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171- Thomas von Aquin - von Walter Nigg 

Thomas von Aquin ist für Nigg eine Mahnung an uns, dass wir „uns viel intensiver auf die Argumente“ besinnen, „die die Gegner des Christentums zum ernsthaften Nachdenken zwingen würden, indem wir weder bloß restaurieren, noch uns bequem dem Zeitgeist anpassen, sondern leidenschaftlich nach dem Wesentlichen und ewig Lebendigen suchen“ (S.111).

Das Denken von Thomas kreiste ganz um die Welt als Schöpfung Gottes. Daher vermochte er dem damaligen Skeptizismus unerschrocken entgegenzutreten. Unermüdlich stellte er der Skepsis das Seiende gegenüber. Das Sein könne doch nicht bestritten werden, das wir doch Tag für Tag sehen und fühlen. Auch der moderne Nihilismus kann nur durch ein neues, tiefes Erleben des Seienden überwunden werden. Eine bloße Begriffsphilosophie dringe nicht bis auf den Grund vor.

Gottesdienst: Das Denken bei Thomas versteht Nigg auch als Gottesdienst. Seine Denkbemühungen und sein unermüdliches Forschen dienten allein der Wahrheitssuche. Bei Thomas waren Wahrheitsleidenschaft, Wahrheitsfreude und Wahrheitsverpflichtung am Werk, mit denen er die Frage: Was ist Gott? umkreiste. Er betonte die Unbegreiflichkeit Gottes. Er habe die Voreingenommenheit der Christen gegen die griechischen, vorchristlichen Denker überwunden. Er war bereit, die Wahrheitselemente der griechischen Philosophie ohne weiteres anzuerkennen. Weisheit: Nicht Methoden und Doktrinen waren für Thomas wichtig, sondern die Weisheit im biblischen Sinne, die ein Geschenk Gottes ist und nicht auf bloß rationalem Weg erworben werden kann. Die thomistische Weisheit hat es mit der Heiligkeit zu tun. Niemals setzt diese Weisheit den Glauben außer Kraft (113-117).

Interessant ist folgender Hinweis: Aufgrund eines Befehls des Papstes war Thomas zum Konzil nach Lyon gereist. Auf der Reise hatte er eine Vision, die ihn völlig veränderte. Thomas stellte darauf sein Schreiben ein. Er erklärte, er könne nicht mehr schreiben. Alles was er geschrieben habe, erscheine ihm im Vergleich zu dem, was er gesehen habe, wie Stroh. Auf dieser Reise wurde Thomas von Aquin krank und starb kurz danach (7.3.1274) in einem nahe gelegenen Zisterzienserorden. Er war erst 49 Jahre alt. - Die Feministin denkt: Es hätte von Thomas wohl sehr viel Mut gebraucht, sich von seinen Lehren zu distanzieren, die er nun als leeres „Stroh“ empfand. Stattdessen wurde das „Stroh“ als grosse und unumstössliche Wahrheit weiter gelehrt und tradiert.

Genie der Harmonisierung: Thomas ist nach Nigg ein Mann, dessen Seligkeit im Erkennen bestand und der ein Genie der Harmonisierung genannt werden dürfe. Mit der ausschliesslich positiven Formulierung „Genie der Harmonisierung“ geht Nigg jedoch aus meiner Sicht zu weit. Bezüglich der Beurteilung der Frau versagte Aquin total. Er hatte die negativen kirchlichen Vorstellungen unkritisch übernommen. Dies ungeachtet der Tatsache, dass er die Rettung aus dem Gefängis einer Frau verdankt, nämlich seiner Schwester. Im Verhältnis zu Frauen war Thomas keineswegs ein objektiver Wahrheitssucher, sondern ein langweiliger Nachbeter von Aristoteles.

Herkunft und die Frage, was Gott ist: Thomas von Aquin entstammte dem niederen Adel des Königreichs Neapel. Von mütterlicher Seite hatte er normannisches Blut. Im Alter von 5 Jahren war er zu den Benediktinern gegeben worden. Nach den ehrgeizigen Plänen seines Vaters hätte er Benediktiner werden und zum Abt aufsteigen sollen. Die Frage des Jünglings, was Gott sei, blieben ihm die Benediktiner schuldig, daher sei die Frage „Was ist Gott?“ zur Frage seines Lebens geworden. Im Alter von 19 Jahren studierte Thomas an der von Friedrich II. gegründeten Universität in Neapel. Danach trat er in den Dominikanerorden ein, in einen Bettelorden. Dadurch fühlte sich seine Familie in ihrem Stolz getroffen. Als die Überredungskünste versagten, warf ihn die Familie ins Verlies einer Burg, wo er fast zwei Jahre verbrachte. Die Brüder schickten ihm eines Tages eine Kurtisane ins Schlafgemach. Trotz einer aufsteigenden Erregung habe er sich von ihr nicht umarmen lassen, sondern wutentbrannt mit einem brennenden Scheit hinaus gejagt. Darauf stürzte Thomas jäh zu Boden, wo er eine lange Zeit liegen blieb und eine Vision hatte, die sog. Engelsvision. – Schliesslich hatte seine Schwester Mitleid mit ihm und ermöglichte ihm die Flucht.

Ein Hymnus: Nigg zitiert am Schluss einen Hymnus von Thomas: „Ich bete dich in Demut, verborgene Gottheit an, die sich in dieses Zeichen so wahrhaft hüllen kann. Mein Herz hab ich gegeben ganz deinem Walten hin, weil voll dich zu erfassen ich allzu kraftlos bin.“ - Interessant ist, dass Thomas hier nicht von einem männlichen Gott spricht, sondern von einer „Gottheit“, was die Vorstellung einer weiblichen Gottheit, einer Göttin zulässt. Leider ist der Zeitpunkt der Entstehung dieses Hymnus bei Nigg nicht ersichtlich.

Buchauszug von Elisabeth Camenzind

Quelle

Walter Nigg: Thomas von Aquin – in: Heilige und Dichter - BN 1160