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35.2 - Richard Sennetts Kritik am neuen Kapitalismus - Zuviel Flexibilität

 

Tiefgreifende Desorientierung

Die flexible Produktion hat schädliche Auswirkungen auf die Menschen, weil sie zu einer tiefgreifenden Desorientierung führt Dies sagte Richard Sennett am Dienstag an der Universität St.Gallen (Ralf Hug im St.Galler Tagblatt 17.12.1998).

Sennett ist einem breiten Publikum durch sein neuestes Buch „Der flexible Mensch – die Kultur des neuen Kapitalismus“ bekannt. Darin spricht er von einer neuen Ära des Kapitalismus, der er allerdings kritisch gegenübersteht Der 55jährige Soziologe aus New York ist der wohl prominenteste der Vorlesungsreihe  „Die Wirtschaft in der Gesellschaft“, die vom Institut Wirtschaftsethik aus Anlass des Uni-Jubiläums organisiert wird.

Folgen kaum diskutiert

Was ist neu? Sennett verwies darauf, dass immer mehr Unternehmen auf flexible Produktionsformen umstellen und Abschied von der alten, hierarchisch-bürokratischen und nach dem Vorbild des Militärs gestalteten Organisation nehmen. Heute sei die flexible Fertigung im globalen Netz Trumpf. Die Organisation werde auf flache Hierarchien und die Teamarbeit in dezentralen Gruppen umgestellt; „das hat weitreichende Folgen für die Menschen“. Und es erstaunt ihn, dass zwar viel über die Globalisierung der Produktion, aber kaum über deren gravierende Folgen für die arbeitenden Menschen diskutiert wird.

Karriere mit vielen Wechseln

Sennett gibt eindrückliche Beispiele des flexiblen Kapitalismus. Als die Firma Microsoft ein neues Internet-Programm entwickelte, beauftragte sie verschiedene Teams. Wer die Lösung zuerst fand, wurde reichlich belohnt die andern wurden entlassen. Dieses amerikanische Prinzip des «hire and fire» greift immer mehr auch in Europa um sich. Die Folge ist, dass die Beschäftigten häufiger die Stelle wechseln müssen. Wer die Fähigkeit entwickelt, schnell von Job zu Job zu wechseln, hat sich am besten angepasst.

Lange Sicht verloren

Die neue Flexibilität bringe dem Arbeitnehmer zwar neue Freiheiten, setze ihn aber einem enormen Stress aus, sagte Sennett. Die Firmentreue sinkt die Identifikation mit dem Arbeitgeber lässt nach, damit aber auch Motivation, Arbeitsfreude und letztlich die Produktivität. Viele Arbeitnehmer hätten Angst weil sie den ständigen Wechsel, das unkalkulierbare Risiko und die Unmöglichkeit, Wurzeln zu schlagen, auf Dauer nicht ertragen könnten.

Wo mehr Gewinn winkt

Sennetts Kritik zielt auf die Ideologie des Shareholder Value, der sich nur am kurzfristigen Aktienprofit als wichtigstem Kriterium orientiert. Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit interessiert hier nicht. Was nicht sofort rentiert, wird abgestossen. Wo mehr Gewinn winkt, wird fusioniert. Dagegen fordert er, dass sich die Unternehmen im eigenen Interesse wieder an langfristigen Zielen orientieren müssen.

Verantwortlich machen

Sennett ist der Ansicht dass Manager für das, was sie tun, verantwortlich gemacht werden sollen: «Sie müssen dazu gebracht werden, sich um das Schicksal der Entlassenen zu kümmern.» Hier sieht er neue Aufgaben des Staates. Den Einwand, dass dann die Unternehmen abwandern würden, kontert er mit dem Argument, man solle sich von der Globalisierung nicht mehr länger schrecken lassen: «Die Unternehmen werden erkennen, dass ihre Märkte nicht in Thailand liegen, sondern in Europa und den USA.»