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172 - Nikolaus von Flüe – von Walter Nigg 

Passionsmystik

Walter Nigg schreibt: „Dieser Mann hatte erlebt, dass die Begegnung mit dem Übernatürlichen unheimlich und lebensgefährlich ist“ (139). - Infolge der inneren Bedrängnis brachte er es nicht mehr fertig, seiner täglichen Arbeit nachzugehen. Niklaus vertraute sich dem Pfarrer (Heimann) an. Dieser führte ihn in die Passionsmystik ein.

Leidensmystik

Für Bruder Klaus sei die Einführung in die Leidensmystik eine wahre Entdeckung gewesen. Sie sei seinem Heilsbedürfnis entgegen gekommen. - Nigg vermutet (Hinweis auf Durrer), dass Bruder Klaus auch mit der Mystiker-Gemeinde der „Gottesfreunde“ im Kloster Engelberg in Verbindung stand bzw. sich geistlich beraten liess. Bruder Matthias Hattinger vom Kloster Engelberg, stand in enger Verbindung mit der Gebetsbruderschaft der Strassburger Zentrale der Gottesfreunde (129-130).

Das Rad-Schema

Nigg erwähnt, dass Niklaus „zu seiner Erbauung“ das Rad-Schema benutzte, „das für ihn zu einer Fibel der Mystik wurde, wie er selbst sagte: ‚Mein Buch, darin ich lerne und suche die Kunst dieser Lehre‘ “ (146).

Symbolik des Rades

Barbara Walker schreibt: „Die Symbolik des Rades war in den antiken Religionen allgegenwärtig. () Die Etrusker nannten die Radgottheit Vortunna („sie, die das Jahr dreht“), und die Römer machten daraus den Namen Fortuna – jene Göttingestalt, die ohne Unterlass das Rad des Himmels dreht, auf dem die Jahreszeiten und die Schicksale der Menschen eingezeichnet sind. Manchmal sah man sie als Dreiheit.“ - Zur Zeit Dantes wurde das Rad der Fortuna mit acht Speichen gezeichnet. Diese symbolisieren die gegensätzlichen und ständig wechselnden Situationen des menschlichen Lebens: Armut-Reichtum, Frieden-Krieg, Demut-Ruhm, Geduld-Leidenschaft. (Barbara G. Walker: Die geheimen Symbole der Frauen. Lexikon der weiblichen Spiritualität, 1997, 28-29). - Das heisst, dass Niklaus in der uralten Tradition östlicher, matrizentrierter Mystik stand, ohne dass er dies wusste.

Vertreter der mystischen Strömung

Nach Walter Niggs Auffassung ist Bruder Klaus einer der letzten Vertreter der mystischen Strömung des Spätmittelalters. Das Rad-Schema habe sich zum Visionsbild erweitert, das seinem Wesen nach „von ekkhart’scher wie von seuse’scher Mystik abhängig“ sei (in der Pfarrkirche Sachseln). - „Die Passiosmystik und die Sakramentenmystik münden durch die Betrachtung des Visionsbildes in eine tiefsinnige Trinitätsmystik.“ Es ging Niklaus nicht um mystische Spekulation, dafür um einen starken Drang zur Verkörperung mystischen Lebens (146). 

Grauenhafter Missklang in der Welt

Was waren die Dinge, die Niklaus bedrängten, und wie antwortete er auf diese Bedrängnis? Bedrängt wurde Niklaus genau durch die Dinge, die das Rad-Schema symbolisiert: Das „unchristliche“ Kriegsgeschehen, die Ruhmsucht, der Gegensatz von Reichtum und Armut. Insbesondere litt er wohl auch unter der Rechtfertigung von Kriegsgewalt und Reichtum in Kirche und Gesellschaft, die er mit dem Christentum nicht vereinbar empfand. - Zur Frage des Krieges gehört die Frage nach dem Geheimnis der Bosheit“ und nach dem „Antlitz des Bösen“ in der Welt, das nach Nigg „kein Antlitz mehr ist und das doch den grauenhaften Missklang in die Welt hineingebracht hat, der nie zu erklären und nie zu verstehen ist“ (127).

Kategorie der Bosheit

Nigg verbleibt dann aber bei der menschlichen Kategorie „Bosheit“ stehen. Im Unterschied dazu sehen viele Menschen – vermutlich auch Niklaus- den „grauenhaften Missklang“ schon in der Welt der Tiere. Die sogenannte „Nahrungskette“ bedingt, dass sich Tiere voneinander ernähren müssen; Wolf frisst Schaf, Schaf frisst Pflanzen, Vogel frisst Insekten, Insekten quälen Kühe und Menschen etc. Das heisst, das Grauenhafte ist in die Struktur der Welt eingelassen. - Nigg schreibt: „Den Lichtstrahlen der Visionen stehen die dunklen Anfechtungen des Bösen gegenüber“. Er nennt „Teufelsbegegnungen „ und „Teufelsangriffe“. Der Teufel habe Niklaus auch in der Klausner-Zeit viel zu schaffen gemacht. Nigg zitiert Furrer: „Der Böse Feind plagte den Gottesfreud unermüdlich durch Beleidigungen und Verleumdungen“ (124-125). Der Böse habe ihm in Gestalt eines reichgekleideten Edelmannes eingeredet, es sei für ihn völlig unnütz, ausserhalb der menschlichen Gesellschaft ein so einsames und viel zu strenges Leben zu führen, denn dadurch könne er nicht ins Paradies gelangen. Fürs Paradies nützlicher wäre es, sich den Sitten der übrigen Menschen anzupassen.

Bezüglich des Bösen verweist Nigg auf Bernanos: Der Teufel war für Niklaus keine schwarze Person mit Hörnern, Schwanz und Bocksfüssen. Nach Bernanos findet sich der Teufel in scheinbar harmloser Gestalt, im nichtssagenden Geschwätz unserer Bücher, in den erfindungsreichen Verfeinerungen des modernen Lebens, in den verführerisch schönen Roben, er ist freundlich lächelnd, er ist in den Belanglosigkeiten (126). Nigg spricht von der „Entsetzen erregenden realen Unrealität des Teufels“ und stellt fest, dass wir daher – wenn wir ihn wahrnehmen- (vor Entsetzen) leicht das Bewusstsein verlieren.

Zur Heilung des Bösen in der Welt

Auf alle diese unterschiedlichen Bedrängnisse antwortete Niklaus mittels gelebter Leidensmystik und Sakramentsmystik. Seine Antwort war, durch Anteil an dem Leiden, das Jesus vorlebte und im Sakrament weiterlebt, sich selber und andere Menschen von Schuld zu befreien. Es war für Niklaus eine Erlösung, zur Heilung des Bösen in der Welt selber aktiv etwas tun zu können. - Die christliche Leidensmystik verweist auf Jesus „Erlösungstat“ am Kreuz. - Niklaus berichtete einem Priester, er habe schon im Mutterleib eine Vision gehabt. Er habe einen Stern am Himmel gesehen, der die ganze Welt durchschien. Und seit er im Ranft wohne, habe er stetsfort einen Stern am Himmel gesehen, der ihm gleich wäre, so dass er sicher glaube, er möchte es sein“ (120).

Inkarnationsfragen

Nigg sagt zu dieser vorgeburtlichen Vision, sie gehöre „einer Sphäre an, in der das östliche Denken präexistente Seelenprobleme und Inkarnationsfragen sichtet und erwägt. Die vorgeburtlichen Visionen führen an die Grenze, wo menschliches Verstehen aufhört“(120). - Niklaus habe in den ersten aufregenden Tagen überhaupt keine Nahrung zu sich genommen (11 Tage). Sein Bruder kam besorgt auf die Klisterlialp, er solle sich nicht durch Hunger selber töten. Niklaus blieb ruhig und meinte, dies werde nicht eintreffen, da er bisher ja auch nicht gestorben sei. - Schon zuvor habe Klaus oft gefastet und sich oft mit dürren Birnen und wenig Brot begnügt. Sein Beichtvater Oswald Ysner riet ihm, „weil Gott ihn so lange bis zum elften Tage ohne Speise erhalten hatte, so soll er sich noch mehr darin versuchen“ (140). Das tat Bruder Klaus „und von da weg bis zwanzig und einem halben Jahr bis an sein Ende (), dass er keine leibliche Speise brauchte, weder mit Essen noch Trinken“ (140). Nigg deutet diese ihm glaubwürdige Nahrungslosigkeit „als ein Geschehen, das unsere Kenntnisse von den Naturgesetzen durchbrochen habe (143).

Es wurde gemutmasst, „ob ihm nicht etwa heimlich Speise besorgt werde“. – Meine Meinung ist, dass ihm tatsächlich niemand Speise brachte. Dieser Umstand muss aber nicht heissen, dass er gar nichts ass. Er könnte ja wie früher selbst gesammeltes Dörrobst und Nüsse gegessen und selbstverständlich Wasser getrunken haben, wenn auch ganz wenig. Das würde der geistigen Bedeutung dieses Mannes übrigens keinerlei Abbruch tun.

Buchauszug Elisabeth Camenzind

Quelle

Walter Nigg: Nikolaus von Flüe in: Die Heiligen kommen wieder, 1991