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156 - Heimliche Weisheit. Mystiker des 16.-19. Jahrhunderts - von Walter Nigg

 

Kaspar Schwenckfeld

Kaspar Schwenckfeld (1489-1561) lehnte die "Massenkirche" ab. "Wir wollen immer einen grossen Haufen haben, während sich Paulus nie vorgenommen habe, eine ganze Stadt zu bekehren. Er stellte der durch obrigkeitliche Gewalt geschützte Staatskirche die unsichtbare Kirche gegenüber. Der Christ darf sich der Welt nicht gleichstellen, vielmehr steht er in einer Spannung zu ihr. Schwenckfeld hat das innerste Verlangen des mystischen Menschen ausgesprochen, den Besuch Gottes in der Seele zu erleben. Es kommt darauf an, vom Ewigen gegrüsst zu werden. Dieses Erlebnis kann jedem Menschen widerfahren. Das Mystische zeigt sich bei Schwenckfeld in der Heiligung, die für ihn Gottnähe und nicht Moralität bedeutet (67-72). Der Gedanke der Heiligung sei im Protestantismus zu kurz gekommen, weshalb er denn auch so rasch zur Orthodoxie erstarren konnte (67)

Sebastian Franck

Sebastian Franck (1499-1542. Die Predigt von der sich frei schenkenden Gnade Gottes schmeichelt nur den Zuhörern und veranlasst das verwegene Volk, keine Busse zu tun. Eine wahre Verzweiflung überkam Franck über die Wirkungslosigkeit seiner Predigt. Er begann an der Sinnhaftigkeit seines Tuns zu zweifeln und brach seine Predigttätigkeit ab. Danach nahm er Gelegenheitsarbeiten an - er hatte Familie - und betätigte sich u.a. als Seifensieder. - Seiner Auffassung nach gibt es vier Arten des Glaubens. Neben dem Lutherischen, Zwinglischen und Täuferischen sei schon ein vierter Glaube auf der Bahn, bei dem alle äusserliche Predigt, Zeremonie, Sakrament, Bann, (Pfarrer-)Beruf als unnötig aus dem Weg geräumt sei zugunsten einer unsichtbaren geistlichen Kirche unter allen Völkern (81).

 

Universales Christus-Verständnis

Der mystische Glaube finde sich in allen Kirchen, er gehe durch jede Konfession hindurch und sei die verborgene Substanz. Die "heimliche Weisheit" der Mystik kenne auch kein Zeitproblem, weder ein Morgen noch ein Gestern, sondern allein ein blosses Jetzt. Ebenso sei mystische Nichtwissen von der Gewissheit durchdrungen, dass, wer einen anderen Menschen sah, der habe alle Leute wahrgenommen: "Alle Menschen ein Mensch." Es sei "alles Adam". Wer in einer Stadt sei, "der ist in der ganzen Welt" (83) - Franck habe die bloss historische Auffassung von Christus überwunden. Frank meint, "auch unter den Heiden" seien zu aller Zeit Christen gewesen. Er "glaube mit den alten Lehrern, dass beide, Christus und Adam, des Weibes Samen neben der Schlange Samen in aller Menschen Herzen sei" (87). Der vierte Glaube bekenne, dass der "ewige Christus in aller Herzen vorhanden" sei. Frank fasst demnach den Christus symbolisch auf. Nigg vermerkt, dass Franck nicht der erste war, dem dieses universale Christus-Verständnis aufgegangen sei (Justin, Tertullian). Das Mysterium des Christus habe für Franck Gültigkeit und Christi Worte seien für ihn unumstössliche Autorität. Darum sei das, was Christus im Vorbild lebe und das Volk lehre, "Gebot" und "kein Rat" (87-88).

 

Wert von Ritual und Kultus

Gott sei die frei ausgegossene, innewohnende Kraft, die in allen Dingen lebt und alles in allem wirkt (85). - Nigg vermerkt, dass damit der ganze priesterliche Vermittlungsapparat in sich zusammenfällt, wobei er die Frage nach dem Wert von Ritual und Kultus aufwirft (88-89). Nach Franck hat alles was äusserlich ist, nicht Wesen und Wahrheit an sich selbst, sondern ist nur eine Figur zur Einleitung in das Innere. Das Äussere hat die Aufgabe, den Zugang zur inneren Welt zu erschliessen. "So sind wir also Gottes fähig, wir sind göttlicher Art, das Licht ist in der Laterne unseres Herzens angezündet und der Schatz liegt schon in den Äckern. Ja, wer nur in sich selbst einkehrte und diesen Schatz suchte, der würde ihn gar nicht jenseits des Meeres finden, noch im Himmel suchen dürfen. Sondern in uns ist das Wort, das Bild Gottes" (89). Der Mensch braucht nur in sich selber heimzugehen und sich der inneren Welt zuzuwenden, um den Gott zu finden, der sich niemals von ihm getrennt hat. (89). - Bei allem Einverständnis mit Franck meint Nigg, er habe die Notwendigkeit der Zeremonien unterschätzt und ihre Unumgänglichkeit für einfache Gemüter zu wenig bedacht.

 

Valentin Weigel

Valentin Weigel (1533-1588) war einer der gebildetsten Theologen. Aus einem armen Elternhaus stammend war er unter die kurfürstlichen Stipendiaten an die Universität Leibzig aufgenommen worden und studierte volle 15 Jahre. Er wurde Pfarrer und heiratete (3 Kinder). - Seiner Meinung nach ist die Bibel gleich allen anderen Dingen der Eitelkeit unterworfen. Sie sei ein äusserlicher Spiegel, die uns zeigt, ob wir schön oder greulich, krank oder gesund sind. Sie (gemeint die Bibel) könne aber weder die Krankheit heilen noch unsere Schmerzen stillen. Alle Bücher seien nur zum Bewähr und Zeugnis, zur Ermunterung, Erinnerung, Aufmerkung, Kundschaft. Er verwies aufs "inwendige Buch des Herzens", sintemal der Mensch nur das zu erkennen vermöge, was in ihm selber lebt. Bevor er zu diesem "wahren Glauben" gekommen sei, sei er oft bekümmert gewesen, worauf er bauen solle (96-103).

 

Wer Krieg führt, ist kein Christ

Nigg vermerkt, nach Weigel liege die Seele nicht offen zutage, sie sei „ein nicht auszulotendes Geheimnis“, zu dem man vordringen muss. Nach Weigel hatte der historische Christus den Menschen lediglich den Weg gewiesen, damit er den innerlichen Christus finde. - "Der Buchstabe wirket nicht den Geist. Alle Dinge gehen von Innen heraus. Das innere Wort wird äusserlich, das Wort wird Fleisch" (106). - Als das Luthertum zur Unterzeichnung der Konkordienformel schritt, unterschrieb auch Weigel, um der Verfolgung zu entgehen (107). Er habe sich das Recht, in seiner geistigen Welt leben zu dürfen durch Schweigen erkaufen müssen. Nigg wirft die Frage über dieses Verhalten auf. Offener Widerstand hätte wahrscheinlich mehr zerstört als aufgebaut. Er hätte sich auch einen Ketzerprozess auf den Hals geladen, der seine Familie ins Elend gebracht hätte. Die überlegene Haltung Weigels habe bewirkt, dass die Konkordienformel sich wie ein Gewitter langsam wieder verzog. - Weigel habe in seiner "Klause" eine stattliche Anzahl Schriften (für die Schublade) verfasst. Er habe ein Klärungsbedürfnis gehabt und nicht Publikationsdrang. - Weigel habe gelegentlich bahnbrechende Gedanken geäussert: "Merkt wohl, ihr Obrigkeiten auf Erden: die Gläubigen sind euch nicht unterworfen nach dem inwendigen Menschen, ihr habt keine Gewalt über sie." Paulus sei wehrlos seine Strasse gezogen und habe dadurch die Menschen fürs Evangelium gewonnen. Wer Krieg führt, ist kein Christ, sondern ein Wolf und gehört nicht zur Schafherde (114-115).

 

Das innere Paradies

Der Aktivismus führt zu Betrieb und Hetze, woraus keine wertvolle Frucht hervorgehen kann. Er dient mehr zur Betäubung als zur Erweckung der Menschen. - Der Mensch, der das gegenwärtige Wohnen Gottes in sich erlebt, sucht das Paradies nicht mehr ausserhalb seiner selbst. "Gott ist unser Himmel und wir sind im Himmel." Das innere Paradies ist die wahre Heimat der Menschen, und Weigel schrieb denn auch, dieses "Vaterland steht nicht ausser uns, sondern inwendig im Geiste, darum sind wir noch nicht daheim in Hispania oder Germania oder zu Leibzig oder in diesem oder jenem Hause. Denn daraus mich ein anderer sterblicher Mensch jagen und stossen kann, das ist noch eigentlich nicht meine Heimat. Es muss ein solcher Ort oder Heimat sein, daraus mich kein Mensch oder Tier noch Wurm jagen oder treiben können in Ewigkeit" (116-117). - Nigg vermerkt, man habe Weigel bezichtigt "den folgenschweren Schritt zur Psychologisierung der Religion" getan zu haben, die einen "Darwinismus in der Religion" und eine "Feuerbachsche Desillusionierung" verbreite. Nach Nigg bedarf die uneinsichtige Ablehnung der Mystik einer gründlichen Revision.

 

Johann Georg Gichtel

Für Johann Georg Gichtel (1638-1710) ist Jesus den Männern eine Jungfrau und den Frauen ein Mann. Er sei der rechte, ganze Adam mit beiden Tinkturen. Gichtel vertrat eine "sophianische Mystik". - Weil Gichtel die Herrschaft der orthodoxen Geistlichkeit anprangerte, wurde er vom Abendmahl ausgeschlossen und in den Kerker geworfen. Die Pastoren behaupteten, er sei vom Teufel besessen. Dabei habe er nichts anderes getan, als der Geistlichkeit schriftliche Vorschläge zu einer Erneuerung der Christenheit zu unterbreiten. Im Kerker hatte Gichtel eine Vision, bei der er spürte, dass "Christus sich mit seiner Seele verlobte". Er verwunderte sich aufs höchste, als er den Gott, den er bis dahin im Himmel gesucht hatte, in seinem eigenen Herzen fand (240-241).

 

Die himmlische Sophia

Den visionären Höhepunkt erlebte der 35-jährige  Gichtel, als die himmlische Sophia ihn besuchte, "ihm ihre Schönheit enthüllte und ihm eine unsagbare süsse Wonne bereitete". Sie habe ihm Treue versichert, sie wolle ihn in keiner Not, Armut, Elend und Tod verlassen. Was er bei dieser Hochzeit empfunden, habe Gichtel nicht auszudrücken vermocht, aber das mystische Erleben spüre man in seinen Ausführungen noch nachbeben. Offenkundig sei dem Gichtel die göttliche Sophia erschienen, und zwar aller Skepsis zum Trotz in leibhaftiger Gestalt.  Gichtel habe in der Sophia Jesus gesehen. Zur Erklärung seines Erlebnisses greift Gichtel auf alte Vorstellungen zurück, die er abwandelt. Während die Griechen "den Menschen" ursprünglich nicht aufgeteilt in Frau und Mann haben und meinten, seit der Aufteilung sehnten sich die beiden Hälften in diese Einheit zurück, meint Gichtel, Sophia sei Adams Gehilfin gewesen vor Eva. Weil er aber gefallen sei und ein Weib wie alle Tiere haben wollte, sei sie von ihm gewichen und habe ihn fallen lassen. Dadurch sei er dem Geist der Welt heimgefallen und nun ein Tier aller Tiere geworden, dem nun Jesus zu Hilfe gekommen sei. Durch Jesus "kriegen wir wieder unsere Jungfrau in ihm, die wir in Adam verloren haben. Nigg vermerkt, Gichtel habe das Problem der Androgynität in die Diskussion gebracht. Sophia sei für Gichtel nicht eine Person der Dreieinigkeit, sondern eine mystische Gehilfin des Menschen (245).

 

Seine Seele umhälset

"Sophia tat sich nunmehr ehelich zu seinem Seelen-Feuer, als ihrem Feuer-Mann. O, wie freundlich hat sie seine Seele umhälset! Keine eheliche Matrone könne „mit ihrem Ehegatten liebreicher spielen, als Sophia mit seiner Seele tat". Gichtel blieb ehelos. Nigg vermerkt, leider habe sich Gichtel in eine totale Ablehnung der Ehe hineingesteigert und einen titanischen Fleischeshass in die evangelische Christenheit hineingebracht, der nur mit Tertullians Rigorosmus verglichen werden könne (250). - Die sophianische Mystik sei schon bei Böhme aufgebrochen. Für ihn hatte Adam sein Sehen und seine Erkenntnis von der Jungfrau und als sie von ihm wich, wurde er ganz blind.

 

Gottfried Arnold

Gottfried Arnold beruft sich in seinem Buch "Das Geheimnis der göttlichen Sophia" (1700) auf die Bibel und zwar auf das Buch der "Weisheit Salomons" im siebten Kapitel, in dem über die sophianische Mystik steht: "Sie ist nur eines und vermag doch alles; sie bleibt, was sie ist, und erneuert doch alle Dinge." Arnold wisse, dass in der Gottheit kein Geschlecht ist, aber in der Menschwerdung habe sich Gott als Mann, und nach der gleichen Ökonomie sei die Sophia eine Jungfrau, Braut, Mutter. Arnold habe in einer beständigen Verbundenheit mit der unsichtbaren Welt gelebt. Nigg vermerkt dazu: "In etwas anderem besteht das mystische Leben nicht" (342).

Quelle

Walter Nigg: Heimliche Weisheit. Mystiker des 16.-19. Jahrhunderts, Buchclub Ex Libris Zürich, 1977