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162 - Jeremias Gotthelf – Walter Nigg in Wallfahrt zur Dichtung

  

Ein warmer Ofen im harten Winter:

Liebe und Wärme auszustrahlen in die Welt sei nach Gotthelf die primäre Bestimmung der Frau: „Sie ist, was ein warmer Ofen im harten Winter, jeder, dem es schaurig wird in der kalten Welt, läuft ihm zu, sucht und findet Behagen in seiner Nähe.

Nach Ricarda Huch habe Gotthelf das herrlichste Frauenlob gedichtet, darin er auch Goethe überlegen sei. Er nenne die Frau „des Hauses Priesterin“, „des Hauses Licht und die allgegenwärtige Schaffnerin Gottes (197). Für die Frau sei die Ehe in der Regel die grosse Woge ihres Daseins, während für den Mann gewöhnlich der Beruf im Mittelpunkt stehe (196).

Hier erweist sich Nigg als einer von denen, die sicher zu wissen glauben, was Frauen wollen und was ihre Aufgabe sei. Er sitzt der alten patriarchalen Leier über das Wesen der Frau auf und glaubt ihr damit ein Lob zu spenden, ebenso wie Gotthelf.

Ausdruck männlicher Empfindungen: Allerdings könnten diese männlichen Aussagen auch anders herum gelesen werden, nämlich als Ausdruck der eigenen männlichen Empfindungen und Ansprüche an die Frau. Die meisten Männer empfinden der Frau gegenüber das gleiche, was sie als Knabe ihrer Mutter gegenüber empfunden haben. Bei der Mutter fand der Knabe Wärme und Behagen. Er empfand die Mutter wie einen warmen Ofen im harten Winter innerhalb der übrigen Welt. Leider kann die Frau über nahestehende Männer (Vater, Ehemann) nichts Ähnliches aussagen.

Abwertung der Frau zu korrigieren:Eine weitere Variante der Deutung wäre, dass sowohl Walter Nigg als auch Gotthelf (beide sind Theologen) bestrebt seien, die negative kirchliche und psychologische Abwertung der Frau zu korrigieren. Ricarda Huch meinte sicher nicht dasselbe wie Gotthelf, wenn sie die Frau des Hauses „Priesterin“ nennt. Ich denke, dass sie viel mehr die metaphysische Dimension der weiblichen Priesterschaft im Auge hat und nicht die Herstellung von häuslicher Behaglichkeit für Männer.

Quelle

Walter Nigg: Wallfahrt zur Dichtung, 1966