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461 - Hans Carossa: Buchauszug aus Ungleiche Welten – Hitlerdeutschland - 1951

Elisabeth Camenzind

Hitler kehrte zuweilen im Nietzsche-Archiv ein. Er suchte in Nietzsche den „Verkünder des Willens zur Macht, der kranke Ersehner des grausamen Übermenschen“. Das Goethehaus in Weimar suchte er nie auf. Zu Männern, die sich für Auserwählte, für grosse Verwandler und Erfüller halten, gehörte es auch, dass sie jedes Recht für sich fordern, das sie anderen absprechen( Seite 30).

 

… „so wird es jeder begreiflich und natürlich finden, dass viele tüchtige, fleissige, praktisch veranlagte Menschen sich schon deshalb gefügig in die neue Ordnung fanden, weil sie ihnen endlich wieder erlaubte, tätig zu sein (Bau der Autobahnen S.32). Es gab damals Hunderttausende von Arbeitslosen.

„In grossen Schichten der Jugend wuchs die Sehnsucht nach Zucht und Entsagung, nach tieferer Deutung des Menschentums. Die Besten waren in einem stillen Lernen und Umlernen begriffen, bereit zur Mitarbeit an einem schönen welterfreuenden Ganzen (S.35).

 

„Die Dichter verliessen das träumerische Reich der Gestaltung und wurden Dämonen. Sie deuteten verführerisch auf eine Tat hin, die gewagt werden müsse, und um dieser unbestimmten Tat willen beschworen sie die Unterwelt“ (S.33).

 

Zunächst schien der Versuch, aus dem gesamten deutschen Nachwuchs eine Art Sparta zu machen nicht ohne Grossartigkeit. Hitler erhielt gerade von der Lehrerschaft dafür unendliche Zustimmung. Man erinnerte sich, die Spartaner hätten auch im Frieden eine straffe kriegerische Haltung gefordert, Verzicht auf Genüsse, Verachtung des Familienlebens, Bestrafung wohlgenährter Jünglinge und dergleichen. Dieses alles entsprach ungefähr dem neuen Staatsideal. Man vergass nur, dass im alten Sparta noch etwas Höheres waltete: der Kult der Götter, der nie vernachlässigt wurde. Diese Erziehung zu wildem Kämpfertum im Zeitalter der Panzerwagen, der Bomben und Giftgase, konnte es wirklich mit Sparta verglichen werden?

 

Über Nacht wurde das Wort Humanität . . . zum Schimpfwort umgeprägt, und auf einmal gehörte es zum guten  Ton, bekannte Vertreter dieser Lebensanschauung verächtlich zu machen. Lehrer und Schulmänner hielten es auf einmal für notwendig, die Jugend gründlich zu „rebarbararisieren“. Alle seelischen Prozesse, alles eigenste, innerste Keimen der Seele‘ wurde  als ‚individualistisch‘ verworfen. Die Kinder wurden in Uniformen gesteckt, und die meisten Väter und Mütter waren stolz darauf und froh und nannten das Infantilbleiben der Kinder „Idealismus“.

 

Der Staatsjugend wurde Lagerleben und militärischer Drill zugemutet. Damit wurde ihnen unbefangenes Denken und Fühlen verwehrt. Man verdächtigte ihr den Frieden als einen unwürdigen Zustand. Man hielt die Knaben bewaffnet und in einem ständigen Mobilmachungsfieber.  Sie wurden erzogen zur Verfolgung der Wehrlosen. Der Priester im Dorf hatte vor ihnen zu zittern. Sie mussten lauern, ob er nicht etwas gegen die Regierung äussere. Wer über ihr todernstes Gebaren lachen musste, wurde zum Vaterlandsfeind erklärt; wer vor ihren Fahnen das Haupt nicht entblösste, dem durften sie getrost den Hut herunterschlagen. So ergab sich bei diesen Kindern eine eigene Mischung von strammer Körperhaltung und Vertrucktheit im seelisch-geistigen Bereich.  

 

Die Schwärmerei der Massen gewann einen starken moralischen Rückhalt durch den Heiligenschein von asketischem Wesen, der Hitler umgab. Immer wieder wies die Propaganda  auf den entbehrungsreichen Lebensgang des Führers hin, der auf Ehe- und Familienglück verzichtete, allem Fleisch, Tee, Tabak- und Weingenuss entsage . . .

Carossa kommentiert: „Ein wie Hitler veranlagter Mann bedurfte ja auch der Freuden und Genüsse des Durchschnittsmenschen gar nicht, war eher dem Morphium süchtigen  vergleichbar, dem alle Lebenswonnen schal sind mit Ausnahme der einen, die sein rasend begehrtes Gift ihm gewährt. Sein Morphium aber war der Machtgenuss, den er später  . . .  durch die Vorstellung der Leiden ergänzte, die er seinen Gegnern zufügte (S.37).

„Wer denkt noch daran, dass es einmal Juden und Freimaurer gab, die sich grämten, weil er sie nicht Parteigenossen werden liess“ (S.37).

„… indem er (Hitler 1934) während wenigen Wochen ohne Tribunal, ohne jede Möglichkeit einer Verteidigung, mehr Menschen hinrichten liess, als die sämtlichen Fürsten in Jahrhunderten . . .

Nirgends hat Hitler den heilsamen Widerstand geduldet, der ihn gross und massvoll hätte machen können . . . Historiker beweisen ihm in schnell geschriebenen Büchern, die gesamte Geschichte wäre von Anfang an nur eine Vorbereitung auf ihn gewesen (S.43).

In mancher Hinsicht waren ja Hitlers Ordensburgen eine Nachahmung der Klöster; er wollte sich eine Elite von Parteigenossen darin heranziehen, eine Gemeinschaft junger Männer, die sich aber auf seine Person verpflichten mussten, nicht auf Gott (S.45).

„Bringt vor was ihr wollt, ein Genie des Willens ist er nun einmal“, hatte Carossa sagen hören. Im Unterschied dazu verweist  Carossa auf Paul Valery: „Was uns am meisten ängstigt, unsere Fehler, unsere Ohnmacht“, gerade darin habe Valery notwendige Zustände erkannt, in denen sich Seelenstoff sammle und kristallisiere. – Carossa verweist ferner auf Fritz Usinger, für den „gerade diese Schwächen und Mängel, diese Unvollkommenheiten des menschlichen  Bewusstseins-leben“, wichtige Ausgangspunkte für die Produktivität der Seele seien (S.77).

„Denn Wahnsinn ist ja gottgesandt“, lässt Sophokles den Chor in seiner Ajas-Tragödie singen, und alle Dichtung des Altertums scheint vorauszusetzen, auch die Seelengabe wachse nicht weit von jenen Gebieten, wo das Chaos beginnt. Die Brücke zum Chaos abzubrechen scheute sich jedoch der antike Mensch. Er ahnte hier die Nähe der Götter, und Hölderlin, der späte Künder der hellenistischen  Welt, als er merkte, wie er den Zusammenhang mit seinem Geist verlor, klagte in heiligem Schrecken, ihn habe Apollo geschlagen. „Das Genie steht dem Wahnsinn näher als die Durchschnittsintelligenz“, erkläre Schopenhauer bündig und deute damit auch an, in welch gefährlichem Klima die grossen Begabungen leben: Torquato Tasso, Hölderlin, Lenz, Lenau, Conrad F. Meyer, Nietzsche, Robert Schumann, Hugo Wolf, Poe, van Gogh, Baudelaire, Verlaine seien „einige besonders klare Beweise für die unheimlichen Abgaben, die der ausserordentliche Mensch dem Abgrund entrichten“ müsse. „Shakspeare und Goethe  aber zeigen uns den Wahnsinn als die grosse Zuflucht, in welche sich die schwerverwundete Natur hinüberrettet, wenn das Leid des Daseins unerträglich wird“ (S. 102).

„Die Juden“ seien heute noch „das unverstandenste Volk der Welt und in dieser Hinsicht höchstens noch mit den Deutschen zu vergleichen; sie sollten uns erforschungswürdig und unantastbar sein. Um durch alle Mängel und Entartungszeichen der einzelnen hindurch das Wesentliche und Wertvolle des jüdischen Volkes zu erkennen“, dazu müsse „einer selbst wesenhaft und wertvoll sein.

„Wir haben uns auf eine schauerliche Weise mit dem Judentum verbunden; aber wenn uns noch ein Weniges von alter indogermanischer Weisheit verliehen wäre, so würden wir den Weg zur Heilung finden.

Das alte Germania  hatte, nach Tacitus Bericht, dem Wesen des Weibes heilkundige und seherische Anlagen zugetraut; man wählte Priesterinnen und unternahm keinen entscheidenden  Schritt, ohne ihre Eingebungen zu erwägen . . . in dem geistverlassenen Dritten Reich ist jedenfalls ihrer keine zu Wort gekommen. Für eine Veleda war da so wenig Raum wie für eine Katharina von Siena, und auch die freimütige Ricarda Huch . . . musste schweigen (S.144).

Das private Leben der meisten Deutschen begann damals im staatlichen Leben zu erstarren, und mit dem Verfall des Individuums entarteten auch die Dämonen.

Hitler verwechselte seine Person mit Deutschland.

„Es ist mein aufrichtiges Bestreben, ein guter Mensch und ein braver SS-Mann zu werden“, schrieb ein holländischer Legionär aus einem östlichen Lazarett an Carossa. 

 

Carossa kommentiert: „Eltern und Lehrer haben da in gedankenloser Unschuld gesündigt. Wenn schon dem ABC-Schützen eingeprägt wurde, er gehöre einem Volke an, mit dem sich kein anderes vergleichen dürfte“ (S. 209). – Der „Franzose war entartet und Erbfeind, der Italiener tückisch, der Engländer ein Krämer oder ein verschrobener Bummler, alle Balkanvölker samt Polen und Tschecken Schlawiner, der Russe ein Stierinkerfresser, der Amerikaner seelenlos, der Jude hassenswert an sich (S.209).

Quelle

Hans Carossa: Ungleiche Welten, 1951