traum-symbolika.com

163 - Nikolai Gogol – in Walter Nigg - Wallfahrt zur Dichtung

  

Dichtung opfern zugunsten der Heiligkeit

Über den russischen Dichter Nikolai Gogol schreibt Walter Nigg, er habe einen Konflikt zwischen Genialität und Heiligkeit austragen müssen. Die Wahl sei nach schwerem und qualvollem Ringen zugunsten der Heiligkeit ausgefallen. Er habe das Gefühl gehabt, dass er seine Dichtung opfern müsse. Nach der Wahl habe er auf die Nahrungsaufnahme verzichtet und sich buchstäblich zu Tode gefastet. In wenigen Wochen sei er seiner brennenden Todessehnsucht, erst 43-jährig, erlegen. Die meiste Zeit habe er vor einer Muttergottes-Ikone gebetet. Einst habe er eine Novelle mit den Worten geschlossen: „O Mutter, Mutter, rette deinen armen Sohn! Lass eine Träne auf seinen kranken Kopf fallen! Blick hin, wie sie ihn quälen! Drück ihn ans Herz, den armen Verwaisten! Es ist kein Platz für ihn auf dieser Welt! Man hetzt, man verfolgt ihn. Mutter, erbarme dich deines kranken Kindes.“ (Wallfahrt zur Dichtung, S.338-339).

Quelle des Lebens

Nach Nigg war Gogols Motivation für den Glauben ans Christentum das Bewusstsein, dass viele Menschen ans Christentum glauben. Weil sehr viele Menschen ans Christentum glauben, sei dies die einzig wahre Religion. Nigg nimmt erstaunlicherweise nicht Anstoss an dieser sonderbaren Motivation. Früher habe Gogol gesagt, sein Interesse sei, „jene ewigen Gesetze kennen zu lernen, die den Menschen und die Menschheit im allgemeinen beherrschen.“ Unablässig habe ihn das Verlangen gequält, die menschliche Seele zu ergründen. Er habe tief in die Seele des Menschen geblickt und ihre höheren Erscheinungsformen wahrgenommen. Dieser Weg habe ihn zur Quelle des Lebens, zu Christus geführt, der ihm „der Schlüssel zur Seele des Menschen war“. Christus habe für ihn das Rätsel des Daseins gelöst, ein Wort, das Gogol mit aller Deutlichkeit ausgesprochen habe (318).

Kindliche Antwort

Zum Schluss gab sich Gogol jedoch mit einer kindlichen bis banalen Antwort zufrieden, indem er seinen Glauben auf den Umstand stützt, dass so viele Menschen ans Christentum glauben: „Nachdem einmal einer es mit voller Sicherheit und ohne zu schwanken oder zu zweifeln ausgesprochen hat, er wisse, was das Leben sei; seitdem dieser Eine von allen anerkanntermassen für den grössten aller Menschen gehalten wird, die bisher gelebt haben, ja selbst von denen, die nicht zugeben wollen, dass Er Gott sei, muss man Ihm aufs Wort glauben, selbst wenn Er nur ein einfacher Mensch gewesen sein sollte“ (322).

Christus begegnet

Nigg deutet dieses Bekenntnis dahin, dass Gogol in seinem Leben Christus begegnet sei, dass die Gestalt des Herrn ihn überwältigt habe und er einen unauslöschlichen Eindruck von Christus empfangen habe, eine Art mystisches Erleben, während ich darin lediglich eine ängstliche und banale Anpassung sehen kann. - Dass „so viele“ Menschen Christen sind, hat meines Wissens weniger mit „Glauben“ zu tun als mit der Tatsache, dass ganze Völker von ihren Herrschern zum christlichen Glauben gezwungen wurden (Religionskriege). Diese Art von Christentum wurde schon früh in der Geschichte der katholischen Kirche eingeführt. Auch die Reformation ging in dieser Weise vor sich. Ganze Regionen wurden wechselnd zu katholischen bzw. reformierten Regionen oder Kantonen erklärt. Ich kann daher Niggs Deutung von Gogols Glauben nicht teilen

Religiös gesinnte Mutter

 

Gogols Vater „war Gutsbesitzer. Er besass 80 Leibeigene und starb früh. Die Erziehung des Sohnes leitete die religiös gesinnte Mutter, die ihm auch starke christliche Eindrücke vermittelte. Die Schulbildung erhielt er in einem Internat, seine Mitschüler nannten ihn den ‘geheimnisvollen Zwerg’. Alles was er wusste, verdankte Gogol vorwiegend seinem Selbststudium (330). In jungen Jahren (23-j.) war Gogol Geschichtslehrer an einer Mädchenschule in Petersburg.) - Stellen aus Gogols Briefwechsel sind sehr sympathisch und ebenso sympathisch ist es, dass Nigg sie für wert befindet, tradiert zu werden: „Vor allem: Verachten Sie die Frauen nicht. Ich schwöre Ihnen, die Frauen sind weit besser als wir Männer; sie sind viel hochherziger, haben viel mehr Wagemut und sind weit fähiger zu edlen Taten als wir“ (332). Die Achtung vor dem weiblichen Geschlecht war Gogol von seiner Mutter vermittelt worden, die nach Nigg „die Erziehung des Sohnes“ geleitet hatte.

Quelle

Walter Nigg: Wallfahrt zur Dichtung 1966.