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192 - Über das Heilige und Heilmachende bei Walter Nigg

Elisabeth Camenzind 

Woher und Wohin

Mein Interesse an Walter Nigg betrifft seine leidenschaftliche Beschäftigung mit der Frage nach dem Woher und Wohin des menschlichen Lebens und seine liebevolle und qualifizierte Auseinandersetzung mit Menschen, die diese Frage durch ihre Lebenshaltung beantwortet haben, nämlich «heilige» und heiltätige Menschen. Mich selbst hat die Frage nach dem Sinn des Lebens schon früh in der Pubertät umgetrieben. Wozu den Alltag bestehen: aufstehen, arbeiten, Nahrung bereiten, essen, Kinder gebären und sie mühevoll und verzichtvoll grossziehen und die immerwährende Wiederholung in den Generationen, um letztlich wie Pflanzen und Tiere zu sterben.

Keine Idealmenschen

Die grossen Heiligen1 haben nach Niggs Meinung nichts von dem unwahrscheinlichen Anstrich von Idealmenschen an sich. Der Heilige sei der religiös begabte Mensch. Die religiöse Begabung wirke sich in seinem unermüdlichen Streben nach Vollkommenheit aus. Er verweist auf Jesu Ausspruch in der Bergpredigt: «Ihr sollt vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist» (Mt.5.48). Heilige seien Menschen, die allezeit getrieben seien, innerlich vorwärts zu schreiten, und sich nie mit dem Erreichten zufrieden geben, weil es in diesem Leben keine Vollendung gebe (S.18). Dem Streben nach religiöser Vollkommenheit liege jenes Ziel zugrunde, das Kierkegaard auf dem Sterbebett in die Worte zusammenfasste, es gälte, Gott so nahe zu kommen, wie möglich (19). Mit dieser Gottnähe hänge jenes magische Sein zusammen, welches für den heiligen Menschen bezeichnend sei. - Für mich als Frau ginge es also darum, der Göttin so nahe zu kommen wie möglich. Göttinnen existierten ja lange bevor Götter aufkamen.

Magisches Sein

Interessant ist die Bezeichnung «magisches Sein». Die Bezeichnung erinnert an die frühmenschliche Zeit und ihren magischen Praktiken, wie es u.a. durch das Tarot überliefert wird. Da gab es noch Magierinnen und Magier, Priesterinnen und Heilerinnen, aber diese Tradition scheint Walter Nigg nicht zu kennen. Der Begriff «Vollkommenheit» war mir von Kirche und Elternhaus überliefert worden, insbesondere von meiner Mutter, die ihr Leben im Sinne der «Nachfolge Christi» (Thomas von Kempis) deutete. Allerdings mochte ich diese Nachfolge, die als eine Nachfolge im Leiden gemeint war, nicht nachahmen, da mir Lebensfreude eine Notwendigkeit war.

Unablässig suchend

Nach Nigg sind Heilige unablässig suchende Menschen, mit dem charakteristischen Merkmal, dass ihrem leidenschaftlichen, bewegten Suchen bereits ein religiöses Finden beschert gewesen sei und ihr weiteres Suchen stets aus einem schon Gefundenhaben hervorgehe (20). Heilige seien beständig neue Verleiblichungen des Christentums, gleichsam die Fleischwerdung der christlichen Idee und deren lebendige Denkmäler (22).

Magische Tradition

Nach Erika Wisselinck2 hat die Ausstrahlung von Jesus damit zu tun, dass er noch in die magische Tradition eingebunden war. Eine Tradition, die ihm durch seine Mutter Maria vermittelt worden war; sein Pflegevater Josef war ja ein einfacher Handwerker.

Lebenshaltung

Nach Nigg ist es den Heiligen durch ihre Lebenshaltung oft gelungen, ein Bibelwort von einer bis dahin ganz unbekannten Seite her neu zu beleuchten und bei den Menschen den Eindruck zu erwecken, als hörten sie nun diese Wahrheit zum ersten Mal (23). Auf religiösem Gebiet handle es sich aber nicht in erster Linie um Erkenntnisse, sondern um die „Heimat der Seele“. Heiligung hänge mit der Seele zusammen und nicht mit dem Verstand. Um des seelischen Charakters willen fänden sich unter den Heiligen so viele weibliche Vertreter.

Heimat der Seele

Hier ist zu vermerken, dass Frauen bei der Suche nach «Heimat der Seele» in zusätzlicher Weise ohne Heimat sind, weil für Frauen im Patriarchat keine Heimat vorgesehen ist. Im Unterschied dazu finden Männer eine gesetzlich vorgeschriebene Heimat bei Frauen: Als Kind bei ihren Müttern, später bei Freundinnen und Ehefrauen.

Berührung von Gott

Nigg führt weiter aus: Die Heiligung sei ein Ausfluss jenes religiösen Herzens, das eine Berührung von Gott erlebt habe. Um dieses Zusammenhanges willen dächten die Heiligen auch nicht mit der Vernunft, wie der naturwissenschaftliche und der geschäftstüchtige Mensch. Bei den Heiligen finde sich das bedeutsame Denken des Herzens, das allein dem Religiösen entspreche. Sie betätigen das symbolische Sinnen, das sich nach ganz anderen Gesetzen bewege als das rationale Denken, welches nach Ursache und Wirkung frage.

Verschiedene Wahrheitsaspekte

Das symbolische Denken ergehe sich keineswegs in blossen Bilderreden. Es es sei nicht weniger mit Realität gesättigt als die rationale Beweisführung. Die Logik des Herzens vermöge verschiedene Wahrheitsaspekte gleichzeitig zu umfassen. Das Denken des Herzens sei auch ein Denken, aber eines, das am Bild und nicht am Begriff orientiert sei; es vermöge Gegensätze in sich zu vereinigen, während dies der gewöhnlichen Logik nicht gelinge. Das rationale Denken mit seiner zergliedernden Tendenz, angewendet aufs symbolische Weltempfinden, habe eine auflösende Wirkung. Das Übergewicht des rationalen gegenüber dem symbolischen Denken sei eine wesentliche Ursache für den inneren Verfall des Christentums.

Das Wesentliche

Die Heiligen seien Menschen, die sich «auf das Eine, was nottut» konzentrieren, indem sie nach der inneren Einheit streben. Im Gegensatz zu den Menschen, die sich durch hundert Ablenkungen zerstreuen lassen, kreisen Heilige unablässig um das Wesentliche. Sie seien ständig bemüht, das menschliche Chaos zu überwinden1 (S. 23-25). Heilige treten dem Dämon der Zersetzung entgegen. Mit «Zersetzung» meint Nigg dasselbe, was in der Tiefenpsychologie als seelische Spaltung und «Selbstverlust» bezeichnet wird und Agnes Heller8 als Folge einer «partikularen» Lebenseinstellung, die den Verlust der verantwortlichen Persönlichkeit nach sich zieht. Zersetzung bedeutet den Verlust der Fähigkeit, das Denken, Fühlen und Handeln als eine Einheit zu empfinden oder/und wieder zusammen zu bringen.

Abgründigkeit

Der Heilige weiss nach Nigg wie wenige hellsichtig um die Abgründigkeit des menschlichen Daseins. Aber er trete aus seiner religiösen Position heraus mit überlegenen Kräften den unterhöhlenden, zentrifugalen Strömungen seines Zeitalters entgegen. Religiös betrachtet sei er der Vertreter Gottes, der mit den Dienern des Teufels in einem Kampf auf Leben und Tod stehe. Diese aufregende Tätigkeit sei bereits die Funktion der mittelalterlichen Heiligen gewesen. Allerdings gehe der Kampf heute in einer anderen Form vor sich wie damals. In den russischen Revolutionären des 19. Jahrhunderts sieht Nigg schwache Ansätze einer modernen Heiligkeit, die aber zufolge des theoretischen Atheimus wieder abgedorrt seien. - Sehr richtig erklärt Nigg, es könne nicht nur Heilige geben, denn das menschliche Individuum habe Eigenschaften und Möglichkeiten in sich, die im Heiligen nicht zur Auswirkung gelangten.

Metaphysik der Heiligen

Heilige Menschen seien Leitbilder, aber die Darstellung müsse psychologisch stimmig sein. Die Metaphysik der Heiligen schliesse die Psychologie ein und nicht aus. Die Psychologie der Heiligen gehe entsprechend ihrer metaphysischen Verwurzelung beständig in eine Überpsychologie über. - Mit dieser Sichtweise bin ich ganz einverstanden. Die psychologische Stimmigkeit muss auch für die Person Jesus gelten.

Wunder der Heiligen

Nach Nigg sind die «Wunder» der Heiligen Zeichen für den Einbruch Gottes in ein Menschenleben. Im Dasein der Heiligen ereignen sich Levitationen, Verzückungen, Krankenheilungen und hundert andere unbegreifliche Dinge, die unseren Horizont weit überschreiten4 (Nigg: Der exemplarische Mensch, S. 112).

Weitere Antworten bezüglich der Heiligen entnehme ich Niggs Heilige und Dichter5. «Was ist das Wesentliche bei den Heiligen?» fragt Nigg - An der Spitze des Wesentlichen stehe die Berufung4. Das Berufungserlebnis brauche nicht spektakulär zu sein. Eine Lektüre, ein geistiger Anstoss genüge oft, um dem (triebbedingten) Dasein eine andere Richtung zu geben. Die Umkehr sei das grosse Wunder im Menschenleben. Solche geistige Explosionen ereigneten sich nicht nur im Leben der Heiligen, sondern auch in unserem Dasein. Der Unterschied bestehe darin, dass wir geneigt seien, schnell darüber hinweg zur Tagesordnung überzugehen.

Triebbedingtes Dasein

Was Nigg hier als triebbedingtes Dasein schildert, wird von Agnes Heller8 – wie bereits erwähnt - als ein «partikulares» Dasein bezeichnet, im Unterschied zum «individuellen» Dasein. Das individuelle Dasein werde aufgrund von Werten (Gefühlswerten) gewählt und gestaltet, wobei Heller die Werte Liebe, Zuneigung und Freundschaft als „Gipfelpunkte der Gefühle“ bezeichnet (S.325). Nach Nigg muss der Mensch sich selbst die Zügel anlegen, es gehe um einen Kampf um Sein oder Nichtsein auf geistiger Ebene. Unser Leben versande, wenn der Durchbruch bei diesem Kampf nicht gelinge.

Sinn des eigenen Lebens erfassen

Die Heiligen haben nach Nigg eine Aufgabe, einen Auftrag, eine «Sendung» zu erfüllen. Diese allein sei ihnen wichtig. Die Sendung erkennen heisse, den Sinn des eigenen Lebens erfassen: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.» An der vorgeblichen Sinnlosigkeit des Daseins gingen heute viele junge Menschen zugrunde. Viele junge Menschen suchten ernsthaft nach einer Lebensanweisung. Den Weg finden, das sei die grosse Aufgabe im Dasein. Nigg verweist auf das Johannesevangelium, in dem Christus sagt: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» Die Heiligen hätten, kurz und prägnant ausgedrückt, den christlichen Weg gefunden. - Nigg scheint die Worte: «Ich bin der Weg» dahin zu deuten, dass es um die Selbstwerdung, um die Findung des eigenen Weges jeder Person geht. Dass anderseits dieser Weg mittels Leitbilder gesucht werden muss, im Christentum konkret bei Jesus und den Heiligen. Nach Nigg handeln Schriftsteller, die Leitbilder nur als Gängelband darstellen, verantwortungslos.

Impulse anstatt Nachahmung

Die Heiligen seien «in ihrem Wesen eine Manifestation Christi». Sie zeigen mit elementarer Wucht, welch starke Kraft Christus in einem Menschenleben sein könne. Nigg verweist namentlich auf Augustin, Bernhard (von Clairvaux) und Katharina von Siena. Die Heiligen wüssten am besten Bescheid darüber, wie das Evangelium zu verstehen sei. Sie hätten etwas von der Geistesmacht Christi besessen. Es gehe nicht um Nachahmung der Heiligen, sondern um Impulse.

Die heilige Jeanne D'Arc

Über die heilige Jeanne D'Arc schreibt Walter Nigg mit sichtlicher Wärme und Sympathie: «Mit einer Hingabe, wie sie nur einer jugendlichen Seele innewohnen könne, habe sie die kriegerische Tätigkeit ausgeübt. Wie alle echte Jugend habe Johanna die Natur und die Gefahr, das Reiten mit den Soldaten und die Freiheit der lebendigen Seele geliebt. «Wie geschmeidig und bewegt sass sie auf ihrem Pferd! Welch vibrierender Drang nach dem Ungewöhnlichen lebte in ihr! Im Kampfe dachte sie nicht im geringsten daran, sich zu schützen, sondern stürzte sich in den dichtesten Pfeilhagel. Spontan waren ihre Worte und natürlich ihre Gebärden, mit einem fröhlich lachenden Antlitz ritt sie mit ihrer Truppe, wie die Zeitgenossen sie schildern1» (S.120/21). Sichtlich begeistert fährt Nigg fort:Eine Helligkeit ohnegleichen liege über dieser Phase, die etwas von einem strahlenden Sonnentag an sich habe: «Johanna war eine herrliche Gestalt und von prächtigem Mut. Über sie könnte man vor Freuden jauchzen, so ungewöhnlich war die Spannkraft ihrer Seele, das Feuer ihres Herzen und die Glut ihres Geistes» (S.120/121) - Ihr Wollen habe die Fesseln der Überlieferung gesprengt; eine taufrische Unmittelbarkeit war ihr eigen. «Immer blieb ihre Seele von Unternehmungslust erfüllt, jegliche Müdigkeit und Alltäglichkeit war ihr fremd, und es war wohl unmöglich, sich auf die Dauer ihren ausstrahlenden Kräften zu entziehen.»

Ein göttlicher Enthusiasmus

Nigg sieht bei Jeanne D'Arc einen göttlichen Enthusiasmus, aus der eine religiöse Tat von grösster Bedeutung hervorging. Bezüglich der soldatischen Phase stellt er die Frage, ob sie um die Sündhaftigkeit des Krieges nicht gewusst habe. Ob sie die Unvereinbarkeit von Christentum und Krieg nicht empfunden habe. Ob Schlachtengetümmel mit Heiligkeit übereinstimme. Bei diesen schwerwiegenden Fragen sei darauf hinzuweisen, dass bei Johanna das Problem auf einer anderen Ebene liege. Ihr Vaterland habe sich in Not befunden, sogar in höchster Gefahr. In diesem besorgniserregenden Zustand sei die Jungfrau im Auftrag Gottes eingesprungen und habe im zertretenen Frankreich eine Wiedergeburt bewirkt. Diese Tat sei etwas grundsätzlich anderes als die Unterstützung einer siegreichen Nation in ihren Angriffen. Nie habe sie Gottes Zorn auf ihre Feinde herabgefleht. Johanna könne in keiner Weise als Befürworterin des Krieges bezeichnet werden; ihr hafte nichts von einer blutrünstigen Seele an. Nach eigenem Geständnis habe sie nie einen Menschen getötet. Ihre kriegerische Leistung nennt Nigg eine Frucht ihrer Visionen. Durch sie hindurch habe Gott gehandelt.

Das Prestige von Frankreich

Dass Jeanne D'Arc von der Katholischen Kirche heiliggesprochen wurde, verdankt sie nach Nigg den hartnäckigen Bemühungen Frankreichs. Das Prestige von Frankreich habe es nicht zulassen können, die Staatsgründung einer Hexe zu verdanken: «Frankreich konnte es nicht glauben, es einer Hexe verdanken zu müssen, dass es aus der Liste der selbständigen Nationen nicht gestrichen worden war» (S.140). Es macht sich schon besser, die eigene Staatsgründung einer von Gott eingesetzten Heiligen zuzuschreiben. Dies spricht nicht gegen Walter Niggs Auffassung, dass Jeanne D'Arc eine Heilige in seinem Sinne war.

Das heldische Element

Später fragte ich mich nochmals, was Walter Nigg an Jeanne d'Arc faszinierte. Nigg vermerkt, dieses knabenhafte Mädchen habe «das heldische Element im Christentum wieder belebt». Johanna habe «die Antwort des Heiligen auf die Not ihrer Zeit gegeben, die zu der Aussage nötige: Durch sie hindurch hat Gott gehandelt.»

Sündhaftigkeit des Krieges

Es lohnt sich, Niggs Begeisterung für Johanna festzuhalten, aber ebenso Niggs Bedenken bezüglich der Kriegsführung. Nigg stellt die Frage, ob Johanna nicht um die Sündhaftigkeit des Krieges gewusst habe und die Unvereinbarkeit von Christentum und Krieg nicht empfunden habe. – Es lohnt sich, Niggs Antwort auf diese Fragen zu wiederholen: Johanna könne in keiner Weise als Befürworterin des Krieges bezeichnet werden; ihr hafte nichts von einer blutrünstigen Seele an. Nach eigenem Geständnis habe sie nie einen Menschen getötet. Das im Kriege vergossene Blut habe auch ihr das Herz schwer gemacht. Sie habe Ströme von Tränen über die Toten geweint. Ein verwundeter Engländer sei von ihr getröstet, das Haupt in ihrem Schoss gestorben. Den Krieg habe sie nur geführt, weil er zur Befreiung ihres besetzten Vaterlandes nicht zu vermeiden war. Ihr Vaterland habe sich in Not befunden, sogar in höchster Gefahr. In diesem besorgniserregenden Zustand sei die Jungfrau im Auftrag Gottes eingesprungen und habe im zertretenen Frankreich eine Wiedergeburt bewirkt. Diese Tat sei etwas grundsätzlich anderes als die Unterstützung einer siegreichen Nation in ihren Angriffen. Sie habe auch nie Gottes Zorn auf ihre Feinde herabgefleht. – Anzufügen wäre, dass Johannas Haltung eine grundsätzlich andere war als jene des biblischen Moses, der seinen Feinden alle Übel wünschte.

Eine der höchsten Blüten

Walter Nigg fährt fort: Freilich habe Johanna sich der soldatischen Aufgabe mit einer alttestamentlichen Selbstverständlichkeit gewidmet. Wie alle echte Jugend habe Johanna die Natur, die Gefahr, das Reiten mit den Soldaten und die Freiheit der lebendigen Seele geliebt. Ihr Tun zu verfolgen ist für Walter Nigg eine Freude, die «auch dem eintönigsten, schläfrigsten Gesellen» bei der Betrachtung dieser Heiligen das dicke Blut in Wallung geraten müsse. Sogar der Prediger Salomo werde durch sie ins Unrecht versetzt, wenn er behaupte, unter Tausenden habe er einen Mann gefunden, aber ein Weib unter diesen allen habe er nicht gefunden. Aber diesem Mädchen wohnte nach Nigg etwas inne, was man unter Millionen Männern vergeblich sucht. Sie sei eine der höchsten Blüten ihres Geschlechtes, bei der sich Grösse des Geistes und Grösse des Herzens die Waage halten. Kein Wunder, dass Johanna bereits von der zeitgenössischen Dichterin Christine de Pisan mit den überschwänglichen Worten begrüsst worden sei: «Im Jahre 1429 begann die Sonne wieder zu scheinen, aus Trauer wurde Freude, aus Winter Frühling, und alles das durch ein Mädchen, das Esther, Judith und Deborah in den Schatten stellte!» (S.121)

In Frage gestellte Grundsätze

Nigg erwähnt die Johanna-Biographie der englischen Schriftstellerin Sackville-West6: Der zauberische Reiz von Frankreichs Nationalheiliger bestehe darin, dass sie «einige der zutiefst verwurzelten Grundsätze dessen, was wir glauben oder nicht glauben, in Frage stellt», sogar über den Haufen werfe.

Heilige Berufung

Das entscheidende Vorkommnis in Johannas Leben sieht Nigg im sommerlichen Garten ihrer Eltern, als sie plötzlich eine helle Stimme vernahm. Johanna habe im Lichtglanz die Gestalt eines überirdischen Wesens gesehen, das «von vielen Engeln begleitet war». Diese habe sich als Erzengel Michael offenbart, der nach der Offenbarung Johannes' mit dem Drachen gestritten und der nach dem Buche Daniel am Ende aller Tage, zur Zeit der grössten Bedrängnisse, sich wieder zum Schutze seines Volkes erheben werde. Sankt Michael habe ihr die Erscheinung der heiligen Katharina und der heiligen Margaretha verheissen. Ähnlich wie der alttestamentliche Prophet sei sie von den ewigen Mächten angesprochen worden. Von dieser heiligen Berufung her sei Johannas Leben zu verstehen (S.101).

Heilige und Engelsmächte

Manches liest sich bei Walter Nigg anders, als bei anderen Theologen. Er misst Johanna nicht an den patriarchalen Weiblichkeitsvorstellungen. Er stellt sie ganz selbstverständlich als Prophetin neben männliche Propheten. Beachtenswert ist nach Nigg, dass die Dreizehnjährige weder ihre Mutter noch ihren Beichtvater ins Vertrauen gezogen habe. Ganz allein habe das junge Mädchen versucht, mit ihrer Berufung fertig zu werden. Nigg schildert Johannas Umgang mit den heiligen Frauen, Katharina und Margaretha, von denen sie ständig beraten worden sei. Die Heiligen seien für sie eine Realität gewesen, die wirklicher war, als die sie umgebende Wirklichkeit. Mehrfach habe sie gesagt: «Ich habe sie (die Heiligen) mit den Augen meines Leibes gesehen, gerade so gut, wie ich euch jetzt vor mir sehe!» (S.107). Einmal sei ihr sogar beschieden gewesen, die Heiligen zu umarmen und zu küssen. Nach jahrelangen Besprechungen mit den Engelsmächten über die Ausführung habe sie ihre Sendung begonnen (19-jährig).

Christentum und Wehrhaftigkeit

Vermutlich ist Walter Nigg unter dem Eindruck der Bedrohung durch die Nazis(1933 und erst recht 1939) auf die Gestalt der Jeanne d' Arc aufmerksam geworden. Die Frage, wie sich Christentum und Wehrhaftigkeit zueinander verhalten, beschäftigte ihn. Zu Johannas Zeit sah er ähnlich bedrohliche Umstände, die ein aktives Eingreifen rechtfertigten wie in der aktuellen damaligen Situation. Die Frage von Wehrhaftigkeit und Christentum beschäftigte Nigg später immer wieder. Allerdings sah er Johannes Handeln als ein «Eingreifen Gottes». Für mich ist das nicht so klar. Vielmehr taucht bei mir erneut die Frage auf, was Nigg unter «Gott» versteht. Sicher bestand bei Johanna das, was Luther ungefähr folgendermassen formulierte: «Ich stehe  hier und kann nicht anders.» Es handelt sich um einen aus tiefsten und geheimnisvollen Urgründen aufsteigenden und nicht weiter erklärbaren Auftrag, der psychologisch nur zum Teil aus der individuellen Person und ihrer Geschichte begründbar ist. Auch Nigg fühlte einen solchen, wenn auch nicht im gleichen Sinne festgelegten Auftrag. Daher verstand er die junge Frau.

Der Beliebigkeit Grenzen setzen

Dagegen war Nigg entsetzt über die Beliebigkeit der Auffassungen (über den Krieg), weil sie das Schlimmste möglich machen. Die Erkenntnis von der Relativität könne sowohl im Sinne der Wahrheitsfindung als auch im Dienste des Wertverfalls und des Nihilismus verwendet werden. - Dieses Entsetzen über die Beliebigkeit der Auffassungen und der daraus entstehenden leitenden Konzepte habe auch ich sehr stark erlebt und empfunden. Ebenso das Bedürfnis, die Punkte zu finden, die der Beliebigkeit Grenzen setzen. Meine kritische Arbeit betrifft besonders fragwürdige Konzepte der Psychologie und Tiefenpsychologie.

Wucht des Göttlichen

Walter Nigg fasziniert mich, weil er in einer Sache immer das Wesentliche sucht. Seine Antworten sind nicht einfach, sondern immer wieder anders, manchmal auch widersprüchlich. Aber das macht nichts. Wichtig sind seine Wahrhaftigkeit und seine Wahrheitsliebe, die seiner Suche zugrunde liegen. Aus Blumhardt zitiert Nigg: «Deswegen bin ich auch nicht ganz damit einverstanden, wenn Jesus vergottet wird - das kann nur eine Christenheit tun, die Gott nicht mehr versteht und Menschenvergötterung treibt; Jesus ist das Kind Gottes, ja, aber nicht damit wir einen zweiten Gott bekommen, sondern dass die Wucht des Göttlichen durch Jesus ganz in die menschliche Sphäre hineinkommt» (Christoph Blumhardt in Walter Nigg: Das Buch der Ketzer7 (S.153). An dieser Stelle scheint es, dass Nigg Blumhardts Auffassung teilt, dass Jesus nicht Gott ist. Auch für den Kirchenvater Augustinus ist Jesus nicht Gott: „Steige höher, anders, erhabener ist Gott“, wie Nigg in Heilige und Dichter  zitiert (S.40).

Quellen

1) Walter Nigg: Grosse Heilige, 1942, BN 1151

2) Erika Wisselinck: Anna im goldenen Tor. Gegenlegende über die Mutter Maria, 1990, BN 1265

3) Elisabeth Camenzind, Kathrin Knüsel (Hg): Frauen schaffen sich Heimat in männlicher Welt, 1995, BN 925

4) Walter Nigg: Der exemplarische Mensch, 1980, BN 1156

5) Walter Nigg: Heilige und Dichter, 1991, BN 1160

6) Vita Sackville-West: Jeanne d'Arc, 1992, BN 342

7) Walter Nigg: Das Buch der Ketzer, 1949, BN 1148

8) Agnes Heller: Theorie der Gefühle, 1981, BN 931