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168 - Martin Buber - Chassidismus und Kabbala – bei Walter Nigg

Elisabeth Camenzind

 

Auflösende Gefahr

Walter Nigg sah in Martin Buber den Juden, der die auflösende Gefahr des assimilierten Judentums erkannt hat und dessen bewusstes Bestreben es war, das Judentum zu erneuern, was jedoch nicht geglückt sei. Vom jüdischen Standpunkt aus gesehen, gehöre Buber zu den Ketzern. Die jüdische Orthodoxie schien ihm zu sehr erstarrt und das liberale Judentum zu entleert. Bubers Einfluss auf christliche Menschen in Europa sei grösser gewesen als auf seine Glaubensgenossen in Israel. Er habe in Jerusalem keine Synagoge betreten. Wer sich aber vom synogalen Leben selbst ausschliesse, werde schwerlich eine Erneuerung des Judentums herbeiführen.

Nihilist und gleichzeitig ganz gläubiger Christ

Das ist zugleich eine Erklärung, warum Nigg, trotz seiner vehementen Kritik an der Kirche und trotz seiner unorthodoxen Ansichten über das Christentum, so sehr bemüht ist, die christliche Kirche zu akzeptieren und nicht selten das Christliche zu überstrapazieren. Ich entnehme Niggs Äusserungen nämlich, dass er Jesus nicht für Gott hält. Anderseits glaube ich Stellen zu sehen, an denen er in penetranter Weise an der Gottheit Christi festhält. Niggs Einschätzung von Dostojewskij, er sei Nihilist gewesen und gleichzeitig ganz gläubiger Christ, und man habe ihn deswegen der Heuchelei bezichtigt, in Wirklichkeit sei er beides ganz aufrichtig gewesen, scheint für ihn selber zu zuzutreffen. Für Nigg sind solche Dinge Ausdruck der paradoxen Wirklichkeit. Sie können, wie die Wunder, nicht mit rationalen Mitteln erklärt werden. Dieser Sicht Niggs könnte ich zustimmen.

Die Gottessohnschaft Jesu, so Walter Nigg, sei für Buber ganz unannehmbar gewesen. Er habe Christus immer als eine prophetische Gestalt unter anderen prophetischen Gestalten gesehen. Er habe Jesus als eine „urjüdische Erscheinung mit wirklicher messianischer Kraft begabt“ gesehen. Buber gestand: „Jesus habe ich von Jugend auf als meinen grossen Bruder empfunden“. Er habe sich von der Bergpredigt unmittelbar angesprochen gefühlt und sie als „ein jüdisches Bekenntnis im allerinnersten Sinn“ bewertet. Bubers Lebensarbeit sei eine neue Bibelübersetzung, die er mit Hingabe und Liebe ausführte, worin er Bubers „elementare Gottesleidenschaft“ bestätigt sah. Im Alten Testament seien zwar bedenkliche Stellen vorhanden.

Offenbarungswert

Dennoch sieht Nigg im AT „nicht bloss eines der mächtigsten Bücher der Weltliteratur“, sondern als ein Buch, dem „Offenbarungswert“ zukommt. „Aus ihm spricht die ewige Stimme, die nicht zu überhören ist. Ihrer bedarf der Mensch, wenn er die Orientierung nicht verlieren will“ (Nigg: Was bleiben soll, S.242).

Chassidismus

Eine weitere Tätigkeit von Buber betreffe die Beschäftigung mit dem von Baalschem gegründete Chassidismus. Der Chassidismus habe sich von den langweiligen Lehrbüchern abgewandt und in der freien Natur den ewigen Gott auf eine fühlbare Weise neu erlebt. „Wenn der Mensch gewürdigt wird, die Gesänge der Kräuter zu vernehmen, wie jedes Kraut zu Gott spricht, ohne alles fremde Wollen und Denken, wie schön und süss ist es, ihr Singen zu hören. Und daher ist es gar gut, in ihrer Mitte Gott zu dienen in einsamem Wandeln über das Feld hin zwischen den Gewächsen der Erde und seine Rede auszuschütten vor Gott in Wahrhaftigkeit. Alle Rede des Feldes geht dann in deine ein und steigert ihre Kraft; du trinkst mit jedem Atemzug die Lüfte des Paradieses, und kehrst du heim, ist die Welt erneuert in deinen Augen.“ Der Baalschem habe mit den Tieren geredet, er habe die Vogelsprache verstanden (248).

Naturverhältnis

Diese Rede des Baalschem über die Natur und das Sprechen mit den Tieren ist sehr schön. Allerdings ist sie nicht neu, braucht auch nicht neu zu sein. Nur müsste Nigg wissen, woher dieses Naturverhältnis stammt, nämlich aus dem frühesten matriarchalen Lebensgefühl, aus der sogenannten Naturreligion der menschlichen Frühzeit. Die Naturreligion ist identisch mit der Mutter- und Göttinreligion, die leider vom biblischen Moses auf Geheiss Jawhes auf grausamste Weise ausgerottet wurde. Nun dieses Naturverhältnis unter männlichem Vorzeichen auftritt, wird es plötzlich als Gipfel höchster Weisheit vorgetragen, während es zuvor als primitiv galt. Auch der christliche Franz von Assisi, der als der christusähnlichste Heilige gilt, redete wieder zu den Tieren.

Urlicht

Anstatt Gott hätten die Chassidim auch Urlicht gesagt. Das Urlicht ströme in die Zaddikim ein und ströme wiederum aus ihnen heraus in ihre Werke. Auch diese Rede gefällt mir. Sie ist viel schöner als die jüdisch/christliche Rede von Gott dem „HERRN“.

Verborgene Gottesfunken

Der östliche Chassidismus sei von der Kabbala befruchtet und von dorther stamme die Auffassung, in allen Dingen die verborgenen Gottesfunken zu sehen, die mit der oberen Welt in Verbindung gebracht werden müssen: „In allem, was in der Welt ist, wohnen heilige Funken, kein Ding ist ihrer ledig. Auch in den Handlungen der Menschen, ja sogar in der Sünde, die ein Mensch tut, wohnen Funken der Herrlichkeit Gottes. Und was sind das für Funken, die in der Sünde wohnen?“ Es sei die Umkehr. „In der Stunde, wo du ob der Sünde Umkehr tust, hebst du die Funken, die in ihr waren, in die obere Welt“ (251). Nur dann komme es zu einer „Erlösung der Schechina, der einwohnenden Gegenwart Gottes in der Welt, die auf der Erde verbannt umherirrt und aus deren Verkennung das menschliche Leid entsteht“. Hier wäre zu berichtigen, dass die „Erlösung der Schechina darin bestünde, die Göttin, die sie in Wirklichkeit ist, wieder zu erkennen, anzuerkennen und zu akzeptieren. Dies hiesse, das weibliche Geschlecht aus ihrer patriarchal bestimmten Rolle zu befreien  - also aus ihrem unterdrückten und minderbewerteten Status.

Keine Askese

Die einzige wesentliche Absicht der Chassidim ist nach Walter Nigg, „Gottes Wirklichkeit zu suchen, die weder Mass noch Ende habe. Im Chassidismus heisse es, dass man Gott „auch mit dem Schlafe dienen kann“. Die Chassidim hätten mit der Umkehr keine Askese verbunden: „Was für eine gute und lichte Welt ist das doch, wenn man sich nicht an sie verliert, und was für eine finstere Welt ist das doch, wenn man sich an sie verliert“. Ich freue mich mit Walter Nigg über diese chassidische Sicht.

Was wäre das für ein Gott

Christentum und Chassidismus scheinen nach Walter Nigg fast das Gleiche zu sein, und doch sei dies nicht der Fall. Die Verschiedenheit werde offenbar, wenn man sich die Gestalt Christi als den gekommenen Messias denke. Dies bedeute, dass alle Menschen Zugang zu Gott haben, wenn auch nicht für jeden die gleiche Tür offen sei. Die Chassidische Sicht auf Gott sei dagegen: ‘Was wäre das für ein Gott, dem man nur auf eine einzige Weise dienen könnte?“ An dieser Stelle spricht Nigg mir aus dem Herzen. Übrigens ist das letzte Vatikanische Konzil (endlich) zur Formulierung gekommen, dass in anderen Religionen auch Wahrheit enthalten sei. Papst Johannes XXIII legte sogar ein Schuldbekenntnis ab bezüglich des schuldhaften Verhaltens der Christen gegenüber den Juden (Mary Ward, 135). Das heisst, dass die kath. Kirche endlich aufhört, die alleinseligmachende Kirche sein zu wollen und Juden und andere religiöse Gemeinschaften bekehren zu wollen.

Tastende Versuche

Ich selbst sehe in den Religionen tastende Versuche, Antwort zu geben auf die Frage nach dem Woher und Wohin unseres Lebens und der Welt. Eine letztgültige Antwort gibt es aus verstandesmässiger Sicht nicht, höchstens Annäherungen und für manche Menschen „Gewissheiten“, die aus einem inneren Erleben (Visionen) resultiert. Für meine Person ergibt sich Sinn in der Vorstellung, dass die geistig/seelische Entwicklung der Menschheit noch nicht abgeschlossen ist. Was Nigg als Gottessehnsucht, Gottesbeziehung, Gottesverhältnis versteht, ist für mich die Suche nach einer metaphysischen Seinswirklichkeit sowie die Suche nach einer Geborgenheit, die grösser und umfassender ist, als wir zurzeit erfahren können.

Den Teufel beschreibt Walter Nigg als eine „unreale Realität“ (Walter Nigg: Was bleiben soll. Zehn biographische Meditationen, 1973 & 1978, S.78). Satan, das betreffe das Problem des Bösen, die Verkörperung des Nichts und der Leere. - Das Böse sei kein abstraktes Prinzip, sondern eine unheimliche Macht (79). Der Teufel, Dämonisches, Böses sei das Platte, Kleinliche, Spiessige, Langweilige (Walter Nigg:  Wallfahrt zur Dichtung. Annette von Droste-Hülshoff, Jeremias Gotthelf, Nikolai Gogol, 1966, S. 307).

Spiessiges und Langeweiliges

Dass das Böse auch im „Platten, Kleinlichen, Spiessigen, Langweiligen“ enthalten ist und sich darin sogar als eine „unheimliche Macht“ manifestiert, trifft sicher zu. Ich erlebe es ebenso. Das Banale kann auf unsere Psyche tatsächlich in einem unglaublichen Ausmass zerstörerisch wirken. Diese Tatsache wird mir immer wieder bewusst bei älteren bürgerlichen Ehepaaren. Ich selber fühlte mich mehr als einmal genötigt, von Beziehungen, die sich ehelich/platt zu entwickeln drohten, zu lösen.

Quelle

Walter Nigg: Martin Buber in: Was bleiben soll, vierte Auflage 1978