traum-symbolika.com

158 - König Saul – von Walter Nigg

Elisabeth Camenzind

 

Ungehorsam

Für Walter Nigg gehört König Saul zu den grossen Unheiligen. Nicht, weil er zahlreiche Kriege führte gegen die „Ungläubigen“, sondern weil er „ungehorsam“ war gegenüber Samuel, indem er sich geweigert habe, den „Bann“ auszuführen. Nach dieser Regel hätte er nach dem gewonnenen Krieg gegen die Amalekiter alle Überlebenden töten und ihre Wohnstätten und Heiligtümer niederbrennen müssen. Aber Saul sei „ungehorsam“ gewesen gegen diesen Befehl von Samuel. Der Ungehorsam habe ihn zum Unheiligen gemacht1 (Seite 42). – Dieses Urteil von Walter Nigg vermag ich allerdings in keiner Weise zu teilen.

Der Bann

Nigg selber beschreibt, was der Bann bedeutet: „Der Bann war eine besonders mörderische Kriegsführung, indem alles Feindliche radikal dem Erdboden gleichgemacht wurde, seien es nun Frauen oder Säuglinge, Tiere oder Bäume“. Modern aus ausgedrückt, war es „die Taktik der verbrannten Erde“ (38). Umso unverständlicher ist, dass Nigg die Weigerung, den Bann durchzuführen, König Saul zum grossen „Unheiligen“ gemacht haben soll. - Nigg kommentiert zwar einfühlend: „Man wendet sich mit Grauen von dieser unbarmherzigen Kriegsführung ab. Jedenfalls kann sie den Anspruch auf Menschlichkeit nicht erheben. Samuel verlangte ein dermassen mörderisches Vorgehen im Namen des Herrn!“ Ferner erinnert Nigg: „Nicht erst wir schaudern davor zurück, auch die alten Rabbiner fragten: ‚Wohl hat der Herr geboten, Amalek auszurotten; aber wenn auch die Männer schuldig sind, was haben die Frauen gesündigt? Was haben die Kinder verbrochen? Und Rind und Esel und Schaf – was haben sie Übles getan?‘ Aber da sei „eine Stimme vom Himmel“ erschollen: „Sei nicht gerechter, als dein Schöpfer ist!“ (S.38).

Das Befremdliche

Samuel habe „in Sauls Umgehung des Bannes nur Ungehorsam“ gegen Gott sehen können. Samuel habe „zugleich des Herrn Wort“ vernommen: „Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe“ (39). Das Befremdliche ist, dass Nigg den Standpunkt von Samuel übernimmt. Die „Verwerfung“ des Sauls bedeute auch eine Verwerfung durch Gott. Nigg schreibt: Samuel „stiess den Unheiligen sofort von sich und half ihm nicht im geringsten, sich selbst wieder zu finden“ 43).

Besonders befremdlich

Aufgrund meines bisherigen Verständnisses hätte ich allerdings erwartet, dass Nigg für Sauls Standpunkt eintritt und nicht für Samuels. Besonders befremdlich ist, dass Nigg Sauls „Ungehorsam“ zum Anlass nimmt, den Wert von Gehorsam hervorzuheben, wie wenn er nicht wüsste, zu welch schrecklichen Auswüchsen der „Gehorsam“ führen kann. Hannah Arendt schrieb über Josef Eichmann, dass er seine Schreibtisch-Untaten, die im zweiten Weltkrieg zur Ausrottung von Zehntausenden Juden führten, als Gehorsam verstand, mit dem Unterschied, dass das Ausrottungsprogramm diesmal den Juden galt. - Selbstverständlich würde Nigg hier einwenden, er meine natürlich nicht Gehorsam gegenüber einem verbrecherischen Regime, sondern Gehorsam gegenüber Gott. Aber warum ist Nigg so sicher, dass Gott verlangen könnte, den Bann zu vollziehen, also ein Volk auszurotten bzw. Genozid zu verüben? Nimmt er damit nicht letztlich den entsetzlichen Standpunkt ein, im Namen der eigenen Religion sei ein mörderisches Vorgehen gegen andere Religionen gerechtfertigt?

Zwei unvereinbare Grundsätze

Im Grunde streiten sich bei Samuel zwei unvereinbare jüdische Grundsätze: Auf der einen Seite der Grundsatz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, wie Moses Mendelsohn die Thora zusammenfasst (Agnes Heller: Der Affe auf dem Fahrrad, 1999, S.37), auf der anderen Seite steht Jahwes Befehl an Moses, die ungläubigen Völker auszurotten. Diesen Zwiespalt löste Samuel, indem er sich sagte, das Geschöpf solle nicht gerechter sein wollen als sein brutaler Schöpfer Jahwe, der als der Schöpfer der Welt und der Menschen galt.

Etwas Zwielichtartiges

Dass Samuel nicht nur biblischen Gedanken folgte, sondern seinem eigenen politischen Kalkül, ist auch Niggs Meinung. Samuel habe etwas Zwielichtartiges an sich gehabt. Er sei politisch tätig gewesen und gerade dieses Tun sei das Zweideutige an ihm (30). Saul hatte den Befehl zur Schlacht gegen die Amalekiter von Samuel erhalten, der „als graue Eminenz im Hintergrund stand“ (37). Saul ist nach Nigg nicht aus Lust ein kriegerischer König gewesen, sondern aus Notwendigkeit. Er habe kriegerisch sein müssen, „um die nackte Existenz seines Volkes vor der Philistergefahr auch wirklich retten zu können“ (37).

Genozid

Dass sich ein Volk gegen die Ausrottung wehrhaft verhalten darf, ist zwar auch meine eigene Meinung. Aber dass Saul nach dem Sieg über die Philister Milde walten will, steht die ethische Forderung nach mildem Verhalten gegen die Besiegten, während die Ausrottung der Besiegten, der Genozid, als ein Verbrechen bezeichnet werden muss. Zum Glück wird dies heute allgemein so gesehen. Daher begreife ich Nigg in keiner Weise. Niggs Standpunkt bedeutet für mich einen Schlag ins Gesicht.

Gegensatz von Ethik und Religion

Saul war ein einfacher Bauernsohn. Er war vom Priester und „Seher“ Samuel zum ersten König Israels gemacht worden war. Dies vermutlich in der Erwartung, dass ein einfacher und geradliniger Mann sich vom Priester gern und leicht führen lässt. Das tat Saul ja auch bis zu dem Punkt, als von ihm etwas verlangt wurde, das gegen seine eigene Auffassung von Recht und Unrecht verstiess. Und sich ferner mit der Meinung der Rabbiner nicht in Übereinstimmung bringen liess. Dass Saul den Bann nicht ausführte, spricht für das natürliche Empfinden eines Bauern. Es widerstrebte ihm, dem Gesetz der „verbrannten Erde“ zu folgen. Saul verstand die Welt nicht mehr, als Samuel ihn wegen Ungehorsam verstiess und erst noch eigenhändig den König der Amalekiter niederstiess, den er (Saul) verschont hatte. In der Folge fiel Saul in eine tiefe Depression, was durchaus verständlich ist. Nigg dagegen meint zu diesem Problem entsetzlich vereinfachend, Saul sei dem schweren Gegensatz von Ethik und Religion nicht gewachsen gewesen (39).

Kriegsführung ein riesiger Schandfleck

Dass Nigg hier Ethik und Religion als Gegensätze bezeichnet und zugunsten der Religion entscheidet, ist auch angesichts seiner ganz anders gelagerten Einleitung unverständlich. Er schreibt: „Die Geschichte mit ihren zahllosen Kriegen, Verfolgungen und Revolutionen gleicht einem riesigen, nicht auszuradierenden Schandfleck“ (9). Ferner verweist er auf das „Zeugnis des todkranken Kant, man dürfe „im Krieg nie Handlungen begehen (), die eine Versöhnung unmöglich machten“. Dermassen hoch sei einst das christliche Menschenbild eingestuft worden. „Wer den Menschen schändet, schändet Gott“ (11). Ferner erwähnt Nigg eine Bemerkung des „Wandbecker Boten“, die nicht überhört werden dürfe: „Nichts ist gross, was nicht gut ist“ (12). Schliesslich verweist er auf den Unterschied von Heiligen und Unheiligen: Der Heilige sei durch eine besondere Gottnähe gekennzeichnet. „Die Heiligen vertreten kein System, keine Ideologie, keine Dogmatik (). Sie veranschaulichen beinahe wortlos eine neue Lebensweise, nach der wir stets suchen und die wir noch nicht gefunden haben“ (12). Der Heilige sei klar und durchsichtig, trotz aller Fehler werde er von den göttlichen Strahlen bis in die letzte Tiefe erhellt. Bei ihm sei – näher besehen – alles einfach und schlicht. Der Unheilige dagegen sei undurchdringlich; sein Seelengewebe sei verworren und von dämonischer Verschlossenheit (15-16).

Krasser Gegensatz

An dieser Stelle Hier verurteilt Nigg also die Kriegsführung als riesige „Schandflecke“ der Menschheit, er redet also zugunsten der Ethik und nicht zugunsten der kriegerischen Verteidigung der Religion. Diesen Unterschied macht er auch deutlich, indem er die anders geartete Haltung der „Heiligen“ hervorhebt, die kein System, keine Ideologie, keine Dogmatik vertritt, sondern eine neue Lebensweise veranschaulicht. Niggs Ausführungen zu Saul stehen dazu in krassem Gegensatz.

Gott des Alten Testaments

Den Standpunkt von Martin Buber, Samuel habe Gott missverstanden, als er von Saul die Vollziehung des Bannes forderte, verwirft Nigg. Er will Bubers Argument nicht gelten lassen, er könne nicht glauben, daß Saul gestraft wurde, weil er sich weigerte, seinen Feind zu töten (41-42). Nach Nigg wird die humanistische Gesinnung der Hintergründigkeit von Gottes Erwählung und Verwerfung nicht gerecht (41). Der Gott des Alten Testaments lasse sich nicht mit einer modernen Gottesvorstellung in Einklang bringen (42).

Versengender Hauch

Indem Nigg hier auf die unterschiedlichen Gottesvorstellungen hinweist, argumentiert er letztlich psychologisch. Das heisst, dass er sich bewusst ist, dass Aussagen über Gott immer menschliche Projektionen beschreiben und niemals die Gottheit selbst bezeichnen können. Nigg nimmt die alt-testamentliche Forderung: „Du sollst dir kein Bildnis machen“ zum Anlass, Kritik an den ethisch/menschlichen Vorstellungen über Gott zu üben. Seiner Meinung nach bleibt Gott in jeder Beziehung der Unbegreifliche und sein Walten sei jenseits von dem, was wir für richtig oder unrichtig halten. Ein begreifbarer Gott sei kein Gott. Gottes Tun strecke den Menschen zu Boden, und gegen ihn komme kein Einwand auf. Wer das noch nie verspürt habe, der sei noch nie vom versengenden Hauch des lebendigen Gottes angeweht worden (42).

Falsches Beispiel für Gehorsam

Niggs Anliegen ist zwar verständlich und richtig, aber das gewählte Beispiel (Samuels Gottesbild) ist ebenso inakzeptabel wie das Beispiel, das er als Exempel für den  Gehorsam gewählt hat (König Saul). Zudem fällt auf, dass Nigg im nächsten Moment seine eigene Forderung vergisst, dass wir uns von Gott „kein Bildnis machen“ sollen, indem er einen menschlich sprechenden Gott als Faktum akzeptiert. Nigg sagt nämlich, Samuels Gott sei der Gott, der aus dem brennenden Dornbusch spricht: „Ich bin, der ich bin!“ Wenn Nigg zudem akzeptiert, dass wirklich eine menschliche „Stimme vom Himmel“ spricht: „Sei nicht gerechter, als dein Schöpfer ist!“ (38), hat er sich selber am Bilderverbot vergangen, anstatt darauf hinzuweisen, dass es sich bei der „Stimme“ nicht um Gottes Stimme handelte, sondern um Samuels eigenes Gottesbild. Dieser menschlichen Stimme hätte Saul widersprechen können und er hätte sich dabei, mit den Rabbinern zusammen, im Recht fühlen können - gegen „Gott“.

Religiös verstandener Krieg  

Im Grunde bewegt sich Niggs Kritik bezüglich Sauls Verweigerung des Banns noch in einer anderen Richtung. Er unterstellt Samuel, er habe verhindern wollen, dass die Priester sich am fremden Eigentum bereichern, während für ihn der religiös verstandene Krieg durch eine solche Einstellung geschändet worden wäre. Aber auch für an sich die Forderung, Religion nicht für materielle Bereicherung zu missbrauchen, ist das Beispiel Samuel/Saul denkbar ungeeignet bis absolut katastrophal.

Gegen dogmatisch polierten Gottesbegriff

Von welcher Erfahrung spricht Nigg eigentlich, wenn er sagt, Gottes Tun strecke den Menschen zu Boden, gegen ihn komme kein Einwand auf? Was veranlasst ihn, vom „versengenden Hauch des lebendigen Gottes“ zu reden? Niggs Absicht ist, gegen einen „abstrakten, dogmatisch polierten Gottesbegriff“ zu schreiben. Er verweist auf den Unterschied zum Gott der alttestamentlichen Bibel, in der Gott ein „verzehrendes Feuer“ sei und in dessen Hände zu fallen schrecklich sei (44). Dieser Gott unterscheidet sich natürlich ganz gewaltig vom christlich verstandenen „lieben Gott“. Aufgrund der Vorstellung, Gott sei ein lieber Gott, stellen Menschen immer wieder die Frage, wie Gott dies oder jenes habe zulassen können, wie die Vertreibung aus der Heimat und Holocaust. Die gleiche Frage hatte schon Hiob gestellt, um zuletzt vor der Allmacht und der Gewalt der Weltwirklichkeit zu resignieren. Es geht Nigg also um die Revision von allzu einfachen, allzu menschlichen Vorstellungen von Gott. Dies kann jedoch nicht gelingen anhand seines total falsch gewählten  Beispiels (Samuel/König Saul).

Hinter den Kulissen einer Herrscherdynastie

Meiner Meinung nach geht es in der biblischen Saulgeschichte um die existentielle Daseinsberechtigung des jüdischen Volkes als Volk sowie die Begründung einer eigenen religiösen Identität. Angefangen hatte es mit Moses, der aufgewachsen am Hof eines aegyptischen Pharaos gelernt hatte, wie es hinter den Kulissen einer Herrscherdynastie aussieht und wie ein Volk organisiert und geführt werden muss. Und was getan werden könnte, sein eigener Stamm aus der Kolonialherrschaft Aegyptens zu befreien. Nach der Befreiung folgte Krieg auf Krieg, um die Freiheit nicht wieder zu verlieren. Diese Kriege galten den „Ungläubigen“, also den Nichtjuden.

Existenz und religiöse Identität bedroht

Zu Sauls Zeit war die Situation die folgende: Die Israeliten fühlten sich in ihrer Existenz und mehr noch in ihrer religiösen Identität bedroht. Die Philister waren in den Besitz der Bundeslade gelangt, also in den Besitz jenes Objekts, das die jüdische Religion und Gemeinschaft symbolisiert. Nigg schreibt: „Die Israeliten wurden von den Philistern geschlagen, die Bundeslade geriet in die Hände der Feinde. Die lasterhaften Priestersöhne Hophni und Pinehas kamen im Kampf ums Leben, und der alte Eli fiel beim Anhören der unheilvollen Nachricht tot vom Stuhl. Schlag auf Schlag folgten die Unglücksnachrichten. Es blieb kaum Zeit zum Atem schöpfen übrig. Das Ende mit Schrecken bestand darin, dass das Haus Eli endgültig ausgelöscht wurde“ (30). - Man muss wissen, dass Samuel vom Untergang des Hauses Eli mitbetroffen war. Er war im Hause des Priesters Eli aufgewachsen. Wie es dazu kam, wird später zu sehen sein.

Gehorsam anstatt Tieropfer

Nochmals zum Gehorsam: Warum ist der Gehorsam für Nigg so wichtig? - Er schreibt: „Es kam zu einem erregten Gespräch zwischen dem Seher und dem König, in dem Samuel ihn des Ungehorsams bezichtigte.“ Samuels Rede, die Nigg anfügt, entnimmt er, das Opfer von Tieren stehe von da an nicht mehr an erster Stelle, sondern der Gehorsam. „Nie wurde der Wert des Gehorsams tiefer erkannt. Nicht umsonst haben die Heiligen den Gehorsam so hoch eingeschätzt, gehört er doch zu den religiösen Urworten. Das Wesen des Unheiligen besteht im Ungehorsam. () Das Wort Samuels traf den König (Saul) wie ein Donnerschlag.“ Saul wurde danach schwermütig.

Das Walten der Natur

Nigg übernimmt also Samuels Meinung, daß die Stimme, die vom „Himmel“ zu Samuel sprach, Gottes Stimme gewesen sei. Und dies, obgleich er weiss, dass der „Seher“, Samuel, ein gewiegter Politiker war. Nigg vergißt hier auch die Meinung von Augustinus, die er letztlich teilt, daß Gott keine Persönlichkeit ist. Samuels Gottesbild entspricht im Grunde der menschlichen Erfahrung von Naturphänomenen, die einem als Person gedachten, „allwaltenden“ und „gütigen“ Gott unmöglich zugeschrieben werden können. Zum Beispiel das Phänomen der „Nahrungskette“ im Tierreich oder die Erfahrung von menschlicher Grausamkeit, Leid, Krankheit und Tod. Gott ist ein Symbol! Dies bedeutet, wie Nigg an anderer Stelle zitierend erwähnt, dass Gott bedeute, dass „alles möglich“ sei. Oder menschlich gesprochen, die Rede von Gott oder der Gottheit sei das Naturgeschehen, der Urgrund der Weltwirklichkeit. Das Walten der Natur sei jenseits von dem, was wir für richtig oder unrichtig halten und die innere „Natur“ der Menschen, das innerseelische Geschehen könne die Menschen zu Boden strecken. Gegen dieses Geschehen komme kein Einwand auf. Wer das noch nie verspürt habe, der sei noch nie vom versengenden Hauch des Lebendigen angeweht worden (42). Gemeint ist hier dasselbe, was Luther von sich gesagt hat: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ (Wortlaut ungefähr). Aber, dass wir oder „ich“ nicht anders kann, heisst noch lange nicht in jedem Fall, dass die Sichtweise dieser Person unantastbar richtig ist.

Schlimmster Zynismus und Verantwortungslosigkeit

Ich selber bin ebenfalls der Meinung, dass die Begriffe: Gott und Natur nicht als identische Begriffe behandeln werden sollten. Gottheit oder Gott bezeichnet etwas, was über das nur Natürliche des Naturgeschehens hinausgeht. Die Unterscheidung von Gott und Natur ist auch Niggs Anliegen. - Ich möchte aber nochmals betonen, dass es eine Katastrophe ist, wenn im Zusammenhang mit Krieg oder Ausrottung eines Volkes von Gott gesprochen wird, wie wenn er eine Person wäre, der erst noch Krieg und Ausrottung befohlen hätte und dem zu gehorchen wäre. So sehr ich Nigg sonst liebe und schätze, hier kann ich ihm nicht folgen, denn was er hier vorführt gerät zum schlimmsten Zynismus, zu Verantwortungslosigkeit und schliesslich zu dem, was heute als „Verbrechen gegen die Menschheit“ bezeichnet wird. Zudem möchte ich hier betonen, dass ich fast nicht glauben kann, dass in diesem Aufsatz wirklich Nigg spricht, da er allem widerspricht, was Nigg in seinen anderen Büchern und auch in seiner Einleitung sagt. Die neue Ausgabe von „Grosse Unheilige“ erfolgte sieben Jahre nach Niggs Tod! – Könnte es sein, dass Niggs früheres Manuskript über König Saul von Dritten geändert wurde? 

Vom auserwählten Volk zu einem blossen Staat herabgesunken

Warum ein König für Israel? Nigg erklärt, Samuel könne von der „zweideutigen Tat“ nicht freigesprochen werden, im Lande Israel das Königtum eingeführt zu haben: „Ein Israel, das den übrigen Nationen gleich sein möchte, ist nicht mehr Israel; es ist vom auserwählten Volk zu einem blossen Staat herabgesunken, ein tragischer Vorgang, der sich in anderer Weise in unserer Gegenwart erneut wiederholt.“ Zudem stellt Nigg die Frage, ob angesichts Israels enttäuschenden Erfahrungen mit verschiedenen Königen, Samuels Tun wirklich „dem Willen Jahwes entsprochen oder ob politischer Kalkül den Ausschlag gegeben“ habe (32-33). Die Einführung des Königtums in Israel kommt nach Nigg dem „Abfall von der direkten Leitung Gottes“ gleich. Von dieser zweideutigen Tat könne Samuel nicht freigesprochen werden (32). Zudem sagt Nigg, Samuels könig-stiftendes Tun sei schwer mit seiner Berufung in seiner Jugend zu vereinbaren. Samuel habe sich „mit seiner politischen Wendigkeit an der Umwälzung aktiv beteiligt“. Er fügt – positiv wertend - hinzu: „denn nur eine Gestalt von seiner Stärke“ habe sie vollbringen können (32-33). - Nigg zweifelt hier zu Recht, ob der Sprechende wirklich „Gott“ war. Daher ist es unverständlich, dass er später, als es um die Verwerfung Sauls ging, so vehement gegen Bubers Sicht eintritt, Samuel habe Jahwe missverstanden. Meiner Meinung nach ist Nigg hier absolut widersprüchlich.

Volksbegehren oder Heilsplan

Bezüglich der Frage, aufgrund welcher Überlieferung Samuels Entscheidung für die Einsetzung eines Königs fiel, erklärt Nigg, die Berichterstattung sei nicht einheitlich. Nach einer älteren (dem Seher verbundenen) Überlieferung war es Gott, der in einem „Heilsplan“ vorsah, dass das Volk künftig durch einen König regiert werden solle. Die jüngere Berichterstattung rede von einem Volksbegehren, wobei Nigg diese zweite Variante für wahrscheinlicher hält (31). Das Volk wollte nicht mehr „der unmittelbaren Leitung Gottes unterstellt sein“, was aus meiner Sicht heisst, es wollte nicht mehr durch die willkürlichen Deutungen von Priestern und Propheten über einen angeblichen Gotteswillen gegängelt werden.

Politisches Kalkül

Nigg hält es einerseits für überheblich, den biblischen Text vor ein modernes Tribunal zu zitieren, um ihn rationalistisch zu zerpflücken. Auf der anderen Seite stellt er selber ebenfalls die kritische Frage, ob Samuels Tun dem Willen Jahwes entsprochen oder ob politisches Kalkül den Ausschlag gegeben habe. - Nigg ist von dem gewaltigen dynamischen seelischen Geschehen der Bibel fasziniert, das eine eigene Wirklichkeit darstellt, die auch zu Taten von großem Ausmaß führt. Er ist von Taten, die aus seelischen Ursprüngen erfolgten, vielleicht auch darum so besonders fasziniert, weil er selber kein politischer Tatmensch ist, sondern ein stiller Schreibtischmensch mit einem religiösen Herzen und zugleich mit einem politischen Kopf. Zudem gelingt es ihm, seine Gedanken unter die Leute zu bringen. Schreiben ist ja auch Handeln und Vorträge halten ebenfalls.

Stark strapazierte Gottesvorstellung

Bezüglich den Ursachen des Bösen verweist Nigg auf die Bibel: „Als nun der Geist des Herrn von Saul gewichen war, quälte ihn ein böser Geist, vom Herrn gesandt“ (43). Nach Nigg ist dies eine der dunkelsten Bibelaussagen. Sie werfe unsere schon durch Samuel stark strapazierte Gottesvorstellung über den Haufen. Dass von Gott der böse Geist ausgeht? (43). Nigg verweist auf den Propheten Jesaja, der die gleiche unfassliche Botschaft verkünde: „Ich, der Herr und keiner sonst, der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe, der ich das Heil wirke und Unheil schaffe, ich bin der Herr, der dies alles wirkt“ (44). Nigg fügt bei, genau da, wo die menschliche Gottesvorstellung zerbricht, beginne der wahre Gott zu reden. Die Bibel verkünde den lebendigen Gott, der ein verzehrendes Feuer sei, und in dessen Hände zu fallen schrecklich sei. - Diese Aussagen nimmt Nigg zum Anlass, über die psychischen Folgen eines Sturzes zu reden, über die Gefühle, die einen Menschen befallen, wenn der Erwählung und enthusiastischen Verzückung die Verwerfung erfolgt. Ein solcher Mensch falle der Schwermut anheim (44).

Samuels Herkunft und biblischer Wert der Frau

Zu Samuels Herkunft und Wirken erwähnt Nigg. Wir könnten Saul nicht verstehen, ohne seinen Förderer – Samuel – zu kennen. – Samuel ist das Kind von Hanna und Elkana. Samuel wurde nach langen Jahren leidvoller Unfruchtbarkeit Hannas geboren. Hanna hatte Israels Grundsatz verinnerlicht, dass der Wert einer Frau von der Geburt von Knaben abhängt. Hanna litt umso mehr und war verzweifelt, weil die zweite Frau von Elkana bzw. Peninna eine Reihe Söhnen und Töchter hatte und von ihr wegen der Kinderlosigkeit gekränkt wurde. Dass sie von ihrem Manne doppelt so viele Geschenke bekam wie die Peninna, weil sie Lieblingsfrau war, tröstete sie nicht über den Kummer hinweg. Nach wiederholten tränenreichen Gebeten im Tempel versicherte ihr der Priester Eli, der Gott Israels werde die Bitte erfüllen (in der Bibel ist also von „Tempel“ die Rede und nicht von Synagoge, eine Bezeichnung aus matrizentrischer Frühzeit). Hanna versprach, den männlichen Nachkommen für sein ganzes Leben dem Herrn zu überlassen und hielt ihr Versprechen. Sobald der Knabe entwöhnt war, übergab sie ihn der Obhut des Priesters Eli, der selber zwei Söhne hatte1 (S.29 sowie Einheitsbibel ab S.529). Die Bibel überliefert ein „Danklied der Hanna“ für die Geburt Samuels. Ich zitiere einige der Stellen, die ein Licht auf die Vorstellungen jener Frau werfen, die Samuels Mutter war. Sie beinhalten nebst Bestätigung des Glaubens und Lobeshymnen an den „Herrn“ auch Wunsch- und Rachevorstellungen: Niemand ist heilig, nur der Herr; Denn ausser dir gibt es keinen Gott. Keiner ist ein Fels wie unser Gott. Und bei ihm werden die Taten geprüft. Redet nicht immer so vermessen. Kein freches Wort komme aus eurem Mund. Denn der Herr ist ein wissender Gott. Die Unfruchtbare bekommt sieben Kinder. Doch die Kinderreiche welkt dahin. Der Herr macht arm und macht reich. Er erniedrigt und erhöht. – Hanna wünscht sich also, dass die Kinderreiche dahinwelkt  sowie, dass Gott erniedrigt und arm macht.

Elis Söhne nichtsnutzige Menschen

Die Bibel schildert, dass Elis Söhne nichtsnutzige Menschen waren, die sich um den Herrn nicht kümmerten. Sooft jemand ein Schlachtopfer darbrachte und das Fleisch kochte, sei ein Diener des Priesters gekommen und habe ziemlich viel davon genommen. Die Bibel schildert ferner, dass der junge Samuel den Dienst vor dem Altar versah. Somit konnte er genau sehen, was sich Elis Söhne gegen die Vorschriften leisteten. – Von der Mutter Hanna berichtet die Bibel, sie habe ihm immer wieder ein kleines Obergewand gemacht und mitgebracht, wenn sie mit ihrem Mann zusammen das jährliche Opfer darbrachte. Das heisst, dass zwischen Mutter und Sohn eine Beziehung mit religiösem Hintergrund bestand, daher sie den Knaben gewiss immer wieder daran erinnert hat, wie er den „Glauben der Väter“ zu sehen hat und seine Aufgabe als Sohn.

Visionen

Der grösser werdende Samuel hatte „Visionen“, bei denen genau die Untaten von Elis Söhnen im Vordergrund standen. Schon zuvor war ein „Gottesmann“ zu Eli gekommen und hatte ihn gewarnt. „So spricht der Herr. () Warum ehrst du deine Söhne mehr als mich, und warum mästet ihr euch mit dem Besten der Gaben meines Volkes Israel. () Es werden Tage kommen, da werde ich deinen Arm abhauen und die Macht deines Vaterhauses vernichten; in deinem Haus wird es keinen alten Mann mehr geben.“ Ferner sagte er: „Ich aber werde mir einen zuverlässigen Priester einsetzen, der nach meinem Herzen und nach meinem Sinn handeln wird. Ich will ihm ein Haus bauen, das Bestand hat, und er wird allezeit vor den Augen meines Gesalbten seinen Dienst versehen (529-534).

Botschaften und Vorwürfe

Die Botschaften und Vorwürfe in Samuels Vision betreffen also genau das, was Samuel selber gesehen und gedacht haben mag. Samuel mochte vermutlich in sich selber den künftigen Priester zu sehen, der geeignet war, den zuverlässigen Dienst im Tempel zu leisten. Zumal er von seiner Mutter unterstützt wurde, deren Dankeslied er gewiss kannte. – In einer „Vision“ sprach der „Herr“ nun zu Samuel, er werde alles verwirklichen, was er dem Hause Eli angedroht hatte. Die Bibel vermerkt, Samuel sei herangewachsen und alles habe sich an Eli erfüllt, sodass Samuel als Prophet beglaubigt worden sei.

Kriegerischer Diener des Herrn

Aus psychologischer Sicht kann hier ganz direkt gesehen werden, was in Hanna und Samuel vorging: Die Kränkung Hannas, die Erwartungen an ihren Sohn, dass er die Ehre seiner Mutter Hanna wiederherstellt, weil sie als Frau gar nichts für sich selber tun konnte. Samuel soll mit Hilfe des Gottes die Gerechtigkeit wieder herstellen und seine Mutter Hanna rächen in der Art wie sie es in der Unterweisung gelernt hatte. Samuel wurde ein kriegerischer „Diener des Herrn“.

König Sauls Herkunft und Begegnung mit Samuel

Saul war der Sohn des wohlhabenden Bauers Kis. Er war „stattlich und schön, es war kein schönerer Mann in Israel als er“. Vor allem wird seine Körpergrösse hervorgehoben, überragte er doch um Haupteslänge seine Volksgenossen. – Auf väterliches Geheiss hatte sich Saul auf die Suche nach den Eselinnen gemacht, die sich vom Heimwesen verlaufen hatten und unauffindbar schienen. Danach besuchte er den Priester Samuel, der als Seher galt, um ihn nach dem Verbleib der Tiere zu fragen (Nigg S.33). Es war bereits Abend. Zu seiner grossen Überraschung wurde Saul von Samuel zu Tisch gebeten. Saul jedoch meinte, er sei ja nur ein Benjamin, das heisst, er stamme aus dem kleinsten Stamm der Stämme Israels und erst noch aus dem geringsten der Geschlechter des Stammes Benjamin. Am anderen Morgen wurde Saul von Samuel bis vor die Tore der Stadt begleitet. Samuel veranlasste den Saul einen Moment still zu stehen, dann nahm er ein Oelgefäss aus der Tasche, goss den Inhalt über Sauls Kopf, küsste ihn und sagte einige doppelsinnige Worte, die er in eine Frage kleidete: „Hat dich nicht der Herr zum Fürsten über sein Volk Israel gesalbt?“ (S. 34). Die Doppelsinnigkeit besteht darin, dass Samuel von sich selber als Herr (Gott, der Herr) redete, obgleich er selber (Samuel) es war, der soeben den Saul gesalbt hatte. Für den Priester Samuel waren seine Person und der „Gott“ Israels offenbar identisch. Die Rede des Priesters macht seine Personalunion mit „Gott“ deutlich: „Hat dich nicht der Herr dich zum Fürsten über sein Volk Israel gemacht?“ Samuels Rede war zudem von einer Art, die Saul dazu aufforderte, sich die Antwort selber zu geben, ohne dass er dies überhaupt richtig bedenken konnte.

Eine gewaltige Wandlung

Samuel fügte etwas hinzu, das dem einfachen und starken Bauersohn besser einleuchtete, nämlich Samuels Vorstellung, Saul solle das jüdische Volk aus der Hand der Feinde retten. – Samuel ging psychologisch sehr geschickt vor, indem er zu Saul sagt, er solle sich bezüglich seiner Fähigkeiten keine Sorgen machen, dafür werde Gott selber sorgen. Saul werde  seinem Heimweg eine gewaltige Wandlung in ihm bewirken. Nigg schreibt, der Seher Samuel habe dem Saul vorausgesagt, dass er auf dem Heimweg Unerwartetes erleben werde. Er zitiert die Bibel: „Alsdann wird der Geist des Herrn über dich kommen, und du wirst () in Verzückung geraten und wirst dich in einen anderen Menschen verwandeln“ (35).

Zwischen Angst und Berauschung

Samuel wusste um den Vorgang, dass die Psyche eines jungen Menschen aus einfachen Verhältnissen durch seine Handlung (Salbung) und seine Worte (er soll sein Volk retten) aufgewühlt würde. Er wusste, Saul würde zwischen totaler Angst und Berauschung hin und her geworfen. Aber die „Vorhersage“ Samuels, der Herr werde ihn in einen anderen Menschen verwandeln, und das hiess, er würde ihn fähig machen, das von ihm Geforderte zu tun und erfolgreich zu tun, beruhigte Sauls Gemüt. Aus dem Kontext wusste Saul sehr wohl, was von ihm erwartet wurde, nämlich dass er Krieg führen sollte gegen die Ungläubigen, wie schon Samuel dies sein Leben lang getan hatte. Jahwe wird in der Bibel als „Gott der Heere“ bezeichnet (). Für Samuel war es klar, dass der schöne, grosse und stattliche Bauernsohn bestens geeignet war, als Heerführer Eindruck zu machen und eine natürliche Autorität auszustrahlen.

Samuels Perspektiven

Was Samuel vorhergesagt hatte, traf ein. Nigg schreibt: „Der Geist des Herrn hielt Einzug bei ihm. Auf dem Heimweg wandelte ihm Gott das Herz“ (35). – „Fortan war Gott mit Saul“ (35).- Dass der „Geist des Herrn“ bei Saul Einzug hielt, heisst für die Psychologin, dass der jung Mann lernte, Samuels Perspektive zu übernehmen, und sich als ein auserwähltes Werkzeug Gottes zu sehen und dafür auch noch entsprechenden Belohnungen zu erhalten. Samuel hatte schon zuvor seine Vorstellung formuliert, was die Einrichtung eines Königtums und die Rechte eines Königs bedeuten: Dass der König die Söhne des Volkes für seine Kriege einziehen und sie zu Obersten und Führern über Tausende machen werde, dass sie des Königs Ackerland pflügen und seine Ernte einbringen sowie seine Kriegsgeräte und Streitwagen anfertigen müssten. Dass er ihre Töchter holen werde, die für ihn Salben zubereiten und kochen und backen müssten u.a. (Einheitsbibel, S. 542). Da es vom „Seher“ hiess, er sei ein angesehener Gottesmann und alles treffe ein, was er sage, musste Sauls Gefühl von Auserwähltheit ins Ungemessene gesteigert haben. Heute würde man sagen, Saul sei von Samuel aufgebaut worden, entsprechend konnte er ihn auch wieder fallen lassen. Saul war König von Samuels Gnaden, wann immer er militärisch siegreich sein würde. Als einfacher Bauernsohn vermochte Saul dem ausgezeichneten Bibelkenner Samuel, der zudem mit priesterlichen Kompetenzen ausgestattet und ein erfahrener Kriegsherr war, lediglich seine einfache bäuerliche Sicht entgegen zu stellen. Diese Situation konnte für Saul nicht anders als tragisch enden.

Plötzlich ein lichtvoller Ekstatiker

Nigg sieht die Sache anders: „Aus dem erdverbundenen Bauernsohn war plötzlich ein lichtvoller Ekstatiker geworden. Er hatte ein Charisma empfangen und war darob zu einem Mann der Entrückungen geworden“ (35). Nigg fügt Gedanken an über den Unterschied zu einem Öl-Scheich, dem es nur um den Ölpreis gehe. Wenn ein König nichts Tieferes erlebt habe als Krethi und Plethi, so sei er nicht der Gesalbte des Herrn. Erst das durch den Geist verwandelte Herz erhebe ihn zum wirklichen König (unter Geist versteht Nigg hier offenbar die Fähigkeit zu Begeisterung für religiöse bzw. seelische Werte). Auch Verzückungen gehören nach Nigg dazu. Saul habe den Enthusiasmus gekannt im ursprünglichen Sinn des Wortes. Er habe ekstatische Zustände erlebt. Ein Schaudern sei von ihm ausgegangen, das auch andere Leute bezeugt hätten. Dieses mystische Erleben habe Saul aus den Reihen der übrigen Menschen hinaus gehoben. Der erste König von Israel sei eine Ehrfurcht heischende, sakrale Gestalt. Was eine sakrale Persönlichkeit sei, sei den heutigen, in demokratischen Begriffen denkenden Menschen schwer verständlich. Wer kein Sensorium für Auserwählung habe, werde nie ein sakrales Königtum verstehen. Das dem Saul aufgetragene Amt sei bald vom Volk öffentlich bestätigt worden. Nur einige Nichtswürdige hätten argwöhnisch gefragt: „Wie kann er uns helfen?“ (35-36).

Sauls gewandeltes Herz habe die Verzweiflung des Volkes erkannt und habe nicht tatenlos zugeschaut. Sei er doch dazu bestimmt gewesen, „zu herrschen und zu retten“ (37). Entsprechend liess Saul ausrufen: „Wer nicht mit Saul auszieht gegen die Philister, dessen Rinder sollen vom Feind ebenso zerstückt werden, wie er dies mit einigen Rindern vor ihnen Augen tat.

Moses im Vergleich mit Samuel und Saul

Die Historikerin Doris Wolf vergleicht Moses mit Samuel und Saul. Doris Wolf hält es für möglich, dass Moses, „der in Aegypten geboren und dort am königlichen Hof aufwuchs, zur Zeit Echnatons dort war2 (S. 222). Dies erkläre, woher Moses seine Vorstellungen hat, wie ein „Heiligtum“ beschaffen sein und geschaffen werden müsse, um Gefühle der Ehrfurcht hervorzurufen. Moses, der die Thora schrieb, liess „für die Pergamente von Kunsthandwerkern eine kostbare „Bundeslade“ mit viel Gold schaffen – wobei er das Aussehen der Lade bis in alle Details beschreibt, sowie ein riesiges, ebenso kostbares Zelt, das er „Offenbarungszelt“ nennt. Er beschreibt auch bis in die Details, wie die Priesterbekleidung und der Tempelkult beschaffen sein sollten und viele andere Details (Einheitsbibel 1985, S. 146-168).

Angstmacherei und Erpressung

Die am königlichen Hof Aegyptens verbrachte Kindheit und Jugend erkläre zudem, woher Moses seine Kenntnisse hatte über Gesetzgebung sowie, wie man mit dem eigenen Volk umgeht und Recht spricht, und wie man es mit Sklaven und anderen Problemen hält. Moses lernte am Hof auch die Angstmacherei und Erpressung: Nachdem der „Herr“ bzw. Moses in einer einzigen Nacht alle Erstgeborenen in Aegypten erschlug, bei Menschen und Tieren, drängten die Aegypter die Hebräer, eiligst das Land zu verlassen. Sie „erbaten“ von den Aegyptern Geräte aus Silber und Gold und auch Gewänder. „Auf diese Weise plünderten sie die Aegypter aus“ (Einheitsbibel S.133).

Eine gewaltige Kränkung

Die psychische Beschaffenheit von Moses ist psychologisch insofern sehr stimmig, indem sich sein gespaltenes Verhalten aus seiner Kindheit erklären lässt. Einerseits verfügt Moses über die Erfahrung mit liebevollen, verlässlichen Menschen im privaten Bereich. Anderseits erfuhr er durch das ihm später vermittelte Wissen um seine wirkliche Abstammung eine gewaltige narzisstische Kränkung, die von seinen Leuten noch kräftig geschürt wurde, indem er aufgefordert wurde, sich als Retter seines Volkes (die Hebräer) zu betätigen. Eine ähnliche psychische Konstellation war später auch bei Samuel vorhanden. Auch er war von seiner Mutter infolge einer tiefen Kränkung (hier als Frau und als Angehörige der Unterschicht) als Retter aller gekränkten Frauen und des gesamten gekränkten Volkes aufgebaut worden.

Tradition der Mutterreligion

Was sagt Walter Nigg über sich selber aus, wenn er den einen Gott bzw. den jüdisch/christlichen Monotheismus gegenüber den Mutterreligionen verteidigt? Denn das ist es ja letztlich, was er mit seiner Interpretation von König Saul tut. Weil Saul nicht die Religion des AT privilegiert, sondern bei der Ethik bzw. bei der Tradition der Mutterreligion bleibt, bezeichnet Nigg ihn als grossen Unheiligen. Die Mutterreligion gilt im Christentum ja auch als Naturreligion, die als solche weit hinter und unter dem Christentum rangiert. Auch für Nigg ist das, was Samuel vertritt, derart unbedingt verteidigungswürdig, dass er nicht nur das zentrale Anliegen des Christentums (das Liebesgebot) vergisst, sondern auch noch die Menschenrechte. Es gibt jedoch keinen einzigen Grund, der den Genozid rechtfertigt! Genozid ist ein Verbrechen gegen die Menschheit und christlich gesprochen, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit! Nigg vergisst zudem seinen eigenen Vorbehalt gegenüber Samuel, der das Königtum in Israel eingeführt habe und somit der direkten göttlichen Leitung bzw. der Prophetie entzog. Nigg hatte kritisiert, die Menschen hätten nicht mehr auf die innere Stimme des Gewissens hören wollen, sondern wie andere Völker einem veräusserlichten Leben des Glanzes der Lebensgenüsse frönen.

Unerhörte Vermischung aller Begriffe

Niggs tieferes Anliegen ist, wie bereits gesagt, die Kritik an einer Theologie, die Gott als einen harmlosen und verfügbaren Gott vereinnahmt und zu wissen vorgibt, wie Gottes Absichten beschaffen sind. Allerdings macht Nigg sein Anliegen am falschen Beispiel fest. Für Eugen Drewermann3 besteht das Problem in einer „unerhörten Vermischung aller Begriffe“. Die Vermischung der Begriffe bestehe insbesondere darin, dass die Attribute, die im AT Gott bezeichnen, ursprünglich den Erfahrungen der Weltwirklichkeit (gemeint das Naturgeschehen) entsprechen. Die Natur ist nicht „moralisch“, in dem von uns verstandenen Sinn, sie ist aber auch nicht böse. Die „Natur“ ist auch nicht unmoralisch, sondern „sie ist wie sie ist“. - Das Problem habe erst mit der Behauptung begonnen, die Natur sei eine von einem „Schöpfer“ geschaffene. Gott sei „menschlich“ (menschengleich) gemacht worden, indem er als Gesetzgeber der 10 Gebote am Sinai behauptet wurde. Das heisst, dass sich „die Gesetze der Natur als Manifestationen des Willens Gottes mit den Gesetzen der menschlichen Moral“ verschmolzen haben, die „Gottes Wille gebiete.

Alberne Mittel

Erst aufgrund dieser Situation sei die „bizarre Vorstellung“ entstanden, die Ordnung der Welt (der Natur) müsse moralisch sein. Erst an dieser Stelle habe das Leiden der Menschen an ihrem „unbegreifbaren“ Gott begonnen, der nun als ein „unmenschlicher“ Gott erschien. – Für Drewermann ist das Geschehen am Sinai nicht eine gewaltig grossartige Sache wie für Walter Nigg. Vielmehr sind für ihn die in der Bibel geschilderten Umstände „alberne Mittel“ (Seite 225), die keineswegs angetan sind, Gottesverehrung zu fördern, vielmehr sieht er darin schlicht „Gotteslästerung“. Gegensätzlicher könnte die Beurteilung dieser Vorgänge nicht sein.

Gewichtiges Anliegen am falschen Beispiel gescheitert

Walter Nigg dagegen ist absolut fasziniert von der gewaltigen Kraft der alttestamentlichen Bilder, wobei sein grosses und gewichtiges Anliegen ist, die Berechtigung dieser Faszination verstehbar zu machen. Dies konnte jedoch, wie bereits gesagt, weder am Beispiel des „Sehers“ Samuel noch im Fall von König Saul gelingen.

Quelle

1) Walter Nigg: König Saul, in: Grosse Unheilige, Diogenes 1996, BN 1158

2) Doris Wolf: Was war vor den Pharaonen? Die Entdeckung der Urmütter Ägyptens, 1994

3) Eugen Drewermann: Der sechste Tag. Die Herkunft des Menschen und die Frage nach Gott- Glauben in Freiheit. Walterverlag 1998