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276.1 - Karl Schmid, Zürich – Aspekte des Bösen im Schöpferischen

 

Unmündigkeit der Nation

Die Idee des Schöpferischen, das sich weit in unser Jahrhundert erstrecke, sei von der Zeit des «Sturm und Drang» geprägt. Um 1760 herum schien es, als würde sich das Gedankengut der europäischen Aufklärung auch in Deutschland ausbreiten, aber im Grossen gesehen sei es nicht dazu gekommen. Von aussen sichtbar geworden seien Goethe, Weimar, Romantik. Das deutsche Geistesleben in seiner Breite und Tiefe habe die gesamteuropäische Bewegung der Aufklärung nicht wirklich mitgemacht, was von unabsehbarer Tragweite sei für alle seitherige Zeit. (243) Anstatt der Bewusstheitsparole von Kant «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, um der 'Unmündigkeit der Nation' entgegen zu wirken» habe die Nation die faszinierendere Parole des «Werde, die du bist» aufgenommen. Die Vernunft sei diskreditiert worden als «westlerisch» und «vernünftlerisch». Das grossartige Phänomen der Aufklärung sei für den deutschen Blick auf platte Vernünftelei reduziert worden und gleichgesetzt mit der Frivolität eines Voltaire, mit Ehrfurchtlosigkeit, Geheimnislosigkeit. Auf einem an sich beschränkten Schauplatz des deutschen Geisteslebens sei das Gefecht zwischen Gefühl und Verstand gegangen, zwischen irrationaler Ganzheit und Bewusstheit, Innerlichkeit und bon sens vollends zu Ungunsten der Aufklärung ausgegangen. (245)

Literaturgeschichte

Die deutsche Geistesgeschichte sei vernachlässigt worden, anstelle der gymnasialen Deutsch- und Geschichtsstunden sei die Literaturgeschichte des «Sturm und Drang» getreten. Nun quillt es über von «Gefühl» und «Leidenschaft» und «Genie». Um 1770 sei es gebräuchlich geworden, die deutsche Geistesgeschichte in der deutschen Literaturgeschichte aufgehen zu lassen. Die Nation verschwinde hinter den Dichtern. Es sei die Idee des Schöpferischen, die dominant, ja normativ werde. Das Wort «schöpferisch» sei zu jener Zeit noch nicht üblich gewesen, man redete von «Genie». Das Wort Genie war die Parole der Stürmer und Dränger, wurde aber in Deutschland mit den Kräften des Elementaren, Dämonischen und Göttlichen aufgeladen, durchaus und genau das, was man heute als das Schöpferische bezeichne22 (S.247).

Bilanz für Frauen

Die Ausführungen von Karl Schmid machen sehr deutlich, von welchen Ideen Jung inspiriert und fasziniert war. Er war fasziniert von einem mit dem Dämonischen und Göttlichen aufgeladenen Elementaren, wobei er dunkel gespürt haben mag, dass diese Verbindung mit dem Anspruch auf Vernunft und Wissenschaft der Aufklärung in Konflikt gerät. Diesem Konflikt war Jung bezüglich theoretischer Aufarbeitung und Durchdringung allerdings nicht gewachsen. Letztlich geht es hier aber um Jungs Anmassung, für das männliche Geschlecht den «weisen Alten» zu reklamieren, sowie Genialität, geistige Grösse und Leidenschaft, während er jedoch nicht gewillt war, eine weibliche «weise Alte» und Genialität bei Frauen zu akzeptieren. Jungs Absicht und Bestreben war, das hierarchische Geschlechterverhältnis mittels patriarchaler Mythologien zu untermauern und zu «beweisen». Und dies als ein ewig gültiges Verhältnis zwischen Frauen und Männern. Akzeptable Perspektiven für Frauentherapie lassen sich aus Jungs Perspektive nicht ableiten.

Quelle

Karl Schmid: Aspekte des Bösen im Schöpferischen, in: Studien aus dem C.G.Jung-Institut Zürich: Das Böse, 1961