der Frauen und Männer auf.

babylonische Gefangenschaft

Die Hoffnung auf das Gottesreich hat nach Nigg wie ein Nordlicht in der Finsternis geleuchtet, insbesondere als die politischen Zustände in Palästina sich immer mehr verschlechterten. Nach der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar sei das jüdische Volk in babylonische Gefangenschaft geraten, bis der Perserkönig Cyros ihm die Rückkehr gestattete. Als das persische Reich zerfiel, geriet Israel nach langen Machtkämpfen unter syrische Oberhoheit und der jüdische Kult wurde verboten. Danach sei das Volk, trotz eines heldenhaften Freiheitskampfes unter die Knechtschaft der Römer geraten, der mit der zweiten Zerstörung Jerusalems ein Ende fand (70 nach Christus).

Zarathustra

In dieser Situation haben fremde Religionen auf das Judentum abgefärbt; babylonische, ägyptische und insbesondere iranische Einflüsse. Beispielsweise sei Zarathustra als einer der Schöpfer der Gottesreich-Vorstellungen zu betrachten, die in der jüdischen Verkündigung einen so grossen Raum einnimmt. Zarathustra unterscheide zwei Reiche, das Reich des Lichts und das Reich der Finsternis, die miteinander im harten Kampfe liegen. Das Reich Gottes werde sich in dem unmittelbar bevorstehenden Endkampf vollenden. Zarathustra habe aller Wahrscheinlichkeit nach die Verwirklichung des Gottesreiches noch zu seinen Lebzeiten erwartet, und als sie sich nicht erfüllte, haben seine Anhänger diese Vorstellung keineswegs preisgegeben. Das Weltgefühl der Apokalyptik sei im Spätjudentum geboren worden, als sich der altisraelische Messianismus mit den eschatologischen Vorstellungen der iranischen Religion (Zarathustras) verbunden habe. Durch die Verschmelzung von orientalischen und okzidentalischen Elementen sei eine ungeheure Verwirrung hereingebrochen. Das Alte sei zusammengebrochen und das Neue noch nicht geboren worden. Die erschütterten Menschen sahen als einzigen Ausweg die Erwartung des Endes. Sie waren von der Erwartung von umstürzenden Umwandlungen und Ereignissen erfüllt. Die von der Apokalyptik erfassten Menschen hätten das monumentale Weltbewusstsein der Antike offensichtlich gering eingeschätzt. Die antike Wirklichkeit habe für ihr Dafürhalten keine Realität mehr enthalten, sei ihnen wie ein unrealer Spuk erschienen. Es sollte etwas Neues, noch nie Dagewesenes beginnen. Es sei deutlich zu spüren, wie durch die lange Leidensgeschichte, welche das gequälte Israel durchmachen musste, die Lebensfreude dieses einst so vitalen Volkes gebrochen war, und wie ein immer größerer Pessimismus überhand nahm.

Selbstentfremdung und Identitätsverlust

Aus Niggs Schilderung geht hervor, dass die Juden an Selbstentfremdung und Identitätsverlust litten. Unter der Fremdherrschaft, in der ihnen die Ausübung ihres Kultes verboten war, ist es naheliegend, dass der Verlust der symbolischen Handlungs-Realität auch zu einem Verlust von Wirklichkeitsgefühl führte. Das Weltbild war zusammengestürzt.

 

Wir Frauen kennen dieses Gefühl der Entfremdung nur allzu gut. Auch den Frauen der menschlichen Frühzeit war die Ausübung ihres matrizentrierten Kultes verboten worden. Moses hatte im Namen Jahwes verfügt, dass die Anhängerinnen und Anhänger dieses Kultes getötet und die Tempel zerstört werden sollten. Es wurden nur Frauen und Mädchen am Leben gelassen, die noch mit keinem Mann geschlafen hatten, die die Priester „für sich behalten“ sollten. Auf diese dunkle Vergangenheit des Judentums geht Nigg allerdings nicht ein. Die jüdische Religion war eine Religion für Männer. Den Frauen wurde keine eigene symbolische und rituelle Realität bzw. Identität zugestanden. Frauen haben immer wieder versucht zu sagen was das Fehlen eigener Denk- und Handlungsräume für sie bedeutet. Nach Nigg hat die fehlende Selbstbestimmung zu einer überaus leidvoll empfundenen Selbstentfremdung (der Männer) geführt. Das Leid und die Verzweiflung waren so gross, dass sie lieber den Preis eines schrecklichen Weltunterganges bezahlen wollten, als so weiter zu leben. Dies allerdings in der Hoffnung, danach strahlend wieder zu erstehen, nicht mehr als Knechte dienen zu müssen, sondern eigenes furchtbares Land zu erhalten und ein gutes Leben führen zu können, wie Nigg an späterer Stelle ausführt (S.51).

Unterirdische Literatur  Geheimliteratur

Die apokalyptischen Schriften, die befremdlich und skurril anmuten, sind nach Nigg nicht wörtlich, sondern symbolisch zu verstehen. Es handle sich um „unterirdische Literatur“, um Geheimliteratur - die Verfasser durften nicht offen sagen, was sie sagen wollten. Diese Sicht entspricht der feministischen Sicht auf die Tarotkarten. Das Tarot ist Untergrundsliteratur, wo in verschleierter Form dargestellt wurde, was Frauen und Männer nicht offen denken und aussprechen durften.

Geburt eines neuen Weltgefühls

Die apokalyptischen Schriften sind nach Nigg Schriften, in denen sich die Geburt eines neuen Weltgefühls dokumentiert. Sie stellten ein unvergängliches Denkmal der magischen Weltanschauung dar. Nigg nennt diese Schriften „Urliteratur“ (13-17).

Transzententalismus

Mit der Apokalyptik sei erstmals eine transzendentale Hoffnung in die Vorstellungswelt eingebrochen. Die Entdeckung des Transzententalismus sei eine schöpferische Leistung der Apokalyptik. Mit unerhörter Kühnheit sage das Esrabuch: „Eben deshalb hat der Höchste nicht einen Äon geschaffen, sondern zwei“. Der kommende Äon bringe die neue Welt, die ewig bleibe. Die Eigenart der grossen Welterneuerung habe darin bestanden, dass eine untrennbare Verbindung von irdischen und transzendenten Elementen stattgefunden habe. Von dieser irdisch-überirdischen Atmosphäre sei auch die apokalyptische Reichserwartung ausgegangen.

Mütterlicher Zuspruch

Wenn die apokalyptische Weltstimmung von düsterer Färbung sei, so gehe von ihnen auch eine tröstliche Zusicherung aus: „Ihr Leidenden aber, fürchtet euch nicht, denn Heilung wird euch zuteil werden.“ Mütterlicher Zuspruch klinge aus den Worten: „Fasse Mut Israel, sei nicht traurig, Jakobs Haus.“ Mit der Trostspendung sei ein deutlich wahrnehmbarer ethischer Appell verbunden. Was der Mensch in diesem Leben tut, das besitze seine Wirkung in der jenseitigen Welt. Die unbeholfenen Gedanken der Apokalyptik hätten zu nichts geringerem geführt als zur Entstehung der Geschichtsphilosophie. Die Apokalyptiker hätten über die Weltgeschichte reflektiert. Sie hätten als erste eine theologische Betrachtungsweise ausgeübt und das Weltgeschehen von einem einheitlichen Gedanken aus zu verstehen gesucht ( 21-25). - Der Apokalyptik wohne eine revolutionäre Kraft inne. Ihr Wille sei auf das Kommende gerichtet und entrolle einen Ausblick in die Zukunft. Ihre größte Bedeutung liege darin, dass aus ihr das Christentum hervorgegangen sei (26).

Gestalt Jesu, elementare Wirkung

Das Einzigartige und Überragende am jungen Christentum sieht Nigg in der Gestalt Jesu. Es gebe keine Persönlichkeit, die sich bezüglich ihrer elementaren Wirkung mit ihm vergleichen ließe. Er sei zum Schicksal des Abendlandes geworden. Dass mit ihm etwas Neues in die Welt gekommen sei, spüre man aus den explosiven Wirkungen, die von ihm ausgegangen seien und noch ausgehen (27).

Gestalt voller Widersprüche

Jesus sei eine von nicht aufzuhellenden Geheimnissen umwitterte Gestalt voller Widersprüche. Eine weiche Milde finde sich neben Kampfeswillen von metallener Härte. Er habe eine strenge Ethik aufgestellt, um dann wieder das Übermoralische zu betonen. Er habe die schroffste Prädestinationslehre verkündet, um im nächsten Augenblick wieder alle Mühseligen zu sich zu rufen. Er habe sich auf einen exklusiv nationalistischen Standpunkt stellen können, er sei nur zu den verlorenen Schafen Israels gesandt, um alsogleich ein Gleichnis zu erzählen, nach dem das Reich den Heiden gegeben werde. Er habe die Friedfertigen selig gepriesen, und habe sich doch für den gehalten, der das Schwert zu bringen gekommen sei. Immer neue Gegensätze von imperatorischem Herrschaftswillen und von tiefster Demut seien bei Jesus hervorgetreten und mache die Gestalt zu einem faszinierenden Rätsel. Sogar die Seinigen seien zum erschreckten Ausruf gekommen: „Er ist von Sinnen“ (28).

hinreißende Geschlossenheit

Trotz dieser mannigfachen Gegensätze sei Jesus ein Mensch von hinreißender Geschlossenheit, dem das galiläische Volk in Scharen gefolgt sei, obschon er nicht im geringsten den Massenanhang gesucht habe. Jegliche innere Zerrissenheit sei ihm fremd gewesen, dessen Radikalismus in einem ungewöhnlichen Selbstbewusstsein gewurzelt habe. Man müsse bei Jesus vor allem auf seinen zentralen Obergedanken achten. Seine verschiedenen Ausführungen würden sich bloß wie Erläuterungen dazu verhalten. Dieser eine Obergedanke müsse in den Mittelpunkt gestellt werden, von dem seine Gleichnisse und Sprüche zu verstehen seien. Nigg verweist auf folgende Worte von Jesus: „Mein Geheimnis gehört mir und den Söhnen meines Hauses“. Nigg spricht vom „Lichtkern“, den es bei Jesus wahrzunehmen gelte, die ein verborgenes Göttliches in seiner Persönlichkeit sichtbar mache. Dies habe sich in seiner charismatischen Tätigkeit ohnegleichen ausgewirkt.

Mein Geheimnis gehört mir

Die Jesusworte „Mein Geheimnis gehört mir“ habe ich auf Niggs Grabstein in verallgemeinerter bzw. überhöhter Form vorgefunden: „Das Geheimnis gehört mir“ ist auf Niggs Grabstein zu lesen und nicht etwa nur „mein“ Geheimnis gehöre ihm. Die Frage ist, ob diese Formulierung von Nigg selber oder von seiner Familie angeordnet wurde.

Gewöhnliche Wirklichkeit wie wesenloser Schein

Wie alle geschichtlichen Erscheinungen darf Jesus nach Nigg nicht isoliert betrachtet werden. Historisch gesehen sei er aus der Apokalyptik hervorgegangen. In formaler und inhaltlicher Hinsicht habe Jesus auf die Daniel-Apokalypse zurückgegriffen. Alle historischen Wahrnehmungen sprächen dafür, dass Jesus mit den geistigen Strömungen seiner Zeit in Verbindung stand. In spätjüdischen Kreisen habe man in apokalyptischen Bildern gedacht und gelebt, vor denen die gewöhnliche Wirklichkeit sich wie wesenloser Schein aufgelöst habe. Auch Jesus war in dieses Denken verwoben, das ihn bis zur letzten Stunde beschäftigt habe. Von der Apokalypse her habe Jesus jene großartige Ungewöhnlichkeit empfangen, die auch auf heutige Menschen noch den unfassbaren Eindruck machten. Nigg stellt die Frage, ob Jesus angesichts der Tatsache, dass für beinahe jedes seiner Worte eine überraschende Parallele im spätjüdischen Schrifttum gefunden werden könne, noch als originale Persönlichkeit gesehen werden könne. Nigg bejaht diese Frage. - Das Entscheidende sei nicht, wer ein Wort zuerst gesprochen habe, sondern nur, wessen Worte zu zünden vermochten (29-30).

Größte Instinktsicherheit

Die Bedeutung von Jesus bestehe nicht in einer denkerischen Leistung. Die nicht zu überschätzende Bedeutung von Jesus liege in seiner Botschaft vom Reich, die er mit größter Instinktsicherheit in die Mitte seiner Ausführungen gestellt habe. Mit einer nicht mehr zu überbietender Kraft habe Jesus den Menschen zu allen Zeiten gesagt, dass das Reich und nur das Reich von ausschlaggebender Wichtigkeit sei. Dessen zeitlose Größe liegt nach Nigg im Inhalt dieser Botschaft. Jesus sei nicht der Gründer des Reiches, sondern er stehe voller Spannung in dessen Erwartung. Er sei mit dem Heroldsruf aufgetreten: „Die Zeit ist erfüllet, und das Gottesreich ist genahet, wandelt euch und glaubet an die frohe Botschaft“. Alle drei Synoptiker hätten übereinstimmend Jesus Verkündigung mit diesen Worten wiedergegeben (31). Jesus habe darunter ein von Gottes Herrschaft erfülltes Gebiet verstanden und nicht eine abstrakte Idee oder ein sittliches Gut. Gemeint sei eine unter Gottes Regiment stehende Gemeinschaft, die nicht von Menschen errichtet werde, sondern sich vom Himmel auf diese Erde herabsenke. Nicht von einer Staatsgründung sei also das Gottesreich zu erwarten, sondern von der Gemeinschaft gewandelter Menschen. Es sei eine übernatürliche Größe von wunderbarem Charakter, die nicht mit Gott identifiziert, aber auch nicht von Gott losgelöst werden dürfe. Es sei unrichtig, den politischen Klang, der dem Begriff Reich anhaftet, gänzlich ausschließen zu wollen. Ein irdisches Königreich sei Sinnbild eines Gottesreiches und verdeutliche das Gemeinte insofern richtig, als es sich um eine universale Angelegenheit und nicht um eine individuelle Erlösung handle; der ganze Weltbestand sei in Mitleidenschaft gezogen.

Ausgesprochene Naherwartung

Jesus habe die apokalyptische Botschaft von Johannes dem Täufer scheinbar wörtlich übernommen. Der asketisch eingestellte Täufer habe jedoch das kommende Reich als ein drohendes Gericht aufgefasst, im Unterschied zu Jesus, der eine freudige Botschaft, das Evangelium, gebracht habe. Jesu Aufruf zum Busse-tun beinhalte die Aufforderung zu einem neuen Leben und nicht die zerknirschte Reueempfindung für vergangene Verfehlungen. Im griechischen Begriff sei der Klang von Wandlung des Lebens zu neuer Freude enthalten. Es handle sich um eine ausgesprochene Naherwartung. Die Wunder, die Jesus vollbracht habe, in denen seine magisch-charismatischen Kräfte zum Aufleuchten kamen, seien als erste Vorboten des Reiches aufzufassen, ebenso die Sündenvergebung.

Tauferlebnis bei Johannes dem Täufer

Auf die Frage, ob Jesus sich für den Messias gehalten habe, verweist Nigg auf das Tauferlebnis bei Johannes dem Täufer. Von diesem Zeitpunkt an habe Jesus sich als jene eschatologische Heilsgestalt betrachtet, die ein integrierender Bestandteil des Reiches sei.

Persönlichkeitsprozess in Richtung Heilsgestalt

Nigg stellt bei Jesus also einen Persönlichkeitsprozess in Richtung Heilsgestalt fest. Die Worte von Johannes des Täufers hätten einen tiefen Einfluss auf Jesus gehabt. Jesus habe schliesslich die Meinung des Johannes übernommen, dass er der erwartete Messias sei, der „Gesalbte“. Johannes hatte verkündet, nach ihm werde ein Größerer kommen, der die Menschen taufen werde. Johannes habe von Jesus getauft werden wollen, die Umkehrung habe er nicht geduldet. Der charismatische Johannes hat nach Nigg das Charisma von Jesus erkannt und bestätigt. Aller Wahrscheinlichkeit nach habe sich Jesus seit dem Tauferlebnis „als jene eschatologische Heilsgestalt betrachtet, die ein integrierender Bestandteil des Reiches „sei (35). Ferner sagt Nigg, dass „die Erkenntnis von der Leidensnotwendigkeit des Messias“ immer mehr Macht über Jesus gewonnen und dazu geführt habe, „seiner Verurteilung nicht auszuweichen“ (35). „Nach ergreifendem Ringen in Gethsemane bejaht er seinen Todesweg, weil er dieses letzte Opfer für unumgänglich notwendig hält“ (35). Im Moment seines Sterbens, so habe Jesus gehofft, „werde das Reich erscheinen, weshalb er auch jeglichen Betäubungstrank zurückwies“ (35).

Das grandiose Erleben der Weltseele

Nach Nigg hat sich in der Gestalt von Jesus „das grandiose Erleben der Weltseele“ wiedergespiegelt. Die frohe Botschaft vom kommenden Gottesreich sei eine überirdische Wirklichkeit. Sie sei aus einer übergeschichtlichen Welt hervorgegangen und sei nur von da her zu verstehen. - Die metaphysische Wirklichkeit erscheine von aussen her betrachtet phantastisch, von innen gesehen sei sie realer als alle bloß äußerlich wahrnehmbare Wirklichkeit. Mit dem materialistischen Wirklichkeitsbegriff könne nur ein Bruchteil der realen Wirklichkeit verstanden werden; mit ihm würden alle anderen auch noch vorhandenen Dimensionen übersehen (27-37).

Barbara Walker verweist auf die Göttin Sige

Das „grandiose Erleben der Weltseele“ ist allerdings ein sehr altes Erleben. Barbara Walker verweist auf die Göttin Sige (Stille), die am Anfang aller Dinge existierte. „Sie gebar Sophia (Weisheit), die gnostische Grosse Mutter, die sowohl die Braut wie die Mutter Gottes war. Einige Gnostiker übernahmen die Vorstellung von der Weltseele, die sie mit Sophia gleichsetzten und die sie sich manchmal in androgyner Vereinigung mit Gott dachten. Diese Ansicht vertrat der Kirchenvater Origenes, der zu seiner Zeit verehrt, drei Jahrhunderte später jedoch wegen seiner häretischen Ansichten exkommuniziert wurde“ (Barbara Walker: Das geheime Wissen der Frauen, BN 1300, Seite 317).

Veränderung von Jesu Reichsbotschaft

Beim Apostel Paulus sieht Nigg einen „Frontwechsel“. Durch den Tod von Jesus sei er einer veränderten Situation gegenüber gestanden und vor neue Probleme gestellt worden. In der Lehre habe er schöpferisch neben Jesus treten müssen. Paulus verwende ähnlich klingende Worte wie Jesus, die jedoch einen neuen Sinn bekommen hätten. Seine „Kyriospredigt“ mit ihrer Erfüllungsmystik stelle eine „Veränderung von Jesu Reichsbotschaft dar“ (42). Dieser Prozess der Neugestaltung der ursprünglichen Reichserwartung fand nach Nigg seine Fortsetzung im Johannes Evangelium (42).)

Joachim von Fiore

Bei Joachim von Fiore, dem Abt des Zisterzienserklosters, ist nach Nigg das Reich wieder wichtiger geworden als der gekommene Messias. Er korrigierte sowohl die paulinische Identifikation von Reich und Christus als auch die augustinische Gleichsetzung von Reich und Kirche. Joachim war nicht christozentrisch eingestellt, da ihn nicht das Sohnliche faszinierte, sondern das dritte Zeitalter, in dem der Heilige Geist herrscht. Joachim stellte sich drei Zeitalter vor: Vater, Sohn, Heiliger Geist. Das erste bedeute: Gesetz (und Knechtschaft), die zweite: Gnade (und Sohnschaft), die dritte: grössere Gnade (und Freiheit). Joachim habe, als er sich mit der Betrachtung der Johannes-Apokalypse beschäftigte, eine Erleuchtung gehabt, bei der ihm plötzlich der Zusammenhang des Alten Testaments und des Neuen Testaments aufgegangen sei. Bezüglich des Zeitalters des Heiligen Geistes denke Joachim „an jenen paradiesischen Zustand, von dem Jeremias weissagt, dass keiner mehr den andern belehren werde, dieweil sie alle von Gott selbst gelehrt worden seien“.

Die Grossen und Mächtigen gestürzt werden

In Jeremias Weissagung sehe ich eine Antwort auf den Anspruch des Volkes, dass alle Menschen denkfähig und fühlfähig sind und dass daher die Priester- und Herrscherschicht nicht den Anspruch auf alleinige Definitions- und Vermittlungsmacht erheben kann. Erst in diesem „dritten Reich des Geistes“ wird sich nach Joachim die grosse Umwälzung vollziehen, in dem die Grossen und Mächtigen gestürzt werden, den Armen und Schwachen aber Erlösung zuteil wird. In diesem dritten Zeitalter bleibe „kein Platz mehr für die Kirche und Sakramente Jesu Christi, noch für die ganze Hierarchie.“ Alle Symbole und Einrichtungen gehen nach Joachim ihrem Ende entgegen.

Synode zu Arles 1260

Dass Joachims Idee und Weissagung zutrifft, können wir heute sehr deutlich beobachten. Viele Menschen treten aus der Kirche aus, aber die oberste Hierarchie und der Papst halten an ihrem Machtanspruch und an ihren Vorrechten fest. Nigg bezeichnet Joachim als mutigen Mann, der „die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt“ habe. Auf der Synode zu Arles 1260 sei diese großartige Schau von den drei Zeitaltern noch ausdrücklich verurteilt worden.

Franziskanerorden

Nach Nigg haben Joachims Schriften die größte Bedeutung durch den Franziskanerorden erlangt. Ein fliehender Abt habe im Jahre 1241 alle Schriften von Joachim ins Franziskanerkloster zu Pisa zur sorgfältigen Aufbewahrung gebracht. Die Lektüre dieser Schriften habe auf die Minderbrüder einen ungeheuer starken Eindruck gemacht. Franziskus selbst habe zu seinen Brüdern vom „ewigen Reich“ gesprochen und auf seinen Wanderungen das Gottesreich verkündigt. Die Spiritualen des Ordens glaubten, in Franziskus jene weltgeschichtliche Gestalt zu erkennen, die in der „Offenbarung des Johannes“ als Engel beschrieben ist, die „das Siegel des lebendigen Gottes“ hat. Sie glaubten ferner, dass im Jahre 1260 das zweite Zeitalter enden und das dritte beginnen würde.

Katharina von Siena

Meines Wissens haben von da an die religiösen Befreiungsbewegungen ihren Anfang genommen. Zum Beispiel nahm Katharina von Siena für sich in Anspruch, von Gott direkte Belehrung zu erfahren. Die Begine Margarete Porete nahm in Anspruch, die Bibel selber und neu übersetzen zu können. Andere Beginen wagten aufgrund der „grösseren Gnade“, der Freiheit, Beginenhöfe zu gründen, um nach Autonomie dürstenden Frauen Arbeit und ein Dach über dem Kopf anzubieten. Als sich die Erwartung des dritten Zeitalters, das man ab 1260 erwartet hatte, nicht erfüllte, konnte man nach Nigg „ein Schauspiel erleben, wie man es die Welt noch nie sah, die Prozession der Geissler von Perugia. Dante, der selber Joachimit gewesen sei, habe die Bedeutung von Joachims Botschaft besungen. Joachims Reichsbotschaft enthalte die wunderbare Auffassung, dass „die Offenbarung nicht von Anfang an vollendet vorliegt, sondern im Laufe der Geschichte erst allmählich hervortritt“. Was an Joachims Botschaft Wirklichkeit geworden sei, habe sich durch die Geburt von Meister Eckehart im Jahre 1260 ereignet (115-131).

Hildegard von Bingen lebte vor Eckehart

Nigg vergisst allerdings Hildegard von Bingen, die vor Eckehart lebte, von der Eckehart ausdrücklich berichtete, dass sie seine Lehrmeisterin gewesen sei (Marit Rullmann: Philosophinnen von der Antike bis zur Aufklärung, 1998, S.69. Vgl. Wehr 1988, S.39).

Reichsbotschaft erste Verschiebung und Umbiegung

Durch den Apostel Paulus hat, so Nigg, die Reichsbotschaft die erste Verschiebung und Umbiegung erfahren. Durch den Kyrioskult sei die Erlösung ohne das Reich möglich geworden, was für Jesus selbst eine „schlechterdings unvorstellbare Anschauung“ war. Paulus’ Verkündigung sei nicht so sehr Reichsbotschaft als vielmehr Christuspredigt. Er wisse sich „in Christo“ und dies sei die Grundlage seines neuen Lebens. „Wir aber predigen den gekreuzigten Christus“. Und zwar sei es nicht das irdische Leben Jesu, von dem Paulus’ Denken seinen Ausgang nahm, sondern Jesu Tod und Auferstehung habe ihn zu kosmischen Spekulationen entzündet. Als erster Christ habe Paulus das Kreuz auf Golgatha in den Vordergrund gerückt, welche die Botschaft vom Reich überschattete, aus der die Lehre der „Rechtfertigung aus dem Glauben“ hervorgegangen sei. Dies sei etwas, was Jesus nie erwähnt habe. Paulus habe versucht, die überirdische Realität vom Reich für die Menschen fruchtbar zu machen. Dies nach der Enttäuschung, dass Jesu’ Enderwartung und Aufrichtung des Reiches Gottes in dieser Welt, nicht eingetroffen war.

Bei Johannes  anstelle des kommenden Reiches das ewige Leben

Nigg stellt allerdings schon beim Apostel Johannes eine von Jesu abweichende Sicht vom Reich fest. Während bei Jesus das Reich eine apokalyptische Größe und in einem gewaltigen Prozess des Kommens begriffen war, sieht Nigg sowohl bei Paulus als auch im Johannesevangelium andere Vorstellungen in den Vordergrund gerückt. An Stelle des kommenden Reiches trete bei Johannes das ewige Leben, das darin besteht, Gott und den er gesandt hat, zu erkennen. Er habe mit kühnem Griff die Zukunft des Reiches in die Gegenwart versetzt, und das, was erst kommen wird, als schon vollzogen betrachtet. Das Gericht stehe nicht mehr bevor, es habe bereits stattgefunden. „Wer an Jesus glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“ - Nach Johannes und Paulus sind durch Jesus Christus die Gläubigen schon als Kinder Gottes erlöst. Aus dieser Umwandlung habe sich mit unvermeidlicher Konsequenz ergeben, dass von nun an die Erlösung ohne das Reich möglich wurde (38-46).

Reichserwartung chiliastische Formen angenommen

Mit der Offenbarung Johannes habe die Reichserwartung chiliastische Formen angenommen. Unter Chiliasmus (griechisch) versteht Nigg die Vorstellung vom tausendjährigen Reich, auch Millennium genannt. Es handle sich um ein Symbol für den vollkommenen Zustand auf Erden. Sachlich betrachtet bedeute der Chiliasmus vor allem die lebendige Erwartung des Gottesreiches auf Erden. Der Chiliasmus der Offenbarung Johannes habe seine Vorgänger im Buch Henoch, in der syrischen Baruchapokalypse. Sein Ursprung gehe noch weiter in die iranische Religion zurück.

Berichterstattung Eusebs verleumderisch

Nach Nigg haben sich die Christen der ersten Jahrhunderte das Reich nicht als langweilige Erbauungsstunde vorgestellt, sondern viel blutvoller als freudige Hochzeitsfeier, und für diese Aussicht hätten sie sich todesmutig vor die Löwen werfen lassen. Nigg erwähnt Cerinth, dem in der alten Kirche sogar die Abfassung der Apokalypse zugeschrieben worden sei). Euseb warf diesem vor, er stelle sich das Reich Christi „in der Befriedigung des Magens und der noch tiefer gelegenen Organe, also in Speis und Trank und ehelichen Genüssen und in Festen, Opfern und Schlachtungen von Opfertieren vor.“ - Man dürfe sich durch diese von deutlicher Abneigung erfüllte Berichterstattung Eusebs nicht irre machen lassen, da in ihr sichtliche Verleumdungskunst mitschwinge. Selbst wenn Cerinth ähnlich klingende Äußerungen getan hätten, so wäre dies kein Anlass, diese Ausführungen vertuschen zu müssen, da die Sinnlichkeit auch ihre Berechtigung habe. Auch nach Jesu Verkündigung werde man im Reiche Gottes zu Tische liegen und trinken und man werde auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Analoge Äußerungen fänden sich auch bei den apostolischen Vätern, welche die Patristik einleiten.

Euseb – Hoftheologe von Kaiser Konstantin

Die ausführlichste Schilderung des Tausendjährigen Reiches finde sich bei Papias, der u.a. von Weinstöcken mit tausend Ranken schwärmt, wobei an jeder Traube zehntausend Beeren wären. Auch diese Vorstellungen wurden von Euseb – der Kirchengeschichtsschreiber und Hoftheologe von Kaiser Konstantin war - lächerlich gemacht (S.53). Es zeugt nach Nigg von Verständnislosigkeit, sich an Papias zehntausend Schösslingen“ zu stoßen, die doch nicht buchstäblich zu verstehen seien. An Papias Versuch ist nach Nigg wichtig, dass er den Chiliasmus direkt mit Jesus in Verbindung brachte. Auch nach Irenäus (Bischof von Lyon) befinde sich das Reich auf dieser Erde. Das Reich sei in der Welt, in der die Menschen sich gemüht und gelitten haben, daher sollen sie nach Irenäus Meinung auch wieder lebendig sein und herrschen. Irenäus habe die Leugnung des Chiliasmus durch die Gnostiker als „Abfall von der Kirche“ gewertet. Man könne daher die Hoffnung auf das Tausendjährige Reich nicht als häretische Sonderbestrebung hinstellen (54). Auch der Nordafrikaner Tertullian habe sich mit der Frage beschäftigt, ob das Reich diesseits oder jenseits zu denken sei und wie dieses beschaffen sein werde, und er sei mit seinem Bekenntnis zum Reich auf Erden mit der Kirche in Konflikt geraten.

Ressentimenthafte Rachegefühle

Mit Origenes habe die systematische Bekämpfung des Chiliasmus eingesetzt. Er habe nicht geruht, bis der Chiliasmus zur Häresie gestempelt wurde. Origenes meinte, dies sei die Denkungsart jener, die sich zwar Christen nennten, aber in ziemlich jüdischem Sinn die Schrift erklärten. Christen würden nicht, wie die irdisch gesinnten Juden, das Reich auf Erden erwarten, sondern im Himmel. Am berühmten Konzil von Ephesus (431) habe er den Chiliasmus wörtlich als eine „Entgleisung und Fabelei“ zur Ablehnung empfohlen, weil er den religiösen Kern dieser Hoffnung nicht mehr verstanden habe (57). - Dennoch müsse man die Bestreiter des Chiliasmus verstehen. Über dem Chiliasmus liege ein schwerer Schatten. Der englische Romancier Lawrence habe richtig gesehen, dass in der Apokalypse deutlich ein Verlangen nach Herrschaft zu hören sei. Der Drang nach Macht in der Apokalypse stamme tatsächlich aus einer Schwäche. Es seien die ressentimenthaften Rachegefühle der kleinen Leute, die sich danach verzehren „das starke Rom, die Hure Babylons, vom Thron zu stürzen, um sich selbst darauf zu setzen“. Dieses Machtstreben werde nicht sympathischer dadurch, dass es dem „Lamme Gottes“ zugeschrieben werde. Mit diesem Herrschaftsverlangen, das dem Evangelium ins Gesicht schlägt, berühre sich gieriger Blutdurst, der einem in den chiliastischen Schilderungen entgegentrete.

Rettung der Reichserwartung

Dennoch habe der Chiliasmus die Enderwartung vor dem Absinken in eine individuelle Angelegenheit bewahrt. Chiliasmus sei die frühchristliche Fassung des Wortes: „Brüder bleibt der Erde treu!“ Die größte Bedeutung des Chiliasmus sei die Rettung der Reichserwartung (S. 47-60).