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35 - Richard Sennett – Zur Bedeutung des Ortes - Die neue politische Ökonomie und ihre Kultur

 

 Bedürfnis nach Unpersönlichkeit

Nach Richard Sennett haben Menschen ein Bedürfnis nach Unpersönlichkeit in einer Stadt.

In der modernen Welt sind Arbeit und Ort einem rapiden Wandel unterworfen. Indem die Wirtschaft global wurde und neue Technologien in Gebrauch nimmt, haben sich unsere Arbeitsformen verändert: Kurzfristige Jobs ersetzen feste Karrieren, die Fähigkeiten entwickeln sich rasant, und der Mittelstand erfährt Angst und Verunsicherung, die früher der Arbeiterklasse vorbehalten war.

Bedeutung des Ortes

Aufgrund dieses Wirtschaftswandels hat sich die Bedeutung des Ortes verändert. Flexibilität und Unsicherheit der materiellen Bedingungen rufen tiefe kulturelle Verwirrungen hervor. Diese Bedingungen führen dazu, dass diese materiellen Bedingungen die Arbeit entwerten. Flexible kurzfristige Arbeit bietet keinen Bezugspunkt mehr, um dauerhafte persönliche Vorhaben und einen Sinn für den Selbstwert zu definieren. Soziologisch betrachtet, eignet sich die Arbeit immer weniger als ein Forum für stabile gesellschaftsstiftende Beziehungen.

Zugehörig sein

Der Wert des Ortes hat dabei zugenommen, weil das Bedürfnis entstand, mehr als nur abstrakt zu einer ‚Gesellschaft' zu gehören, sondern einem bestimmten Ort zugehörig zu sein. Während die ins Rutschen geratenen wirtschaftlichen Institutionen immer weniger die Erfahrung vermitteln, bei der Arbeit an einen bestimmten Ort zu gehören, verstärkt sich die Bindung der Menschen an geographische Orte wie Nationen, Städte oder Gegenden. Das heisst, dass Nationalismus und ethnischer Lokalismus als Fluchträume vor einer feindlichen Wirtschaftsordnung verstanden werden können, wobei der Hass auf Immigranten und Aussenseiter zunimmt. - Dies alles wäre trostlos, wenn nicht eine andere Sicht auf die Kultur der entstehenden politischen Ökonomie möglich wäre.

Bürgerschaftliches Lebens

Die Arbeit ist ein problematischer Rahmen für das Selbst, weil sie Erfolg und persönlichen Wert tendenziell gleichsetzt. Wenn die Erwerbsarbeit heute das Selbst einschränkt, so könnte der Ort es erweitern. Das war zumindest Hannah Arendts Hoffnung, als sie eine Generation zuvor - in Vita activa - ihre berühmte Unterscheidung zwischen Arbeit und Politik formulierte. Vor allem hoffte sie, dass städtisches Leben in seiner Grösse und Unpersönlichkeit eine Existenz ermöglichen könnte, die nicht bloss persönlichen Wohlstand spiegelt oder gar von diesem abhängt. Wir benötigen eine neue Weise bürgerschaftlichen Lebens, um mit der neuen Ökonomie zurechtzukommen.

Paradox in  Wachstumstheorie

Nach Arendt besteht bei Adam Smith ein Paradox in seiner Wachstumstheorie. Das Paradox besteht darin, dass wo materielles Wachstum auftaucht, die qualitative Erfahrung oft verkümmert (EC: ein neues Missverständnis besteht darin, dass die Forderung nach qualitativem Wachstum von der Wirtschaft nun als Qualitätssteigerung der Sachen, bei der Herstellung von Sachwerten angepriesen wird sowie die ständige berufliche Weiterqualifizierung der Erwerbstätigen. Nach Sennett besteht daher bereits ein Überangebot an bestausgebildeten Computersystem-Analytikern).

Wirtschaftlich nutzlos oder unterbeschäftigt

Nach Adam Smith führt die strukturelle Komplexität bzw. die Arbeitsteilung zu immer grösseren Mengen von zirkulierenden Waren. Neuerdings spaltet die Arbeitsteilung die Menschen jetzt in solche, die Arbeit erhalten und solche, die es nicht schaffen. Grosse Menschenmengen werden von Routinearbeit befreit, nur um sich dann als wirtschaftlich nutzlos oder unterbeschäftigt zu erleben. Dies gilt besonders im Kontext des globalen Arbeitsmarktes.

Arbeitsplatzvernichtung

Verfechter der neuen Ökonomie verleugnen das Problem der Arbeitsplatzvernichtung. In ihrem populären Klassiker über die modernen Konzerne, Reengineering the Corporation, verteidigen die Autoren Michael Hammer und James Champy die neuen Technologien gegen den Vorwurf, nichts anderes als ein Vorwand für Entlassungen zu sein.

Verkümmerte Arbeitserfahrung

Die moderne Wirtschaft hält ebenso wenig wie der klassische Kapitalismus eine Lösung für das Problem der verkümmerten Arbeitserfahrung bereit. Der blosse Zuwachs an Jobs und die Reorganisation der Arbeitsteilung sind keine Wachstumsformen, welche die Qualität der Arbeitserfahrung erhöhen. Vielmehr lässt diese qualitative Verarmung eine immer grössere Zahl von Menschen fühlen, dass sie persönlich im Wirtschaftswachstum nicht Boden fassen. Und dieser Mangel an Bodenhaltung bedeutet eine grundlegende politische Herausforderung. Daher stellt sich die Frage, ob es mit politischen Mitteln möglich ist, den Menschen einen Sinn dafür zu vermitteln, dass sie nützliche, wert- und sinnvolle Menschen sind.

Heimstätte der Demokratie

Sennett wünscht sich über die Demokratie am Arbeitsplatz eine neue Diskussion, die über die Arbeiterselbstverwaltung hinausgeht bzw. die kulturellen Dimensionen der Arbeit berücksichtigt.

Nach Hannah Arendt sei die Stadt die Heimstätte der Demokratie. Für sie war die Stadt ein Ort, wo diesseits der Bürde der materiellen Umstände und ihrer subjektiven Interpretation Loyalitäten und Verantwortungen geformt werden können.

Zerstörerische Formen

Allerdings zeigen die Städte Amerikas nicht viel Ähnlichkeit mit diesem idealen Ort, noch tun es kleinere Gemeinschaften. In diesen Gemeinschaften versuchen die Leute zwar, ihre Entwurzelungen und verkümmerten Erfahrungen in der Wirtschaft zu kompensieren, aber zu oft nimmt dies die zerstörerischen Formen von Gemeinschaftszwang und gemeinsamer Illusion an. Sennett ist überzeugt, dass der Aufstieg der religiösen Rechten in den amerikanischen Vorstädten mit dem zunehmenden Gefühl der wirtschaftlichen Bedrohung korrellieren. Diese Bewegung dringt derzeit, ausgehend von ihren traditionellen kleinstädtischen Hochburgen, in die Grossstadt vor.

Zeitgenössische Bauprojekte

Deutlich erweisen sich auch viele zeitgenössische Bauprojekte als Übungen im Rückzug aus der komplexen Welt. Sie bedienen sich einer in der ,Tradition' befangenen Architektur, die einen mythisch kommunalen Zusammenhalt und eine gemeinsame Identität aus der Vergangenheit heraufbeschwört. Dies sieht Sennett bei der amerikanischen Städteplanerin Elisabeth Platter-Zyberg und beim britischen Andreas Duwany. All diese Ortsgestalter sieht er als "Artisten der Klaustrophobie".

Wegweisend

Wegweisend für ein alternatives, offeneres und demokratisches Gemeinwesen sieht Sennett in folgenden Merkmalen und Formelementen: 1) Konfrontation mit feindlichen Kräften von aussen; ein demokratisch wachsendes Gemeinwesen kann keinen Fluchtpunkt bilden. 2) Der Ort ist durch geographische Ränder anstatt durch Grenzen strukturiert; ein demokratisches Gemeinwesen ist nicht nur vielfältig, die Unterschiede müssen auch einen stofflichen Boden finden, wo sie aufeinander treffen und ineinander wachsen können.

Gewisse Identitätsbürden

Der Ort macht es möglich, in Unpersönlichkeit über sich hinaus wachsen zu können; ein demokratisches Gemeinwesen entledigt seine Mitglieder von gewissen Identitätsbürden, die in der Klasse, in der Identifikation mit - z.B. in der Repräsentierung von materiellen Umständen wurzeln. Unpersönlichkeit in der Bürgerschaft bietet eine grössere Erleichterung von seelischen Beschädigungen, welche die Menschen durch die Wirtschaft erleiden, als ein Klassenbewusstsein. Es gibt in der Praxis Wege, wie Gemeinwesen demokratisches Wachstum in allen drei genannten Formen fördern können.

Auf neue Wirtschaft einwirken

Zu Punkt 1) Die Kommunen können auf die neue Wirtschaft einwirken, statt nur defensiv zu reagieren. Aus Angst, ein Konzern könnte leicht einen anderen Standort finden, wagen kommunale Behörden oft nicht, örtliche Bestimmungen durchzusetzen. Es mehren sich jedoch die Anzeichen dafür, dass die Wirtschaft ihren Standorten gegenüber nicht so gleichgültig ist wie angenommen: In Dubuque oder in Iowa kann man zwar jede beliebige Aktie kaufen, „aber eine Aktienbörse im Maisfeld gibt es nicht“; die efeubewachsenen Klausen Harvards mögen manches intellektuelle Talent hervorbringen, aber es mangelt ihnen an der Verrücktheit, an Chaos und Überraschung, die Manhattan zu einem so anregenden, wenn auch nicht unbedingt angenehmen Arbeitsort machen. Ähnlich zeigt sich zunehmend auch in Südostasien, dass örtliche gesellschaftliche und kulturelle Besonderheiten bei Investitionsentscheidungen eine wichtige Rolle spielen.

Kommunale Ansprüche

Weil die neue politische Ökonomie in Wirklichkeit nicht standortunabhängig ist, besteht auch die Möglichkeit, kommunale Ansprüche geltend zu machen. Die Kommunen können mit den Konzernen vereinbaren, dass sie im Austausch gegen Steuererleichterungen für eine gewisse Dauer Arbeitsplätze sicherstellen u.a. (189).

Starke Gemeinschaften

Zu Punkt 2) Für starke Gemeinschaften besteht kein Anlass, nach innen einer repressiven Gangart zu verfallen. Besonders in grossräumigen Umgebungen kann die Stadtplanung dies vermeiden, indem sie verschiedene Gemeinschaftsgruppen füreinander öffnet. Dies geschieht, wenn die Grenzen örtlicher Gemeinschaften als aktive Zonen gestaltet werden. Planer der "aktiven Randbebauung" versuchen z.B. neue Überbauungen so zu steuern, dass sie von den Zentren weg und auf die trennenden Grenzen zwischen Stadtviertel oder Gemeinschaften hin zu stehen kommen. So besteht bei einigen Experimenten in Ost-London das Ziel darin, die Ränder zu einer stimulierenden Zone der Interaktion und der Begegnung zwischen verschiedenen Gruppen zu machen.

Andere Strategie

Eine andere Strategie besteht darin, zentrale Räume so zu diversifizieren, dass verschiedene Funktionen überlappen und in geographischen Zentren interagieren. PlanerInnen in Los Angeles versuchen, Kliniken, Regierungsbüros und alte Zentren in Geschäftsüberbauungen zu verlegen, die vormals ausschliesslich Konsumaktivitäten vorbehalten waren. Deutsche PlanerInnen erforschen, wie in zentralen Fussgängerzonen wieder Leichtindustrie zurückgewonnen werden könnte. - Hannah Arendt zu Ehren bezeichnen sich viele dieser PlanerInnen als eine "new agora"-Bewegung.

Unpersönliche Menschengruppen

Zu Punkt 3) Ein uraltes Klischee sieht in unpersönlichen Menschengruppen ein Übel, während die Füsse der Menschen anders urteilen. Die Literatur -von Baudelaire über Benjamin bis zu Jane Jacobs- findet in der anonymen Menge ein probates Mittel gegen die Selbstbezogenheit mit all ihren Bürden, eine Entlastung für eine weniger personale Existenz. Unpersönlichkeit bewirkt mehr, als Aussenseiter oder Mitglieder von Sub-Kulturen zu schützen; sie ermöglicht, was Stuerat Hall hybridity nennt, eine Mischung sozialer Elemente jenseits jeder vereinfachten Definition des Selbst.

Klassenmässig durchmischte Gebiete

Verschiedene Studien über bestehende, klassenmässig durchmischte Gebiete in grossen Städten wie New York und London ergeben ein interessantes Bild: Intime Nachbarschaftlichkeit ist selten, dennoch ist die Identifikation mit der nächsten Umgebung gross; die Armen sind von ihrer sozialen Stigmatisierung befreit, und die Reicheren empfinden das tägliche Leben in durchmischter Nachbarschaft anregender als an Orten, wo man sich immer nur gegenseitig bespiegelt. Diese Studien veranschaulichen die von Durkheim hervorgebrachte soziologische These, wonach Unpersönlichkeit und Gleichheit eine starke Affinität aufweisen.

Eine reife Freiheitserfahrung

Wir brauchen ein Wachstumsmodell, welches hilft, das Selbst als belastenden Besitz zu transzendieren. Die auf vielfältigere, dichtere und unpersönliche menschliche Kontakte gestützte Orts-Gestaltung muss einen Weg finden, damit diese Kontakte von Dauer sind; die agora muss sich als dauerhafte Institution erweisen. - Das Leben in seinen unverbundenen Teilen anzunehmen, sei nach der berühmten Definition Baudlaires der Moderne, eine reife Freiheitserfahrung. Aber noch müssen diese Teile irgendwo untergebracht und eingebettet werden, an einem Ort, der es ihnen erlaubt zu wachsen und von Dauer zu sein.

Quellen

Richard Sennett: Die neue politische Ökonomie und ihre Kultur, in Daniel Ganzfried: Hannah Arendt: Nach dem Totalitarismus, 1997 (Buch-ID 1290)

Richard Sennett: Der flexible Mensch

Zum Autor

Richard Sennett war Student von Hannah Arendt an der Universität von Chicago. Er berät die UNESCO bei der Städteplanung in der Dritten Welt.